Archivsuche

Büchersuche

Archiv (chronolog.)

Die Kunst stillzusitzen: Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung

»Die Kunst stillzusitzen« ist Tim Parks, geb. 1954, persönlichstes Buch: eine Krankheitsgeschichte mit »happy end«, klug und unglaublich unterhaltsam. Geplagt von undefinierbaren chronischen Schmerzen, konfrontiert er die Leser mit der buch­stäblich nackten Wahrheit über das Ver­hältnis von Geist und Körper…

Nach einer langen und letztlich fruchtlosen Kon­sul­ta­tion von Schulmedizinern findet er die Lösung für seine Schmerzen in einem Schweige-Retreat, in einer Atemtechnik, der Vorbereitung zur Meditation. Davon hatte Tim Parks am allerwenigsten eine Lösung seiner gesundheitlichen Probleme erwartet; als Skeptiker waren ihm die ganzen alternativen Heilmethoden und New-Age-Versprechen reichlich suspekt. Die meisten von uns werden irgendwann krank; aber nur wenige können darüber mit soviel Schwung, mit solch einer brillanten Intelligenz erzählen wie Tim Parks.

Tim Parks ist ein glänzender Beobachter des modernen Lebens.
Marcel Reich-Ranicki

Um es gleich vorwegzusagen: Ich habe noch nie so gern ein Buch gelesen, das mich gar nichts angeht – zumindest vordergründig nichts angeht – denn es geht zunächst um ein Männerleiden: Prostatitis. Und wenn mir jemand vorher gesagt hätte, ich würde ein Buch darüber mit atemloser Spannung und größtem Vergnügen lesen – ich hätte es natürlich nicht geglaubt.
Renée Zucker, RBB Inforadio

Thorsten Wiedau, Top-Rezensent bei amazon, fragt: Kann man durch reines stillsitzen und meditieren, durch stillsitzen und atmen Schmerz überwinden? Es klingt ganz unglaublich was uns da Tim Parks in seinem Buch DIE KUNST STILLZUSITZEN offeriert. Allerdings sind die vielen und ständigen Heilsversprechen die durch die Werbung geistern noch viel unglaubwürdiger. Das Buch macht Lust und Laune sich dem Thema hinzugeben und man liest sich ohne Probleme von Kapitel zu Kapitel, öfters tief durchatmend und den Körper entspannend.

Um was geht es in diesem Buch? Tim Parks spricht offen und schonungslos über seine Prostataerkrankung, aber auch nicht als erster, denn immer mehr Männer sprechen über dieses Leiden das doch so verbreitet ist, sich aber durch seine Art du Weise der öffentlichen Diskussion gerne entzieht.

Letztendlich ist das Buch eine Krankheitsgeschichte mit positivem Ausgang, sie führt über die allfällige Diagnose, die Schmerzen und die Probleme über Behandlungsmethoden, die Scham und die negativen Aussichten bis zur Erkundung alternativer Heilungsaussichten und ungewöhnlicher Wege.

Klar das einem Skeptiker wie Tim Parks solche Alternativen Heilungswege nicht gleich offen stehen. Warum sollten sie auch funktionieren? DIE KUNST STILLZUSITZEN eröffnete sich im mittels einer Schweigesitzung und dem Erlernen neuer Atemtechniken. Was dies mit seiner Erkrankung zu tun hat, zuerst einmal nichts und doch vieles, denn es ging Tim Parks in diesem Augenblick um die Selbstreflexion – woher kommt die Krankheit und was will die Krankheit mir sagen, auch dies nichts wirklich Neues, denn Rüdiger Dahlke hat das Thema schon ebenfalls formuliert.

Was mich bei dem Buch wirklich hat innehalten lassen, sind die multiplen Berichte von so vielen Männern in einem Buchkapitel, ob jung oder alt, jeder hatte Probleme oder ist schon einmal operiert worden, doch auch die Angst vor dem Prostata Krebs gehört dazu, er ist sprichwörtlich alltäglich und grausam.

Ob man da noch lachen kann, wenn Tim Parks berichtet, wie man die Muskeln des Anusbereichs mit einem speziellen Gegenstand oder dem Finger selbst massiert – welcher Mann möchte daran eigentlich denken?

Millionen von Treffern im Internet gibt es zum Thema und Tim Parks informiert sich. Das Tim Parks dann zur Meditation kommt, sich Anfangs schwer damit tut und dann erkennt wie er sich endlich innerlich entspannt liest sich locker und frei weg. In der Tat hat man das Gefühl man könnte nicht mehr aufhören mit dem Lesen, da man unbedingt wissen muss wie es weitergeht. Die romanhafte Darstellung des Themas, die Selbstreflexionen, die Selbsterkenntnis des Autoren und die intime Nähe zu ihm machen das Buch so lesenswert – hier liegt das Geheimnis, auch wenn dieses spezielle Geheimnis nur für ihn funktioniert hat.

[BESTELLEN?]

Zum Einlesen, hier das erste Kapitel:

TURP

Kurz vor meinem einundfünfzigsten Geburtstag, im Dezember 2005, zeichnete mein Freund Carlo ein Gewirr aus Röhrchen und Ballons auf den Rand einer Zeitung.

Wir saßen in einem Café in einem Vorort von Mailand.

„Die Prostata ist so groß wie ein kleiner Apfel, verstehst du? Hier, ungefähr so. Aber in zunehmendem Aller wird sie größer und faseriger, und dann drückt sie auf diese Röhre, die durch sie hindurchführt, die Harnröhre. Sie blockiert sie, siehst du? Was kann man dagegen tun? Man entkernt sie gewissermaßen, von innen. Mit Laser. Durch den Penis. Man weitet sie.״

Ich sah. dass Carlo diese Zeichnung schon oft gemacht hatte. Er aß dabei einen Donut und in seiner Stimme lag die Begeisterung eines Gläubigen.

„Dann brennen wir ein Stückchen von dieser Klappe hier weg, dem Schließmuskel, um sicherzustellen, dass er sich richtig öffnen kann. Das ist der Boden der Blase.“

Meiner Blase.

Ich fragte: „Warum?“

„Damit die Blase sich besser entleert. Dann musst du nicht so oft.“

״Und was ist mit Sex?“

Dafür brauchte er ein richtiges Blatt Papier. Er öffnete seine Aktentasche. Es gab eine Komplikation. Fachkundig zeichnete er mit seiner Chirurgenhand das gleiche Diagramm noch einmal, nur doppelt so groß. – Zum Pinkeln müssen sich zwei Schließmuskeln öffnen, siehst du? Der, den wir ein bisschen weggebrannt haben, am Blasenboden, und ein zweiter weiter unten.

Also, beim Orgasmus schießt das Sperma hier ein – zwischen dem oberen und dem unteren Schließmuskel. Von der Prostata in die Harnröhre. Klar, oder? Der untere Schließmuskel geht auf und der obere schließt sich. Nach der OP allerdings, wenn wir den oberen permanent geöffnet haben, kann es sein, dass dein Sperma nach oben in die Blase statt nach unten durch den Penis schießt. Dann kriegst du einen trockenen Orgasmus. Das Gefühl ist das Gleiche, nur keine Flecken auf dem Laken. Eigentlich ein Vorteil. Er lachte und biss wieder in seinen Donut.

Ich betrachtete das schmuddelige Gewirr aus Röhren und Behältern. Es ging um marode Leitungen. Mein Abfluss war verstopft. Die Klospülung musste repariert werden.

„Und die Schmerzen?“

„Nicht sehr groß. Du bleibst ein paar Tage im Bett, und nach etwa zwei Monaten kannst du wieder mit dem Sex anfangen.“

„Ich meinte die Schmerzen, die ich jetzt habe.“ „Ach so.“

Carlo ist ein stattlicher Mann mit einem offenen, ehrlichen Gesicht: „Wir können nicht garantieren, dass sie weggehen.“

Damals hatte ich eine ganze Reihe von Schmerzen: eine unterschwellige Spannung im ganzen Bauch, ein scharfes Stechen im Beckenboden, elektrische Schläge entlang der Innenseite der Oberschenkel, Kreuzschmerzen, ein Ziepen und Zwicken im Penis. Wenn diese Probleme durch die Operation nicht gelöst wurden, wozu sie dann machen lassen?

„Deine Blase wird sich besser entleeren. Du wirst nachts nicht so oft pinkeln müssen. Die Schmerzen werden höchstwahrscheinlich nachlassen, ich kann dir nur nicht garantieren, dass sie weggehen.“

Ich willigte ein.

In der Zwischenzeit sollte ich es mit verschiedenen Pillen versuchen.

„Bei diesen Geschichten muss man oft ein bisschen herumprobieren“, sagte er. Er würde für mich den Kontakt zu einer Kollegin herstellen, einer Spezialistin für diese Medikamente. Ich könnte aber jetzt schon mal mit Alphablockern anfangen. „Die hemmen die Reaktion auf Adrenalin, das den Pinkelimpuls auslöst.“ Er meinte, ich müsste dann nachts nur ein, zwei Mal aufstehen statt fünf oder sechs Mal.

Ich nahm die Alphablocker. Nach zwei Wochen stand ich immer noch sechs Mal in der Nacht auf, und dazu litt ich unter Verstopfung. Ich setzte die Pillen ab, und nach einer weiteren Woche war alles beim Alten. Normaler Stuhlgang, normale Schmerzen. Es kam mir vor wie eine Verbesserung.

Dann, kurz vor Weihnachten, gab mir die „Spezialisten-Kollegin“, zu der Carlo mich geschickt hatte, eine schmale Frau mit hellbraunem Haar und einem starken süditalienischen Akzent, eine Probepackung eines neuen Mittels. „Schenk ich Ihnen zu Weihnachten“, sagte sie mit einem schiefen Lächeln, „Neue Herangehensweise. Mal sehen, was passiert.“

Eine Zeil lang bemerkte ich keine Veränderung. Dann stellte ich erfreut fest, dass ich nicht mehr SO oft pinkeln musste. Dann machte ich mir Sorgen, dass ich nicht oft genug pinkelte. Zu Silvester war ich richtig in Schwierigkeiten. Ich hatte seit zehn Stunden nicht mehr gepinkelt. Es fühlte sich an, als ob ich müsste. Ich stellte mich vors Klo. Nichts als Schmerzen. Ich setzte die Pillen ab. Ich rief Carlo an. aber sein Handy war nicht erreichbar. Seine Privatnummer hatte ich nicht, letztlich war er nur einer aus meinem Freundeskreis an der Universität in Mailand, wo ich unterrichte. Ich wohne aber zwei Stunden entfernt, in Verona.

Sollte ich ins Krankenhaus fahren? Die Notdienste würden an Silvester überfüllt sein. Hinzu kam, dass ich im Krankenhaus in Verona einige Leute kannte. Mein Nachbar arbeitete dort. Ich hatte extra einen Arzt in Mailand aufgesucht, weil ich den kindischen Wunsch nach Geheimhaltung in der Nachbarschaft verspürte; wer will schon Prostatabeschwerden zugeben?

Ich sagte unsere kleine Party kurzfristig ab und ging lange vor Mitternacht ins Bett. Starr und wütend lag ich da. Ich war sauer auf die Ärztin, die mir die Pillen gegeben hatte. Ich war wütend auf das Leben, weil es mir dieses Los beschert hatte. Mein Körper kam mir fremd und bösartig vor. Wir beide konnten uns nicht miteinander anfreunden. Vielleicht wohne ich als Parasit in meinem eigenen Fleisch, dachte ich! und jetzt hat der Wirt die Nase voll.

Bis dahin hatte ich immer geglaubt, ich selbst sei Eigentümer der Wohnung.

Von unten hörte ich meine Frau und meine jüngste Tochter mit den Nachbarn, deren Kinder gerade im Garten ihr Feuerwerk vorbereiteten, plaudern und lachen. Die Stimmen schienen weit weg zu sein. Ich war ein Gefangener dieser blöden Beschwerden. Die Entfernung zwischen uns, zwischen mir und meiner Familie, kam mir plötzlich vor wie ein Teil einer Geschichte, wie eine Szene aus einem Film. Es war die Geschichte meines Abstiegs, meiner Verwandlung in einen griesgrämigen, abstoßenden alten Mann.

Als das Neujahrsfeuerwerk losging, stand ich nicht auf, um vom Balkon aus zuzusehen. Überall in der Stadt wurde gefeiert. Ich befand mich in einer dunklen Zelle und fragte mich, wie ich da rauskommen konnte, wie ich diese üble Geschichte, die sich neuerdings in meinem Kopf entspann, abschütteln konnte. Selbstmitleid erzählt die langweiligsten Geschichten. Ich war an einem Wendepunkt, ohne zu wissen, wohin ich mich wenden sollte.

Gegen drei Uhr morgens schaffte ich es endlich, ein paar Tropfen zu pinkeln. Es dauerte eine Weile, aber danach fühlte ich mich besser. Um das zu feiern, trank ich den Rest des Champagners aus. Eine gute halbe Flasche. Dann ging ich in den Keller, machte den Computer an und gab bei Google „TURP“ ein.

Transurethrale Resektion der Prostata ist die derzeit am häufigsten angewendete und effektivste operative Methode bei gutartiger Prostatahyperplasie. Sie wird deshalb auch als Goldstandard bezeichnet, und alle anderen Methoden müssen sich mit ihren Ergebnissen an dieser Methode messen lassen. Die Prozedur wird unter…

„Goldstandard“ war eine seltsame Bezeichnung, fand ich. Aber was, wenn meine Prostatahyper-was-auch-immer gar nicht gutartig war?

„Nach dem Eingriff wird ein Katheter eingesetzt, um Blut oder Blutgerinnsel aus der blase zu spülen“.

Ich las dieselbe Information auf einem Dutzend Webseiten und klickte dann unwillkürlich auf Bilder. Sofort erschien ein Foto der grotesk geweiteten Öffnung eines Penis mit einer Metallröhre in der Mitte. Das Bild glich einem schlotzenden Fischmaul. Schnell bewegte ich den Cursor und klickte auf eine etwas harmlosere Bleistiftzeichnung. Ein Mann im Arztkittel mit einer seltsam altmodischen Kopfbedeckung starrte in ein Instrument, das aussah wie eine Kreuzung aus einem Teleskop, einer Spritze und einem Gewehr. Es war etwa zwanzig Zentimeter lang und hatte kleine Pistolenabzüge und flexible Schläuche, die unten und oben herausragten. Der Mann hatte seine Finger an den Abzügen und schaute mit einem Auge durch ein Okular; am anderen Ende des Schlauches sah man die Spitze eines Penis,die in einer trichterförmigen Öffnung stecke. Ein starrer Schlauch führte vom Instrument durch den Penis, der infolgedessen unnatürlich gerade wirkte, bis in einen dunklen Bereich von der Größe eines Squashballs gleich hinter dem Hodensack.

Die Bildunterschrift erklärte: „Bei der TURP wird mithilfe einer Drahtschlinge ein Teil des Prostatagewebes abgehobelt.“

Ich weiß noch, wie ich die Zeichnung eine ganze Weile anstarrte. Was mich verblüffte, war ihre anmaßende Deutlichkeit. Dieser gut aussehende, glatt rasierte junge Doktor mit seiner komischen Mütze war der Renaissance-Mann, der mit seinen Teleskopen den Himmel erforscht, und der Mann der Aufklärung, der die Macht chirurgischer Werkzeuge entdeckt. Er konnte direkt in den Körper hineinschauen, in meinen Körper, mitten ins Leben, und er machte saubere, klinische Schnitte mit hoch entwickelten Instrumenten.

Ich ging auf die Fußballseite des Guardian und las einen Bericht von einem Spiel, das durch zwei Tore in der Nachspielzeit entschieden worden war. Ich brauche mich wegen der Operation ja nicht sofort zu entscheiden, dachte ich…

[BESTELLEN?]

In unserer von billigen Selbstenthüllungen und Quacksalber-Ratgebern dominierten Welt ist ‚Die Kunst stillzusitzen‘ das einzig Wahre: Ein Werk echter Tröstung, das einen Weg aus dem dunklen Wald der mittleren Jahre weist, in den wir alle, früher oder später, unwiderruflich eintreten werden.
Will Self

Comments are closed.