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Väter und Söhne: Eine unmögliche Beziehung?

Wozu brauchen Söhne Väter? Und wie kommt ein Junge damit zurecht, dass er keinen Vater hat? Oder dass er einen hat, der sich nicht für ihn interessiert, von ihm getrennt lebt, ihm unerfüllbare Aufträge mit auf den Lebensweg gibt? Der Münchner Psychoanalytiker Lothar Schon konzipiert eine Entwicklungspsychologie der Vater-Sohn- Beziehung und schildert zentrale Entwicklungsstationen der Vater-Sohn-Beziehung von der Geburt bis ins hohe Alter. Dabei stellt er empirische entwicklungspsychologische Befunde zusammen und beleuchtet sie kritisch…

Ein weiteres Buch zum Vaterthema – gibt es davon nicht längst genug?“ fragt der Autor in seiner Einleitung zu seinem Buch. Hat doch bereits in den 80er Jahren der Familienforscher Wassilios Fthenakis die schon damals unüberschaubare Fülle von Fachliteratur in zwei großen Vater-Bänden zusammengestellt und diskutiert. Doch in der Vielzahl interessanter Forschungsergebnisse vermisste Lothar Schon ein tiefgreifenderes Verständnis der komplexen emotionalen Zusammenhänge von Vaterbeziehung, Vatermangel oder Vaterlosigkeit.

Mit seinem Buch „Sehnsucht nach dem Vater“ versucht er einen »Trilog«, der im Hinblick auf das Vaterthema bisher nur selten unternommen wurde: „Ich möchte phänomenologische Beschreibung, wissenschaftliche Theorien und Befunde sowie eigene psychoanalytische Interviews auf eine Weise zusammenstellen, die eine Ahnung von der Komplexität der Vaterproblematik auf gut lesbare und verständliche Weise vermittelt“.

Er schreibt: „Natürlich macht es einen Unterschied, ob ein Mensch seinen Vater niemals kennengelernt hat, ob er ihn früh durch Tod verlor oder ob sich der Vater einst von der Mutter trennte und damit gleichzeitig auch eine umfassende Trennung von seinem Kind vollzog. Allen diesen Menschen ist aber eines gemeinsam: Sie hatten (oder haben) zu wenig Vater. Damit erleben sie lediglich in verschärfter Form, was viele Kinder in unserer Gesellschaft erleiden, die zwar mit Vätern aufwachsen, jedoch mit solchen Vätern, die physisch wie psychisch überwiegend abwesende Väter sind. Was mich interessierte, war die jeweils ganz persönliche Art und Weise, diesen Vatermangel zu erleben, damit umzugehen und zurechtzukommen“.

Dabei hat sich Schon auf die Auswirkungen von Vaterlosigkeit auf die Söhne beschränkt: „Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie hat differenzierte Befunde und Theorien dafür vorgelegt, dass die Bedeutung des Vaters für das Mädchen zwar in mancher Hinsicht ähnlich, doch in vielen Aspekten grundsätzlich verschieden ist von seiner Bedeutung für den Jungen“.

„Meine fachliche Annäherung an das Vater-Sohn-Thema erfolgte in mehreren Etappen: Zunächst beschäftigte ich mich mit Problemen von Paaren, die im Zusammenhang mit der Geburt ihres ersten Kindes entstehen können. Damit war ich bei den psychoanalytischen Theorien zur Triangulierung gelandet. Dabei hat mich die Entwicklung des Beziehungsdreiecks stets im Hinblick auf alle Beteiligten interessiert – also nicht nur bezogen auf das Kind, sondern auch auf Vater und Mutter und ihre Beziehung zueinander…
In der diesem Buch zugrundeliegenden Untersuchung befasse ich mich mit einem unvollständigen Beziehungsdreieck: dem zwischen Mutter, Sohn und einem (aus welchen Gründen auch immer) abwesenden Vater. Die Auswirkungen einer solchen Dreieckserfahrung können vielfältig sein und variieren sehr stark zwischen den einzelnen Betroffenen. So ist die Zusammenstellung einer Anzahl von Porträts vaterloser Jungen und Männer im zweiten Teil dieses Buchs zwar auch geleitet vom Versuch, Gemeinsames zu entdecken. Doch in erster Linie geht es um individuelle Lebensgeschichten und Entwicklungsverläufe.“

Teil 1:

Bevor wir uns dem Schicksal der vaterlosen Söhne zuwenden, möchte ich mich mit der Bedeutung des anwesenden Vaters für die Entwicklung von Söhnen beschäftigen. Zu diesem Zweck habe ich entwicklungspsychologische und psychoanalytische Theorien und Befunde zur Bedeutung des Vaters zusammengetragen und versucht, einen Entwicklungsüberblick der Vater-Sohn-Beziehung von der vorgeburtlichen Zeit bis ins hohe Erwachsenenalter zu bieten.
Die Gefühle der meisten Väter gegenüber ihren künftigen Söhnen sind eine Mischung aus Wünschen, Hoffnungen und Ängsten, aus liebevollen und feindseligen Impulsen. Die künftige reale Beziehung zwischen Vater und Sohn wird immer positive und negative Seiten enthalten, wenn auch von Fall zu Fall in durchaus unterschiedlicher Gewichtung. So ist davon auszugehen, dass Väter ihren Söhnen nicht nur Wachstum ermöglichen, sondern gleichzeitig diesen Prozess stören können.

Teil 2:

Hier werden in psychoanalytische Interviews acht vaterlose Jungen und Männer vorgestellt. Ihre ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten, denen lediglich die Vaterlosigkeit gemeinsam ist, veranschaulichen die individuellen Folgen von Vaterlosigkeit auf lebendige Art. Sie werden ergänzt um Theorien und Beobachtungen zur Vaterlosigkeit aus Psychologie und Psychoanalyse.

Teil 3:

Der sozialpsychologischen Blick auf das Problem der Vaterlosigkeit. Das Phänomen der »vaterlosen Gesellschaft«, das schon nach dem Ersten Weltkrieg von Paul Federn (Die Enttäuschung der Massen am Vaterprinzip im Ersten Weltkrieg) beschrieben und Anfang der 60er Jahre von Alexander Mitscherlich gründlich untersucht wurde, soll in seinen unterschiedlichen Facetten noch einmal aus der veränderten sozialen Perspektive zum Anfang des 21. Jahrhunderts betrachtet werden.

Die Vatersehnsucht ist unerschöpflich, die damit verbundenen Fragen auch. Das Buch kann Männern helfen, ihre eigene Beziehung zum Vater oder zum Sohn neu zu entdecken und besser zu verstehen. Es kann aber auch Frauen zu einem tieferen Verständnis ihrer Funktion im Dreiecksverhältnis zu Mann und Sohn verhelfen.
Auch heute noch sind Söhne in der Regel viel stärker an die Mutter gebunden als an den Vater. Zu ihm herrscht häufig eine merkwürdige emotionale Distanz, die sich nicht alleine mit der beruflich oder durch elterliche Trennung bedingten geringeren physischen Präsenz der Väter erklären lässt. Väter sind häufig auch seelisch abwesend, für die Söhne nicht greifbar, desinteressiert oder gar voller Ablehnung. Und sie erzeugen damit in den Söhnen eine heftige Sehnsucht, die oft das ganze spätere Leben des erwachsenen Mannes prägt.

Schon beschreibt die Vater-Sohn-Beziehung von der Geburt bis zum Erwachsenenalter des Sohnes, erklärt dabei die verschiedenen Entwicklungsstadien und führt in zentrale Begriffe wie primäre Väterlichkeit, Triangulierung und Ödipuskomplex ein. Wie mit vielem im Leben, so ist es auch mit dem Vater: Man entdeckt seine zentrale Bedeutung erst dann, wenn er nicht bzw. nicht mehr da ist.

Lothar Schon, Dr. phil., Dipl. Psych., ist Psychoanalytiker in eigener Praxis in München. Er ist Dozent für psychoanalytische Entwicklungspsychologie und Krankheitslehre an verschiedenen psychotherapeutischen und psychoanalytischen Ausbildungsinstituten.

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