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Ganzheitliches Denken: Die Dreiteilung in Geist, Verstand und Körper überwinden

Bei allem, was einem Menschen widerfährt, gibt es den Aspekt der „Erfahrung“. Immer wenn wir etwas sehen, hören, denken, wünschen ist damit eine Erfahrung verknüpft. Diese subjektive Erfahrung kann – mit Hilfe von Worten – mitgeteilt werden. Ein anderer Aspekt des Ereignisses ist das, was Außenstehende beobachtet haben. Werden diese Beobachtungen bewusst ausgewertet, sprechen wir gerne von objektiven Beweisen. Gehen wir von gleichzeitiger Erfahrung (empirischer Parallelität) aus, wären eine neurophysiologische bzw. neurochemische Reaktion im Gehirn weder seperat zu betrachten, noch einander bedingend: Weder löst ein bestimmter Gedanke diese bestimmte physiologische Reaktion aus , noch wird er von ihr erzeugt. Sie sind im Gegenteil ein und dasselbe Ereignis. Gleichzeitig erfahren, ist das was, ich erfahre und du beobachtest und was du erfährst, beobachte ich.

Zitat aus Ganzheit und Gestalt: Max Wertheimer:
Um die Jahrhundertwende dominiert in der Psychologie noch der elementaristische Ansatz: Man stellt sich das Bewusstsein als Zusammenschluss aus kleinsten Einheiten vor, die es zu untersuchen gelte. Wie jede Einseitigkeit ruft auch diese Richtung eine Gegenbewegung hervor, die in dem Fall ganzheitlich denkt: Das ist die Gestaltpsychologie. Bereits 1890 hat der Grazer Philosoph Christian Maria von Ehrenfels (1859-1932) seine berühmte Schrift »Über Gestaltqualitäten« vorgelegt. Er erklärt darin am Beispiel der Musik, dass die menschliche Wahrnehmung die einzelnen Elemente des sinnlichen Reizes, in diesem Fall die Töne, nicht nur einfach zusammenaddiert. Vielmehr macht sie aus ihnen etwas Neues, Ganzes – etwas, das über die Summe der Einzelelemente hinausgeht, in diesem Fall die Melodie. Das Prinzip, wonach das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, nennt sich »Übersummenhaftigkeit«. In der Philosophie ist dieser Gedanke der Ganzheit (Holismus) bereits seit der Antike bekannt und hat beispielsweise in Aristoteles, Leibniz, Goethe und Hegel prominente Vertreter gefunden. Doch seine Anwendung auf die Psychologie ist neu und der Grazer Schule um von Ehrenfels zu verdanken. Populär wird die Gestaltpsychologie dann mit der Frankfurter und der Berliner Schule um Max Wertheimer. Am Frankfurter Radtachistoskop erforscht Wertheimer die so genannte Scheinbewegung, auch phänomenale Bewegung genannt. Sie entsteht, wenn eine Bilderfolge schnell genug gezeigt wird, dass sich der Eindruck der Bewegung ergibt, so wie beim Film. Wertheimer nennt diese Bewegungsgestalt »Phi-Phänomen«. Sie belegt, dass Wahrnehmungen sich nicht nur aus Einzelelementen zusammensetzen, sondern als sinnvolle Einheiten, als Gestalten, im Bewusstsein erscheinen, etwa in von Ehrenfels’ Beispiel die Melodie.

Dies heisst, bspw. in der therapeutischen Situation, dass was der Klient erfährt, nicht notwendigerweise das ist, was wir sehen. Und was wir sehen, erfährt der Klient vielleicht nicht. Die Einteilung, ob das Problem des Klienten aus einer physischen Störung oder einem emotionalen Ungleichgewicht resultiert, wird zunehmend sinnlos und potentiell sogar destruktiv, zumindest zweischneidig. Nur der Klient selbst kann sein Leiden verstehen oder seine Schwere erklären. Zumindest ist es keine therapeutische Aufgabe zu entscheiden ob jemand krank ist oder nicht. Es ist vielmehr die Aufgabe, dem Klienten zu helfen den Verlauf seines Leidens zu verstehen und, mit diesem Wissen ausgestattet, darauf zu reagieren.

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