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Gestalt-Traumatherapie: Vom Überleben zum Leben

Die Präsentation theoretischen und praktischen Wissens von Gestaltherapeutlnnen, die mit traumatisierten Menschen arbeiten, erscheint uns gerade zu einem Zeitpunkt besonders wichtig, da einerseits immer mehr manualisierte Herangehensweisen vorgelegt werden, die suggerieren, auch unerfahrene Psychotherapeutinnen könnten mit schwer Traumatisierten arbeiten, wenn sie nur das Manual einhielten, andererseits eine Überwindung des starren Anhaftens an Therapieschulen und Methoden in Aussicht ist, die sich zunehmend am dringenden Bedarf der Betroffenenen orientiert…

Aus dem Vorwort zu Gestalt-Traumatherapie – Vom Überleben zum Leben
Mit traumatisierten Menschen arbeiten

Also – noch ein Buch über Traumatherapie?

Die Statistiken sind fatal.
Etwa 30 Prozent der Kinder, die unter schweren Lebensereignissen oder suboptimaler Versorgung litten, erkranken im Laufe ihres Lebens an einer majoren Depression, nicht erst im Erwachsenenalter, sondern schon als Kinder oder als Jugendliche. Und das ist nur eine mögliche Traumafolgestörung.
Jede Form der Traumafolgestörung stellt einen Versuch dar, mit dem traumatisierenden Ereignis und den Schäden, die es angerichtet hat, zurechtzukommen. Jede einzelne stellt einen Versuch dar, eine unterbrochene Handlung zu Ende zu bringen, eine Gestalt zu schließen.

Man könnte sagen, Gestalttherapie ist aus diesem Grund genuin Traumatherapie.

Wolfgang Wirth belegt dies in seiner Darstellung der Lebens- und Traumageschichte von Fritz Perls auf eindrucksvolle Weise. Im Herbst 2007 fand in Wien eine Ausstellung zu Leben und Werk Wilhelm Reichs statt. Auch dies eine Traumageschichte, von Bedeutung durch das Erkennen der Wichtigkeit des Körpergedächtnisses für die Aufrechterhaltung der seelischen Belastung.

Viele Gestalttherapeutinnen arbeiten in ihrer täglichen Praxis mit traumatisierten Menschen. Wenig ist bisher publiziert worden, wie sie dies tun und wie sie sich in ihrer Arbeit theoretisch und methodisch auf die Gestalttherapie beziehen.

Bekannt sind die Arbeiten von Butollo und seinen Kolleginnen (z.B. Butollo et al. 1998 und 2003) zum Umgang mit traumatischen Folgen durch Krieg.
Imke Deistler und Angelika Vogler legten 2005 ein Buch zur therapeutischen Begleitung von schwer traumatisierten Menschen vor, welches
zugleich eine Einführung in das Verständnis der dissoziativen Identitätsstörung abgibt. Sie reflektieren dieses Störungsbild aus der Sicht der Gestalttherapie und zeigen Therapiemöglichkeiten auf aus ihrer Arbeit mit Opfern sexueller Gewalt.

Eine weitere Möglichkeit der Traumatisierung wurde 2006 von Michaela Pröpper thematisiert: Die traumatisierenden Folgen einer Krebsdiagnose.
Neben diesen größeren Publikationen ist eine Reihe kleinerer Beiträge erschienen, auf welche in diesem Band Bezug genommen wird. Weiter wird die Notwendigkeit deutlich gemacht, sich verschiedene Sichtweisen und Techniken anderer Methoden zunutze zu machen, um die Patientinnen optimal zu behandeln. Mit diesem Buch wollten wir Gestaltherapeutlnnen Gelegenheit geben, aus ihrer Praxis zu berichten. Wir wollen damit die theoretische Diskussion wie auch den Austausch über Praxiserfahrungen in der Arbeit mit traumatisierten Menschen anregen und beleben. Die meisten Autorinnen schauen in Theorie und Praxis auch über den »Tellerrand«. Sie beziehen sich nicht nur auf die Gestalttherapie sondern auch auf den aktuellen Forschungsstand der Traumatherapie. Stabilisierende Vorgehensweisen und Techniken sind grundlegend für jede psychotherapeutische Methode, und die Sammlung imaginativer Techniken, die Luise Reddemann vorgelegt hat, ist ein wertvolles Schatzkästchen für all jene, die beim gestalttherapeutischen Experimentieren Unterstützung suchen.
Alle Autorinnen dieses Bandes arbeiten in unterschiedlicher und beeindruckender Weise eine Verankerung mit der Theorie und den Konzepten der Gestalttherapie heraus und zeigen, wie gut diese sich eignet, um mit traumatisierten Menschen zu arbeiten. Sie fördern damit die gestalttherapeutische Theoriebildung.
Wir wollen in diesem Band einerseits den aktuellen Wissensstand widerspiegeln, andererseits Einblick in die individuellen gestalttherapeutischen Vorgangsweisen der Autorinnen geben und schließlich ermutigen, auf der Basis gestalttherapeutischen Grundverständnisses von Annahme, Kontakt und Stütze Anregungen für die Behandlung der wachsenden Personengruppe mit diagnostizierten Traumafolgestörungen zu bieten.

Den Auftakt macht Wolfgang Wirth mit einer überblicksartigen Aufarbeitung der theoretischen Anknüpfungspunkte zu einer gestalttherapeutischen Konzeption der Traumatherapie. Spannend sind u.a. seine biografischen Ausführungen zu Fritz Perls, welche ihn als durch Kriegserlebnisse und familiäre Gewalt Traumatisierten darstellen, was wesentlichen Einfluss auf die Konzeption der Gestalttherapie hatte. Sie enthält, wie anhand einer genauen Durchsicht von Gestalttherapie (Perls et al 2006) gezeigt wird, schon in ihrer originären Konzeption wesentliche Elemente und Stützen zu einer Traumatherapie. Wirth arbeitet mit Hörgeschädigten und rundet seinen Beitrag mit einer Fallvignette über eine gehörlose Frau ab, die miterlebte, wie ihre Freundin von einer Lawine erfasst und getötet wurde. Bemerkenswert ist, dass die Therapie in der Gebärdensprache erfolgt.

Anja Jossen präsentiert in ihrem Beitrag ein eindrückliches Fallbeispiel einer Überlebenden eines Gemetzels aus dem Kosovokrieg. Es gelang der Frau, in die Schweiz zu flüchten und dort um Asyl anzusuchen, welches ihr im Behandlungszeitraum auch gewährt wurde, was mit zu einer Stabilisierung beitrug. Jossen gelingt es, hautnah zu schildern, was passiert war, wie der Therapieprozess verlief und den Beitrag durch gestalttheoretische Reflexion zu bereichern. Der Artikel wird abgerundet durch die Schilderung eines Treffens fünf Jahre nach Abschluss der Therapie. Erwähnenswert ist, dass in dieser Therapie einer aus einer anderen Kultur stammenden Patientin aus sprachlichen Gründen immer eine Drittperson als Übersetzerin mitwirkte. Das gehört nicht selten zu den Therapiebedingungen in der Arbeit mit Fremdsprachigen, mit Asylsuchenden, und diese sind häufig traumatisiert.

Im anschließenden Beitrag interviewt Almut Ladisich-Raine den bekannten Psychologieprofessor Willi Butollo aus München. Butollo wirkte im Auftrag der UNICEF während des Bosnienkrieges an einem Projekt mit, welches bosnische Psychotherapeutinnen zur Arbeit mit traumatisierten Kriegsopfern befähigen sollte. Er führt aus, wie er als kriegsunversehrter Deutscher, ohne wirkliche Erfahrung in der Therapie Kriegstraumatisierter, keine billigen Therapierezepte anzubieten hatte, sondern in dialogischer Weise gemeinsam mit den Beteiligten erarbeitete, welche Unterstützung sie brauchten. Was er zu bieten hatte, waren generelle Kenntnisse aus der Traumatherapie, was die einheimischen Therapeutinnen zu bieten hatten, war deren eigene Erfahrung als vom Krieg Geprägte. Gemeinsam konnten Wege zur therapeutischen Bewältigung gefunden werden. Die Würdigung der Bosnier als Experten auf gleicher Ebene ermöglichte eine Begegnungsqualität, welche für sich heilend war und einer gestalttherapeutischen Haltung entspricht. Deutlich wird im Interview, dass es bei den bosnischen Therapeutinnen keine Unterscheidung gab zwischen unbetroffenem Helfer und betroffenem Patienten. Alle waren sie traumatisiert und geprägt von ihrer je eigenen Kriegserfahrung und familiären Verlusten. Das ergab eine besondere Grundlage für die therapeutische Arbeit, für Abgrenzungen zwischen dem Erleben von Therapeutin und Patientin und die Psychohygiene der Therapeutinnen.

Ladisich-Raine war nach dem Krieg als Ausbildnerin in Kroatien tätig und hat dort auch erlebt, wie die auszubildenden Therapeutinnen immer zugleich auch Betroffene des Kriegs waren.

Irena Besic ist Gestalttherapeutin und Psychiaterin aus Kroatien. Sie war am Projekt Butollos in Bosnien beteiligt wie auch am gestalttherapeutischen Ausbildungsgang, in welchem Ladisich-Raine mitwirkte. Sie erlebte die Kriegszeit und die Nachkriegszeit in einer Doppelrolle als professionelle Helferin und Betroffene. Sie leistete in manchen der neuen Staaten professionelle Hilfe im Umgang mit schweren Traumafolgen. Ihr kurzer Erfahrungsbericht lässt erahnen, wie nachhaltig diese Folgen sind und wie prägend auch für die Therapeutinnen.

Colette Jansen Estermann berichtet über die Therapie eines durch sexuelle Gewalt traumatisierten Mannes im bolivianischen Hochland. Sie reflektiert dabei auch eine aus feldtheoretischer Sicht wichtige Dimension, die der strukturellen Gewalt.
Sie zeigt auf, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse, insbesondere in Ländern mit großer Armut, durch strukturelle Gewalt – im Sinne Johan Galtungs – Traumatisierungen im familiären, kirchlichen und behördlichen Rahmen begünstigen. Aber auch wie die Permanenz struktureller Gewalt (z.B. keine Aussicht auf Arbeit und Teilhabe an gesellschaftlichen Werten, Bedrohung durch militärische und paramilitärische Truppen) dauerhafte psychische Veränderungen bewirkt, die die Menschen überhaupt erst in die Lage versetzen, ihre Situation zu ertragen.

Eine weitere sehr anschauliche und theoretisch gut reflektierte Fallgeschichte präsentiert Rotraud Kerner. Es handelt sich um die Schilderung der stabilisierenden Therapie einer traumatisierten Frau, welche wiederholt sexuelle Gewalt im Familienkontext erlebt hatte und eine Dissoziative Identitätsstörung entwickelte. Kerner verbindet Stabilisierungstechniken, die sie bei Reddemann, Sachsse und Huber fand, und das Ego-state-Konzept (Systemische Therapie mit der inneren Familie, vergleichbar dem Konzept der Selbst-Anteile in der Gestalttherapie) mit der Haltung, den Prinzipien und Techniken der Gestalttherapie. Sie zeigt, wie ein nachhaltiger Therapieerfolg im Hinblick auf ein befriedigendes Alltagsleben auch durch die konsequente Verwendung von Stabilisierungstechniken allein erreicht werden kann, ohne dass Traumaexposition sich je als erforderlich zeigt.

Da viele Traumatisierungen bereits im Kindesalter erfolgen, schien uns ein Beitrag über die Traumabehandlung bei Kindern und Jugendlichen unentbehrlich. Thomas Schön arbeitet seit vielen Jahren in freier Praxis und in einer therapeutischen Wohngemeinschaft mit Kindern und Jugendlichen. Er zeigt die Wichtigkeit einer frühen Traumabehandlung im Kindesalter auf, gibt Fallvignetten und reflektiert diese auf gestalttherapeutischem Theoriehintergrund. Wichtig auch sein Exkurs zu Psychohygiene von Helfenden.

Mit der Präsentation des »Luziden Träumens« als Therapieansatz für den Umgang mit Albträumen offeriert Brigitte Holzinger einen Ansatz, wie auch Albträume im Zusammenhang mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung von der träumenden Person beeinflusst werden können, so dass eine symptommildernde, stabilisierende Wirkung erreicht wird.

Der Band wird abgerundet mit einem Beitrag von Beatrix Wimmer zu genderspezifischen Bewältigungsstrategien von traumatisierenden Gewalterfahrungen aus der Sicht gestalttherapeutischer Theorie.

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Mit traumatisierten Menschen arbeiten

Das Buch sei allen Patientinnen und Patienten gewidmet, denen wir eine Fülle an Erfahrungen und eine wesentliche Verbesserung unserer Kenntnisse verdanken und all den Helfenden, die mit traumatisierten Menschen arbeiten.
Heide Anger und Peter Schulthess
Wien und Zürich, Januar 2008

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