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Holocaust-Trauma: Paradigma und Therapie

Unter der Schockwirkung des Holocaust musste die damals herrschende psychiatrische Lehrmeinung zu Traumata, die der menschlichen Seele die Kraft zuschrieb, innerhalb eines nicht allzu langen Zeitraums alle traumatischen Erlebnisse verkraften zu können, einer neuen Auffassung weichen. Diese besagte, dass die totale Entrechtung im Rahmen der genozidalen Verfolgung wie auch die ständige Bedrohung der Vernichtung, die unmenschlichen Verhältnisse und die extreme Brutalität, der die Überlebenden der NS-Verfolgung über längere Zeit hilflos ausgesetzt waren, unheilbare Narben in ihren Seelen zurückgelassen hätten. Es wurde sogar von »Seelenmord« gesprochen, dessen Folgen sich auch auf die Kinder der Opfer übertragen könnten…

Das Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 2011 will die historischen Ursprünge und Entwicklungen dieses im Schatten des Holocaust entstandenen Paradigmas der Traumaforschung und -behandlung aufzuzeigen, einige seiner konzeptuellen Konturen und Facetten kritisch untersuchen und seine therapeutischen Auswirkungen aus verschiedenen Perspektiven hinterfragen. Der Band ist aus einer sowohl interdisziplinären wie auch internationalen Tagung entstanden, die von Nathalie Zajde angeregt und von beiden Herausgebern, mit Unterstützung einer Reihe von Stiftungen und Institutionen, im Januar 2007 am Minerva Institut für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv abgehalten wurde. Die kritische Ausrichtung der Tagung, an der Fachleute aus den Bereichen Psychologie, Psychiatrie und Psychoanalyse, wie auch Geschichte und Ethnographie aus Deutschland, Frankreich, Kanada, den USA und Israel teilnahmen, stieß auf großes Interesse und rief lebhafte Diskussionen hervor. Für die Publikation wurde eine sorgfältige Auswahl getroffen; die hier erscheinenden Beiträge stellen nur etwa die Hälfte der damals gehaltenen Vorträge dar. Außerdem wurden alle Beiträge von den Autoren und Autorinnen (deren Thesen hier fast ausnahmslos erstmals in deutscher Sprache vorgelegt werden) vollständig überarbeitet und oft auch bedeutend erweitert.

Die Autoren und Autorinnen versuchen, Entwicklungen, Beschränkungen und mangelnde Differenzierungen in der Geschichte des Holocaust-Traumas darzustellen und auch nach wie vor vorhandene blinde Stellen aufzuzeigen. Sie schreiben gegen einen Diskurs zum Holocaust-Trauma, der universalistische Kategorien als wissenschaftliche Errungenschaft anbietet, ohne auf die historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Singularitäten und Diversitäten der Opfer und deren Umfeld einzugehen. Doch obwohl die Beiträge dem paradigmatischen Holocaust-Traumadiskurs kritisch gegenüberstehen, nehmen sie keineswegs eine einheitliche Position ein, sondern unterscheiden sich in ihren Ansatzpunkten, Methodologien wie auch in den Dimensionen und den Zielen ihrer Kritik voneinander.

Trauma und Geschichte

Im ersten Teil, »Trauma und Geschichte«, wird in fünf Aufsätzen untersucht, wie es in der Geschichte des Holocaust-Traumas zu theoretischen Umlagerungen kam, aus denen das heute dominante Paradigma entstand, und wie sich auch innerhalb dieses Paradigmas im Lauf der Zeit gewisse Kategorien erheblich wandelten.

Trauma als Traditionsträger

Im zweiten Teil, »Trauma als Traditionsträger«, nehmen drei Autoren ein kontroverses Thema unter die Lupe, dem in den letzten Jahrzehnten besonders viel Fachliteratur gewidmet wurde: die Frage nämlich, wie sich die Weitergabe der Traumata der Überlebenden an die nachgeborene(n) Generation(en) gestaltet und auswirkt, wie also Letztere, quasi als Träger einer Tradition, an den historischen Erfahrungen des Holocaust und deren seelischen Folgen teilhaben.

Trauma und Identität

In den drei Beiträgen des letzten Teils, »Trauma und Identität«, kommt die mangelnde Komplexität des heutigen Diskurses zum Holocaust-Trauma zur Sprache: Es mangele, so die Aussage, an einer systematischen Konzeptualisierung der Verbindung von Innenwelt und Außenwelt wie auch der Beziehung der verschiedenen Lebensweltebenen der Uberlebenden untereinander. Stattdessen werde allgemein anhand eines einfachen Modells, das unter anderem psychische Integration mit seelischer Gesundheit gleichsetze, therapeutisch gedacht und gearbeitet.

Die einzelnen Beiträge innerhalb der genannten Themenblöcke sind in der Folge zusammenfassend dargestellt.
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Verlagerungen – Trauma und Geschichte

Nathalie Zajde geht der Frage nach, wie das Trauma von KZ-Uberlebenden mit spezifischen gesellschaftlichen Identitäten zum Paradigma für psychisches Trauma im Allgemeinen mutierte. Wie sie erklärt, entstammt diese Transformation dem Bestreben der Psychiatrie, zu allgemeingültigen wissenschaftlichen Erkenntnissen über bestimmte psychologische Reaktionen zu gelangen, die in der dritten Auflage des Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen der American Psychiatric Association im Jahre 1980 ihren Höhepunkt fand: dem Syndrom der Posttraumatischen Belastungsstörung.
Nachdem das Trauma zum universellen Syndrom erklärt wurde, so Zajde, sei es überflüssig geworden, sich für die spezifischen Merkmale bestimmter Situationen, die Identität der Protagonisten und die Singularität der begangenen Taten zu interessieren. So hat ihres Erachtens die universalistische Psychiatrisierung der psychischen Folgen der Schoah das Leid zu einem neuen Bezugspunkt universaler Menschlichkeit erhoben.
Eine wirksame und evaluierbare Traumatherapie habe, fordert Zajde, indem sie auch auf aktuelle Fälle von Traumatisierung eingeht, auch die Lebenswelt des Subjekts zu berücksichtigen. Diese würde in der Regel im Zuge einer Verfolgung beschädigt oder gar vernichtet. Konsequenterweise müsse die entsprechende Therapie in der Instandsetzung der zerstörten soziokulturellen Charakteristika und Abläufe bestehen.

Jose Brunner hebt hervor, dass das paradigmatische Konzept des Holocaust-Traumas nicht dort entstand, wo medizinisches und psychologisches Wissen üblicherweise entsteht – nämlich weder in der Forschung noch in der Klinik. Vielmehr war es, wie allgemein bekannt, das Resultat von Expertengutachten im Rahmen der Wiedergutmachungsverfahren. Brunner weist darauf hin, dass schon der vorhergehende deutsche Traumafachdiskurs der Gutachterpraxis von Nervenärzten entsprungen war. Als in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre deutsche Psychiater begannen, von der damals herrschenden Lehrmeinung abzuweichen, veränderten sich zwar die Inhalte der psychiatrischen Lehre, nicht aber der Prozess, dem sie Ursprung und Geltung verdankte.
Deshalb fokussiert Brunner die Rolle der Psychiater in einem Verfahren, in dem diese stets auch als Vertreter des Staates agierten und medizinische Fakten gleichzeitig auch rechtliche waren – und immer auch als solche beabsichtigt. Ziel seines Beitrags ist, die Neuerungen, welche in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren zweifellos eine neue Denkart in die deutsche Nachkriegspsychiatrie einführten, genauer und umfassender zu charakterisieren. Dazu nimmt er sowohl die spezifischen Inhalte der Gutachten wie auch die institutionellen Strukturen und den professionellen Habitus, in die die Gutachtertätigkeit zu traumatisierten Holocaust-Überlebenden eingebettet war, unter die Lupe.

In einer kurzen Skizze der Befunde von Psychiatern aus den Jahren nach 1945 zeigt Ben Shephard, dass damals den sozialen und kulturellen Kontexten größere Aufmerksamkeit gewidmet wurde, als dies in den Berichten der Kliniker ab den 1950er Jahren der Fall war. Shephard macht einen wesentlichen Unterschied zwischen diesen beiden Zeiträumen aus: Während die früheren Autoren vorwiegend für Uberlebenden-Hilfsorganisationen tätig waren, entstammen die späteren Befunde, ab der Mitte der fünfziger Jahre, Untersuchungen, die Psychiater zumeist im Rahmen von Wiedergutmachungsverfahren an Holocaust-Uberlebenden vornahmen. Da in den vierziger Jahren noch nicht nach vereinheitlichenden Diagnosen gesucht wurde, betonten die Fachleute die Unterschiedlichkeit der Reaktionen, welche die Menschen in den DP-Lagern aufwiesen. So lieferten sie uns eine Reihe von Momentaufnahmen aus der Gemeinschaft der Überlebenden, die uns wertvolle Aufschlüsse über die Diversität der Holocaust-Erfahrungen wie auch über deren Auswirkungen erlauben. Diese Vielfältigkeit wird, so Shephard, in der späteren Schreibweise der Psychiater, die ihre Gutachten an Wiedergutmachungsbeamte richteten, verwischt.

Der Beitrag von Ruth Leys konzentriert sich auf die Verschiebungen in der Formulierung des Konzepts der »Uberlebensschuld« im Kontext der Bemühungen amerikanischer Fachleute der Nachkriegszeit, den Traumata und dem Leiden der KZ-Uberlebenden gerecht zu werden. Psychoanalytiker der 1960er Jahre, allen voran William G. Niederland, führten die »Uberlebensschuld«, die sie als eines der Symptome eines »Uberlebenden-Syndroms« diagnostizierten, auf eine unbewusste Identifikation mit dem Angreifer zurück. Unter Berufung auf die Arbeiten psychoanalytischer Pioniere behaupteten sie, die psychische Inkorporation der Aggression habe den Opfern der NS-Verfolgung die Kraft gegeben, die sie benötigten, um den grauenvollen Erlebnissen standzuhalten, denen sie von ihren gewalttätigen Peinigern hilflos ausgesetzt wurden.
Obgleich diese Denkweise innerhalb der psychoanalytischen Tradition sinnvoll war, könne sie, so Leys, wenn auch nur indirekt und auf der Ebene der Fantasie, auch den Makel der Kollaboration mit den Verfolgern evozieren. Leys zeichnet nach, wie die Kritik an diesem Begriff dazu führte, dass das Konzept der Überlebensschuld von dem der Aggression getrennt und der Akzent von der Identifizierung des Uberlebenden mit dem Angreifer auf seine Identifizierung mit hilflos umgekommenen Nächsten verschoben wurde.

Rakefet Zalashik erforscht die Entstehung der Kategorie der »Child Survivors«. Wie sie aufweist, bildete sich diese Kategorie erst in den späten siebziger und vor allem im Verlauf der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts heraus. So wurde die Child Survivor-Kategorie erst eingeführt, als die Betroffenen bereits erwachsen waren, nachdem sie drei Jahrzehnte lang von der Psychiatrie wie auch von den Wiedergutmachungsbehörden marginalisiert und vernachlässigt worden waren.
Zalashiks Darstellung zeigt, wie die Kategorie der Child Survivors nach ihrer ursprünglichen Definition bezüglich der Überlebenserfahrung der Betroffenen nicht nur altersmäßig, sondern auch geographisch sukzessive immer breiter gefasst wurde. Sie führt die Genese und Entwicklung dieser Kategorie auf einige parallel stattfindende, ineinander verwobene Entwicklungen zurück. Unter anderem nennt sie die Aufmerksamkeit, die seit den 1980er Jahren Kindern als Opfer häuslicher Gewalt und sexuellen Missbrauchs gewidmet wurde, wie auch die Herausbildung einer neuen Generation von Psychologen und Psychiatern – manche selbst Child Survivors.

Weitergaben – Trauma als Traditionsträger

Natan Kellermann befasst sich mit dem Thema der transgenerationellen Weitergabe des Holocaust-Traumas, das seit den 1970er Jahren die Fachliteratur beschäftigt. Mit Hilfe einer Reihe analytischer Unterscheidungen präsentiert Kellermann ein differenziertes Bild der verschiedenen Strömungen innerhalb dieser Denkweise. Er erarbeitet ihre theoretischen und konzeptuellen Implikationen und versucht, durch die Einführung einer Trennung zwischen den übermittelten Inhalten und dem Prozess der Übermittlung eine fruchtbare Grundlage für die zukünftige empirische Forschung in diesem Bereich zu entwickeln.

Auch Carol Kidron setzt sich mit der generationenübergreifenden Weitergabe von Traumata auseinander. Ihr Beitrag betrifft die Erinnerungen der Kinder traumatisierter Holocaust-Überlebender an die zumindest teilweise stumme Präsenz der Vergangenheit der Eltern im Familienleben. Im Gegensatz zur diesbezüglichen Fachliteratur schlägt Kidron vor, dieses Schweigen nicht als zwangsläufige Folge von Verdrängung, Verleugnung oder unverarbeiteter übertragener, das heißt sekundärer Traumatisierung aufzufassen. Stattdessen entnimmt sie ausführlichen Tiefeninterviews mit Kindern von Holocaust-Überlebenden, dass im Schweigen der Eltern auch eine nichtpathologische und normale, familienspezifische Form der Vergangenheitsrepräsentation eingebettet sein kann.

Allan Young beschreibt vier Konzepte des Holocaust-Traumas, die zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten als Antwort auf unterschiedliche historische Konstellationen entstanden. Dabei unterstreicht er unter anderem den Einfluss des biologisch ausgerichteten Trauma-Paradigmas auf die Vertreter geisteswissenschaftlicher Fächer, die sich in den letzten drei Jahrzehnten für das Holocaust-Trauma interessierten. Er erläutert den heute einflussreichsten geisteswissenschaftlichen Ansatz zum Holocaust-Trauma, der besagt, schon das Hören und Lesen von Texten über den Holocaust oder das Betrachten von Holocaust-Bildern könne eine Weitergabe des Traumas bewirken. Eine solche Transmission gelte aber nicht als pathologisch, sondern vielmehr als Medium, durch das sensible Leser oder Hörer Zugang zum Holocaust erhalten könnten. Wie Young kritisch darlegt, erscheint in dieser Auffassung, die den Holocaust zum Mysterium der Moderne stilisiert, die Empfänglichkeit der Nachgeborenen für eine Weitergabe des Holocaust-Traumas als Gabe und Privileg, durch die Leiderfahrungen der Vergangenheit nachvollzogen werden können.

Komplexitäten – Trauma und Identität

Catherine Grandsard untersucht die Begriffskategorien, derer sich Psychotherapeuten bei der Behandlung von Schoah-Opfern und ihrer Angehörigen bedienen. Sie kritisiert insbesondere die Anwendung von allgemeinen Theorien zur menschlichen Psyche sowie zu den zwischenmenschlichen Beziehungen. Diese nähmen nicht ausreichend auf die Tatsache Bezug, dass die überwiegende Mehrheit der Schoah-Überlebenden, die sich in therapeutische Behandlung begeben haben, jüdischer Abstammung sind und sich auch auf die eine oder andere Art als Juden verstehen. Grandsard legt dar, dass diese Tatsache nicht klinisch konzeptualisiert wird, obwohl sich die Psychotherapeuten der Bedeutung oft bewusst seien und sie in ihrer Praxis unter Umständen auch berücksichtigten. Aus ethnopsychiatrischer Sicht geht sie deshalb der Frage nach, wie Psychotherapeuten die Komplexitäten der kulturspezifischen Identität der Überlebenden nicht nur implizit einbeziehen, sondern auch methodisch konzeptualisieren und therapeutisch wirksamer verwenden können.

Wie auch andere Autoren dieses Bandes bezweifelt Jacob Lomranz, dass das Konzept der Posttraumatischen Belastungsstörung das traumabedingte Verhalten von Holocaust-Überlebenden und die langfristigen Folgen ihrer Erfahrungen erschöpfend erklären kann. Der Autor kritisiert die psycho-pathologische Ausrichtung des psychiatrischen Diskurses zu Holocaust-Überlebenden: Solange Fragestellung und Forschung nur auf verfolgungsbedingte, gravierende pathologische Phänomene abzielten, seien auch nur pathologische Befunde zu erwarten. Gleichwohl gebe es Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass viele Holocaust-Überlebende ihre Erfahrungen positiv verarbeiten und ein erfülltes Leben führen können.
Im Gegensatz zum dominanten klinischen Paradigma versucht Lomranz deshalb, die Kraft und Kreativität von Überlebenden zu analysieren, die das Leben bejahen, Glück empfinden und in der Lage sind, trotz allem ein produktives Leben zu führen. Der von ihm eingeführte Neologismus der »Aintegration«, den er ins Zentrum der These stellt, besagt, dass Überlebende im Alltag auch mit der Erinnerung an die unsäglichen Gräuel gut funktionieren und kognitiv im Gleichgewicht bleiben können. Erforderlich dazu ist eine seelische Konstitution, die sie befähigt, ein gewisses Niveau an Komplexität und Widersprüchen zu bewältigen und ihr Dasein angstfrei als inkonsistent und paradox zu erleben.

David Becker bespricht nicht nur das Konzept der Posttraumatischen Belastungsstörung aus kritischer Sicht, sondern auch jene wissenschaftssoziologischen und -historischen Untersuchungen, die es als diskursives Konstrukt abtun; damit werde die Welt auf einen Diskurs reduziert und das Leiden der Überlebenden aus den Augen verloren. Er hebt hervor, dass Kliniker häufig sozialpolitische Dimensionen ignorieren, während diejenigen, die sozialpolitisch argumentieren, sich scheuen, die Komplexität intrapsychischer Prozesse zu reflektieren und sich zumeist nicht auf die Realität der traumatisierten Menschen einlassen.
Auch Becker verwirft das reduktionistische und medizinalisierte Traumaverständnis, das dem Konzept der Posttraumatischen Belastungsstörung zugrunde liegt. Er behauptet, dass insbesondere die Arbeit mit den Überlebendenden des Holocaust zur Entwicklung einer dialektischen Sicht geführt habe, die sowohl Politik wie Psyche mit einzubeziehen versucht. Im Anschluss an Hans Keilsons Theorie der »sequentiellen Traumatisierung« versucht Becker, ein Denkmodell zu entwickeln, das gestattet, den Prozesscharakter sozialpolitisch verursachter Traumata konzeptuell zu fassen und so die gesellschaftlichen Dimensionen zu berücksichtigen, ohne deshalb subjektive Dimensionen zu verleugnen. Anhand zweier aktueller Beispiele – Bosnien und Gaza – illustriert Becker die Anwendbarkeit dieses dialektischen Ansatzes.

Jose Brunner und Nathalie Zajdey

Holocaust und Trauma
Kritische Perspektiven zur Entstehung und Wirkung eines Paradigmas
Hg. im Auftrag des Minerva Instituts für deutsche Geschichte an der  Universität Tel Aviv von Jose Brunner und Nathalie Zajde
Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte

1 comment to Holocaust-Trauma: Paradigma und Therapie

  • Wolfgang Zimmermann

    Das Thema der Vererbung von Traumata in folgende Generationen erfordert sicher mehr, als eine einzige wissenschaftliche Teildiszipilin leisten kann.
    Ich habe Kluges dazu von Vamik Volkan gelesen, auf Ihre Buchpublikation bin ich gespannt. Einstweilen habe ich nur ein Bauchgefühl: Die Popularität des Themas ADS/ADHS in Deutschland seit etwa 15 Jahren hat etwas damit zu tun, dass Traumavererbung auch dort stattfindet, wo nicht edle Opfer sondern häßliche Täter, schamlose Mitläufer, feige Wegseher, schuldlos Heimatvertriebene … inzwischen Kinder, Enkel und Urenkel haben. Elternschaft, die auf eine sehr spezifische Weise an ein Grauen gefesselt keine ausreichende Aufmerksamkeit für ihre Kinder hatte, sie zugleich aber emotional stark forderte, produzierte Spuren, die einander über die Generationen hinweg immer ähnlicher werden. Bei edlen Opfer-Vorfahren heißt das Ergebnis dann Trauma. Bei hässlichen Vorfahren heißt es ADHS. Ein Bauchgefühl, wie gesagt. Und gewiss nur ein Teil der Wahrheit. Aber einer, der erwogen werden sollte, – meines Erachtens aber nirgends erwogen wird.