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Holocaust und Trauma: Die Spätfolgen

Die Langzeitfolgen von Holocaust-Traumata sind weitreichend. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg setzt der Holocaust seine Präsenz auf verschiedene Weisen fort. Wie eine Atombombe, die ihre Radioaktivität oft lange nach der aktuellen Explosion an weit entfernten Orten streut, vergiftet auch der Holocaust weiterhin jeden, der diesem Ereignis auf eine bestimmte Art und Weise ausgesetzt war. Bei älteren Überlebenden, die jahrelang beruflich exzessiv gearbeitet haben und damit beschäftigt waren, ihre schmerzhaften Erinnerungen zu unterdrücken, können im Laufe der Pensionierung, sowie auch durch Beeinträchtigung der Gesundheit erneut Albträume und Flashbacks auftreten…

Von Natan Kellermann, AMCHA
Übersetzt von Anna Jaitner. Quelle: Kellermann, Natan P.F. (2001). The Long-term Psychological Effects and Treatment of Holocaust Trauma. Journal of Loss and Trauma. 6:197-218.

Die Überlebenden, die während des Krieges Kinder waren, ringen weiterhin mit ihren grundlegenden Unsicherheiten und mit der Trauer um ihre Eltern, die sie kaum oder garnicht kannten. Die Nachkommen dieser beiden Gruppen, die sogenannte “2. Generation” erreichen mehr Bewusstsein über den unterdrückten Schmerz, den sie indirekt durch ihre Eltern übernommen haben. … Sogar in der dritten Generation können Spuren von Holocaust-Assoziationen beobachtet werden, wenn sich diese auf die Suche nach ihren Wurzeln machen und die frühzeitig abgebrochenen Linien des Stammbaumes entdecken. …
Es scheint, als hätte Elie Wiesel (1978) Recht gehabt, als er konstatierte, die Zeit heile eben nicht alle Wunden, “denn es gibt einige, die schmerzhaft offen bleiben” (p.222).

Obwohl Holocaustüberlebende und ihre Familien sich starken Anstrengungen unterziehen, um ihr Leben fortzusetzen, ohne immer wieder an die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit erinnert zu werden, kehren traumatische Erinnerungen und ihre begleitenden Emotionen wieder und wieder zurueck. Judith Hermann beschreibt dies in ihrem Buch “Trauma und Wiederentdeckung”, 1992 so, dass “Grausamkeit sich dagegen wehrt, begraben zu werden” (p.1). Diese Grausamkeiten, die die bewussten und unbewussten Erinnerungen der Überlebenden und ihrer Nachkommen durchdringen, müssen vollständig erinnert, betrauert und verarbeitet werden, innerhalb einer sicheren, heilenden Bindung.

[Herman Lewis Judith: Trauma and Recovery: The Aftermath of Violence – from Domestic Abuse to Political Terror]

Auf Deutsch: Herman Lewis Judith: Die Narben der Gewalt – Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden.

Die Absicht des folgenden Artikels ist die Beschreibung der Langzeiteffekte von Holocausttraumata der Überlebenden und ihrer Nachkommen, sowie der Vorschlag möglicher Behandlungsstrategien für diese Klienten. Aufbauend auf Gesprächen und Behandlungen Hunderter solcher Betroffenen, sowie auf einer intensiven Auseinandersetzung mit der relevanten Literatur, sollen auch Erfahrungen von AMCHA, dem Nationalen Israelischen Zentrum für psychologische Unterstützung von Holocaustüberlebenden und der 2. Generation, vermittelt werden. …

AMCHA (hebräisch/jiddisch fuer „dein Volk“) diente als Codewort, das Juden im besetzten Europa half, sich gegenseitig zu erkennen. Seit der Gründung von AMCHA im Jahre 1987 steht dieses in Israel für ein Hilfsangebot, das versucht, Überlebenden und ihren Kindern eine Möglichkeit zu geben, um ihre Herzen „auszuschütten“ und zu erleichtern. …

Warum brauchte man mehr als 40 Jahre nach dem Ende des Krieges, um eine solche Organisation aufzubauen? Hierzu können einige Gründe genannt werden. Erstens entwickelte sich nach dem Eichmann Prozess in Jerusalem in den sechziger Jahren eine neue soziale Aufmerksamkeit bzgl. des Holocaust. Nachdem sie viele Jahre geschwiegen hatten, waren jetzt mehr Überlebende als je zuvor bereit zu sprechen und offen ihre Erinnerungen und ihr vorherrschendes Leiden mit anderen zu teilen. Durch das wachsende Interesse der jungen Menschen an der Vergangenheit ihrer Eltern, welches sich durch Fragen und der Suche nach Antworten äusserte, wurde an das Vermächtnis von Schuld und Scham gerührt. … S198

Video: Der älteste Überlebende in Israel ist 106 Jahre alt.

When the Nazi’s approached the small town of Brzozów in southern Poland, Issachar’s mother gave him some bread and told him to escape in the direction of the Russian border. The last sentence she told him was: „Shochi, Zei nit fergessen zoy yiddishkeit!“ (Issachar, don’t forget your Jewish roots!). After that moment, he never saw her again. He heard that she was killed together with the rest of the family in Auschwitz. But the last words of his mother continue to follow Issachar during his entire life until today and he views it as a precious legacy from his mother. He learned the Holy Scriptures, practiced righteousness and was also a cantor in the local synagogue for many years. In his advanced age of today, however, Issachar is not able any longer to function on a daily basis. After five strokes which left him almost totally paralyzed, he is totally dependent on the help of a Philippine caretaker. But when he gets home visits from Amcha, he lightens up and gets the spark back in his eyes. As the old legacy of his mother is translated into action, he finds expression for his Yiddishkeit again. It helps him to find meaning with life despite all his difficulties, and helps him continue to survive for another day. In the following clip (here), we see Issachar sitting in his wheel chair, singing a moving hymn in which he appeals to the Almighty: אל נא רפא נא לה !

Die psychologische Auswirkung von generationsuebergreifender Transmission von Traumata auf die Nachkommen wurde immer häufiger bestätigt. Des Weiteren wussten die Familien der Überlebenden von deren privaten und meist verheimlichten Leiden, während es nach aussen hin so schien, als führten sie ein normales Leben in guter Gesundheit. So kam in den achtziger Jahren ein Sinn für Dringlichkeit auf, um “jetzt oder nie” eine emotionale Hilfe bereitzustellen. Das Leiden des Alterns, Pensionierung, Krankheiten und Todesfälle der Ehepartner weckten neue emotionale Krisen, die das alte Trauma aktivierten. Das führte dazu, dass viele nach professioneller Hilfe suchten, teilweise zum ersten Mal in ihren Leben. So begann es, dass die Vielseitigkeit an psychologischen Bedürfnissen der Holocaustüberlebenden mehr und mehr anerkannt und bestätigt wurde, was auch Prof. Haim Dasberg (1987) in seiner Schrift “Psychologische Not von Holocaustüberlebenden und ihren Nachkommen in Israel, 40 Jahre danach” proklamiert. Jedoch stellten sich die Hilfestellen, die dafür bereitgestellt wurden, als insuffizient und überaus inadequat heraus. Es schien, als ob professionelle Hilfe genau diese Gruppe von chronischen Patienten meiden würde, ja eine Art “Holocaust-Opferphobie” entwickelt hätte. … s199

Ein “Holocaustüberlebender” könnte grob als Person definiert werden, die als Jude unter Nazibesatzung während des 2. Weltkriegs verfolgt wurde und von der “Endlösung” betroffen/bedroht war, es jedoch schaffen konnte, am Leben zu bleiben. Dies umfasst Menschen, die in Ghettos eingesperrt waren, die als Zwangsarbeiter in Arbeitslager und/oder in Konzentrationslager verschleppt wurden, solche, die im Versteck oder unter falscher Identität überlebten, Flüchtlinge, die ihre Familien verlassen mussten, die mit Partisanen kämpften, die in Folge eines “Kindertransportes” weggeschickt wurden usw. All diese Menschen erlitten Traumata, indem sie in einem Zustand ständiger Bedrohung oder Tötung lebten, zahlreiche Verluste erleiden mussten, oder unter dem Schatten der Holocaustverfolgung leben mussten. Im Augenblick leben über 350.000 Holocaustüberlebende in Israel (Anm.: galt 2001, heute, 2011, 200.000). Wenn die Nachkommen und nahe Familienangehörige miteinbezogen werden, ergibt sich eine Zahl von einer Millionen Menschen, die direkt oder indirekt vom Holocaust betroffen sind. Auch wenn nur ein kleiner Anteil dieser Menschen anfällig für geistige Qualen ist, stellt diese Gruppe eine große Zahl an Menschen dar, die spezielle Hilfe benötigen, die bisher nicht bereitgestellt wurde.

Nach einem bescheidenen Anfang in Jerusalem beschäftigt AMCHA laufend (2001) über 130 professionelle Mitarbeiter (Sozialarbeiter, Psychologen, Bewegungstherapeuten, Psychiater und Beschäftigungstherapeuten). Diese arbeiten in den vier größten Städten Israels (Jerusalem, Tel-Aviv, Haifa und Beer Sheva), sowie in weiteren Städten und stellen eine Hilfe für tausende von Klienten dar. AMCHA wurde zum Pionier im Bereich der lebenslangen Leiden von posttraumatischem Stress. Viele ihrer Erfahrungen und Forschungen bzgl. der mentalen Gesundheit von Holocaustüberlebenden sind einzigartig. … Daraus resultiert eine reichhaltige Auswahl von Hilfen, die regelmäßig angeboten werden. (im Orig. siehe Table one)…

2 – Amcha: Hilfen für Holocaustüberlebende

Zwischen
den verschiedenen Gruppen und Individuen der Holocaustüberlebenden gibt
es deutliche Unterschiede. So differieren z.B. ihre Persönlichkeiten
vor dem Krieg, ihre verschiedenen traumatischen Kriegserlebnisse und
ihre Wiederanpassung nach dem Krieg…

3 – Child-Surviver: Überleben als Kind

Den
Krieg als Kind überlebt zu haben scheint eine fundamental andere
Erfahrung zu sein als ihn als Erwachsener zu überleben. Kinder sind im
Gegensatz zu Erwachsenen gleichzeitig verwundbarer als auch
anpassungsfähiger. Sie erlebten die Schrecken des Krieges in vielen
Etappen ihrer kognitiven, emotionalen und persönlichen Entwicklung und
erlitten während der vielen Jahre prägende Erfahrungen…

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