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Amcha: Hilfen für Überlebende des Holocaust

Zwischen den verschiedenen Gruppen und Individuen der Holocaustüberlebenden gibt es deutliche Unterschiede. So differieren z.B. ihre Persönlichkeiten vor dem Krieg, ihre verschiedenen traumatischen Kriegserlebnisse und ihre Wiederanpassung nach dem Krieg…

Von Natan Kellermann, AMCHA, übersetzt von Anna Jaitner. Quelle: Kellermann, Natan P.F. (2001). The Long-term Psychological Effects and Treatment of Holocaust Trauma. Journal of Loss and Trauma. 6:197-218.

Aufgrund all dieser Unterschiede ist ihre weit differierende Anfälligkeit und Elastizität bzgl. Stress am zutreffendsten, wenn es darum geht eine Einschätzung des Risikos bzw. der Empfänglichkeit für mentale Leiden abzugeben. Diese Variablilität ist für die Differenzierung zwischen klinischen und nichtklinischen Holocaustüberlebenden relevant. Während der größte Teil der Überlebenden ein unüblich hohes Maß an psychischer Stärke zeigt, um die Folgen ihrer traumatschen Erfahrungen und zahlreichen Verluste zu überwinden (viele kämpften als Soldaten in israelischen Kriegen und halfen, den Staat nach seiner Gründung in jedem möglichen Bereich mitzuformen), litt eine klinische Minderheit weiterhin an Depressionen, irrationalen Ängsten, Schlafstörungen und psychosomatischen Symptomen, welche eindeutig auf die Naziverfolgung zurückzuführen sind.

Im Folgenden sollen einige typische Beispiele erläutert werden.

Eine achtzigjährige Holocaustüberlebende wurde von ihrere Tochter an AMCHA verwiesen auf Grund ihres übertriebenen Vorrats an Nahrung. Seit Jahren war dies eine für sie übliche Tätigkeit gewesen, stets war der Kühlschrank vollgepackt mit Essen, jedoch hatte diese Tätigkeit seit dem Tod des Ehemannes zugenommen. Die Situation verschlechterte sich noch mehr durch die Weigerung der Mutter, verdorbenes Essen wegzuwerfen, sowie durch deren Beschuldigung, die Tochter würde stehlen. “Dort hatten wir nichts zu essen, wie kannst Du unser Essen jetzt wegwerfen?”, fragte sie ihre Tochter, was diese so estaunte, dass sie nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte.

Ein älterer Mann konsultieerte AMCHA auf Grund von starken Schlafstörungen. Jede Nacht erwachte er völlig durchnässt und es war ihm unmöglich, wieder einzuschlafen. Schmerzhafte Erinnerungen des Holocaust kamen wieder zurück, mit all ihren Begleitemotionen? und er wurde überwaeltigt von Entsetzen. Er erzählte von immer wiederkehrenden Albträumen, in denen ihn die Gestapo auf Motorrädern verfolgt. Für Juden war es verboten, sich nachts draußen aufzuhalten und in seinem Traum rennt er um sein Leben, bis er an die Tür seines Hauses ankommt, die er verschlossen vorfindet. Während er vor der großen Tür steht, ruft er nach seinem Vater, um ihm die Tür zu öffnen. Er schreit “Papa! Papa!”, aber niemand öffnet ihm. Während er laut schreit wird ihm bewusst, dass seine Frau versucht, ihn aufzuwecken und er realisiert, dass alles nur ein Traum gewesen war. Danach war es ihm aber nicht möglich, mit den Erinnerungen an seine getötete Familie wieder einzuschlafen und mit Erinnerungen, an Dinge, die er unter Zwang tat, die er aber für unverzeihlich hält. Die Tatsache, dass er noch am Leben war, war ein absurder Unfall, weil das Leben für ihn seinen Sinn verloren hatte. “Vorher war es Leben”, sagte er. “Heute ist es nur Vorhandensein”.

Bei den Holocaustüberlebenden, die sich wegen einer psychiatrischen Behandlung an AMCHA wenden, wurden folgende zehn Charakteristika häufig beobachtet:

Bei Holocaustüberlebenden sind habituelle Panikreaktionen am üblichsten, wenn der Auslöser in irgendeiner Weise den Holocaust symbolisiert. Solche holocaustbezogenen Auslöser können einige oder alle der folgenden darstellen: dicht gedrängte Züge, Bahnhöfe, medizinische Untersuchungen, ein Klopfen an der Tür, Uniformen, Ausrottung (von Insekten), die Farbe Gelb, Selektionen, Gas, Duschen, Stacheldrahtzaun, weggeworfenes Essen, (vor Allem Brot), Zäune, Grausamkeit, bellende Hunde, … oder Diskriminierung, Trennungen, der Geruch von verbranntem Fleisch, verschlossene Räume, Öfen, das Stehen in einer Reihe, Kälte, Musik von Wagner, die deutsche Sprache und deutsche Produkte im Allgemeinen.

Jeder dieser Reize kann eine gewaltige emotionale Reaktion bei Überlebenden hervorrufen, die sich zu diesem Zeitpunkt in eine lebensbedrohliche Situation während des Holocaust zurueckgesetzt fühlen. Aber auch glückliche Begebenheiten, wie Hochzeiten, jüdische Feiertage und Familienfeiern können plötzliche Reaktionen von Kummer evozieren und Erinnerungen an die immensen Verluste wiedererwecken und an all die Menschen, die nicht mehr leben, da sie auf brutale Weise getötet wurden. Daraus ergibt sich häufig eine sich widersprechende Anstrengung, sich einerseits zu erinnern, und gleichzeitig auch zu vergessen, beides mit dem Ziel, sich dem traumatischen Ereignis anzunähern und es zu vermeiden…. S202

Wie eine beschädigte Kassette, die immer wieder das selbe abspielt, werden auch schmerzhafte Erinnerungen und zudringlich erlebte Bilder immer wieder erlebt, während gleichzeitig eine bewusste Anstrengung unternommen wird, diese Erinnerungen zu vermeiden und nicht über sie nachdenken zu müssen. In diesem Verhalten zeigt sich, dass es im fortgeschrittenen Alter schwieriger wird, solche Schutzmaßnahmen zur Abwehr von Angst und Depression einzusetzen, als es in jungen Jahren erfogreich war. Allmählich oder plötzlich können die untilgbaren Wunden, die durch unmögliche? Entscheidungen über Leben und Tod während des Holocaust enstanden sind, aufbrechen und die Überlebenden können erneut später in ihrem Leben von einer Mischung aus Überlebensschuld und unterdrückter Aggression gequält werden. Während sie bis dahin alles unternommen haben, um ihren Schmerz zu verdecken und ihre erschreckenden Erinnerungen zu unterdrücken, erwachen jetzt alte Traumata wieder zum Leben und nicht zu Ende gebrachte emotionale Anliegen drängen nach Lösungen.

“Als ich aus Buchenwald befreit wurde”, sagte ein Überlebender, “bestand der einzige Weg mein Leben fortzusetzen darin, indem ich die Vergangenheit hinter mir ließ. Ich gab mein Bestes nicht daran zu denken und nicht darüber zu sprechen, um so besser in der Lage zu sein, mit der Vergangenheit fertig zu werden. Ich beschäftigte mich mit anderen Dingen.”
Die schien auch für mehr als fünfzig Jahre zu funktionieren, bis die Vergangenheit ihn einholte und dazu zwang, alles in seinen Träumen wiederzuerleben.

Frühe Literatur über Holocaustüberlebende zeigte ein düsteres Bild von schwerer Symptomatik mit beträchtlichen affektiven, kognitiven und behavioralen Beeinträchtigungen. Die üblichen Beschwerden von Holocaustüberlebenden umfassten solche Symptome wie beharrliche Ängste, Furcht vor erneuter Verfolgung, chronische Depression, psychosomatische Symptome , Konzentrations- und Gedächtnisdefizite, mangelhafte Anpassung, Schlafstörungen mit erschreckenden Alpträumen und einer großen Schwierigkeit, die traumatischen Emotionen (oder Alexithymia) zu verbalisieren. Niederland, Chodoff, Eilington, Krystal et al. schlugen das Konzept des “KZ-Syndroms” vor, welches diese spezifische Psychopathologie beschreibt (umfasst). Kritisiert wurde daran jedoch die Tatsache, dass die Beschreibungen nur auf nichtrepräsentativen klinischen Fallbeispielen basieren. Dasbergs Überblick (1987) einiger späteren vergleichbaren Studien, die auf Ergebnissen von nichtklinischen Teilen der Holocaustüberlebendenpopulation basierten s.p. 203 offenbarte ein gemischtes Bild bzgl. der Nachkriegsanpassung. … s.p. 203

Die Psychopathologie von Holocaustüberlebenden bleibt also ein kontroverses Thema. Jegliche Beschreibung dieser Generation als emotional gestört trifft auf starken Protest, … Entgegengesetzte Meinungen, dass diese Population nicht emotional gestört ist führt gleichermassen zu Protest.

Die Argumente erscheinen eher affektiv als informativ. Neben der Unterscheidung zwischen klinischen und nichtklinischen Menschen muss außerdem auch eine Differenzierung der Vielzahl der mentalen Leiden der Überlebenden vorgenommen werden. Es ist möglich, dass die klinische Gruppe der chronisch Kranken bereits vor dem Holocaust eine Disposition für schwere mentale Störungen hatte und so emotionale Probleme während des ganzen Lebens präsent bleiben. Die nichtklinische Gruppe bleibt beständiger, zeigt jedoch beim Unterziehen einer psychologischen Evaluation spezifische Holocaustbezogene Ideation.

Besonders in Zeiten von erneutem Stress und Traumatisierung scheinen jedoch alle Überlebenden anfällig für mentale Leiden zu sein. Die wahrscheinlich passendste Diagnose wäre das “chronic posttraumatic stress disorder”- Syndrom (PTSD), mit Depression als ein häufig damit verbundenes Merkmal (Kellermann, 1999).

Behandlung von Holocaustüberlebenden

Holocaustüberlebende wollen nicht wie psychiatrische Patienten behandelt werden und zeigen außerdem bzgl. Beratung und Psychotherapie häufig wenig Interesse. Die meissten bitten mit großem Zögern und Zweifeln um Hilfe. Wenn sie es tun ist ihr Bedarf an Linderung der aufgetretenen Symptome oft dringend. Es ist deshalb sehr wichtig, möglichst schnell eine vertraute Beziehung aufzubauen um Hoffnung zu geben, dass die Anstrengungen und Überwindungen Hilfe zu suchen, es der Muehe wert waren. Der häufigste Weg dies zu tun, ist sie fühlen zu lassen, dass sie so wie sie sind verstanden und akzeptiert werden, innerhalb eines Raumes von anderen Überlebenden. Eine wichtige Vorraussetzung für diese Art von Beziehung ist das Eintreten in die Privatsphäre des Patienten, um darin zu Hause zu sein. Dies ist ein zentraler Startpunkt für jede Art von intervenierender Behandlung bei AMCHA.

Nach dem Aufbau von Sicherheit und Vertrauen… s.p. 204 wird den Überlebenden zu Beginn des Kontaktes mit AMCHA vorgeschlagen, ihre Erlebnisse während des Krieges zu erzählen. Diejenigen Überlebenden, die ihre schmerzhaften Erinnerungen verdrängt haben, reagieren meistens ambivalent gegenüber solcher Aufforderung, ihre Geschichten wiederzugeben. “Warum alte Wunden öffnen und die Schmerzen wiedererleben? Warum die erschreckenden Gespenster der Vergangenheit zum Vorschein kommen lassen? Warum sollen wir sie nicht ruhen lassen? Was ist gut daran, sich in solch schreckliche Erinnerungen einzumischen, die vor so langer Zeit stattgefunden haben? Lass uns lieber vergessen und mit das Leben weiteleben, wie es heute ist!”

Diese Ambivalenz basiert z.T. auf des Schwierigkeiten, traumatische Erinnerungen zu verbalisieren, wie es von Elie Wiesel (1978) erfasst wurde: “Wie kann man über solche Dinge sprechen, ohne den Kopf zu verlieren und gegen die Wand zu schlagen? Es ist genauso unmöglich, darüber zu sprechen, wie nicht darüber zu sprechen. Zu viele Körper zeichnen sich auf unserem Horizont ab; sie wiegen auf jedem einzelnen unserer Worte, ihre leeren Augen halten uns in Schach. Jemand müsste ein neues Vokabular, eine neue Sprache erfinden, um zu sagen, was kein Lebewesen jemals gesagt hat.” (S.236).

Trotz dieses Widerstandes wollen die meisten Überlebenden heute ihre Geschichten erzaehlen, sobald sie fühlen, dass jemand da ist, der bereit ist, ihnen zuzuhören. Auch wenn es keine allgemeine Empfehlung gibt bzgl. Reden oder Schweigen, gibt es aus der Perspektive der Traumaheilung eine Übereinstimmung darüber, dass es besser ist, das bis dahin Verschwiegene herauszulassen, als zu versuchen, die schmerzhaften Erinnerungen zu unterdrücken und sie zu vergessen (Hermann, 1992). Mit anderen Worten ”Erinnern erhält Vorrang über Vergessen”. So ist das Erinnern an den Holocaust und das Bewusstsein seines Vermächtnisses mit Sicherheit ein essentieller Bestandteil der Unterstützung für die Überlebenden. s.p. 204

Aus individueller Sicht ist das Verlältnis zwischen Vergessen und Erinnern meistens nicht bewusst und nicht intendiert. Während die Überlebenden verzweifelt versuchen, eine Art innere Balance und emotionale Ausgewogenheit wiederzuerlangen, erleben sie das Trauma erneut in Form von lebhaften Erinnerungen und Albträumen. Das Reden über ihre Erfahrungen während des Holocaust im Rahmen einer Therapie kann ihnen paradoxerweise auch emotionale Erleichterung verschaffen. Eine Frau z.B. litt lange Jahre an Schlaflosigkeit und Albträumen. Sie träumte, sie wäre wieder im Lager und müsste sterben. Als sie anfing, über ihre Erinnerungen zu sprechen und sie aufzuschreiben, legten sich ihre Albträume und sie schlief besser. Es schien, als ob ihr die verbale Aufarbeitung ihrer Geschichte helfen würde. Das bloße Verbalisieren ihrer Erinnerungen und das Übersetzen von Gefühlen in Worte scheint die Reorganisation zu erleichtern, um die Gefühle dann besser zu ordnen und zu überdenken (Freud, 1958).

Während man über den Nutzen des Redens über den Holocaust mit den Überlebenden einig ist, bleiben einige Fragen offen, wie solche über die passende Behandlungsmethode dieser Population. Welche Therapiemethode sollte empfohlen werden? Was ist am besten für wen in welchem Kontext? Sollte man Lang-, Mittel-, Kurz- oder zeitbegrenzte Behandlungen empfehlen? In welchen Fällen können wir individuelle-, Gruppen-, Familien-, Milieu-, und/oder Psychopharmazeutische Behandlung vorschlagen? Sollte Psychotherapie unterstützend und anleitend, oder forschend und wiederaufgbauend sein? s.p. 205

Offensichtlich scheint es unmöglich zu sein, bei solch einer Vielfalt an sich offenbarenden Problemen irgendeine spezifische Empfehlung zu geben. Ferner ist hinsichtlich der reichen Literatur über Holocausttraumata vergleichsweise wenig über aktuelle Behandlungsmethoden geschrieben worden (Chodoff, 1980). Aus diesem Grund wird es in diesem Artikel lediglich möglich sein, allgemeine Richtlinien von bereits entwickelten Behandlungen zu beschreiben, sowie eine Liste von einigen vorgeschlagenen Methoden zu präsentieren.

Die Behandlung von älteren Holocausüberlebenden unterscheidet sich hinsichtlich einiger Gesichtspunkte von der ihrer jüngeren Geschwister, sowie von der kürzlich traumatisierter Personen. Mentale Qualen nehmen durch den Verlust von Familienangehörigen, durch die Gesellschaft von Kindern, verminderte Kraft und abnehmende physische Kapazitäten kombiniert mit der Rückkehr von Erinnerungen an den Holocaust zu. Um ihre persönlichen Wünsche und individuellen therapeutischen Bedürfnisse aneinander anzupassen, ergibt sich ein großes Angebot an Behandlungslternativen, für die Überlebenden, die zu AMCHA kommen.

Häufig angewandt wird eine Kombination aus psychologischen, sozialen sowie speziellen Beschäftigungsmethoden, welche individuelle und/oder Gruppentherapien, psychosoziale Milieutherapie und soziale Führsorgearbeit umfassen. Zusätzlich versucht AMCHA innovative Behandlungsmethoden zu entwickeln, und auch psychologische Dienste bereitzustellen, sodass die älter werdenden Überlebenden ihren neuentstehenden Bedürfnissen begegnen können.

Bei älteren, meist chronisch traumatisierten Menschen werden bescheidene Behandlungs- und therapeutische Ziele vorgeschlagen. Neben dem offensichtlichen Fokus auf die Linderung der Wunden des Holocaust verfolgt die Therapie zusätzlich das Ziel, den Menschen ihre Ängste vor dem Altern zu nehmen. Sie soll helfen, mit Depressionen umgehen zu lernen, sowie mit dem Kummer über den Tod von Familienmitgliedern und Freunden, mit Zurückgezogenheit und Lustlosigkeit, mit den Schwierigkeiten des Alleinlebens und der Abhängigkeit von Anderen, sowie mit dem immer näherrückenden Tod.

Um einige der zwischenmenschlichen Isolationen zu durchbrechen, um Haltung zu festigen s.p. 206 und um Rückzug und mentaler Desorientierung entgegenzuwirken, wird bei AMCHA eine Reihe von Gruppenaktivitäten, sowie soziale Clubs als auch Hausbesuche von Freiwilligen angeboten. Vorgeschlagen werden auch spezifische Rehabilitationsaktivitäten, wie geeignete Freiwilligenarbeit für schon pensionierte, jedoch noch aktive ältere Menschen oder das Nachkommen ihrer Hobbies, durch das Bereitstellen bestimmter Gelegenheiten wie Lesungen oder Diskussionen. Auch körperliche Übungen werden angeboten, einerseits als Entlastung von Muskelspannung, andererseits als ein Mittel um abzuschalten und nicht an emotional belastende Dinge zu denken. Soziale Fühsorgearbeit zielt darauf ab, eine Hilfestellung zur Lösung von Problemen häuslicher, gesundheitlicher, beruflicher oder gesellschaftlicher Art auf einer praktischen Basis bereitzustellen.

Passende Information und Anleitung ist manchmal alles, was eine ältere Person braucht, um Selbstrespekt und –genügsamkeit aufrechtzuerhalten. In Fällen von schwerer Depression, starken Ängsten und chronischen Schlafstörungen werden in der Psychotherapie häufig zusätzlich Medikamente hinzugefügt. Die folgenden Phasen werden bei der psychotherapeutischen Behandlung von Holocaustüberlebenden häufig durchlaufen. Die erste Stufe in der Therapie schließt das Errichten einer sicheren und vertrauensvollen Beziehung ein, in der sich die Überlebenden akzeptiert und verstanden fühlen. Hier bedarf es sowohl an besonderem Verständnis und Erfahrung auf Seiten des Psychotherapeuten, als auch an beträchtlicher Achtsamkeit bezüglich der eigenen „conterresponses“ s.p.206.

Anschließend werden die Überlebenden dazu ermutigt, ihre persönliche Lebensgeschichte zu erzählen, die Erinnerungen an Erfahrungen beinhalten, die vor, während oder nach dem Holocaust gemacht wurden, um diese dann mit der Gegenwart zu verbinden. Traumatische Vorkommnisse werden direkt angesprochen und, wenn möglich, werden auch die damit verbundenen Emotionen, Gedanken und physischen Empfindungen tiefgründig erforscht. Die emotionale Aufarbeitung dieser persönlichen Ereignisse (so wie diese erinnert werden) verfolgt also die Absicht der Rekonstruktion der tatsächlichen Ereignisse. Dies beinhaltet ausnahmslos eine Phase emotionaler Ventilation und Trauer um die zahlreichen Verluste in der Vergangenheit.

Schließlich wird ein Versuch unternommen, eine Art Entschluss oder Transformation der traumatischen Vergangenheit zu erreichen. Dies kann einige Verbindungen mit der bisher vernachlässigten traumatischen Vergangenheit miteinschließen, wie beispielsweise Gedächtnisfeiern, eine Veränderung der persönlichen Bedeutung des Holocaust, was sich z.B. durch eine tiefgründige Suche nach Bedeutung des Überlebens ausdrückt, was an die Stelle von Schuld tritt, oder auch die Integration des Traumas in die eigene oder Familiengeschichte, wenn das Vermächtnis des Holocausts an die nächsten Generationen weitergegeben wird.
In diesem Stadium wäre Frankls „Logotherapie“ geeignet, in der Überlebende ermutigt werden, existentielle Bereiche bezüglich der Bedeutung von Leben und Tod zu durchdenken. Natürlich ist eine Bearbeitung von Holocausttraumata nie vollständig. Es wird immer eine beträchtliche Menge an Zorn, Sorge, Angst und Sehnsucht nach einer anderen Realität bestehen bleiben. Jedoch kann auch ein Gefühl von Abschluss/Vervollständigung und Stolz entstehen das getan zu haben, was unter diesen spezifischen Umständen möglich war.

PTBS:
Die Posttraumatische Belastungsstörung

„Zeit heilt nicht alle Wunden“ – die schweren Folgen des Psychotraumas werden ebenso oft fehl-, wie überhaupt nicht diagnostiziert. Die psychischen Folgen massiver traumatischer Ereignisse traten erst in den letzten Jahrzehnten in den Mittelpunkt intensiver psychiatrischer Forschungsarbeit, obwohl sie schon seit dem ausklingenden 19. Jahrhundert unter den verschiedensten Begriffen zur Diskussion stehen…

„Care, Cure and Justice“:
esra für Schoah-Überlebende

esra – hebräisch Hilfe – wurde 1991 in Berlin, mehrheitlich von international bekannten ausländischen Fachkräften, für die psychosozialen Folgen der Schoah ins Leben gerufen…

Hilfe für die Überlebenden der Schoah:
AMCHA

Das bekannte Wort ‚AMKHA!‘ steht auch heute für die Hoffnung auf ein verstehendes Gegenüber. Amcha bietet eine Möglichkeit für Überlebende und ihre Kinder ihr Herz zu erleichtern und zu spüren, dass sie nicht allein sind…

Die dünne Trennlinie:
Was träumten die Insassen von Konzentrationslagern?

Eines Tages beschloss Dov Freiberg, der im Konzentrationslager Sobibor eingesperrt war, am nächsten Tag Selbstmord zu begehen. Nach der abendlichen Überprüfung der Insassen, legte er sich auf einer Bodendiele schlafen und hatte einen Traum…

Allgemeine Psychotraumatologie:
Kulturpolitische Aspekte

Die Geschichte der Menschheit war von allem Anfang an auch eine Geschichte individuellen Unglücks und gemeinschaftlicher Katastrophen – Mord und Totschlag, Kriege und Hungersnöte, tödliche Epidemien und natürliche Kataklysmen sind schon in den ältesten Schriften dokumentiert…

Viel zu wenig Interesse an den Überlebenden:
Die Spätfolgen der Nazi-Verbrechen
Das Interesse an Ausbau der Behandlungsmöglichkeiten von Spätfolgen bei den Überlebenden hing in hohem Maße von persönlicher Betroffenheit und persönlichen Beziehungen ab. Der Idealismus und die erforderliche Beharrlichkeit, um bei dieser Arbeit zu bleiben und sie weiterzuentwickeln, wurden immer wieder auf harte Proben gestellt…

Der Preis des Überlebens:
Begrijpt u nu waarom ik huil?
Entstanden ist das bestürzende Porträt eines Vaters, der unter dem Eindruck eines posttraumatischen Stress-Symptoms seine Lagererfahrungen an seine Frau und seine Kinder weitergibt…

Posttraumatische Belastungsstörung:
Cannabis gegen Kriegstrauma

Der israelische Forscher Rafael Meshulam von der School of Pharmacy an der Hebräischen Universität zu Jerusalem, hat mit Cannabis gute Erfolge erzielt…

Versöhnung:
Mit Lebensgeschichten Feindschaften abbauen

Der israelische Psychologe Dan Bar-On sammelt Erfahrungen mit psychosozialen Aussöhnungsprozessen…

„Den Abgrund überbrücken“:
Geschichten gegen den Hass

Nachdem der israelische Psychologe Dan Bar-On bereits Anfang der 90er Jahre in einem außergewöhnlichen Projekt Nachkommen von Nazi-Tätern und Kinder von Holocaust-Überlebenden zusammen gemacht hat, regte er auf Grundlage desselben Prinzips 1998 eine neue Friedensinitiative an…

TRT:
Dialog mit dem Feind
Beifall brandet auf. Zwei Männer schütteln sich die Hand. Die etwa tausend Zuhörer in der Würzburger Kongresshalle erheben sich von ihren Plätzen. Damit ehren sie die beiden Redner, Sami Adwan und Dan Bar-On…

Depression und Familie:
„Sie haben es doch gut gemeint“
Die Wurzeln der Depression liegen in der Kindheit. Hier werden die Verhaltensmuster vorbereitet, die sich später bei Erwachsenen hinter depressiven Zuständen verbergen…

Berliner Lektionen zu den Spätfolgen der Schoah:
Das Schweigen brechen

Die „Berliner Lektionen zu den Spätfolgen der Schoah“ sind schwerpunktmäßig in vier Teile unterteilt…