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Child-Surviver: Überleben als Kind

Den Krieg als Kind überlebt zu haben scheint eine fundamental andere Erfahrung zu sein als ihn als Erwachsener zu überleben. Kinder sind im Gegensatz zu Erwachsenen gleichzeitig verwundbarer als auch anpassungsfähiger. Sie erlebten die Schrecken des Krieges in vielen Etappen ihrer kognitiven, emotionalen und persönlichen Entwicklung und erlitten während der vielen Jahre prägende Erfahrungen…

Von Natan Kellermann, AMCHA, übersetzt von Anna Jaitner. Quelle: Kellermann, Natan P.F. (2001). The Long-term Psychological Effects and Treatment of Holocaust Trauma. Journal of Loss and Trauma. 6:197-218.

Zusätzlich eigneten sie sich eine große Zahl unterschiedlicher und aussergewöhnlicher Überlebensstrategien an, um mit extremer Deprivation und Traumatisierung fertigzuwerden. Es ist daher nicht überraschend, daß ein ziemlich variierendes klinisches Bild von Holocaustüberlebenden, die zu Kriegsende jünger als sechzehn Jahre alt waren (Durst, 1995) existiert. Wie erwartet spiegelt sich solche eine frühe Traumatisierung in der gesamten Lebensspanne des „Child Survivor“ wider und viele der früheren Strategien werden während des ganzen Lebens beibehalten.

Am offensichtlichsten ist, daß sich die „Child Survivors“ fühlen, als ob sie daran gehindert wurden, eine normale Kindheit zu haben. Das führt dazu, dass es ein konstant bleibendes Streben gibt, s.p.207 welches nach (infantiler) Bedürfnisbefriedigung sucht. Auf Grund der Umstände, unter denen sie aufwuchsen, wurden sie zu „kleinen Erwachsenen“, mit frühreifer, vorzeitiger Verantwortung. Ein weiblicher „Child Survivor“ berichtete:

„Ich hatte keine richtige Kindheit. Als Kind musste ich wie eine Erwachsene sein. Es war gefährlich, ein Kind zu sein. Ich musste das Kind in mir verstecken und so tun, als ob ich jemand anderes wäre. Deswegen sehnt sich das Kind in mir immernoch nach Anerkennung und Unterstützung. Menschen finden es jedoch komisch eine alte Frau zu treffen, die in Wirklichkeit nur ein Kind ist und ich bin vorsichtig damit, mein Geheimnis zu enthüllen. Wenn ich aber mit Kindern zusammen bin, fühlen sie es direkt.“

„Child Survivors“ sind heute (2001) zwischen 55 und 70 Jahren alt, abhängig von ihrem Alter am Ende des Krieges. Es wäre vielleicht richtiger, diese Population in drei Subgruppen zu unterteilen:

  • 1. Säuglinge oder Kinder, die nicht älter als 6 Jahre alt waren
  • 2. „Child Survivors“, die zwischen zwölf und sechzehn Jahren alt waren und
  • 3. Jugendliche, die am Ende des Krieges zwischen zwölf und achtzehn waren.

Offensichtlich macht das Alter einen großen Unterschied bzgl. der Entwicklungsphase aus, in der das Trauma stattgefunden hat, wie z.B. bzgl. der bereits erworbenen kognitiven Fähigkeit zu verstehen, was vor sich geht, oder der Fixationen, die in bestimmten Etappen des Erwerbs von Vertrauen und Mißtrauen, Autonomie und Zweifel, Schuld und Identität auftraten. Anscheinend sind die Umstäde umso traumatischer und das Einwirken der Kriegserlebnisse um so schädigender, je jünger der/die Überlebende war. Im Folgenden werden einige der Probleme angeführt und erläutert, mit denen „Child Survivors“ zu kämpfen haben:

  • a. erlernte Hilflosigkeit;
  • b. Verlassensein und Isolation;
  • c. unterbrochene Trauer um Verlusterlebnisse;
  • d. Identitätsprobleme;
  • e. Gedächtnisverluste und
  • f. primitive Verteidigungsstrategien s.p. 208

Dadurch, dass die „Child Survivors“ sehr früh in ihrem Leben lernten, dass ihr Schicksal durch äußere Kräfte gesteuert wird, über die sie keine Kontrolle haben, entstand ein starkes Gefühl von erlernter Hilflosigkeit und Opfer-Gefühlen, indem sie sich als in der Gewalt von Anderen empfinden. Zusätzlich wird der Mangel an Sicherheit, Vorhersagbarkeit und Vertrauen gepaart mit überwältigender Angst, Machtlosigkeit und Verlust an Kontrolle zu einer permanenten Lernerfahrung, die ihr Gefühl von Unabhängigkeit und Autonomie beeinträchtigt.
Des weiteren gibt es ein innewohnendes Gefühl von Verlassensein, existentieller Einsamkeit oder einer vagen Empfindung von Nichtgewolltsein, was zur Folge hat, dass manche „Child Survivors“ ständig meinen, ihren Wert beweisen zu müssen. Nach all den Jahren fühlen sie sich immer noch danach, sich verstecken zu müssen und empfinden eine starke Isolation von Anderen und sich selber. Das verstärkt die selbstauferlegte Stille und die Unterdrückung ihren Innenlebens, bis sie spüren, dass die Außenwelt sie so akzeptiert, wie sie wirklich sind. Miteinander in Konflikt tretende Gefühle wie Schuld, die Eltern und Geschwister zurückgelassen zu haben werden vermischt mit Wut darauf, nicht richtig beschützt worden zu sein.

Die zahlreichen und frühen Verluste von Eltern und Kindern verfolgen die „Child Survivors“ ihr ganzes Leben hindurch. Kinder wurden auf vielen verschiedenen und schmerzhaften Wegen von ihren Eltern und Geschwistern getrennt. Sie wurden an Pflegeeltern oder Klöster übergeben und in falsche Namen umbenannt. Sie wurden aus Zügen geworfen oder auf Dachböden, in Kellern oder Wäldern zurückgelassen und versteckt. Sie wurden in Züge gesteckt und in weit entfernte Länder gebracht, oder sie wurden auf brutale Weise von ihren Eltern in Konzentrationslagern getrennt. Selten war es möglich gewesen, auf Wiedersehen zu sagen.

Für viele „Child Survivors“ bleibt der unterbrochene Kummer mit einer häufigen und langanhaltenden Tendenz, die überwältigenden Verluste zu leugnen ein lebenslanger Kampf. Daraus resultiert, dass normale Trennungen im Laufe des Lebens auch weiterhin als sehr belastend empfunden werden, wodurch zwischenmenschliche Beziehungen immer an der Oberfläche gehalten werden.

Häufig treten bei den „Child Surivors“, die dazu gezwungen wurden, während des Krieges eine andere Identität anzunehmen, Identitätsprobleme auf. Während einer entscheidenden Phase ihrer Jugend wurden solche Kinder einer radikal anderen Sozialisation ausgesetzt, die in jedem Fall zu Identitätsverwirrungen, im schlimmsten Fall zu einer vollständigen Unterdrückung ihres früheren Selbst führen kann. In einigen der neueren Fällen wird es für viele Jugendliche nach dem Krieg schwierig, zu ihren eigentlichen Familien zurückzukehren und ihre ursprünglichen Namen wieder anzunehmen.

Der Verlust von Erinnerungen hinterlässt eine Leere in der inneren Welt der jugendlichen „Child Survivors“. Die Abstinenz jeglicher Kindheitserinnerungen führt zu einem Bruch in dem natürlichen Lauf einer Lebenserzählung.

Minderjährige „Child Survivors“ suchen also weiterhin mit Inbrunst nach etwas in sich selbst oder außerhalb von ihnen, was Spuren der Vergangenheit und ihrer Eltern zurückbringen kann. Sie suchen nach nichtsprachlichen Zeichen, wie z.B. bekannte Gerüche, ein Geräusch oder ein Bild, dass ein paar Fragmente des Hauses der Mutter, des Vaters oder des eigenen heraufbeschwört, um etwas ihrer verlorenen Kindheit wiederzuerleben und zu spüren. Ein „Child Survivor“, der von seinen Eltern getrennt wurde und von welchen er in seinen ersten fünf Lebensjahren keine Erinnerungen hat, erinnert nur eine einzige Sache seiner Kindheit: das Laufen im Matsch umgeben von Soldaten. Jemand hielt seine Hand, ohne zu wissen, wer dieser jemand war. Er erinnert nur, dass er fallen musste und dass jemand ihm hilft. Nach mehr als 50 Jahren fühlt sich der“Child Survivor“ noch immer als ob er tief im Schlamm liefe und nach Hilfe suche, dass jemand seine Hand hielte, um ihm den Weg zu weisen.

Ein Ergebnis des überwältigenden Schmerzes, der Machtlosigkeit und Isolation ist die häufigste Entwicklung von primitiven Abwehrmechanismen unter den „Child Survivors“, um emotional überleben zu können. Solche Verteidigungsmechanismen dienten, um sich nicht zu verraten s.p. 209, sowie darum, keine Gefühle zu zeigen, denn „Kinder die weinten, starben.“ Wenn aber die Wahrnehmung der Realität zu bedrohlich und überwältigend wurde, hinterließ dies „sprachloses Entsetzen“,… hinter den Worten. Somit wurden Gefühle häufig dissoziiert oder vollständig vergessen. Im Erwachsenenalter manifestiert sich dies manchmal in einer Form emotionaler Abkapselung, psychischer Taubheit und totaler Amnesie. Weniger dramatische Überlebensstrategien, die auch noch im Erwachsenenalter auftreten können, ist der Drang nach „Nichtgesehen werden wollen“, Nichtauffallen, leise, folgsam und brav zu sein. Ein 13-jähriges Mädchen sitzt nach einem Progrom, bei dem ihr Vater verhaftet und bei der Polizei geschlagen wurde, auf einer Fensterbank, offenbar unbeeinflusst von der Außenwelt. Sie liest ein Buch und lässt ihre überwältigenden Emotionen eingeschlossen, als wäre sie nicht da. Die emotionale Entwicklung hörte jedoch zu diesem Zeitpunkt auf. Sie gründete nie eine eigene Familie und es scheint als ob sie selbst jetzt noch, mit Ende sechzig, auf der Fensterbank säße um auf die Rückkehr ihres Vaters zu wartet.
Während Childsurvivors häufig zu angepasst und „funktionstüchtig“ sind, bilden diese eine Gruppe, die ein hohes Risiko für emotionale Instabilität und Qualen in sich trägt (Dasberg, 1987). Einige sind auf eine besessene Weise besorgt um ihre unantastbaren Erinnerungen an die Vergangenheit, während andere diese vollständig zu vermeiden versuchen. Wenn sie dazu aufgefordert werden, immer widerkehrende Stresssituationen zu bewältigen, tendieren sie dazu, die schmerzvollen Momente der Vergangenheit von Trennung und Verlust wiederzuempfinden und an temporären Dysfunktionen im Verhalten und steigender Angst und Depressionen zu leiden.

Das klinische Bild von Childsurvivors des Holocaust scheint in vielen Bereichen den oben erwähnten PTSD Charakteristika zu ähneln, welches eine Reihe von traumatischen Erlebnissen über eine lange Zeitspanne miteinbezieht. Typischerweise manifesteieren sich viele verschiedene Persönlichkeitsstörungen durch Verhaltenshemmungen in frühen Jahren des Lebens, indem die Struktur der Erwachsenenpersönlichkeit von unerfüllten Bedürfnissen des traumatisierten Kindes dominiert wird. So ist Mißtrauen in Beziehungen ein häufig hinzukommender emotionaler Bestandteil.

Behandlung von Childsurvivors

Solche emotionale Charakteristika machen die Behandling von Erwachsenen, die als Kinder traumatisiert wurden, zu einer heiklen Angelegenheit. Über den offensichtlichen Focus auf unterstützende Therapie hinaus gibt es große Unterschiede sowohl im Ansatz als auch in der Dauer auf die eine solche therapeutischen Strategie angelegt wird. Für den Anfang werden zögernden Klienten zu kurzen Sitzungen eingeladen, um eine Umgebung zu schaffen, in der ein Erinnerungsprozess, Problemlösen und Symptomlinderung autreten kann. Das Ziel einer solchen Sitzung besteht darin, den Klienten in ein emotionales Gleichgewicht zu bringen und adäquates functioning so schnell wie möglich zu erreichen.

Zu diesem Zweck werden existierende Schutzmaßnahmen und Bewältigungsmechanismen in einem Rahmen von positivem Denken und kognititvem refraiming gestärkt. Außerdem werden die Klienten dazu ermutigt, Stressquellen in der Gegenwart ausfindig zu machen, die physische Reaktion auf solchen Stress zu beobachten und Wege zu finden, um die überwältigenden Gefühle zu kontrollieren. Zu diesem Zweck können Entspannungstraining, Meditation, Traumreisen, Desensibilisierungsprozeduren und ähnliche Techniken angewand werden. Da häufig emotional schmerzhaft besetztes Material nicht mit Worten zu beschrieben möglich ist…, bieten sich s.p. 210 expressive Therapien, wie Kunst, kreatives Schreiben, Musik und/oder Bewegungstherapie an. Gruppeninteraktionen und gemeinsames Teilhaben kann fördernde Ressourcen liefern, um mit dem Druck im Leben fertig zu werden.

Während der Zweck solch einer einleitenden Sitzung aus einer Linderung von Symptomen und/oder Lösung von gleichzeitig auftretenden familiären Problemen besteht, muss die Behandlung von Childsurvivors zu guter Letzt auch den Umgang mit der Erfahrung des Holocaust selbst einbeziehen. Deshalb wird eine explorative psychotherapeutische Methode vorgeschlagen, um einige unterdrückte oder dissoziierte Erinnerungen der traumatischen Kindheit durchzuarbeiten. Infolge der zweifelhaften Wirksamkeit von klassischer psychoanalytischer Therapie mit diesem Klientel basiert explorative Langzeit Psychotherapie häufig eher auf einer Art Psychology of the self, als auf den nach Innen gerichteten Focus zur Interpretation von unbewußten Konflikten. Schritt für Schritt zielt solch eien Therapie darauf ab, das Selbst zu stärken, damit es achtsamer und fähiger wird, um überwältigende Gefühle zu regulieren. Dies kann den Childsurvivors helfen, das schreckliche Ereignis von Verlassensein und gewaltsamen Trennungen von ihren engen Verwandten letztendlich zu bearbeiten.

Der Prozess der Vorwärts- und Rückwärtsbewegung zwischen Kummer/Traurigkeit und Zorn/Amgst steht im Mittelpunkt von Traumata (Shoshan, 1989, p. 193). Bis zu diesem Zeitpunkt, wo solche Erinnerungen an die Oberfläche gebracht werden… s.p. 211

Aus diesem Grunde sollten traumatische Erlebnisse innerhalb einer haltgebenden vertrauensvollen Umgebung langsam aufarbeitet werden, in welcher der Therapeut die Rolle einer guten Elternfigur einnimmt, die den Klienten beschützt, beruhigt und ermutigt. Durch stellvertretende Identifikation mit der elterlichen Seite des Therapeuten ist der Childsurvivor mit einer Art „korrektiver emotionaler Erfahrung“ versorgt, in welcher er/sie neue Kraft schöpfen kann, um mit Verlusten umzugehen. Außderdem kann solch eine Erfahrung ihm oder ihr zusätzlich neue Persektiven im Leben und neue Identifikationsmöglichkeiten bereitstellen.

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