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Beiträge zur Sexualforschung: Sex, Lügen und Internet

Sexualität ist ein bedeutsamer Topos im Internet. In diesem Buch werden die im World Wide Web neu konstruierten Räume und gelebten Neosexualitäten dargestellt und analysiert. Auf die Sexualität fokussiert, geht es dabei um das Spannungsfeld zwischen Virtualität und Realität…

Sexualwissenschaftliche und psychotherapeutische Perspektiven
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Was machen Mädchen und Jungen, Frauen und Männer im und mit dem Internet, was macht das Internet mit ihnen? Nutzen sexuelle Erfahrungen im Netz nur ein neues Kommunikationsmedium oder entfalten die virtuellen Möglichkeiten eine Eigendynamik und verändern die realen sexuellen Verhältnisse? Ist die virtuelle Erfahrung mit Sex im Internet eine Möglichkeit der Orientierung im Sinne des Probehandelns oder schränkt sie individuelle Fantasieräume ein und oktroyiert den Subjekten Vorlagen auf, von denen sie dann abhängig werden? Oder bricht gar die Konfrontation mit Sex im Internet auch notwendige Tabus auf, verwischt die Grenze zwischen Fantasie und Realität und führt zu mehr sexuellen Gewalthandlungen? Wie real ist das im Netz Erlebte, wie wirklich die virtuelle Realität? Ist die in und mittels neuer Medien gelebte Sexualität Realität und/oder Fantasieprodukt? Welche Folgen zeitigt die Möglichkeit, in beliebigen (Geschlechts-)Rollen und (sexuellen) Identitäten miteinander zu verkehren? Oder ist das Netz nur ein riesiger Warenkatalog, für den mehr denn je das alte »sex sells« gilt?

Helmut Leiblein, Sophinette Becker und Margret Hauch *

In dem vorliegenden Band (Sex, Lügen und Internet) werden diese Fragen in ihren verschiedenen Facetten empirisch und theoretisch beleuchtet und kontrovers diskutiert – aus psychotherapeutischer, psychoanalytischer, pädagogischer und soziologischer Perspektive und mit dem gemeinsamen sexualwissenschaftlichen Bezug.

Der Band entstand aus der 4. Klinischen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung im Mai 2008 in Münster. Das Thema der Tagung – »Sex, Lügen und Internet. Neue Medien@psychotherapeutische Praxis« – hatten die VeranstalterInnen zum einen gewählt, weil »Sex im Internet« zunehmend eine Rolle in der psychotherapeutischen Praxis spielt und (nicht nur ältere) PsychotherapeutInnen oft ratlos sind, wie sie damit umgehen und solche Erlebnisse bewerten sollen; zum anderen, weil der verbreiteten Besorgnis über die Auswirkungen des Internets auf die Sexualität oft nur vage Vorstellungen davon, was derzeit in Sachen Sex konkret »im Netz abgeht«, zugrunde liegen. Risiken und Chancen des Internets sollten auf der Suche nach einer Perspektive jenseits von Alarmismus und Verharmlosung ausgelotet werden.

Dieser Spannungsbogen zwischen Alarmismus und Verharmlosung war auf der Tagung atmosphärisch deutlich zu spüren in einer immer wieder zwischen Sorge und Neugier, Faszination und Angst vor Verharmlosung hin- und herpendelnden Bewegung. Die Beiträge fundieren und akzentuieren die konträren Momente dieser Bewegung.

Reinhold Munding führt in das Thema »Sexualität im Internet« ein und veranschaulicht Tücken, Gefahren und Versuchungen, denen Menschen im Internet ausgesetzt sind oder denen sie sich zum Teil gewollt aussetzen – von Chatrooms bis zur Kinderpornografie. Mit Chatprotokollen und Fallberichten vermittelt er ein Grundwissen darüber, was die KlientInnen umtreibt und was sie »virtuell treiben«.

Martin Dannecker verdeutlicht die Attraktivität der internetgestützten Sexualität, die er vor allem darin sieht, dass die genuine Konflikthaftigkeit der Sexualität (Scham- und Schuldgefühle) im virtuellen Raum sozusagen »abgechattet« wird. Er arbeitet die Unterschiede zwischen traditionellen sexuellen Face-to-Face-Kontakten und Cybersex heraus: Im Netz wird durch die fantasier- und erfahrbare Präsenz des Gegenübers ein intermediärer Raum zwischen Virtualität und Realität aufgespannt, der den Beteiligten handfeste Erfahrungen ermöglicht.

Arne Dekker beschäftigt sich mit »Raumkonstruktionen beim Cybersex « und stellt sowohl die hergebrachte Unterscheidung von »virtuell« und »real« als auch die scheinbare Körperlosigkeit virtueller Räume in Frage. An zwei Fallbeispielen entwickelt er seine Unterscheidung zwischen »utopischen« und »heterotopischen« Räumen beim Cybersex: Obgleich an beiden »virtuell« partizipiert wird, implizieren die einen eine fiktionale Platzierung des Körpers an semiotischen Orten, während die anderen eine realweltliche Platzierung an materiellen Orten privilegieren.

Sonja Düring beschreibt die »Verführungen im Netz«, denen sie bei ihren PatientInnen begegnet, und erklärt sie damit, dass das Internet gleichsam wie ein therapeutischer Raum funktioniere: Mittels der Interaktivität im Internet würden sexualisierte Sehnsüchte, Ängste und Wünsche laufend gespiegelt; manche PatientInnen kämen über den Prozess des Weiter- und Durchklickens überhaupt erst ihren Regungen auf die Spur. So könne selbst der suchthafte Konsum von Pornografie im Internet unter Umständen zum Finden bereits angelegter, aber noch nicht bewusster sexueller Skripte beitragen.

Werner Meyer-Deters untersucht vor dem Hintergrund seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die andere Minderjährige brutal sexuell angegriffen haben, den subjektiven Zusammenhang zwischen deren Übergriffen und dem Konsum von Pornografie im Internet – mit dem Fazit, dass dieser bei Kindern und Jugendlichen nicht zwangsläufig zu sexueller Gewalt führt, aber führen kann, wenn andere begünstigende Faktoren hinzukommen.

Gabriele Teckentrup befasst sich mit der Bedeutung von »Daily Soaps« als Begleiterinnen durch die weibliche Adoleszenz am Beispiel der Behandlung einer jungen Frau. Während grundsätzlich die Identifikation mit ProtagonistInnen der Serien im Sinne eines »Probehandelns« verstanden werden kann, stellt für ihre Patientin die »Soap« vor allem einen Rückzugs- oder Fluchtort angesichts der für sie kaum zu ertragenden Realität dar. Der Patientin fällt es schwer, Wunsch und Wirklichkeit auseinanderzuhalten, die Therapeutin fühlt sich in der Beziehung lange Zeit selbst wie in einer Soap.

Ulrike Brandenburg schildert die Brisanz »virtuellen Fremdgehens « anhand zweier Fallgeschichten: einmal aus der Perspektive einer betroffenen Partnerin, die den Pornografiekonsum ihres Mannes im Internet wie einen »realen Seitensprung« erlebt, und zum anderen aus der eines männlichen Patienten, der eine emotionale und soziale Krise durch Abtauchen in die virtuelle Sexualität zu kompensieren versucht. In beiden Fällen versteht sie das »virtuelle Fremdgehen« als Herausforderung für die jeweilige Paarbeziehung, an der diese letztlich auch wachsen könne.

Axel J. Schmidt, Michael Bochow und Stefanie Grote tragen die Ergebnisse ihrer Studie zu HIV-Risiken durch internetgestützte Sexkontakte bei und belegen die Relevanz des Internets für die Anbahnung sexueller Kontakte bei homosexuellen Männern, die die von heterosexuellen Männern bei Weitem übersteigt. Für das Risikoverhalten ist es ihrer Studie zufolge kaum von Bedeutung, ob ein sexueller Kontakt »online« oder »offline« zustande kommt, entscheidender sind andere Faktoren wie Partnerzahl und Drogengebrauch.

Gunter Schmidt kommt auf der Basis einer Überprüfung der empirischen Datenlage zu den Auswirkungen des Internet-Pornografie- Konsums von Jugendlichen auf deren Sexualität zu dem Schluss, dass die wesentliche Auswirkung eine Veralltäglichung der Pornografie ist und dass es sich bei den meisten Behauptungen über die Gefahren um »Phantasmen der Alten«, das heißt um Diskriminierung und Viktimisierung von Jugendlichen, handelt. Weitere Forschung müsse mehr die Jugendlichen als Handelnde in den Blick nehmen.

Beate Hofstadler befasst sich mit der Rezeption sexueller Szenen im »alten« Medium Film und zeigt die Aktivität der RezipientInnen auf. Am Beispiel der Rezeption der Geschlechterperformance der ProtagonistInnen des Films „Todo sobre mi madre / Alles über meine Mutter“ von Pedro Almodóvar durch zwei Gruppen von ZuschauerInnen weist sie nach, dass diese mehr von eigenen Bildern, Wertvorstellungen, Klischees, Identitäten und Fantasien gespeist ist als von der Filmvorlage – die RezipientInnen machen aus dem Film etwas Eigenes.

Aus dem Vorwort der Herausgeber
zu „Sex, Lügen und Internet“, ersch. i.d.Reihe „Beiträge zur Sexualforschung“ (PsychoSozial Verlag)
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