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Virtuelle Verhältnisse: Sexualität als Thema im Internet

Erfahrungsgemäß haben die meisten TherapeutInnen und BehandlerInnen wenig, wenn nicht gar keine Erfahrung mit Chats, Foren, sogenannten »sexsites« oder dem Downloaden pornografischer Bilder und Filme. Vor allem das Chatten stößt bei ihnen auf große Vorbehalte; sich in Chaträume zu begeben, löst Angst oder zumindest Unbehagen aus – meist auch wegen Unkenntnis der Regeln und der notwendigen Sicherheitsanforderungen. Das hohe Maß an Sexualisierung und Tabubrüchen in diesem unkontrollierbar erlebten Medium, in dem sich viele der Chatter und Chatterinnen hinter einem Synonym, einem sogenannten »Nickname«, verbergen, beunruhigt…

Reinhold Munding
p.13 Virtuelle Verhältnisse Sexualität als Thema im Internet
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In den meisten Chats und Chaträumen werden seriöse, unverfängliche Themen verhandelt. Auch die Partnersuche via Internet kann mittlerweile als zeitgemäß und angemessen angesehen werden. Diese Art des ersten Kennenlernens ist oft substanzvoller und einfallsreicher als manche Kontaktanzeigen in seriösen Tageszeitungen und sehr viel weniger anonym, weil dabei häufig durchaus glaubwürdige Informationen ausgetauscht werden und Kontaktschwierigkeiten weniger ausschlaggebend sind. Die Chats sind eine eigene Welt mit eigenen Regeln, die kommunikationsgeschulte Fachleute gerne meiden, vielleicht weil der Blickkontakt fehlt und die andere Person nicht eindeutig zu identifizieren ist.

Andererseits berichten zunehmend mehr Kolleginnen und Kollegen von KlientInnen, die problematische Erlebnisse und Erfahrungen mit Chatkontakten und Sexkontakten gemacht haben, die sie via Internet geknüpft haben. Thematisiert werden dabei zumeist Internet-Sexsucht, Kontakt zu und Konsum von Kinderpornografie oder auch sexuelle Übergriffe, wenn aus dem Chat ein realer Kontakt geworden ist.

Derzeit kommen etwa ein Drittel aller KlientInnen in meine sexualtherapeutische Praxis, weil sie mit Internet-Sexsucht, Kinderpornografie oder pädosexuellen Kontakten via Netz zu tun haben. Während bei den nicht strafbaren Internetaktivitäten ausufernder Pornografiekonsum im Vordergrund steht, überwiegen bei den Sexualdelinquenten jene, die im Rahmen groß angelegter polizeilicher Fahndungen nach Kinderpornografie ermittelt wurden. Einige kommen, weil sie Kontakte über das Internet mit dem Ziel geknüpft haben, letztendlich die Kinder der Chatpartnerin kennenzulernen.

PsychotherapeutInnen und BeraterInnen müssen sich mit den Tücken und Gefahren, aber vor allem mit den Versuchungen befassen, denen Menschen im Internet ausgesetzt sind oder denen sie sich zum Teil gewollt aussetzen. Sie brauchen zumindest ein Grundwissen darüber, was die KlientInnen umtreibt und was sie »virtuell treiben«. Die KlientInnen sprechen von sexuellen Angeboten, von sexuellen Verführungen, von der Suche nach dem sexuellen Kick, vom via Internet vermittelten Sex-Date – manches mit bösem Ende –, vom Download von Fotos und Filmen nackter Kinder.

Unsere Vorstellung vom World Wide Web (WWW) ist in erster Linie mit der nahezu unbegrenzten Möglichkeit der Informationsbeschaffung verbunden. Sie ist insofern grenzenlos, als jede Information, die irgendwann über einen Server ins Netz gestellt wurde, von jedem Endverbraucher, der über einen Internetzugang verfügt, jederzeit und an jedem Ort abrufbar ist. Zwar kann jede Information, die auf einem Server platziert wurde, wieder entfernt bzw. korrigiert werden, dies darf allerdings keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass damit die Widerrufbarkeit solcher Informationen nicht gesichert ist: Informationen aus dem Netz können kopiert und weiterverschickt werden – eine ernüchternde und erschreckende Erkenntnis, weil zum Beispiel auch die Fotos missbrauchter Kinder nie wieder zuverlässig aus dem Web entfernt werden können. Dies ist ein lebenslanger Knebel für die Opfer.

Jede und jeder weiß, dass es neben allgemeinen Informationen auch eine Fülle von sexuellen Themen und Angeboten im Netz gibt. Dieses Angebot an sexuellen Informationen beziehungsweise an Informationen zu sexuellen Themen im Internet ist überwältigend. Unter dem Suchbegriff »Sex« erlaubt die Suchmaschine »Google Deutschland« Zugriff auf ca. 45 Mio. Websites, beim Stichwort »Kinder nackt« stehen 410.000 Seiten zur Verfügung, viele davon im Graubereich der Legalität.

Spezifiziert man die Suche nach sexuellen Varianten weiter, findet man beispielsweise beim Suchbegriff »Bondage« 51.000 Treffer. Darunter sind auch sachlich-fachliche Informationen von BehandlerInnen für Klienten. So kann man sich zum Thema »Bondage und Sexualtherapie« immerhin noch auf 700 Seiten informieren.

Die Angebotspalette für pornografische Darstellungen »befriedigt« jede Neigung. Einige Beispiele: »Amateur Babes«, »Anal Sex«, »Asiatin«, »BDSM«, »Bisex«, »Große Schwänze«, »Große Titten«, »Blondinen«, »Blowjobs«, »Abspritzen«, »Schwarzhäutig«, »Dildos«, »Faustfick«, »Fußfetisch«, »Fickmaschinen«, »Gang Bang«, »Schwul«, »Hardcore«, »Einführungen«, »Latinas«, »Lesben«, »Masturbation«, »Alte«, »Nylon «, »Draußen«.

Jeder Mensch, der etwas über Sex zu erzählen oder zu zeigen hat, kann dies der Internet-Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Auch ein erheblicher Teil der Sex- und Prostitutionsindustrie arbeitet inzwischen via Internet. Die Sexindustrie dominiert zweifelsohne den einschlägigen Markt im Internet. Dabei gewinnt zum Beispiel die Vermittlung sexueller Dienstleistungen im Netz – neben den traditionellen Angeboten – inzwischen eine immer größere Bedeutung. Die sexuellen Vorlieben der Freier werden gezielt bedient, die entsprechenden Angebote lokal ausgerichtet und von Besuchern dieser Seiten in speziellen Foren kommentiert, zensiert und empfohlen. Die Tipps erfahrener Freier befördern den Sextourismus, ein Trip an die tschechische Grenze oder nach Flensburg erscheint dann »lohnenswert«.

Neben zahllosen privaten und kostenlosen Sexseiten bieten natürlich auch unzählige kommerzielle und hochprofessionelle Anbieter von Pornografie ihre Materialien an. Die Summen, die mit Internet-Pornografie weltweit umgesetzt werden, haben die Zig-Milliarden-Grenze längst überschritten. Dabei sind den sexuellen Praktiken in Foto- und Videoform keine Grenzen gesetzt. Das Bedienen sexueller Vorlieben und Praktiken – sei es real oder virtuell – hat aber seinen Preis. Meist muss man dazu ein Zugangspasswort erwerben – selbstverständlich gegen Gebühr. Man gibt also Konto- oder Kreditkartendaten an und erteilt damit eine Einzugsermächtigung, erhält dann Stunden oder Tage später seinen Zugangscode und kann damit – wie vertraglich vereinbart – über Tage, Wochen oder Monate zum Beispiel alle Filme des Anbieters unbegrenzt aus dem Netz auf den Rechner laden.

Bsp.: R. ist 39 Jahre alt und seit zwei Jahren in einer festen Partnerschaft. Er kommt alleine in die Praxis, weil er »internetsüchtig« ist, wie er sagt. Seine Freundin hatte ihn nachts vor dem PC sitzend vorgefunden.
Er hatte pornografische Fotos von jungen Frauen geöffnet und betrachtet. Für sie brach eine Welt zusammen und sie machte die Fortsetzung der Beziehung von der Aufnahme einer Sexualtherapie abhängig.
Aus Scham, seine Krankenkasse könne etwas von seiner Sucht erfahren, bezahlt er die Therapie selbst. Während des Erstgespräches kommt zutage, dass seine Internetsucht dazu geführt hatte, dass er auch während seiner Arbeitszeit im Büro einen erheblichen Teil seiner Zeit unerlaubt im Internet surfte und eine fristlose Kündigung riskierte.

Sophinette Becker, Margret Hauch, Helmut Leiblein (Hg.)
Sex, Lügen und Internet
Reihe »Beiträge zur Sexualforschung«
Gesellschaft für Sexualforschung, herausgegeben von Martin Dannecker, Gunter Schmidt und Volkmar Sigusch.
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