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Zweiter Weltkrieg: Noch immer ein Trauma

Der Zweite Weltkrieg wirkt in den Köpfen der heute älteren Generation noch immer nach. Bei bis zu zwölf Prozent der über 60-jährigen Deutschen gibt es Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), haben Forscher aus Leipzig, Greifswald und Zürich festgestellt. „Besonders die Kindergeneration des Krieges ist schwer traumatisiert…

Generation 60 Plus: Jeder Achte kämpft mit Flashbacks und Ängsten

pte – Immer deutlicher zeigt die Forschung, dass jeder Krieg noch viele Jahrzehnte lang nachwirkt“, so Studienautor Philipp Kuwert im pressetext-Interview. Jeder zweite Senior berichtet über mindestens ein traumatisches Ereignis, das vorwiegend aus Kriegszeiten stammt und etwa Bombenangriffe, Vergewaltigung, Vertreibung, Verlust von Angehörigen oder Inhaftierung betrifft.

Noch immer verfolgt

Welche Folgen diese Erfahrungen haben, erfassten die Forscher bei 8.000 Menschen verschiedenen Alters. Bei bis zu vier Prozent der Älteren konnte eine PTBS festgestellt werden, bei bis zu 12,2 Prozent zumindest Symptome dafür. Zum Vergleich: Bei den 30- bis 59-Jährigen lag dieser Anteil bei höchstens 2,7 bzw. vier Prozent.

Ein Komplex von Beschwerden ist mit der Diagnose PTBS verbunden, erklärt Kuwert. „Dazu gehören Flashbacks, also zwanghafte Angst- und Schreckensbilder und Albträume. Betroffene sind schreckhafter und vielfach unfähig, Emotionen in ihrer vollen Bandbreite wahrzunehmen, was die Kontaktfähigkeit erschwert.“ Häufig werden Gedanken, Orte und Aktivitäten gemieden, die mit dem Erlebten verbunden sind. Traumata erhöhen jedoch auch das Risiko für körperliche Krankheiten deutlich, weshalb die heute Älteren für den Greifswalder Forscher ohnehin „die eher Gesunden ihrer Generation“ sind.

Gleiches Erbe aller Kriege

Auch die Folgen der Jahre nach de Krieg haben die Forscher untersucht. Welche Wirkungen diese etwa auf Österreich hatten, stellt Kuwert in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift „Trauma und Gewalt“ dar. „Die Hypothese, dass es in der ehemals russischen Besatzungszone am meisten Traumatisierung gab, hat sich bestätigt.“

Obwohl die Wissenschaftler vor allem alte Menschen untersuchten, sind viele Ergebnisse auch auf Betroffene heutiger Kriege übertragbar. „Aktuelle Forschungen wie etwa im Sudan zeigen ebenfalls, dass Posttraumatische Belastungsstörungen umso häufiger auftreten, je mehr extreme Traumatisierungen es gab. Bei bestimmten Schweregrad erkranken auch die, die am besten davor geschützt sind“, so Kuwert. Lernen aus der Geschichte sei jedoch durchaus möglich. „Vergewaltigungsopfer hatten lange mit einem Tabu zu kämpfen. Jetzt erkennt man, dass ihre gesellschaftliche Anerkennung als Traumaopfer protektive Wirkung hat.“

Schreibtherapie hilft

Trotz des großen zeitlichen Abstandes bringen Therapien auch heute noch Verbesserungen, zeigen die Erfahrungen von Lebenstagebuch http://lebenstagebuch.de , einer Internet-Schreibtherapie für die Weltkriegs-Kinder. „Bei den Teilnehmenden findet der Ansatz trotz Internet viel Zuspruch. Die Belastung der PTBS sinkt, die Ängste werden weniger und die Lebensqualität steigt. Zudem erlaubt die Therapie, die eigene Biographie nochmals aufzuschreiben und auf Wunsch weiterzugeben. Denn sie enthält nicht nur Traumatisierung, sondern auch die schönen Seiten des Lebens“, so Kuwert. Bis Herbst ist die kostenlose Teilnahme an dem Online-Programm noch möglich.

1 comment to Zweiter Weltkrieg: Noch immer ein Trauma

  • efem

    Ein bisschen spät, die Initiative.
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    Andererseits hat es das so oder ähnlich seit Beginn der Menschwerdung vor ca. 2 1/2 Millionen Jahren oder auch Adam und Eva schon immer gegeben und kaum eine Generation dürfte seitdem davon verschont geblieben sein, außer nun endlich mal seit 66 Jahren – mit Abstrichen – in Europa, den USA, Australien usw. – überwiegend in den Ländern „des Weißen Mannes“.
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    Deshalb ist eigentlich  davon auszugehen, dass der Mensch vermutlich genetisch bedingt genügend Potential hat, damit fertig zu werden. Lebewesen, die ständig verfolgt werden, scheinen ja wohl auch damit klar zu kommen.
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    Denen, die es nicht schaffen, sollte geholfen werden. 
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    Aber! Das könnte dazu führen, so befürchte ich, dass die verhängnisvolle Verstrickung gerade des deutschen und österreichischen Volkes in die ja sozusagen selbstgemachten URSACHEN von PTBS und deren allmähliches, oft bis zum vollen Begreifen  Jahrzehnte dauernden Eingeständnisses (außer bei Unbelehrbaren)  wieder verdrängt wird.   
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    Es muss bedacht werden.
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    Zwar sind die damaligen Kinder schon als Opfer zu sehen, aber anders als die der damals zur Zeit der 12 Jahre Verfolgten.
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    Sie haben mit Beidem fertig zu werden: mit dem Wissen um die Schuld ihrer Eltern und dann mit der eigenen Rolle vor und nach dem Ende des II. Weltkriegs – von Säuglingen bis zu Jugendlichen.
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    Kein Wunder, dass die Antikriegsbewegungen und Verwandtes in den vergangenen Jahrzehnten großen Zulauf hatten. Wer sich da engagierte, sollte eigentlich damit genau das bewerkstelligt haben, was jetzt als „Behandlung“ im Rahmen der Studie angeboten wird.
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    Beispielhaft etwa für den Beginn des ganz allmählich einsetzenden Umdenkens war u.a. der Film von Bernhard Wicki „Die Brücke“ ( http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Brücke_(1959 ). 
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    Darin steht die Aussage Wickis: „Ich habe in den Jahren seit der „Brücke“ Tausende von Briefen von jungen Männern bekommen, die mir schrieben, dass sie auch aufgrund meines Films den Kriegsdienst verweigert haben. Das und die Auszeichnung der Vereinten Nationen für die Arbeit am Frieden zählt zu den wenigen Dingen in meinem Leben, auf die ich wirklich stolz bin.“

    efem