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Das Trauma transformieren: Der Körper als Heiler

In seinem Grundlagenbuch „Trauma-Heilung“ beschreibt Peter Levine die Fähigkeit des Menschen zur Transformation traumatischer Erfahrungen. Insbesondere befasst sich sein Buch mit den Schocktrauma. Hierzu stellt er sogar Übungen vor, mit deren Hilfe es vielen Betroffenen gelingen kann sich selbst zu heilen. Die geschilderten Prinzipien können aber auch auf Entwicklungstraumata angewandt werden, wobei hier in der Regel professionelle Unterstützung in Anspruch genommen werden sollte…

Der Körper ist der Strand vom Meer des Seins.
Sufi-Weisheit

In der Einleitung zu seinem Buch „Trauma-Heilung – Das Erwachen des Tigers„, beschreibt Peter Levine die einzelnen Kapitel

TEIL I: DER KÖRPER ALS HEILER

Peter LevineIm ersten Teil dieses Buches wird das Phänomen Trauma vorgestellt und erklärt, wie die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung entstehen, wie sie sich weiterentwickeln und warum sie so schwer zu beseitigen sind. Dies ermöglicht es, das auf den ersten Blick undurchdringlich wirkende Netz von Mythen über das Trauma zu zerstören und durch eine einfache, zusammenhängende Beschreibung der grundlegenden physiologischen Prozesse zu ersetzen, durch die Traumata entstehen.
Obgleich unser Intellekt unsere natürlichen Instinkte oft außer Kraft setzt, verursacht er nicht die traumatische Reaktion. Wir sind darin unseren vierbeinigen Freunden ähnlicher, als wir es vielleicht gern wahrhaben möchten.

Wenn ich von unserem „Organismus“ spreche, beziehe ich mich auf die Definition des Webster’s Dictionary, der schreibt, der Organismus sei „eine komplexe Struktur voneinander abhängiger und einander untergeordneter Elemente, deren Beziehungen und Eigenschaften weitgehend durch ihre Funktion im Rahmen des Ganzen bestimmt wird“. Der Begriff „Organismus“ ist eine Bezeichnung für unsere Ganzheit, die sich nicht aus der Summe ihrer Einzelteile herleiten läßt, z.B. den Knochen, chemischen Grundstoffen, Muskeln, Organen. Die Ganzheit ergibt sich vielmehr aus der dynamischen, komplexen Wechselbeziehung der einzelnen Elemente. Körper und Geist, primitive Instinkte, Emotionen, Intellekt und Spiritualität, alle diese Faktoren müssen bei der Untersuchung des Organismus einbezogen werden.

Das Werkzeug, mit dessen Hilfe wir uns als Organismus erfahren können, ist das „ganzheitliche innere Empfinden“ (felt sense). Mit seiner Hilfe können wir die Gesamtheit aller Empfindungen und allen Wissens über uns selbst erleben. Wenn Sie dieses Buch lesen und einige der darin beschriebenen Übungen ausführen, werden Sie neu eingeführte Begriffe wie den des ganzheitlichen inneren Empfindens besser verstehen.

Das Trauma und der Prozeß, durch den man es heilen kann, wird als ein Naturphänomen beschrieben. Dabei wird auf das uns allen angeborene Wissen über das Heilen Bezug genommen. Wir werden einigen der primitivsten biologischen Reaktionen begegnen.
Nach dem ersten Teil des Buches werden Sie besser verstehen, wie Ihr Organismus funktioniert und wie Sie ihn auf eine Weise nutzen können, die Ihrer Vitalität, Ihrem Wohlbefinden und Ihrer Lebensfreude zugute kommt, ganz gleich, ob Sie unter Traumasymptomen leiden oder nicht.

In diesem ersten Teil beschreibe ich zudem Übungen, die Ihnen helfen werden, das ganzheitliche innere Empfinden kennenzulernen. Diese Übungen sind überaus wichtig. Im Grunde kann nur mit ihrer Hilfe vermittelt werden, wie dieser faszinierende Aspekt des menschlichen Seins beschaffen ist. Der Eintritt in das Reich des ganzheitlichen inneren Empfindens ist für viele Menschen so, als würden sie ein fremdartiges neues Land betreten – ein Land, das sie oft besucht haben, ohne daß sie sich die Szenerie dort jemals genauer angeschaut hätten.
Beim Lesen und Erleben dieses ersten Teils werden Sie feststellen, daß Ihnen einiges, was Ihnen darin über die Funktionsweise Ihres Körpers gesagt wird, seit langem bekannt ist.

TEIL II: TRAUMASYMPTOME

Hier werden die zentralen Elemente einer traumatischen Reaktion, ihre Symptome und die Realität, in der ein traumatisierter Mensch lebt, ausführlicher beschrieben.

TEIL III: TRAUMATRANSFORMATION

Hier geht es um den Prozess, durch den wir die persönlichen wie die gesellschaftlichen Traumata transformieren können.

TEIL IV: ERSTE HILFE BEI TRAUMATA

In diesem praktischen Teil wird detailliert erläutert, wie nach einem Unfall die Entstehung eines Traumas verhindert werden kann. Außerdem enthält dieser Teil eine kurze Abhandlung über Kindheitstraumata, ein Thema mit dem sich auch ein eigener Band befasst.

Die in diesem Buch vermittelten Informationen helfen uns, den Prozeß der Traumaheilung zu verstehen und das Gefühl zu entwickeln, daß wir uns auf unseren Organismus verlassen können. Außerdem bin ich der Meinung, daß diese Information nicht nur auf der persönlichen, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene von Bedeutung ist.

Ereignisse, die durch ihre gewaltigen Dimensionen ganze Völker oder sogar die gesamte Welt beeinflussen, fordern von Familien, gewachsenen Lebensgemeinschaften und ganzen Bevölkerungen ihren Tribut.
Traumata können sich selbst perpetuieren.
Aus ihnen entstehen immer neue Traumata, ein Prozeß, der nie endet und der sich über die Generationen hinweg in Familien, Gemeinschaften und Ländern fortsetzt, bis wir etwas unternehmen, um diese unerwünschte Entwicklung zum Stillstand zu bringen.

Transformationsmethoden für Gruppen befinden sich noch in den Anfängen. In Teil III dieses Buches habe ich einen Ansatz für die Traumaheilung in Gruppen beschrieben, den ich zusammen mit einigen Kollegen in Norwegen entwickle.

Weil ich einzelnen, die therapeutisch arbeiten wollen, oft die Hilfe ausgebildeter Fachleute empfehle, hoffe ich, daß das vorliegende Buch auch für die Fachwelt von Nutzen ist. Nur wenige Psychologen verfügen über ausreichendes Grundlagenwissen auf dem Gebiet der Physiologie, um jene Störungen erkennen und in ihrem Wesen verstehen zu können, die durch Behinderungen des natürlichen Verlaufs physiologischer Prozesse entstehen.

Im Ideallall könnte der Inhalt dieses Buchs einen neuen Weg der Traumabehandlung weisen. Nach meinen Erfahrungen in der therapeutischen Praxis verschaffen viele populäre Ansätze zur Traumaheilung bestenfalls zeitweilige Erleichterung. Einige kathartische Methoden, die das intensive emotionale Wiedererleben von Traumata befürworten, können sogar schädlich sein. Meiner Meinung nach erzeugen sie auf längere Sicht Abhängigkeit von einer ständigen Wiederholung der Katharsis und begünstigen das Auftauchen sogenannter „falscher Erinnerungen“. Das Wesen des Traumas macht es sogar wahrscheinlich, daß das kathartische Wiedererleben einer solchen Erfahrung eher zu einer erneuten Traumatisierung als zu einer Heilung führt.

Schocktrauma / Entwicklungstrauma

Die Psychotherapie befaßt sich mit einem breiten Spektrum von Themen und Problemen, die weit über die spezifische Thematik dieses Buches, die des Schocktraumas, hinausgehen. Schocktraumata entstehen, wenn wir lebensbedrohliche Situationen erleben, in denen unsere Fähigkeit, adäquat und effektiv zu reagieren, verlorengeht.

Im Gegensatz dazu können Menschen, die durch Mißbrauch, sei es permanente Mißhandlung oder Vernachlässigung in ihrer Kindheit traumatisiert worden sind – insbesondere wenn sie diese Erfahrungen im Kontext ihrer Ursprungsfamilie gemacht haben – unter einem „Entwicklungstrauma“ (developmental trauma) leiden. Bei einem Entwicklungstrauma geht es in erster Linie um psychologische Probleme, die infolge inadäquater Förderung während wichtiger Entwicklungsperioden in der Kindheit entstanden sind. Obgleich die Dynamik, durch die diese Traumata entstehen, eine andere ist, können durch Grausamkeit und Vernachlässigung Symptome entstehen, die denen des Schocktraumas ähneln und oft auch damit verflochten sind. Menschen, die unter einem Entwicklungstrauma leiden, sollten deshalb gemeinsam mit einem Therapeuten ihre Probleme durcharbeiten.

Wenn ein Schocktrauma infolge eines einzelnen Ereignisses oder einer Serie von Ereignissen entstanden ist und keine vorherigen traumatischen Erlebnisse festzustellen sind, haben die Betreffenden meiner Meinung nach gute Chancen, sich in Zusammenarbeit mit ihrer Familie und ihren Freunden selbst zu heilen, und ich möchte diese Möglichkeit an dieser Stelle sehr empfehlen. Ich habe versucht, das vorliegende Buch in einer möglichst allgemeinverständlichen Sprache zu schreiben. Für Eltern, Lehrer und Kindererzieher kann dieses Buch von unschätzbarem Wert sein, wenn sie bei traumatischen Ereignissen sofort Maßnahmen ergreifen müssen. Auch Ärzten, Krankenpflegern, Heilpraktikern, Polizisten, Feuerwehrleuten, Rettungshelfern und anderen, die regelmäßig mit den Opfern von Unfällen und Naturkatastrophen zu tun haben, könnte dieses Buch eine große Hilfe sein, und zwar nicht nur bei ihrem Umgang mit Traumatisierten, sondern auch für sie selbst. Das Miterleben von Situationen, in denen andere Menschen schreckliche Verletzungen erleiden – und insbesondere das berufsbedingte regelmäßige Erleben solcher Situationen – ist für die Betroffenen äußerst belastend und hat oft eine ebenso traumatisierende Wirkung wie die Erfahrung am eigenen Leibe.

Über die Nutzung dieses Buches

Lassen Sie sich genügend Zeit, das, was Sie in diesem Buch lesen, wirklich aufzunehmen. Und probieren Sie auch die im Laufe des Textes angegebenen Übungen aus. Gehen Sie ruhig und ohne Hast an die Lektüre und die Arbeit mit dem beschriebenen Material heran. Traumata sind das Resultat der stärksten Kräfte, die der menschliche Körper aufzubieten vermag. Man sollte ihnen mit Respekt begegnen. Sie werden sich zwar vermutlich keinen Schaden zufügen, wenn Sie sich oberflächlich mit dem Inhalt des Buches beschäftigen, aber Sie profitieren sicher nicht im gleichen Maße davon, als wenn Sie sich die Zeit nehmen, das Gelesene gründlich zu verdauen.

Wenn Sie irgend etwas von dem, was Sie lesen, beunruhigt, halten Sie inne, und warten Sie, bis sich Ihr Zustand wieder normalisiert hat. Bleiben Sie bei dem, was Sie erleben, und schauen Sie, was sich daraus entwickelt. Viele falsche Vorstellungen über das Trauma sind erstaunlich tief in uns verankert, und sie können die Art, wie Sie sich selbst erfahren, ebenso beeinflussen wie Ihre Einstellung sich selbst gegenüber. Dies zu erkennen ist ungeheuer wichtig. Wenn Sie einen Teil Ihrer Aufmerksamkeit auf die Reaktionen konzentrieren, die das hier präsentierte Material in Ihnen hervorruft, wird Ihr Organismus Ihnen sagen, welche Geschwindigkeit des Vorgehens für Sie richtig ist.

Nicht intensive Emotionen, sondern das körperliche Empfinden ist der Schlüssel zur Traumaheilung.
Registrieren Sie jede emotionale Reaktion, die in Ihnen aufwallt, und seien Sie sich bewußt, wie Ihr Körper diese Emotionen in Form von Empfindungen und Gedanken erlebt. Wenn Sie das Gefühl haben, daß Ihre Emotionen zu stark werden – beispielsweise starke Wutgefühle, Schrecken oder tiefe Gefühle der Hilflosigkeit -, sollten Sie sich an einen kompetenten Therapeuten wenden.

Ein Trauma braucht keine lebenslängliche Strafe zu sein. Unter all den Störungen, die den Organismus des Menschen befallen, könnte das Trauma sich letztlich als nützlich erweisen. Die Heilung eines Traumas bewirkt eine Transformation, die die Lebensqualität verbessern kann. Zur Traumaheilung sind nicht unbedingt raffinierte Medikamente, komplizierte Prozeduren oder eine lange Therapie erforderlich.

Wenn Sie verstehen, wie ein Trauma entsteht, und die Mechanismen erkennen lernen, die seine Auflösung verhindern, wird Ihnen klar werden, wie Ihr Organismus sich selbst zu heilen versucht. Durch Anwendung einiger einfacher Ideen und Techniken können Sie diese angeborene Heilungsfähigkeit unterstützen. Die in diesem Buch vorgestellten Hilfsmittel werden Ihnen ermöglichen, durch das Trauma hindurchzugehen und Ihren Weg mit einem ganzheitlichen Seinsempfinden und mit grösserer Selbstsicherheit fortzusetzen.

Zwar kann ein Trauma die Hölle auf Erden sein, doch ist ein aufgelöstes Trauma ein Geschenk der Götter – eine Heldenreise, von der wir alle profitieren.

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