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Freud lesen – heute?

Ist Freud heute noch aktuell? Haben seine Gedanken ihren allgemeinen Wert bewahrt? Und die therapeutische Methode, die aus ihnen folgt, die psychoanalytische Behandlung – welchen Platz hat sie in unserer Zeit?…

»Man versteht die Psychoanalyse immer noch am besten, wenn man ihre Entstehung und Entwicklung verfolgt.«
(Freud 1923a, GW XIII, S. 211)

Jean-Michel Quinodoz

Denen, die so fragen, antworte ich, dass die Psychoanalyse sehr lebendig ist; die »Revolution der Psychoanalyse«, von der Marthe Robert (1964) sprach, ist immer noch in Gang. Zum Beweis dafür habe ich Freud lesen als einen Zugang zu den Gedanken Freuds und zur Psychoanalyse konzipiert, der ihre Kraft und Lebendigkeit deutlich macht.

Ich habe, soweit es möglich war, Worte aus der Alltagssprache benutzt, so wie Freud es im Deutschen tat, was seinem Denken nichts von seiner Komplexität nimmt. Mir scheint es wichtig, die Texte und die Gedanken Freuds jedem zugänglich zu machen, damit die Lektüre des einen oder anderen seiner Werke uns etwas sagt und gibt, das uns persönlich berührt. Indem sie in der Tiefe unseres Seins etwas zum Klingen bringt, kann die Lektüre Freuds zum Ausgangspunkt einer Selbstbefragung werden.

So gesehen, fordert Freud uns auf, unsererseits den ganzen Parcours zu durchlaufen, dem er gefolgt ist, seit er bei seiner Selbstanalyse das Unbewusste entdeckte. Freud hat nicht eine Entdeckung gemacht, sondern im Laufe seines ganzen Lebens eine Abfolge von Entdeckungen, von denen eine die nächste nach sich zog. Die Freudschen Werke in chronologischer Reihenfolge zu lesen, ist daher nicht nur von historischem Interesse: Es handelt sich um den Bericht von einer Expedition, der uns bei unseren eigenen inneren Forschungen als Führer dienen kann, bis wir unseren eigenen Weg gefunden haben.

Am Ende dieses Werkes wird der Leser gewiss bemerkt haben, dass Freud uns ein Erbe mit riesigem Entwicklungspotential hinterlassen hat – ein Potential, das von den Beiträgen postfreudianischer Psychoanalytiker aufgegriffen und entfaltet worden ist. Dieses Potential ist noch längst nicht erschöpft – und damit stellt sich uns die Frage: Was werden wir mit diesem Erbe anfangen? Jeder Psychoanalytiker gibt darauf eine andere Antwort, und die Frage, wie wir dieses Erbe antreten, hängt von der Trauerarbeit ab, die wir angesichts des Todes von Freud leisten. Seinem Erbe treu zu sein, bedeutet für den einen, es zu bewahren, wie es ist, auf die Gefahr hin, es einzufrieren – etwa indem man, wie Danielle Quinodoz gesagt hat, »Freuds wertvolle Texte in einer Vitrine so in Sicherheit [bringt] wie das Porzellan meiner Vorfahren, das nicht spülmaschinenfest ist« ([2002] 2004, S. 208). Für andere heißt Freud treu sein, sich eines Teils des Erbes zu bemächtigen und es isoliert, zum Nachteil des Ganzen, weiterzuentwickeln – auf die Gefahr hin, die Psychoanalyse zu fragmentieren, bis es schließlich ebenso viele Richtungen der Psychoanalyse wie Psychoanalytiker gibt.

Wie kann man die Klippen, die heute auf uns lauern, mit der Zeit umgehen? Ich denke, dass die beste Art und Weise, das von Freud hinterlassene Erbe lebendig zu halten, darin liegt, es in seiner ganzen Dynamik weiterzugeben, indem man – anhand seines Vermächtnisses – in einen Dialog mit Freud eintritt. Ich hoffe, dass Freud lesen dem Leser nicht nur die Gelegenheit einer Begegnung mit Freud bieten wird, sondern auch eine Einladung darstellt, weiterzugehen und mit ihm, vermittelt über seine Originaltexte, in einen Dialog zu treten.

Freud ist nicht mehr. Und dennoch bleibt er nicht nur in seinen Schriften lebendig, sondern auch in der psychoanalytischen Praxis, die er uns überliefert hat. Die Texte Freuds zu lesen und sich einer Psychoanalyse zu unterziehen, sind zwei unterschiedliche Zugangsweisen. Aber auch die letztere ist eine Art, mit Freud in Dialog zu treten, vermittelt freilich über die Übertragungs- und Gegenübertragungsbeziehung zwischen Analysand und Analytiker. Doch das ist eine andere Geschichte …

Jean-Michel Quinodoz ist Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse und Ehrenmitglied der Britischen Psychoanalytischen Vereinigung. Nach zehn Jahren aktiver Herausgebertätigkeit für die europäische Ausgabe des »International Journal of Psychoanalysis« ist er heute verantwortlich für das Jahrbuch.

Siehe auch:
Im letzten Kapitel (p. 431 – 445) von “Freud lesen” befasst sich Quinodoz mit Freuds letztem Werk, “Der Mann Moses und die monotheistische Religion“, welches Quinodoz als ein testamentarisches Werk bezeichnet, das mehr Fragen stellt, als es löst.

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