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Licht und Schatten der Sexualität: Triebe – Freiheit – Schicksal?

Es ist erfreulich, so Prof. Uwe Hartmann und Prof. Hartmut Bosinski, dass die erste gemeinsame wissenschaftliche Jahrestagung der Akademie für Sexualmedizin (ASM) und der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie (DGSMT) in Frankfurt / M. stattfindet. Hier, am Puls der Zeit, wolle man unter dem Motto „Triebe – Freiheit – Schicksal? Licht und Schatten der Sexualität“ über verschiedene Aspekte der Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft nachdenken.

Tagung in Ffm: Sexualmedizin und Sexualtherapie

„Wir alle müssen uns wissenschaftlich wie klinisch ständig neuen Herausforderungen und Wandlungen innerhalb sowie außerhalb der Sexualmedizin stellen, um durch innovative Grundlagen- und Anwendungsforschung und Weiterentwicklung unserer Behandlungsmethoden für optimale Diagnostik, Therapien, Prävention und Rehabilitation zu sorgen“, so die Organisatoren der Jahrestagung von ASM und DGSMT.

Das Motto dieser Tagung geht der Frage nach, welche Freiheitsgrade wir in unserer Sexualität haben, wie wir diese nutzen und wodurch sie eingeschränkt oder verzerrt werden. Gibt es ein „Triebschicksal“, wodurch wird es determiniert, wie und wo schlägt es sich nieder und welche Veränderungsmöglichkeiten gibt es. Neben diesem Schwerpunkt wird es in Sitzungen zur weiblichen und männlichen Sexualität sowie zu den Wirkfaktoren von Psychotherapie und Sexualtherapie um wichtige klinische Fragen gehen.

Bei der die Öffentlichkeit zu Recht stark bewegenden Problematik sexueller Übergriffe ist die Kompetenz der Sexualmedizin ganz besonders gefragt. Dieses Thema wird deshalb im Rahmen der Tagung Gegenstand zweier Plenarveranstaltungen sein. Darüber hinaus werden aktuelle Ergebnisse aus der Forschung präsentiert und in verschiedenen praxisbezogenen Workshops diskutiert: Geschlechtsidentitätsstörungen, Sexualität und Krebs, Testosteron und Prostata, Testosteron und männliche Psyche oder auch Testosteronmangel – eine unterdiagnostizierte Volkskrankheit?, Was können wir von der Traumatherapie lernen? …

Ein besonderes Highlight markiert der Festvortrag Pablo Picasso und Ernst- Ludwig Kirchner – Hypersexualität und Pädophilie?, der sich mit sexuellen Aspekten und Bezügen in Leben und Werk dieser großen Künstler beschäftigen wird.

Kongresswebsite www.sexualmedizin-kongress.de

Weitere Themen:
Workshop zur „themenzentrierten Balintarbeit“ (H. Berberich)
Sexualität umfasst vielfältige emotionale und körperliche Zustände, Motivationen und Verhaltensweisen.  Ein Patient oder ein Patientenpaar begibt sich in erster Linie nicht in sexualmedizinische Behandlung, weil eine bestimmte Sexualstörung vorliegt, sondern weil  die Diskrepanz zwischen der gewünschten  und der real gelebten Sexualität so groß ist, dass hieraus ein Leidensdruck erwächst.
Deshalb kommt bei der Diagnostik und Behandlung von Sexualstörungen dem intuitiven Verstehen in der Arzt-Patienten-Beziehung eine große Bedeutung zu. Sie beeinflusst  maßgeblich die Qualität der diagnostischen und therapeutischen Arbeit.
Bei dieser Fähigkeit handelt es sich keineswegs um ein metaphysisches Phänomen, sie hat vielmehr ein neurobiologisches Korrelat im System der Spiegelneurone unseres Gehirns.
Auf der anderen Seite findet sich die Sexualstörung und die damit verbundene Beziehungsproblematik des Patienten oder des Patientenpaares als Widerspiegelungsphänomen in der konkreten und für den Arzt mitunter problematischen Interaktion zwischen ihm und seinem Patienten wider.   Nicht zuletzt deshalb sind Beziehungskonflikte zwischen Arzt und Patient bzw. Patientenpaar nicht völlig vermeidbar.  Sie sollten jedoch zur Reflektion veranlassen.
Eine der effektivsten Formen, solche Konflikte zu bearbeiten, ist die Balintgruppenarbeit. Ziel der Balintgruppenarbeit ist die Entwicklung einer ganzen Reihe von Fertigkeiten und Kompetenzen:

  • Offenheit für Gesprächsinhalte und die damit verbundenen Emotionen
  • Fähigkeit, zuzuhören.
  • Lernen, die durch die Schilderung des Patienten bewegten Gefühle wahrzunehmen.
  • Abbau eigener Hemmungen und Ängste beim Umgang mit psychischen und sozialen Problemen des Patienten.
  • Wahrzunehmen, wie der Arzt vom Patienten benutzt wird.
  • Emotionale Entlastung und Förderung von sozialen Ressourcen des Arztes.

Workshop zu sexueller Traumatisierung (P. Nijs)
Tiefe psychologische Wunden heilen nicht von allein, auch nicht wenn ausreichende Liebe da ist. Gerade weil sexualisierte Gewalt tief verwundet hat, ist eine Therapie notwendig, die sowohl die (traumatische) Vergangenheit als die psychosozialen und partnerschaftlichen Aspekte flexibel miteinbezieht, d.h. psychodynamische, Lern- und Verhaltenstherapie, Gestalt- und leiborientierte Therapie. Der Therapeut/ die Therapeutin soll sich mit grosser Flexibilität in dem therapeutischen Paradox bewegen: maximal annähern mit Aufrechterhaltung der Distanz. Das zentrale Thema des Verarbeitungsprozesses ist die Wiedergewinnung der Lust- und Liebesfähigkeit und damit auch das Zurückerobern des eigenen Körpers als eigene Gestalt.

Dabei bleibt medikamentöse Unterstützung oft notwendig (z.B. präpsychotische Ängste; depressive Lustlosigkeit). Manche Betroffene neigen zur Sexualisierung der Kontakte und neigen auch zur Sexualisierung (mit acting out) der therapeutischen Beziehung, auch weil sie testen, ob sie hier wohl respektiert werden (at risk für Reviktimisierung). In diesem Workshop wird demonstriert, wie der Therapeut /die Therapeutin die Chancen und Risken angemessen und kreativ zur heilsamen Entwicklung gestalten kann.

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