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Jüdische Patienten: Psychotherapie ist ein Maßanzug

Eine orthodoxe Jüdin wird mit schwersten Depressionen und Zwangsstörungen in ein Krankenhaus eingewiesen. Der Aufnahme ging ein monatelanges Martyrium in der Familie, im Berufsleben und im Freundeskreis voraus. Die Ärzte diagnostizieren einen klassischen „Nervenzusammenbruch“ und behandeln ebenso „klassisch“: viel Ruhe, Psychopharmaka, autogenes Training, schließlich die Entlassung und die Überweisung in eine ambulante psychotherapeutische Betreuung…

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Im Gespräch mit dem jüdischen Psychotherapeuten Nicolai Stern

Von Lutz Lorenz

Für den nichtjüdischen Therapeuten ist die Ursache der Erkrankung dann sehr vorschnell gefunden: die streng orthodoxe Lebensweise der Patientin, die nicht mit den alltäglichen Anforderungen einer modernen Gesellschaft einhergehen würde, seien schuld an ihrer Krankheit. „Orthodoxie als Zwangsstörung“, diagnostizierte der Mediziner – und findet sich dabei durchaus in Übereinstimmung mit Sigmund Freud, dem Vater der Psychotherapie, der jede Religiosität als Zwangsstörung ansah und auch als solche behandelt wissen wollte.

Der hier geschilderte Fall steht nicht allein. Schulbuchmediziner sind mit den Anforderungen ihrer religiösen Patienten oft überfordert, das weiß auch Nicolai Stern. Der junge Mann betreibt in der Berliner Innenstadt eine psychotherapeutische Praxis und spricht mit mir über die Besonderheiten der Betreuung jüdischer Patienten. Als ehrenamtlicher psychotherapeutischer Berater in der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wird Stern häufig mit solchen Problemfällen betraut.

Nach der Ausbildung trat Stern eine Stelle als Psychologe im „Auguste Viktoria Krankenhaus“ an und wurde zu Beginn seiner Tätigkeit mehr von muslimischen Patienten konsultiert. „Da habe ich so eine Art „positiven Antisemitismus“ erlebt“, erinnert sich Stern. Auch für Muslime war ein Mediziner, der sich ganz offen zu seiner Religion bekennt, lieber als ein Atheist: Stern trägt seinen Davidstern, für jeden sichtbar, als Kette um den Hals. Später wurde er verstärkt bei der Behandlung zugewanderter russisch-jüdischer Patienten hinzugezogen. Stern hatte zu psychologischen Aspekten der russischjüdischen Zuwanderung seine Diplomarbeit geschrieben, die sich mit der späteren Stressverarbeitung auf Grund des Zusammenfalls von Pubertät und Emigration befasst. Somit war Stern der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Seine Kollegen bemerkten schnell, wie sehr sich die Patienten bei Stern aufgehoben und zunehmend wohler fühlten, so wurde bald die Mitbehandlung der jüdischen Patienten durch Nicolai Stern fast selbstverständlich. Auch nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus wollten diese Patienten weiter von ihm betreut werden, in der Synagoge sprach sich seine Tätigkeit schnell herum.

Nicolai Stern widmete sich nun zunehmend diesem Aufgabenbereich, las sich verstärkt in die denkbaren Problematiken jüdischer Patienten ein, beschäftigt sich seitdem intensiv und auch in seiner Praxis schwerpunktmäßig mit transgenerationalen Problemen. Zu deren Lösung hat er sich explizit ausbilden lassen und kann nun vielfältige Rückschlüsse ziehen, Verständnis entwickeln und seinen Patienten Lösungswege aus ihren persönlichen Krisensituationen anbieten.

Spezielle Symptome

Ich möchte von Nicolai Stern wissen, welche besonderen Krankheitsbilder ihm in seiner Praxis vorgetragen werden. Er spricht von Depressionen, Angststörungen, etwa um den Arbeitsplatz, Mobbing. Häufig sei auch eine Mehrfachstörung zu beobachten, so Stern, etwa Depressionen plus Angst oder auch Autoaggressivität plus einer Suchtproblematik. Das alles ist für mich als Laien noch keine Besonderheit – und ich frage nach: Stern erklärt mir, dass insbesondere bei jungen Leuten emotionale frühe Störungen im Kindesalter, so genannte „Strukturstörungen“, aus der Zeitgleichheit von Heranwachsen und Emigration entstehen würden. In einer Phase, in der sich erste wirkliche soziale Kontakte entwickeln, wird der junge Mensch aus eben diesem sozialen Umfeld herausgerissen: er wechselt nicht nur die Stadt, was alleine schon die Trennung von Freunden und Familie bedeute, er wechselt zugleich die Sprache, die Kultur, nicht selten sogar das Gesellschaftssystem.

In der Aufnahmegesellschaft Deutschland angelangt, kommt dann eine weitere Spezifik hinzu: Nicht selten leben sich Heranwachsende zwar wesentlich besser in der neuen Heimat ein, sprechen schneller die Sprache und kommen mit den Anforderungen der Gesellschaft gut zurecht – doch müssten sie nun oft die Rolle ihrer Eltern übernehmen, denen genau das nicht gelinge. So werden die Jugendlichen „parentifiziert“ und müssen in einer Art „Rollentausch“ oft die Alltagsaufgaben übernehmen, die normalerweise den Eltern zufallen: Vom Behördengang bis zum Ausfüllen von Formularen oder dem Aufbau von Kontakten zu den Nachbarn. Die Eltern, nicht selten Akademiker, haben dabei ihrerseits mit einem Verlust an Identität zu kämpfen, spätestens dann, wenn sie keine Arbeit finden, die ihren Fähigkeiten und Abschlüssen entspricht. Massiver Ansehensverlust sei die Folge. So ein „Rollentausch“ führe schließlich oft zu schwer schädigenden Irritationen bei den Heranwachsenden wie den Älteren. Die Jungen merken durchaus, wie massiv die ältere Generation sich innerlich und schweigend gegen die „Führungsrolle“ ihrer Kinder auflehnt, auch wenn sie das hinnehmen müssen. Kommt dann noch manifester oder auch „nur“ gefühlter Antisemitismus hinzu, seien oft Bindungsstörungen zwischen den Generationen und das Zerstören der traditionellen Familienstrukturen die Folge.

Auch in der Generation der Senioren sind spezielle psychische Störungen zu diagnostizieren, so Stern, die er als „posttraumatische Belastungsstörungen“ bezeichnet. „Diese Menschen haben zum ersten Mal Zeit, über sich nachzudenken, ob nun über die Geschehnisse während der Schoah, die Zeit der Unterdrückung des Judentums in den sozialistischen Ländern der Nachkriegszeit oder die Erinnerungen an die immerwährenden Kriege und Bürgerkriege in Israel – je nachdem, woher sie nach Deutschland gekommen sind. Für sie wäre es wichtig ihre Geschichte erzählen zu können – doch die diesbezüglichen Blockaden sind nicht erst hier und heute ein Problem: Die Angst davor, sich zu erinnern, sich und anderen erklären zu müssen, warum Dies oder Jenes so oder so gemacht wurde, die Scham, überlebt zu haben – ob nun den Holocaust, ein Lager, wo auch immer, einen Krieg vielleicht – das alles beim Erinnern und Erzählen noch einmal vor seinem „geistigen Auge“ ablaufen lassen zu müssen, sei für viele aus der so genannten Ersten und Zweiten Generation noch immer nicht möglich, trotz der Liebe, der Geborgenheit aber eben auch wegen der ungestillten und unnachgiebigen Neugier der Jungen.

„Wenn ich tot bin…“

Ich erinnere mich an eine eigene Begegnung mit einer Jüdin, die einer bedeutenden deutsch-jüdischen Industriellenfamilie angehörte und als Kind mit ihren Elten: noch rechtzeitig vor dem Naziterror in die USA emigrieren konnte. Fast 90-jährig besuchte sie mit ihren Enkeln Berlin und ich hatte die einmalige Chance, die Familie drei Tage durch die Stadt begleiten zu dürfen. Zum Abschied erklärte mir die mir die stolze alte Dame, die in diesen Tagen ihren Enkeln und mir ununterbrochen von „damals“ erzählt und viele Orte und Erinnerungen wiedergefunden hatte, sie müsse mir leider rigoros verbieten, ihre Geschichte zu veröffentlichen, so lange sie selbst noch lebe. Sie würde es nicht ertragen, dass vielleicht jemand von „damals“ sie lesen, sich darin wieder finden oder die Nachkommen dies könnten. „Ich sage nicht „auf Wiedersehen“, denn das wird es zwischen uns nicht mehr geben, junger Mann. Aber meine Enkel werden Sie anrufen, wenn ich tot bin – und dann machen Sie mit der Geschichte was Sie !“ Bis heute liegen die Aufzeichnungen in meinem Schreibtisch.

Insbesondere das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, belaste stark:
weder ins alte Russland, noch nach Israel, wohin der Weg vieler zuerst geführt habe, noch hier in Deutschland.

Insbesondere die postsowjetischen Zuwanderer, die, trotz Verfolgung ihrer Religion, in einem hohen Maße gesellschaftlich und beruflich anerkannt waren und über einen relativen Wohlstand, mit Datscha und großem Auto verfügten, sehen sich nun in Deutschland oft an der Grenze der Grundsicherung lebend und haben Angst, zu verarmen.

Doch auch millionenschwere Zuwanderer aus den USA und Südamerika mit „Verarmungswahn“ zählen zu Sterns Patienten: Er berichtet mir von einer mehrfachen Millionärin, die nach jeder Konsultation das Toilettenpapier aus der Patiententoilette und die Pfandflasche vom Tisch „mitgehen“ lassen wollte.

Allgemeines und Spezielles

Stern sieht sich tagtäglich den klassischen Krankheitsbildern seines Berufes gegenüber, die von speziellen jüdischen Problemen noch wesentlich verstärkt werden. Insbesondere das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, belaste stark: weder ins alte Russland, noch nach Israel, wohin der Weg vieler zuerst geführt habe, noch hier in Deutschland.

Dieses Gefühl lasse sich jedoch nicht nur bei Einwanderern beobachten. Auch „Alteingesessene“ würden oft von einem Gefühl der Fremdheit berichten, einem „Trauma der De-klassierung“, beides in der Familiengeschichte und der Geschichte der Juden in Deutschland ganz allgemein begründet. Oft bringe dann ein winziger Tropfen, der von deutschen Patienten oft noch ganz gut „weggesteckt“ werden könne, das „Faß zum Überlaufen“ und führe zu schweren psychischen Schäden.

Eine besondere Belastung sieht Stern auch in der kulturspezifisch jüdischen Erinnerungskultur. Kaum eine christliche Familie werde sich an der Inquisition des Mittelalters orientieren, doch berichtet er mir von einer Patientin, in deren Familie immer wieder von der Verbrennung einer namentlich sogar bekannten Vorfahrin als Hexe vor mehreren hundert Jahren erzählt wurde. Im Kopf seiner Patientin führe sich diese Hexenverbrennung mit den Pogromen vieler späterer Jahrhunderte bis zum Holocaust weiter, „und jetzt bin ich die einzige Überlebende“, resümiert die Dame ihre Familiengeschichte, die mit ihrem Tod, ausgerechnet in Deutschland, nun bald enden werde.

Stern sieht bei vielen seiner Patienten ein „Konglomerat aus Angst“, das mit einem übergroßen Assimilationswunsch einhergehe, zugleich wiederum mit der Angst verbunden, dass eine Assimilation den deutschen Juden in der Nazizeit auch nicht geholfen habe. Solche Gedankengänge würden nicht selten zu „jüdischem Selbsthass“ fuhren und damit dem Wunsch, mit „den Juden“ nichts zu tun haben zu wollen. Wenn man das dann aber „müsse“, eben weil die Gemeinden Sozialleistungen und andere Betreuungen anbieten, die die deutsche Aufnahmegesellschaft nicht erbringen kann und auch nicht erbringen will, schließe sich ein Teufelskreis, aus dem viele nicht mehr selbst herausfänden, mehr noch, auch andere Familienmitglieder mit hineinzögen.

Die Verzweiflung ist oft groß – und es scheint nur zu einfach, das eigene Versagen mit einer solchen Verzweiflung zu begründen und auf andere abzuwälzen: „die Deutschen“, die deutsche Gesellschaft, die deutsche Geschichte. Auch solche Patienten sitzen bei Stern. „Das hat mit „den Deutschen“ nichts zu tun“, erklärt er ihnen immer wieder. In Selbstmitleid zu zerfließen, Sozialbetrug zu begehen und mit der „Schuld“ der Deutschen zu begründen, ist nicht die Lösung. „Als jüdischer Therapeut kann ich meinen jüdischen Patienten das auch so deutlich sagen“, weiß Stern und berichtet mir von nichtjüdischen Kollegen, die dann schon mal als Nazi bezeichnet werden.

Erste Schritte

Nur zwei Prozent aller psychisch Kranken oder Menschen, die an sich selbst merken, „dass etwas nicht stimmt“, gingen überhaupt zum Psychotherapeuten. „Der erste Schritt ist der schwerste“, weiß Stern und wirbt um Vertrauen in seine speziellen Fähigkeiten als Diplompsychologe, verbunden mit seiner tiefen eigenen Verwurzelung in das Judentum. „Psychotherapie ist ein Maßanzug! Niemand wird von mir null-acht-fünfzehn behandelt“, versichert er mir.

Derzeit kämpft Stern für eine „Sonderbedarfszulasssung“ für seine Praxis, denn der „Zulassungsausschuss für Ärzte und Psychotherapeuten der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin“ ist leider noch nicht so weit, die Spezifik jüdischer Patienten anzuerkennen. Der Ausschuss hält diese Patienten nicht „für eine besondere Patientengruppe“, wohl aber der „Landesverband der Jüdischen Ärzte und Psychologen“ und die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die beide Nicolai Stern bei seiner Antragstellung nach Kräften unterstützen. „Nach unseren Erfahrungen kam es immer wieder zu Fehllokationen bei wenig in diesen Thematiken erfahrenen Psychotherapeuten, wodurch es zu Nichtbehandlungen, Therapieabbrüchen und wirkungslosen Therapien kam. Für diese Patienten […] ist es wichtig, dass es einen garantiert diskriminierungsfreien Raum im therapeutischen Setting gibt, einen vertrauensvollen und haltgebenden Raum für die psychische Bearbeitung und Nachreifung“, argumentiert der Verband für die Sonderbedarfszulassung Sterns.

So ist eine Behandlung mit einer normalen Überweisung vom Hausarzt oder auf Krankenschein bei Nicolai Stern noch nicht möglich. Dennoch kann und darf er Patienten betreuen und behandeln. Dazu sind jedoch eine „Notwendigkeitsbescheinigung“ des behandelnden Arztes erforderlich und ein „Antrag auf außervertragliche Psychotherapie“ bei der Krankenkasse zu stellen. „Die Krankenkassen würdigen diese besondere Betreuung schon“, erklärt Stern dazu. Bisher sei keiner dieser Anträge abgelehnt worden und damit eine Behandlung durch ihn gesichert. „Die Kassen folgen meiner Argumentation, dass meine Patienten nicht länger nur als „deutsche“ Patienten behandelt werden müssen, sondern als „deutsch-jüdische“.“ Auch das habe etwas mit ihrer Anerkennung durch die Aufnahmegesellschaft zu tun und tue ihnen gut für ihre Identitätsfindung. Beides seien wichtige Grundlagen dafür, zu jenen zwei Prozent gehören zu wollen und zu können, die ihr Schicksal in die Hand nehmen. „Ich freue mich über jeden, der den Wunsch hat, an seinen Problemen zu arbeiten – ich freue mich aber noch mehr über jeden, der irgendwann nicht mehr zu mir kommen muss!“

Liebe Leserinnen und Leser,
für Fragen und Probleme können Sie sich an Dipl. Psych. Nicolai Stern auch über Ihre „Jüdische Zeitung“ wenden: Schreiben Sie uns dazu in einem verschlossenen Umschlag (nicht als Postkarte). Nicolai Stern wird ihre Frage dann anonym in einer eigenen Rubrik beantworten, die wir bei Bedarf ab Januar 2012 in loser Folge veröffentlichen werden.

Jüdische Zeitung „Fragen an Nicolai Stern“ Großbeerenstr. 186-192 12277 Berlin

Diplom-Psychologe Nicolai Stern
Praxis am Theodor-Heuss-Platz • Berlin-Charlottenburg
Telefon für Terminabsprachen und Informationen: (030) 22 39 31 74

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