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Anna Halprin: Den Atem sichtbar machen

Seit mehr als sieben Jahrzehnten stellt sich die mittlerweile fast neunzigjährige Anna Halprin die Frage: Was ist Tanz? Ihre Suche nach einer Antwort hat in den USA eine Ära der Experimente in Theater, Musik, Happening und Performance-Kunst eingeleitet und den Tanz neu definiert…

BREATH MADE VISIBLE
Ein Film von Ruedi Gerber

Dokumentation über die amerikanische Tanzpionierin Anna Halprin, die seit über 70 Jahren auf den Bühnen dieser Welt steht.

Zusammen mit ihrem Mann, dem renommierten Landschaftsarchitekten Lawrence Halprin (Roosevelt Memorial), entwickelte sie neues Gedankengut, das Generationen von Künstlern beeinflusst hat. BREATH MADE VISIBLE ist ein bewegendes Filmporträt über Anna Halprin, der Tanzpionierin aus den USA, die inzwischen über 90 Jahre als ist.

Ein Leben in Tänzen

In eindringlichen Bildern und Zeugnissen wird das Leben und Werk dieser Tanz- und Performance-Ikone porträtiert, die ihre Kunst und ihr Leben untrennbar miteinander verschmolzen hat. Die Dokumentation des schweizerischen Filmemacher Ruedi Gerber verbindet neue Interviews und Bühnenauftritte mit frühen Performances von Anna Halprin. Bisher unveröffentlichtes Archivmaterial eröffnet zudem Einblicke in die Geschichte der gesellschaftlich engagierten Tanzkunst Nordamerikas.

Anna Halprin fragt: „Was ist das wichtigste im Leben?“
Sie macht uns in ihrem hohen Alter Mut und zeigt, wie uns die ungebrochene Kraft des Tanzes nicht nur helfen kann, mit unserem Leben umzugehen, sondern es auch zu transformieren und uns dabei im 21. Jahrhundert treu zu bleiben.

Merce Cunningham bezeichnet sie als Prophetin und Philosophin und ihre Tochter Daria Halprin, die als Schauspielerin auch in Antonionis Meisterwerk „Zabriskie Point“ zu sehen war, wirft einen kritischen Blick auf die wilden Workshops der 1960er Jahre. Der Film führt von Halprins ersten komischen Tänzen und experimentellen Performances auf einem Tanzboden unter kalifornischen Mammutbäumen über ihre Aufsehen erregenden Tourneen in Europa, ihren Rückzug von der Bühne wegen Krankheit, bis zur triumphalen Rückkehr auf die Bühne.

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Halprin betrachtet den Tanz als Antwort auf die Kräfte unseres sozialen und natürlichen Umfelds. Improvisation und Experiment sind ihr die wichtigsten Mittel des kreativen Ausdrucks. Früh verbindet Halprin in ihren Choreografien alltägliche Gesten und Bewegungen mit persönlichen Geschichten. Ihre Bühne waren und sind der Ozean, ein Fahrrad, eine Küche. Unvergesslich zum Beispiel, wie sie sich an der Pazifikküste mit 82 Jahren den Wellen hingibt und daraus eine Performance kreiert.
Bereits in den 1950er Jahren gründet sie den später weltberühmten San Francisco Dancers Workshop. Ihre Truppe, zu der John Graham und A.A. Leath gehörten, macht Furore in Schweden und die Nacktheit als neues Ausdrucksmittel provoziert Skandale in den USA. In dieser Zeit arbeitet Anna Halprin zusammen mit Musikern wie John Cage, La Monte Young, Terry Riley and Morton Subotnick. Sie inspirieren sich gegenseitig. Die Truppe schwingt sich von Dächern, tanzt in der „La Fenice“ in Venedig (Musik: Luciano Berio) und balanciert auf dem Gerüst eines Frachthangars am Flughafen von San Francisco. In den späten 1960er Jahren gründet Halprin dann die erste multikulturelle Company – Schwarz und Weiß finden sich im Tanz.

„Before I had cancer I lived my life for my art, after I had cancer I lived my art for my life“.

Mit fünfzig Jahren erkrankt Anna Halprin schwer. Sie sagt, sie habe sich den Weg zur Heilung frei getanzt. Von der Bühne verabschiedet sie sich für längere Zeit. Tanz wird für Halprin Mittel zur Heilung. Sie beginnt als Lehrerin mit Krebs- und Aidskranken zu arbeiten und später mit älteren Menschen. Bis plötzlich ihr Ehemann Lawrence Halprin erkrankt. Die Besuche an seinem Krankenbett inspirieren sie 2004 zur Choreografie „Intensive Care“: Halprin, nun über 80, kehrt mit großem Erfolg auf die Bühne zurück! In den folgenden Jahren tritt sie in Paris, San Francisco und Washington auf, und in New York ruft sie im großen Joyce Theater während ihres 15-minütigen Solo ins Publikum: „Es sind noch so viele Tänze zu machen!“

Was sagt der Regisseur?

BREATH MADE VISIBLE ist ein Film über die höchst lebendige Legende Anna Halprin, eine der einflussreichsten, jedoch viel zu wenig bekannten Größen des modernen Tanzes. BREATH MADE VISIBLE ist mehr als ein Film über Tanz: ein Film über das Leben an sich, darüber, was uns wirklich wichtig ist und wie wir heute mit dem Leben umgehen. Im Zentrum geht es um unsere Werte und darum, wie wir authentisch bleiben und uns im 21. Jahrhundert selbst erleben können.

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Als Leute, die Anna kannten, von meinem Filmprojekt erfuhren, waren Freude und Aufregung groß. Meine Absicht war es allerdings auch, einen Film für Leute zu machen, denen Anna gänzlich unbekannt ist. Ich wollte keinen biografischen Lehrfilm, sondern das Publikum wie bei einem Spielfilm emotional einbinden. Ich wollte die Zuschauer durch Annas charismatische Persönlichkeit unmittelbar berühren und das Publikum mitnehmen in ihr kreatives, in den Wäldern Nordkaliforniens verborgenes Leben. Dorthin, wo Anna gerne im Einklang mit der freien Natur arbeitet und von wo aus sie in die Welt hinaus geht, auf die großen Bühnen von New York, Venedig, Stockholm, Paris und Washington.

In ihren Darbietungen in der Natur der Westküste, in denen die Künstlerin ihre Seele öffnet und sich verletzlich zeigt, erfahren wir Anna umfassend – ihre humorvolle, freudige Art und ihre tiefe emotionale Zugänglichkeit. In ihren Interviews hingegen ist sie sehr bestimmt, getrieben von dem Wunsch, sich sehr klar und deutlich auszudrücken.
Als unvergleichliche Tanzerzieherin bekannt, die den Tanz sogar als Mittel zur Heilung nutzt – manche nennen sie eine Schamanin –, ist sie in meinen Augen eine sehr ungewöhnliche Performancekünstlerin. Ich wollte sie von Anfang in meinem Film als solche präsentieren. Ihr Wissen und ihre Weisheit bezieht sie aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit Tanz und Performance. Später, im Schneideraum, wurde mir klar, dass ich mehr als genug faszinierendes Material beisammen hatte, um die Ge- schichte ihres Lebens anhand ihrer sehr berührenden Performances und Auftritte erzählen zu können.

Ich wollte Anna auf ihre einzigartige Weise durch ihr eigenes Leben tanzen lassen. In diesem Film wird der Tanz zum Vehikel, um das Leben selbst anzusprechen und all das, was im Leben wirklich wichtig ist. Tanz bringt Menschen zusammen, er schafft Gemeinschaft. Merce Cunningham sagt: „Anna ist eine Prophetin, eine Philosophin“.
1982, als ich Anna kennen lernte, trat sie nicht mehr öffentlich auf. Sie war mit der Entwicklung von Tanz als Therapie und als Mittel zur Heilung beschäftigt und sollte damit der Welt der Kunst- und Tanztherapie entscheidende Impulse liefern. Ich selbst war damals Bühnenschauspieler am deutschen Staatstheater und betrachtete sie als eine Performancekünstlerin, die – mittels Bewegung – die Überschneidungen von Theater und Tanz mit dem gelebten Leben erforschte. Ich wiederum war schon immer leidenschaftlich am Umgang mit Echtzeit und authentischer Improvisation auf der Bühne interessiert. Schnell war ich von Anna gefesselt. Während einige meiner Freunde ihr in den 1980er Jahren das Etikett New Age verpassten, nahm ich eher wahr, wie sie die Grenzen des Theaters erweiterte und ihrer Zeit weit voraus war. Sie hatte die Fähigkeit, die Kreativität anderer Menschen freizusetzen. Schließlich beeinflusste mich dies ein paar Jahre später bei meinem Entschluss, Filmemacher zu werden und so weiterhin mit Fiktion und Wirklichkeit zu spielen.

In den nächsten zwanzig Jahren hatten Anna und ich nur losen Kontakt, bis zum Februar 2002, als ich es zu ihrer Show im Joyce Theater schaffte.
Da war sie wieder und sogar die New York Times berichtete über sie! Es war unglaublich, mit über achtzig Jahren kehrte sie auf die Bühne und damit zu ihren Anfängen zurück! Für ihren Eröffnungsauftritt führte sie mit Iko und Komo ein Stück im Butoh-Stil auf. Danach folgte ein 15-minütiges Solo, in dem sie ihre Lebensgeschichte tanzte und erzählte. Im Laufe des Stücks bemerkte ich, dass manchen Zuschauern die Tränen kamen. Und plötzlich fühlte auch ich mich tief von dieser Frau berührt. In einer Welt von Posen und konkurrierenden Stilisierungen war die Präsenz von jemandem, den ich als ganz und gar authentisch empfand und dessen Botschaft universell war, eine erholsame Befreiung. Das Publikum spürte ihre Unmittelbarkeit, ihre direkte, auf ihrem Alltag beruhende Kunst (mit Wurzeln auch in der Pop-Art).
Ich fragte mich, warum nicht mehr Leute außerhalb der Tanz- und Kunsttherapie-Welt sie kannten. Ihre Show weckte in mir den Wunsch, einen Film zu machen, der das Publikum so berühren würde, wie Annas Auftritte ihr Publikum berührten. Als ich von Anna erfuhr, dass niemand ihre Performance per Video aufgenommen hatte, organisierte ich schnell Aufnahmen für den letzten Abend. Es war zu spät, um eine Erlaubnis zum Dreh hinter den Seitenkulissen zu erhalten, aber wir konnten aus einer Ecke hinter dem Publikum filmen. Als mich Anna später einlud, im kommenden Sommer an ihrem Workshop teilzunehmen, zögerte ich. Ich hatte gerade meinen ersten Spielfilm fertig gestellt, „Heartbreak Hospital“, und fühlte mich nicht genügend in Form, um mit professionellen Tänzern aus Japan, Australien, Frankreich und verschiedenen Teilen der USA zu tanzen und zu performen.
Schließlich nahm ich aber ihre Einladung an. Da ich eine einzigartige Gelegenheit kommen sah, nahm ich eine Filmkamera mit.

Unglücklicherweise hatten einige wenige Workshop-Teilnehmer etwas gegen die Anwesenheit der Kamera. „Dies ist ein Laboratorium, wo wir uns völlig frei fühlen sollten“, sagten sie. Anna versuchte sie umzustimmen, aber schlussendlich mussten wir den Wunsch derjenigen respektieren, die lieber nicht gefilmt werden wollten. Wieder trat ich in die Falle und verwechselte Leben und Kunst, gleichzeitig entschied ich aber für mich, dass der Film genau dieser Überschneidung dicht folgen würde.
Annas Workshop in den frühen 1980er Jahren, der in einem Wald mit Mammutbäumen sowie am Strand von Nordkalifornien stattfand, erwies sich als Erfahrung, die mir zwanzig Jahre später die Augen öffnen sollte.
Ich realisierte, wie sie ihre Vision im Umgang mit Bewegung und Performance schärfte, um authentische persönliche Erfahrungen mit ihrer Kunst zu kommunizieren und universell zu machen. Am Ende des Workshops von 2004 fragte ich Anna, ob sie mir erlauben würde, einen Film über ihr Leben zu machen. „Okay“, sagte sie, „aber du musst dich beeilen, ich bin schon 83!“ Ein paar Monate später schickte ich ihr eine formelle Vereinbarung und war überrascht, als sie nicht unterschreiben wollte. Ein französischer Journalist verfolgte wegen eines Theater- und Tanzfestivals im Centre Pompidou in Paris bereits ein ähnliches Projekt.
Enttäuscht gab ich die Idee auf.

2005 kehrte ich nach San Francisco zurück, um an Annas jährlichem Workshop teilzunehmen. In diesem Sommer fragte mich Anna, ob ich mit ihr zusammen an einem Film mit dem Titel „Seniors Rocking“ arbeiten wolle. Es ging um ein Tanzstück, das sie kreiert hatte, um älteren Menschen zu helfen, ihre Klischeevorstellungen vom Älterwerden zu überwinden. Sie wollte mir das Exklusivrecht zum Filmen dieser Performance mit 50 Teilnehmern im Alter zwischen 65 und 100 geben, die in Schaukelstühlen bei einer Lagune auftreten sollten. Ihr Konzept für den Film war es, die Performance um die persönlichen Geschichten der Teilnehmer zu erweitern und so der Frage nachzugehen: Was ist das Wichtigste im Leben? Sie suchte nach Geschichten, die von Herzen kamen, und Botschaften, welche die Teilnehmer ihren Kindern, Enkeln und Freunden hinterlassen wollten.
Da ich Anna inzwischen bereits gut kannte und wusste, wie sie eine persönliche Frage in ein großes Ereignis zu verwandeln vermag, machte ich sie darauf aufmerksam, dass dieses Projekt auch ihr Vermächtnis berühre; erneut kündigte ich mein Interesse an, ihr Leben zu dokumentieren. Anna überlegte einen Moment, dann plötzlich lud sie mich und meine Kamera zu sich nach Hause ein. Sie erklärte sich nicht nur dazu bereit, mir Zugang zu ihrer Vergangenheit und ihrem Werk zu gewähren, sondern auch, dass ich ihren Mann, den bekannten Architekten Lawrence Halprin, in das Projekt mit einbeziehe. Seit jenem Nachmittag, als Anna mich in ihrer Küche willkommen hieß, hat sie mir eine Tür ihres Lebens nach der anderen geöffnet. Dies führte dazu, dass ich nicht nur „Seniors Rocking“, sondern auch alle ihre wichtigen Shows, Vorlesungen und Workshops, ihre Performances in San Francisco, ihre Arbeit in der Natur, ihre verschiedenen Unterrichtsklassen, ihr jüngstes Werk „Rodin“, sowie den 90. Geburtstag ihres Mannes und ihre Arztbesuche mit einbeziehen konnte! Ich entdeckte, wie verflochten Annas persönliches Leben mit ihrem Leben als Künstlerin tatsächlich war. „Es besteht keine wirkliche Trennung“, wie eine ihrer Töchter ironisch erklärt. Anna Halprin pflegt, was sie als Leben- Kunst-Prozess bezeichnet, und integriert die Auf und Abs in ihrem Leben kontinuierlich in ihre kreative Arbeit. Im letzten Stadium ihres Lebens beschäftigt sie sich heute mit den Themen Altern und Tod. In „Intensive Care“ schafft sie es, die Furcht vor dem Tod ihres Mannes mit ihrer eigenen Angst vor dem Tod in eine kraftvolle und zugleich universell gültige Choreografie umzusetzen. Mit 85 Jahren spielt sie am Ende des Stücks ihren eigenen Tod. Damit kreiert sie nicht nur einen unvergesslichen, visuellen Höhepunkt des Stücks (wie auch unseres Films), sondern macht uns zugleich bewusst, dass wir nicht wegschauen dürfen – vor allem nicht vor uns selbst.

Anna Halprin ist eine leidenschaftliche, besessene Künstlerin, die ihr ganzes Leben in ihre Kunst und ihre ganze Kunst in ihr Leben verpackt.

Mit ihren Performances fragt Anna auch nach der wahren Bedeutung des Lebens. Wie kann Kunst uns helfen, mit dem Leben zurechtzukommen? Warum machen wir Kunst? In einem späten Interview sagte Anna, sie hoffe, es werde ihr Vermächtnis sein, den Tanz neu definiert zu haben. Diese Neudefinition schaffen nicht nur junge Körper auf der Bühne, nein, sie vollzieht sich in jedem Alter und potenziell überall.
Das Ergebnis ist ein Film, der nicht nur Annas einzigartige Geschichte von ihren wegweisenden Performances der 1950er- und 1960er Jahre bis zu ihren aktuellen Soloperformances vor uns entfaltet, sondern auch erzählt, wie ihr Leben und Werk die wahre Bedeutung von Tanz illustrieren sowie dessen Macht, uns zu helfen, nicht nur unser Leben zu bewältigen, sondern es auch zu verändern und uns selbst dabei treu zu bleiben.

Ruedi Gerber hat bereits verschiedene preisgekrönte Dokumentarfilme gedreht, darunter: „Meta-Mecano“ (1997), ein Film über Jean Tinguelys und Niki de Saint Phalles Einzug in das von Mario Botta gebaute Tinguely Museum, „Living with the Spill“, eine Dokumentation über die Ölpest vor der Küste Alaskas für den Britischen Sender Channel 4.
Darüber hinaus hat Ruedi Gerber bei einer Anzahl preisgekrönter Kurzspielfilme Regie geführt: „Café Mecanique“, eine traumähnliche Geschichte über die abendliche Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau zur Musik von Carla Bley, und „Midnight Barbeque“, eine im Thriller-Stil gehaltene Parodie auf William Burroughs an Wilhelm Tell erinnernde wahre Lebensgeschichte. „Communication At Your Workplace“ war eine preisgekrönte Auftragsserie von kurzen Comedy-Filmen zum Thema Misskommunikation.

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