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Horst-Eberhard Richter: Psychoanalyse und Politik

Vor vier Wochen ist der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter im Alter von 88 Jahren verstorben. Er galt als der Vertreter der Friedensbewegung; zugleich war er der Begründer einer psychoanalytischen Familientherapie…

Sein Gießener Schüler und Kollege Hans-Jürgen Wirth hat in einem mit Psychotherapeut der Nation betitelten Nachruf an dessen Wirken erinnert.

Nachfolgend stellen wir Horst-Eberhard Richters 1999 erschienenes Werk „Psychoanalyse und Politik. Zur Geschichte der politischen Psychoanalyse“ vor:

Von Roland Kaufhold

Als Sigmund Freud 1910 mit einer kleinen Zahl von Mitstreitern die “Internationale Psychoanalytische Vereinigung” gegründet und somit die organisatorischen Grundlagen für eine Ausbreitung seiner originellen, beunruhigenden Erkenntnisse gelegt hatte, benannte er sehr offen die massiven Gegenkräfte, die sich seinem Bemühen entgegenstellen würden. Er betrachtete diese Gegenkräfte nicht als böswillig, sondern als notwendig. Dementsprechend formulierte er pointiert: “Die Gesellschaft wird sich nicht beeilen, uns Autorität einzuräumen. Sie muss sich im Widerstand gegen uns befinden, denn wir verhalten uns kritisch gegen sie; wir weisen ihr nach, dass sie an der Verursachung der Neurosen selbst einen großen Anteil hat…”, um anschließend mit verhaltenem Optimismus, mit “kühner Selbstsicherheit” (S. 19) hinzuzufügen: “Die einschneidensten Wahrheiten werden endlich gehört und anerkannt, nachdem die durch sie verletzten Interessen und die durch sie geweckten Affekte sich ausgetobt haben. Es ist bisher noch immer so gegangen, und die unerwünschten Wahrheiten, die wir Psychoanalytiker der Welt zu geben haben, werden dasselbe Schicksal finden. Nur wird es nicht sehr rasch geschehen; wir müssen warten können.”

Horst-Eberhard Richter stellt diese Äußerung Freuds an den Ausgangspunkt seines neuen, sehr lebendig und ermutigend geschriebenen Buches. Der Titel “Bedenken gegen Anpassung. Psychoanalyse und Politik” verweist auf die kulturkritische Intention Richters. In 31 Kapiteln unternimmt Richter den weitgreifenden Versuch, sowohl historisch verwurzelte als auch aktuell gesellschaftlich bedingte Tendenzen zu eruieren, die uns zu bedenklichen, letztendlich tendenziell entmündigenden Anpassungsleistungen an bestehende Verhältnisse veranlassen. Seine Grundhaltung ist hierbei – allen populistischen, Zynismus als Ideal zelebrierenden Zeitgeisterscheinungen zum Trotz – von Behutsamkeit, von Takt geprägt, gepaart mit ansteckendem Engagement und unzweideutig entfalteten Analysen. Seinem Buch stellt er eine Bemerkung voran, die seine Zielsetzung, aber eben auch die Widerständigkeit des gewählten Themas präzise wiedergibt:

“… Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt, wohl wissend, dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen, das heißt, die eigene Gefügigkeit auch nicht mehr als Fluchtreaktion durchschauen. Alles erscheint normal: die Verhältnisse, denen er sich ergibt, und der Verzicht auf Gegenwehr, den er eben gar nicht mehr als Verzicht erlebt.”

Zum Inhalt: Die ersten Kapitel sind historisch orientiert. Von den umfänglichen Studien Reichmayrs, Mühlleitners und Fallends ausgehend entfaltet Richter das emanzipatorische, sozialistische Bemühen zahlreicher Pioniere der Psychoanalyse. Wichtig ist es ihm hierbei, auch emotional die Vitalität der damaligen Diskussionen nachvollziehbar zu machen. Diese wurden vor allem von Bernfeld, Reich, Simmel und Fenichel vorangetrieben, “bis deren Aktivitäten unter der Bedrohung und Verfolgung durch die Nazis vorläufig erstickt wurden” (S. 23). Die Überschriften der ersten Kapitel entsprechen diesem Ansatzpunkt: “Die Psychoanalyse muss die Gesellschaft herausfordern”, “Versuche, die Psychoanalyse mit dem Sozialismus zu verbinden”, “Zwei publizieren gegen Hitler – die anderen bleiben stumm” und “Zugeständnisse bis zur Selbstverleugnung”. Richter erinnert noch einmal an die Bemühungen insbesondere in den 20er und 30er Jahren, die Psychoanalyse mit dem Marxismus zu verbinden. Manche kamen zur Psychoanalyse, weil diese ihnen als eine Ergänzung ihres sozialreformerischen Engagements erschien. In einer gewissen Weise teilte Freud dieses Engagement, was sich u.a. in seiner Unterstützung von zwei pazifistischen Manifesten zeigte, in denen die Abschaffung der Wehrpflicht gefordert wurde: “Sie ist eine Form der Knechtschaft. Dass die Völker sie gewohnheitsmäßig dulden, ist nur ein Beweis mehr für ihren abstumpfenden Einfluss. Militärische Ausbildung ist Schulung von Körper und Geist in der Kunst des Tötens. Militärische Ausbildung ist Erziehung zum Kriege. Sie ist die Verewigung des Kriegsgeistes.”  Die sich verschärfenden gesellschaftlichen Verhältnisse ließen nicht viel Zeit, diese klarsichtigen Analysen zu vertiefen… weiter…

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