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Focus und Achtsamkeit

Focusing hat mit dem Körper zu tun, mit körperlichem Erleben, mit einer spezifischen Situation, die außen oder auch innerpsychisch sein kann, und mit einer achtsamen Bezugnahme auf dieses Erleben, aus der dann ein Symbolisieren in Imaginationen, Sprache, Gefühlen, Gesten, … geschieht….

Aus einem Vortrag von Klaus Renn

Wenn wir diese Erfahrung in den neurobiologischen Kontext stellen, finden wir die eindrucksvollen Studien von Antonio Damasio, die zeigen, dass das Denken nicht ohne Emotionen stattfinden kann … und dass Emotionen das Ergebnis einer körperlichen Situationseinschätzung sind, die nicht den Umweg über das Bewusstsein nehmen.

Derzeit wird mehr und mehr deutlich, dass an diesem Prozess Informationen, die über die Organe kommen, in höherem Maße beteiligt sind als bisher angenommen. Die Erkenntnis aus dem Focusing, dass Sprache, Bilder, ja das gesamte explizite Erleben mit dem Körper verbunden sind – und nicht ausschließlich mit dem Gehirn (cerebrale Prozesse) -, wird Stück für Stück neurobiologisch verifiziert.

In den frühen 1960er Jahren untersuchten Prof. Eugene Gendlin und sein Team an der Universität Chicago Merkmale von Klienten, die von einer Therapie profitieren konnten. Die „erfolgreichen Klienten“ lokalisieren Empfindungen im Körper. Sie äußern sich vager und differenzierter. Die erfolgreichen Klienten nahmen zu ihrem gegenwärtigen Erleben Beziehung auf und versuchten dieses Erleben bildhaft, sprachlich und gestisch zu symbolisieren. Sie traten in eine empathische Beziehung zu sich selbst, und sie bezogen sich direkt auf ihr Erleben. Sie nutzen auch die Symbolkraft ihrer Träume.

Als „Ich“ können sie ihrem Erleben gegenübertreten und Intensität, Nähe und Distanz zu ihrem Problem regulieren: „Ich spüre mich …“, „Ich nehme bei mir wahr …“. Erfolgreiche Klienten haben ein „Ich mit mir“, eine annehmende, interessierte Beziehung zu sich selbst. Sie können einen Abstand zu ihrem Problem finden, einen inneren Freiraum schaffen, von dem aus sie eine realistische Chance haben, das Problem erfolgreich zu bearbeiten. Sie geraten also weder in die Gefahr, kopfüber in ihr Problem hineinzustürzen, noch gehen sie erlebnismäßig so weit auf Distanz, dass nur noch ein analysierend-reflektierendes Sprechen darüber möglich ist.

Das Besondere besteht also in der Fähigkeit des Klienten eine optimale Balance und Beziehung zu seinem inneren Erleben herzustellen und konstruktiv aufrecht zu erhalten und von dort aus neue Informationen, kreative Einsichten, bedeutsame Einstellungsänderung usw., auftauchen zu lassen.

Innerlich achtsam sein bedeutet, in einer ganz bestimmten Weise mit sich, dem Inneren Erleben eine kleine Zeit zu verbringen. Es meint ein bestimmtes „Wie“ ich mit mir selbst bin, es meint eine spezielle Beziehung zu sich selbst. Obwohl es ganz einfach erscheint, impliziert es bei genauer Betrachtung viele Haltungen und Bedeutungen. In dieser einfachen, freundlich-neugierigen Zuwendung zu sich selbst sind ganze Psychologien eingefaltet.

Nicht was der Klient über sein Problem im Kopf hat und sprachlich bereits weiß auch nicht was der Therapeut über dieses Erleben zu wissen glaubt, scheint entscheidend für Veränderungsprozesse zu sein, sondern die erlebnishafte Kontaktaufnahme mit einem vorsprachlichen, körperlich spürbaren Fühlen, Fühlen, Wissen, wissendes Fühlen von etwas, das sich sodann, wenn es sich weiter ungestört entfalten kann in einem tiefer greifenden Aha-Erlebnis selbst erklärt und selbst versteht.

Geht der Kontakt zu diesen unmittelbaren körperlichen Erfahrung verloren stoppt auch der therapeutische Prozess.

Gerald Hüther sagt, damit Veränderung geschehen kann, müssen wir versuchen, die verlorengegangene Einheit von Denken, Fühlen und Handeln, von Rationalität und Emotionalität, von Geist, Seele und Körper wiederzufinden. Wir brauchen „reale Erfahrungen, die die betreffende Person mit all ihren Sinnen macht, und nicht nur verbale Repräsentationen von Erfahrungen“. Er sagt weiter: „Therapie muss unter die Haut und unter die Sprache gehen!“

Diese Bedingungen für Veränderung gelten für jeden Menschen, also auch für jede psychotherapeutische Sitzung.

Aspekte des Focusing haben die Traumatherapie über Peter Levine und Luise Reddemann wesentlich beeinflusst.

Die Haltung des Therapeuten ist die der Absichtslosigkeit, also ergebnisoffen. Diese Art und Weise des Da-Seins wirkt paradox und lässt genau die Veränderungsschritte entstehen, die innerhalb der Wachstumszone des Klienten liegen.

Aus einem Vortrag von Klaus Renn
Dt. Ausbildungsinst. f. Focusing u. Focusing-Therapie (DAF)
Ludwigstr. 8 A, 97070 Würzburg

http://www.lptw.de/archiv/vortrag/2010/renn_k.pdf

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