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PITT: Über Resilienz und Psychotrauma

Im Jahr 2000 habe ich das Buch »Imagination als heilsame Kraft« verfasst, das inzwischen viele Menschen, Kolleginnen, Patientinnen und am Thema Interessierte erreicht hat; das Manual habe ich 2003 geschrieben und 2007 überarbeitet…

Luise Reddemann

In den letzten 10 Jahren hat sich die grundsätzliche Orientierung der PITT an den Selbstheilungskräften zwar nicht verändert, jedoch sind in der Psychotherapie allgemein, in der Psychotraumatologie speziell und in meiner persönlichen Entwicklung und in meinen Sichtweisen viele neue Erkenntnisse dazugekommen, die in die Praxis zwar bereits eingeflossen sind, die aber jetzt auch in schriftlicher Form vorgelegt werden sollen.

Einige allgemeine Überlegungen der Autorin zur Einleitung

Schon in »Imagination als heilsame Kraft« habe ich den Wert der Resourcenorientierung und eine Konzentration auf die Selbstheilungskräfte der Patientinnen und Patienten hervorgehoben. Jedoch kam in den letzten zehn Jahren ein in der Psychotherapie neuer Bereich dazu: die Resilienzorientierung. In meinem Buch „Überlebenskunst“ habe ich erste Überlegungen dazu beschrieben.

»Einfach … ist das mit knappsten Mitteln Erreichte …
Aber das mit knappsten Mitteln Erreichte,
kann nur aus der Fülle kommen.«
Juan Ramon Jimenez

»Das einzig Unveränderliche,
ist die Veränderung.«
Lao Tse

Resilienzorientierung in der Psychotherapie erfordert teilweise ein Umdenken bzw. eine Umakzentuierung dessen, was man tut bzw. wie man es tut. Diesem wichtigen Bereich soll nun in dieser Neuauflage Raum gegeben werden. Ich werde deutlich machen, wie Orientierung am Leidvollen und an der Resilienz bei beinahe jedem Behandlungsschritt beachtet werden sollte und kann. Wesentliche Impulse hierfür verdanke ich dem bahnbrechenden Buch von Pauline Boss »Verlust, Trauma und Resilienz«.

Des Weiteren habe ich mich seit dem Erscheinen des Manuals intensiv mit Erkenntnissen der »Positiven Psychologie« und deren Anwendung in der Psychotherapie beschäftigt, dazu Vorträge und Seminare gehalten, und auch dies gehört inzwischen zum festen Bestandteil in der PITT. Besonders viele Anregungen verdanke ich Stephen Joseph und P. Alex Linley und ihren Veröffentlichungen, zuletzt »Trauma, recovery, and growth«.

Wichtig wurde mir des Weiteren die Beschäftigung mit dem Thema Würde. Ein sperriger und heute selbst in der Philosophie umstrittener Wert. In meinem Buch »Würde – Annäherung an einen vergessenen Wert in der Psychotherapie« habe ich dargestellt, dass wir gut daran täten, uns metatheoretisch auch am Würdebegriff zu orientieren.

Auch in allen anderen Kapiteln geht es teilweise um Neubewertung und Umakzentuierung. Insbesondere dem Aufbau einer sicheren Bindungsoll hier mehr Raum gegeben werden als bisher.

Dieses Buch ist für Fachleute geschrieben. Es gründet auf den Prinzipien der psychodynamischen Psychotherapie, ist aber beeinflusst von einer ganzen Reihe anderer Verfahren; es verwendet daraus, was hilfreich erscheint, und ist insoweit integrativ, nutzt aber zum Verständnis und als Grundlage psychoanalytische Konzepte.

PITT wurde entwickelt für die Behandlung von komplex traumatisierten Patientinnen und Patienten mit komplexen Traumafolgeerkrankungen und hat auf diesem Gebiet nach wie vor ihre wichtigste Indikation. Einige Elemente können aber auch, ggf. kombiniert mit anderen Verfahren, z. B. in der Mehrdimensionalen Psychodynamischen Traumatherapie, MPTT (Fischer 2000 a, Reddemann und Fischer 2010), bei der Behandlung von nicht komplexen Traumafolgestörungen und auch im ersten Jahr nach einem erlittenen Trauma Anwendung finden (Seidler et al. 2003). Auch in der Begleitung von akut Traumatisierten haben sich Elemente der PITT als hilfreich erwiesen. Eine diesbezügliche Empfehlung findet sich in Kapitel 8.1. Darüber hinaus können die stabilisierenden Teile zur Selbstfürsorge (Psychohygiene) von Therapeutinnen eingesetzt werden.

Die Erkenntnisse aus der Ego-State-Therapie haben sich vertieft, sodass sich auch hier einige Veränderungen ergeben, insbesondere halte ich es heute für günstiger, nicht von »dem inneren Kind« zu sprechen, sondern von »kindlichen Anteilen« oder gegebenenfalls von »verletzten Anteilen«.

Die stabilisierenden Teile von PITT empfehlen sich für die Kombination mit EMDR, wenn intensive Stabilisierung erforderlich erscheint, was bei fast allen Patientinnen mit komplexen Traumafolgestörungen der Fall sein dürfte. Die Arbeit an Täterintrojekten gründet auf einem psychoanalytischen Verständnis, ist aber in der Therapeutik mehr an der Ego-State-Therapie und der Hypnotherapie orientiert. Die traumakonfrontative Arbeit unterscheidet sich von allen anderen Verfahren, ausgenommen MPTT (Reddemann und Fischer a.a.O.), durch äußerste Behutsamkeit.

Es ist empfehlenswert, dieses Manual als Ergänzung zu »Imagination als heilsame Kraft« zu verwenden, d. h., die Lektüre beider Bücher ist für ein vertieftes Verständnis zu empfehlen. (auch als Hör-CD).

Dieses Manual kann keine gründliche Fortbildung in Psychodynamisch Imaginativer Traumatherapie ersetzen und erst recht keine komplette Weiterbildung in den vielfältigen Formen der Behandlung psychotraumatischer Störungen. Therapie kann man nicht ausschließlich aus Büchern lernen, man muss erfahreneren Kolleginnen bei der Arbeit zuschauen, sie selbst erfahren und sie dann selber unter Anleitung tun.

Ich gehe davon aus, dass PITT erlernt wird, wenn bereits eine Aus- bzw. Weiterbildung in einem anerkannten psychotherapeutischen Verfahren abgeschlossen bzw. breitere Erfahrungen darin vorhanden sind.

Alltägliches Handwerkszeug von PsychotherapeutInnen setze ich voraus, hier will ich die mir wesentlich erscheinenden Tools der traumaadaptierten Psychotherapie herausarbeiten. Redundanzen im Text sind beabsichtigt, um ein vertieftes Verständnis zu erreichen.

Viele Anregungen für dieses Buch stammen aus der Arbeit mit Kolleginnen in Kursen und Supervisionen sowie aus Erfahrungen in der Klinik für psychotherapeutische und psychosomatische Medizin des Ev. Johannes-Krankenhauses Bielefeld. Ich habe das Glück, meine Vorstellungen von Therapie laufend mithilfe vieler Patientinnen und Kolleginnen überprüfen zu können. Inzwischen war es möglich, eine naturalistische Studie mit einer Zwei-Jahres-Katamnese abzuschließen, die Ergebnisse sind ermutigend, jedoch ist weitere Forschung erforderlich (Lampe et al. 2008, Barbist et al., in Vorbereitung).

Meiner Behandlungsphilosophie entsprechend werden die Teile, die sich auf Stabilisierung, Restabilisierung und Resilienzförderung beziehen, erheblich mehr Raum einnehmen als diejenigen, bei denen es um Konfrontation geht. Auch Letztere betrachte ich heute mit einem resilienzorientierten Blick. Ich gehe davon aus, dass Konfrontation in den meisten Fällen den geringsten Teil der Behandlung einnimmt, und dies spiegelt sich in diesem Manual auch wider.

Viele Anregungen für meine Arbeit verdanke ich ganz anderen als psychotherapeutischen Quellen. Dichterinnen beschäftigen sich, ohne je Therapie gemacht zu haben, mit Fragen, die auch in Therapien auftauchen. Deshalb zitiere ich einige Texte, die mir wie zum Thema geschrieben erscheinen. Auch möchte ich damit zum Ausdruck bringen, dass die Beschäftigung mit Literatur, Kunst und Musik sehr resilienz-fördernd sein kann.

Ich habe mich bemüht, die Kapitel jeweils in sich geschlossen und nachvollziehbar zu gestalten. Zum besseren Verständnis empfiehlt es sich, das erste Kapitel, in dem ich viele neue Erkenntnisse über Resilienz zusammengetragen habe, in jedem Fall zuerst zu lesen.

Bitte behalten Sie immer im Sinn, dass dieses Buch zwar für Therapeutinnen geschrieben ist und ich daher vordringlich ihre Bedürfnisse im Sinn hatte. Dennoch halte ich nach wie vor Patientinnen und Patienten für Expertinnen ihrer eigenen Probleme. Tun Sie daher bitte alles mit dieser Haltung. Auch hierzu gibt es ergänzende Einsichten. So hat meine Beschäftigung mit der Frage nach einer Würdeorientierung in der Psychotherapie (Reddemann 2008) mich dazu gebracht, Empowerment für ein vordringliches Thema jeder Psychotherapie zu halten.

Männer erleiden häutiger traumatische Erfahrungen als Frauen, aber Frauen leiden häufiger an Posttraumatischen Störungsbildern. Ich gehe davon aus, dass viele Kolleginnen und Kollegen eher mehr Frauen als Männer behandeln, außer sie arbeiten vorwiegend mit Akuttraumatisierten oder im Strafvollzug. Die ausschließliche Verwendung der männlichen Form mit der Begründung, die Frauen seien »mitgemeint«, ist für mich nicht akzeptabel. Die umgekehrte Form (Männer sind in der weiblichen Form mitgemeint) finde ich aber genauso fragwürdig. Das »Mitmeinen« ist in meinem Verständnis eine subtile Form von struktureller Gewalt. Daher habe ich mich entschieden, abwechselnd von Patientinnen und Patienten, Therapeutinnen und Therapeuten zu sprechen, also teils in der weiblichen, teils in der männlichen Form. Diese Sprachregelung hat sich im angloamerikanischen Sprachraum längst durchgesetzt. Zwischendurch verwende ich auch den Begriff Patientinnen und Therapeutinnen.

Ich bin seit 40 Jahren psychotherapeutisch tätig. In so langer Zeit hört und liest eine viel. Ich bitte daher um Nachsicht, falls ich jemanden zu zitieren vergessen habe, weil ihre oder seine Gedanken inzwischen zu meinen eigenen geworden sind. Andererseits stelle ich immer wieder fest, dass im Grunde genommen alles schon einmal gedacht und gesagt wurde und dass ich längst nicht alle Autoren kenne, die ähnliche Gedanken hatten wie ich. Ich habe mich bemüht, meine Quellen so sorgfältig wie möglich anzugeben. Für Hinweise, die mein Gedächtnis auffrischen oder mich auf Neues oder mir nicht Bekanntes hinweisen, bin ich dankbar.