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Iwan Bloch: Sexualpsychologie und aufrechter Gang

Als Iwan Bloch 1922 im Alter von nur 50 Jahren in Berlin starb, hinterließ er seiner Stadt, seinem Land und der Welt eine hoffnungsvolle geistige Tochter – die 1907 von ihm konzipierte und so benannte „Sexualwissenschaft“. Zwar hatte sie ihre Kinderkrankheiten bereits überwunden und zeigte auch schon erste Anzeichen von Reife; wie gefährdet ihr junges Leben aber tatsächlich noch war, sollte sich nur allzu bald erweisen: Kaum waren 1933 die Nationalsozialisten an die Macht gewählt worden, so setzten sie alles daran, das ihnen verhaßte sexualwissenschaftliche Leben in allen seinen Äußerungen zu vernichten…

…»So erscheint die sinnliche, physische Liebe als das notwendige, mit Bewußtsein zu ergreifende Anfangsglied einer Entwicklung, die zur Erkenntnis, zur Freiheit, zum Absoluten führt… die Liebe selbst, sie ist nichts Dunkles mehr, keine Illusion und kein täuschender Nebel, sondern ihr Anfang und Ende ist die Erkenntnis«…

Iwan Bloch (1872-1922) und seine Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens

Von Erwin J. Haeberle

Blochs Kollegen und Nachfolger, die allermeisten von ihnen jüdische Ärzte, mußten ins Ausland flüchten und kehrten auch nach dem Ende des »Dritten Reiches« nicht mehr in ihre alte Heimat zurück. In Berlin selbst breitete sich das große Vergessen aus, und als sich, nach dem Fall der Mauer, die Humboldt-Universität endlich doch noch zu erinnern schien, spielte ihr das Gedächtnis einen peinlichen Streich: Die Charité schrieb nämlich eine Professur für Sexualwissenschaften aus, und mit diesem ignoranten Plural verhöhnte sie noch einmal das Lebenswerk eines wissenschaftlichen Pioniers, der somit am Ort seines Wirkens bis heute verkannt bleibt. 1

Allerdings war Bloch auch zu Lebzeiten schon jede Anerkennung vonseiten der Universität versagt geblieben. Nur einmal hatte man ihm eine Professur in Aussicht gestellt, wenn er sich dafür taufen ließe. Wie sein Sohn Robert berichtet: »Mein Vater war nicht besonders gläubig und ging auch nicht in die Synagoge. Er ließ sich aber nicht wegen einer Professur taufen. Aus Prinzip weigerte er sich, Konzessionen zu machen, weil ihm das billig vorgekommen ist.«2

Auch privat scheint Bloch dem antijüdischen Vorurteil begegnet zu sein.3 Alle solche Hemmnisse konnten ihn aber in seinem Lebensziel nicht beirren. Als ältestes Kind eines Viehhändlers in Delmenhost bei Oldenburg geboren, zog er als Vierzehnjähriger zu Verwandten in Hannover und besuchte dort das Gymnasium. Dann studierte er Medizin in Bonn, Heidelberg, Berlin und Würzburg. In Berlin ließ er sich als Arzt nieder, heiratete und hatte selbst einen Sohn. Blochs erste Ehe wurde geschieden, und der Sohn verblieb bei der Mutter. Der Vater heiratete später noch einmal, blieb aber immer zuerst seiner Arbeit verpflichtet. Ohne viele gesellschaftliche Kontakte lebte er konzentriert und etwas weltfremd im Reiche des Geistes. Mit nie erlahmender Hingabe erwarb er sich autodidaktisch eine hervorragende Bildung, eine sehr umfangreiche Privatbibliothek und Autographensammlung sowie einen internationalen Ruf als Gelehrter, und das alles neben seiner erfolgreichen ärztlichen Praxis, die zuletzt im vornehmen Westend Berlins an der Ecke Kurfürstendamm/Joachimsthaler Straße lag. Den größten Teil seiner Einkünfte bezog er jedoch aus seinen sexualwissenschaftlichen Büchern, die teilweise sehr hohe Auflagen erreichten.4

Zur Vorgeschichte der Sexualwissenschaft

Das rationale und systematische Studium des menschlichen Geschlechtslebens hat selbstverständlich eine lange Vorgeschichte, die bis in die griechische und römische Antike zurückreicht. Ärzte wie Hippokrates, Soranus und Galen erforschten bereits die weibliche und männliche Anatomie und Physiologie, die Fortpflanzung, die Empfängnisverhütung sowie verschiedene sexuelle Funktionsstörungen und sexuell übertragbare Krankheiten. Platon und Aristoteles philosophierten über die Liebe, Fragen der Sexualethik, Sexualpädagogik, des Sexualstrafrechts und der Sexualpolitik. Mittelalterliche islamische und jüdische Gelehrte wie Ar Razi (Rhases), Ibn Sina (Avicenna), und Maimonides (RaMBaM) bewahrten und erweiterten das antike Wissen. Im 13. Jahrhundert begann die medizinische Hochschule von Salerno auf dieser Basis Maßstäbe für das übrige Europa zu setzen, und mit der Renaissance setzte eine enorme Erweiterung des anatomischen Wissens ein. Leonardo da Vincis Zeichnungen vom Koitus und der vorgeburtlichen Entwicklung schmücken heute noch sexologische Lehrbücher, und die Namen der späteren Forscher Fallopio (Fallopische Tuben), de Graaf (Graafsche Follikel), Bartholinus (Bartholinsche Drüsen) und Cowper (Cowpersche Drüsen) sind auf Dauer mit den von ihnen entdeckten Teilen der Sexualanatomie verbunden. Die weiteren Fortschritte der Sexualmedizin sind zu bekannt, um hier wiederholt zu werden, aber die im 19. Jahrhundert aufstrebende Psychiatrie brachte zwei Entwicklungen, die Erwähnung verdienen: Den 1843 von dem ruthenischen Arzt Heinrich Kaan eingeführten Begriff einer »Psychopathie sexualis« und die 1857 von dem Franzosen Benedict Augustin Morel propagierte, ebenso einflussreiche Vorstellung der »Degeneration«.

Die »Medikalisierung der Sünden«

Diese beiden ideologischen Begriffe, säkularisierte Versionen, moderne Neuinterpretationen, ja »wissenschaftliche« Umdeutungen der alten religiösen Dogmen von Unzucht und Sündenfall, beherrschten fortan das psychiatrische Denken über die menschliche Sexualität. Aus diesem Denken speisten sich dann die scheinbaren, schnellen weiteren Fortschritte der Sexualforschung. So erschien schon zehn Jahre nach Richard von Krafft-Ebings epochaler »Psychopathia sexualis« (1886) in Italien die erste wissenschaftliche Zeitschrift, die ausschließlich sexuellen Fragen gewidmet war: »Archivio delle psicopatie sessuali« (1896), herausgegeben von dem Psychiater Pasquale Penta. Diese und viele andere vermeintliche Fortschritte der Psychiatrie waren aber nichts weiter als Etappen in einem größeren kulturellen Prozeß, den man später knapp und treffend die „Medikalisierung der Sünden“ nannte. Der schwindende Einfluß der Religion als moralische Instanz wurde kompensiert durch den wachsenden Einfluß der Wissenschaft, die nun behauptete, alle moralischen Normen „objektiv“ begründen zu können. Das Problem von Konformität und Devianz wurde aber tatsächlich noch vorwissenschaftlich naiv als ein unwandelbares Verhältnis absoluter Größen gesehen, und so versuchte man, die sexuelle Frage allein an der Ketzerei des Individuums dingfest zu machen. Die herrschende Orthodoxie aber blieb unbefragt akzeptiert. Die alten theologischen Begriffe der Aberration, Deviation und Perversion, die seit dem Mittelalter Abweichungen vom rechten Glauben bezeichnet hatten, wurden einfach auf Abweichungen vom rechten Sexualverhalten übertragen, und wie früher der Inquisititor ein Beschützer des katholischen Glaubens gewesen war, so wurde der Psychiater jetzt zum Büttel der bürgerlichen Moral.

Die kulturellen Wurzeln der «sexuellen Frage«

Einigen kritischen Köpfen aber wurde zunehmend »bei dieser Gelehrsamkeit bange«, und zu diesen gehörte auch Iwan Bloch. In seiner privaten Praxis als Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten wurde er täglich mit den medizinischen Symptomen eines sexuellen Elends konfrontiert, dessen tiefere gesellschaftliche Ursachen wissenschaftlich unbeachtet blieben. Als mehrsprachiger, historisch gebildeter Bibliomane wußte er aber besser als die meisten seiner Kollegen, daß viele zeitgenössische Sexualprobleme tiefe kulturelle Wurzeln hatten und nur von dort her richtig zu verstehen waren. Die Prostitution zum Beispiel mit all ihren negativen Begleiterscheinungen war als »ältestes Gewerbe der Welt« nur dann richtig zu beurteilen, zu reformieren und vielleicht zu überwinden, wenn man auch ihre Geschichte, ihre Organisationsformen und ihre gesamtwirtschaftliche Rolle studierte. Tatsächlich gab es sogar schon Versuche in dieser Richtung, wie etwa die 1837 vorgelegt Studie von A. J. P. Parent-Duchatelet »De la prostitution de la ville de Paris«. Wie Bloch aber feststellen konnte, hatte auch schon Wilhelm von Humboldt im späten 18. Jahrhundert die Prostitution als wissenschaftliches Thema entdeckt und 1826/27 zum Kernstück eines Entwurfes für ein umfassendes Werk gemacht: »Geschichte der Abhängigkeit im Menschengeschlecht«.5 Hätte Humboldt diesen Entwurf ausgeführt, so wäre er damit zum Autor der ersten sexualwissenschaftlichen Studie im Sinne Blochs geworden. Die Prostitution war aber deshalb für die Sexualwissenschaft die »Frage aller Fragen«, weil sie einen »Januskopf« hatte, »dessen eines Antlitz auf die Natur, dessen anderes auf die Kultur« hinwies, d.h. in der Prostitution fanden sich die biologischen und soziologischen Aspekte des Sexuellen in der auffälligsten Weise vereinigt. Hier ließen sich an einem Schlüsselphänomen gleichzeitig Basis und Überbau der Sexualität studieren, und für den scharfsichtigen Forscher erhellten die beiden sich gegenseitig. Zu dieser Erhellung mußten aber die Natur- und Kulturwissenschaften in gleicher Weise beitragen, und dazu waren sie zur Zeit Humboldts noch gar nicht in der Lage gewesen:

»Die Zeit für ein solches Unternehmen (war) noch nicht gekommen. … Die Kulturgeschichte sowohl als auch die allgemeine Naturwissenschaft bewegten sich noch ganz in aprioristischen Konstruktionen, die Völkerkunde war noch in ihren ersten, allerbescheidensten Anfängen, kurz, es fehlte alles zu einer objektiven Grundlegung der Sexualwissenschaft…«6

Zu seiner Zeit sah Bloch nun die nötige Basis entstehen, auf der die von ihm konzipierte, interdisziplinäre Wissenschaft errichtet werden konnte. Er plante daher ein vielbändiges »Handbuch der Sexualwissenschaft in Einzeldarstellungen«, an dem Fachleute für verschiedene Spezialprobleme mitarbeiten sollten. So wurde z.B. der Band über »Die Homosexualität des Mannes und des Weibes« (1914) von Magnus Hirschfeld übernommen, der, von Blochs Konzept angeregt, auch schon die erste »Zeitschrift für Sexualwissenschaft« (1908) herausgegeben hatte. Bloch selbst behielt sich für zwei oder mehr Bände das große Thema Prostitution vor, konnte aber nur den ersten davon selbst abschließen (1912). Ein zweiter, postum herausgegebener Band konnte das im ersten vorgegebene Niveau nicht mehr erreichen (hg.von G. Loewenstein 1925).

Der befreiende Wert der Erkenntnis

Entscheidend bei all diesen neuen Publikationen war, daß sie versuchten, Blochs Idee einer eigenen Sexualwissenschaft umzusetzen, d. h. sowohl biologische wie soziologische Erkenntnisse zu integrieren. Das galt auch für die 1913 mit Bloch gegründete »Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik« und die von ihm und Albert Eulenburg 1914 neu herausgegebene »Zeitschrift für Sexualwissenschaft«. Es galt ebenso für das von Hirschfeld 1919 gegründete erste »Institut für Sexualwissenschaft«, wo er neben seiner ärztlichen Tätigkeit auch eine große Literatur- und Materialsammlung aufbaute, Filme mitproduzierte, öffentliche Aufklärungsvorträge anbot, für eine Strafrechtsreform eintrat, Fragebögen ausfüllen ließ und auswertete sowie verschiedene kulturhistorische Werke publizierte.
Immer fühlte man sich der Mahnung Blochs verpflichtet, über die Untersuchung und Behandlung des Pathologischen hinauszugehen:

»Eine rein medizinische (geschweige denn psychiatrische) Auffassung des Geschlechtslebens … (reicht nicht aus), um den vielseitigen Beziehungen des Sexuellen zu allen Gebieten des menschlichen Lebens gerecht zu werden. Diese Beziehungen als Ganzes machen den Inhalt der besonderen Sexualwissenschaft aus, deren Aufgabe es ist, sowohl die physiologischen als auch die sozialen und kulturgeschichtlichen Beziehungen der Geschlechter zu erforschen und durch das Studium des Natur- und Kulturmenschen gewissermaßen die sexuellen Elementargedanken der Menschheit aufzufinden. … Einzig und allein diese anthropologische Betrachtungsweise … liefert uns für die Sexualwissenschaft … solche … Grundlagen, daß sie denselben Anspruch auf Exaktheit und Objektivität erheben können wie die rein naturwissenschaftliche Einzelbeobachtung.«7

Auch für diese Auffassung Blochs gab es Vorbilder. Zwischen 1872 und 1885 hatte der italienische Arzt und Anthropologe Paolo Mantegazza drei Bände über das menschliche Liebesleben publiziert, die als »Trilogia dell’amore« europäische Leser über fremde Bräuche und Praktiken informierte und somit direkt und indirekt ihre eigenen Vorstellungen relativierte 8.
Bloch vertrat hier aber auch bewußt den Standpunkt Virchows, für den die Medizin selbst die Basis für jede soziale Reform und die eigentliche »Wissenschaft vom Menschen, die Anthropologie im weitesten Sinne« gewesen war 9. Im Besonderen aber bezog er sich auf den Ethnologen Adolf Bastian, wenn er die sexuellen Elementargedanken der Menschheit anführt. Dieser war von der Vorstellung ausgegangen, daß in jeder menschlichen Kulturäußerung eine begrenzte Zahl von »Elementargedanken« enthalten sind, daß also jede Sprache, Religion, Philosophie und Kunst, jede Organisation und Gesetzgebung gewisse allgemeine Ideen enthält, die nur infolge verschiedener Geographie und Geschichte verschiedene Formen annehmen. So werden die allgemeinen Elementargedanken zu besonderen Völkergedanken, die durch Wanderung, Handel und Krieg dann auch in Gegenden gelangen, in denen sie nicht entstanden sind. Der Forscher aber hat unter dem oft befremdlichen Aufputz die Grundsubstanz herauszuspüren. 10

Dies sollte, nach dem Willen Blochs, auch die Aufgabe des Sexualwissenschaftlers sein. Indem er der Entwicklung der sexuellen Elementargedanken nachspürt und so das Bewußtsein erweitert, öffnet er das Tor zur Selbstbestimmung und Freiheit:

»Unter drei Gesichtspunkten ist eine wissenschaftliche Betrachtung des menschlichen Geschlechtslebens möglich. Zunächst tritt uns die Liebe als eine Naturerscheinung entgegen, die als solche dem Gesetze der Kausalität unterworfen ist. Dann aber ist sie, entzogen der bewußtlosen Notwendigkeit, ein Objekt der Geschichte, jenes Prozesses, der, um mit einem geistesgewaltigen Worte Hegels zu reden, den »Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit« darstellt. Das Ziel der Liebe aber ist, wie alles menschliche Geschehen, die Freiheit, welche mit dem absoluten Geist, der höchsten Erkenntnis, identisch ist. So existieren nur drei Probleme der Liebe – nicht mehr: das physische, das historische und das metaphysische Problem«.11

Blochs kühnes Konzept einer Sexualwissenschaft gab so all dem bisherigen ärztlichen »Drauflosdiagnostizieren«, all dem naturwissenschaftlichen Zählen und Messen, historischen Sammeln und soziologischen Befragen ein wahrhaft großes Ziel – die Bewußtwerdung, ja Selbstaufklärung des Menschen, seinen Ausgang aus selbstverschuldeter sexueller Unmündigkeit.

Es war deshalb für Bloch, Hirschfeld, Max Marcuse und all die anderen Pioniere der Sexualwissenschaft eine Selbstverständhchkeit, daß sie alle sexuellen Reformbewegungen unterstützten, vor allem natürlich die Frauenbewegung. Sie glaubten an die wesentlich befreiende Wirkung der Wissenschaft. Am prägnantesten war dieser Glaube vielleicht in Hirschfelds Wahlspruch formuliert: »Per scientiam ad justitiam!« (Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit!). Wie Blochs Überlegungen aber deutlich machen, glaubte man noch an den befreienden Wert der Erkenntnis selbst, die bestehende schlechte Verhältnisse allgemein bessern werde.

Zur ‚Lösung der sexuellen Frage‘ aber, war eine eigene Wissenschaft erforderlich, die, in Blochs Worten, alle Aspekte »von einem zentralen Standpunkt aus« prüfte. Auf keinen Fall wollte man die Erforschung des Sexuellen einer unverbundenen Vielzahl von wissenschaftlichen Zuständigkeiten überlassen, denn damit hätte man ja den eigentlichen Erkenntnisimpuls geschwächt. Stattdessen suchte man Integration und Focussierung.

Daß dieser Gedanke, kaum voll entwickelt, vom Naziterror unterdrückt und dann bis heute an keiner der drei Berliner Universitäten wieder aufgenommen wurde, ist eine sehr bittere Ironie der Geschichte. Inzwischen hat sich die Sexualwissenschaft nämlich, nach einem Neubeginn in den USA der vierziger Jahre, in vielen, auch europäischen Ländern – allerdings nicht in Deutschland – zum Universitätsfach mit eigenem akademischen Abschluß entwickelt (Diplom, Magister- und Doktorgrad). Die entsprechenden Lehrpläne und Prüfungsordnungen lassen aber nur selten den von Bloch geforderten breiten Ansatz erkennen. Viele sind sogar, wie im 19. Jahrhundert, im Pathologiestudium stecken geblieben, denn auch ihnen ist die weitsichtige Diskussion unter den damaligen deutschen Pionieren unbekannt. So fangen sie auf einer durch Bloch und seine Mitstreiter wissenschaftstheoretisch längst überholten Stufe wieder von vorne an, und das Mißverständnis lebt weiter, Sexologen wollten mithilfe von therapeutischen Interventionen anderen ihre Pseudoexpertise aufdrängen. Die heutige, quasi-automatische Gleichsetzung von Sexualwissenschaft mit Sexualmedizin und ihre damit begründete Einsperrung in medizinische Fakultäten war in Deutschland schon einmal überwunden. Iwan Bloch vertrat ein interdisziplinäres, integratives, an der Dialektik Hegels geschultes Konzept der Sexualwissenschaft:

»Die Doppelnatur des Geschlechtstriebes, seine biologische und kulturelle Seite, läßt uns die ganze Schwierigkeit der wissenschaftlichen Sexualforschung verstehen und es begreiflich erscheinen, daß auf der einen Seite die Mediziner und Naturforscher, auf der anderen die Theologen, Philosophen, Juristen und Kulturforscher die »sexuelle Frage« von ihrem einseitigen Standpunkte aus lösen zu müssen glauben. Schon aus dieser Tatsache ergibt sich die Notwendigkeit, einer Begründung der Sexualwissenschaft als einer reinen Wissenschaft für sich, die nicht, wie bisher, als Anhängsel irgendeiner anderen Wissenschaft aufgefaßt werden darf, oder etwa, was völlig widersinnig ist, diese ganz verschiedenen Disziplinen als »Sexualwissenschaften«(!) zusammenfaßt.«12

Die universitäre Wissenschaft in Berlin hat diese Worte vergessen, aber die geradezu rasante Entwicklung der Sexualwissenschaft außerhalb Deutschlands wird sowohl dort wie auch bei uns zwangsläufig zu einer neuen Theoriediskussion führen. Dann wird man erstaunt auch wieder auf Iwan Bloch stoßen und feststellen, daß er immer noch den richtigen Weg in die Zukunft weist.

Anmerkungen

Motto aus Iwan Bloch, Der Marquis de Sade und seine Zeit, Ein Beitrag zu Kultur und Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts, Hanau/Main 1970, S. 26.

Anmerkungen

  • 1 Bloch entwickelte dieses Konzept als erster in seiner großen Studie ‚Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur modernen Kultur‘, Berlin 1907
  • 2 Bloch, Robert, Gespräch mit Bernhard Egger in: Egger, Bernhard, Iwan Bloch und die Konstituierung der Sexualwissenschaft als eigene Disziplin, Dissertation, Institut für Geschichte der Medizin, Universität Düsseldorf 1988, S.7
    3 Ebda. S. 5
    4 Ebda. S. 6
  • 5 Humboldt, Wilhelm von, Geschichte der Abhängigkeit im Menschengeschlechte. In: Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften (Hg.), Gesammelte Schriften Bd. VII, Berlin 1908, S. 653-654
  • 6 Bloch, Iwan, Die Prostitution, Bd. I, Berlin 1912, S. X
  • 7 Ebda., S. VIII
  • 8 Mantegazza, Paolo, Fisiologia dell’amore (1872), Igiene dell’amore (1877), Gli amori degli uomini (1885).
  • 9 Virchows Archiv 2 (1849) 6. (Virchows Auffassung der Medizin als Basis für soziale Reformen und als die eigentliche Anthropologie ist zusammenfassend dargestellt in Schipperges, Heinrich, Utopien der Medizin – Geschichte und Kritik der ärztlichen Ideologie da 19. Jahrhunderts, Salzburg 1968. S. 31-81)
  • 10 Bastian, Adolf, Der Mensch in der Geschichte, 3. Bde., Leipzig 1860
  • 11 Bloch, Iwan (Dühren, E.), Der Marquis de Sade und seine Zeit, Einleitung, Berlin und Leipzig 1900 (später revidiert: Neue Forschungen über den Marquis de Sade und seine Zeit, Berlin 1904)
  • 12 Bloch, Iwan, Die Prostitution, Bd. I, S. VII

Von Erwin J. Haeberle, erschienen in »Meinetwegen ist die Welt erschaffen« Das intellektuelle Vermächtnis des deutschsprachigen Judentums. 58 Portraits. Herausgeg. 10. Sept. 1997, von Erler, Ehrlich und Heid.

Erwin J. Haeberle
promovierte 1966 in Heidelberg in Amerikanistik, Research Fellow in American Studies an der Yale University und in Japanese and Korean Studies an der UC Berkeley. In San Francisco erfolgte 1977 eine weitere Promotion in Sexualwissenschaft. Anschließend erfolgte die Ernennung zum Full Professor am Institute for Advanced Study of Human Sexuality in San Francisco. 1983/84 Gastprofessor an der Medizinischen Fakultät der Uni Kiel, 1984 Distinguished Visiting Professor an der San Francisco State University sowie 1984/85 Gastprofessor an der Medizinischen Fakultät der Universität Genf. In seiner Zeit in den USA war er zudem Mitarbeiter des Kinsey-Instituts an der Indiana University. 1988 Leiter des Fachgebietes Information/Dokumentation im AIDS-Zentrum des Bundesgesundheitsamtes in Berlin. 1992 Gastprofessor für Sexualwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1994 gründete er das Archiv für Sexualwissenschaft am Robert Koch-Institut in Berlin, das er seit 2001 an der Humboldt-Universität weiterführt. Er war auf Initiative des Gesundheitspsychologen Ralf Schwarzer auch Gastprofessor an der Freien Universität Berlin am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie. Er ist Mitinitiator des ersten Erotikmuseums in Deutschland in der Joachimstaler Straße in Berlin-Charlottenburg.

Hans Erler
Hans Erler war bis 2007 Programmleiter in der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Nach seiner Promotion über „Hannah Arendt, Hegel und Marx – Studien zu Fortschritt und Politik“ beteiligte er sich seit den 1970er Jahren am politischen Leben der Bundesrepublik. Er engagierte sich unter anderem im Bundestagswahlkampf 1976. Seit April 2007 ist er Mitglied der SPD. Seine Anregung, das Judentum als die erste der geistigen Wurzeln der Sozialdemokratie in das neues Grundsatzprogramm der SPD aufzunehmen, wurde 2007 in die Tat umgesetzt. Seine jüngste Veröffentlichung „Judentum und Sozialdemokratie – Das antiautoritäre Fundament der SPD“ erschien 2008.

Ernst Ludwig Ehrlich
27. März 1921 in Berlin – 21. Oktober 2007 in Riehen bei Basel. Deutsch-Schweizerischer Judaist und Historiker. Ehrlich, der 1943 vor den Nationalsozialisten in die Schweiz floh, hat sich jahrzehntelang für den christlich-jüdischen Dialog eingesetzt. Von 1961 bis 1994 war er europäischer Direktor der B’nai B’rith.

Ludger Heid
Ludger Heid studierte Geschichte, Judaistik und Pädagogik an der Universität Duisburg. An der Universität Potsdam erlangte er die Venia legendi für Neuere Geschichte und wurde 1993 mit der Arbeit Maloche – nicht Mildtätigkeit. Ostjüdische Proletarier in Deutschland 1914–1923 habilitiert. Er ist Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg-Essen und regelmäßiger Autor in der Rubrik Zeitläufte der Wochenzeitung Die Zeit.

Jeder Mensch kann sagen: „Meinetwegen ist die Welt erschaffen worden!

Hans Erler: …«Wenn das ehemals große deutsche Judentum noch heute einen Sinn für die deutsche Umwelt hat, so vielleicht den, dass darüber nachgedacht wird, ob nicht auch heutige Deutsche das benötigen, was die besten dieser Ermordeten oder Vertriebenen einte: Ein kritisches Bewusstsein und der Wille zu Solidarität und Menschlichkeit»…

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