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Allan N. Schore: Affektregulation und die Reorganisation des Selbst

Im Mai 2006 jährte sich zum 150. Mal der Geburtstag Sigmund Freuds, der seit seinen ersten Veröffentlichungen sowohl heftige Anfeindungen als auch große Anerkennung erlebte; für das naturwissenschaftliche Verständnis der Psyche ist sein Denken aktuell von größtem Interesse…

»Dieses Buch vollbringt eine gewaltige Integrationsleistung. Nachdem die Psychoanalyse Jahrzehnte fast bewegungslos im therapeutischen Mainstream mitgeschwommen ist, stürzen sich nun aus drei Richtungen wahre Sturzbäche mit neuen Erkenntnissen auf sie: Diese Quellen sind die Kleinkind-, die neuropsychologische Forschung sowie die Forschung zur Bindung und der Entwicklung des Selbst. Schore erklärt uns die Bedeutung der Affekte und der Funktionen der rechten Hirnhälfte und zeigt uns dabei neue Wege auf für die Lösung der Rätsel, die Körper und Verstand, emotionale Gesundheit und psychische Störungen umgeben.«
Joseph Lichtenberg, Chefherausgeber der Psychoanalytic Inquiry

»It is, perhaps, no accident that Schore´s work has been compared to Einstein´s theory of relativity. His labours are Darwinian in scope and import. Their fruitful implications are akin to Krebs´ realization of the energy-releasing cycle that powers our understanding of biochemistry. He has integrated a vast array of information and organized it in an overarching way that deserves our deepest gratitude.«
Judith Issroff (Contemporary Psychoanalysis, October 2006) – Besprechung der englischen Originalausgabe

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Aus der Einleitung von Eva Rass

In der modernen Hirnforschung gilt als ausgemacht, dass drei seiner Annahmen zutreffend sind: »Das Unbewusste hat mehr Einfluss auf das Bewusste als umgekehrt; das Unbewusste entsteht zeitlich vor den Bewusstseinszuständen; und das bewusste Ich hat wenig Einsicht in die Grundlagen seiner Wünsche und Handlungen« (Roth 2006). Wenn sich die heutige Hirnforschung nicht nur als Naturwissenschaft, sondern auch als eine Sozialwissenschaft versteht – »das Gehirn als soziale Konstruktion« (Eisenberg 1995) -, dann ist auch dies Sigmund Freud zu verdanken. Er ahnte, dass die Geheimnisse der Psyche in den Vcrschaltungcn des Gehirns verschlüsselt sind; und wie weit er mit seinen Ideen seiner Zeit vorauseilte, zeigt sein Entwurf einer Psychologie (1895).

Der am Ende des 19. Jahrhunderts angestrebte Brückenschlag zwischen Psychologie und Neurobiologie scheiterte zwangläufig an den damals vorhandenen Forschungsmöglichkeiten; dafür kann die Arbeit Freuds aber heute nahezu nahtlos an jenen Punkten fortgesetzt werden, an denen er sie einstmals unterbrochen hatte. Die revolutionäre Einsicht der Neurowisscnschaft liegt darin, dass Kommunikation und Interaktion das Netzwerk des Gehirns eines jeden Menschen in Minutenschnelle verändern: Das heißt, dass ein interdisziplinärer Zugang notwendig ist, um diese vielschichtigen Prozesse zwischen den verschiedenen Disziplinen zu erfassen.

Und gerade dieser Herausforderung stellt sich Allan Schore, der herausragend in einem ungewöhnlichen Kraftakt eine Annäherung zwischen der Psychoanalyse und den angrenzenden Wissenschaften versucht, um aussagekräftigere Konzepte des Bewusstseins zu entwickeln. Zur Begründung führt er Beweise aus dem entwicklungsbiologischen Feld der Mutter-Kind-Beobachtungen bis hin zur Molekularbiologie an, welche diese These belegen. Das daraus entstandene Modell erklärt mit erstaunlicher Genauigkeit die Wirkweisen, durch die das kindliche Gehirn die affektregulierenden Funktionen der Mutter in umschriebenen Bereichen des Nervengewebes und zu bestimmten Zeiten seiner epigenetischcn Entwicklung internalisiert und ihre (der Mutter) Strukturen verinnerlicht (Kaplan-Solms & Solms 2000, S.219).

Beginnend mit den Freud’schen Studie Zur Auffassung der Aphasien aus dem Jahr 1891 verfolgt A. Schore bis heute (2006) die Erforschung der Frage, wie die frühen Interaktionen des Kindes mit seinen wichtigen Bezugspersonen seine Entwicklung prägen und wie ein zunächst primitiver Organismus sich zu entwickeln anfängt, um dann mehr und mehr komplex zu werden, wobei er in seiner Entwicklung sowohl diskontinuierlich als auch kontinuierlich sein kann.

Freud, der seinen Entwurf einer Psychologie zu einer Zeit ausarbeitete, in der auch die Arbeil an seinem Meisterwerk Die Traumdeutung im Wesentlichen abgeschlossen war, verwarf vermeintlich seinen Entwurf, um die neu entstandene Disziplin der Psychoanalyse nicht durch eine zu frühe Integration des Biologischen und des Mentalen zu gefährden; denn – so schrieb Jones – der Entwurf »stellt an den Leser höhere Anforderungen als irgendeine andere seiner Arbeiten. Die wenigsten werden ihn schon beim ersten Durchlesen verstehen (Jones 1953, dt. 1978, S,442). Und später schrieb Sulloway: »Kein anderes Dokument hat in der Geschichte der Psychoanalyse einen solchen Wust an Auseinandersetzungen mit einem derartigen Minimum an Zustimmung nach sich gezogen wie der Entwurf (1979, dt. 1982, S. 176). Dennoch durchziehen diese anfänglichen Gedanken Freuds gesamtes theoretisches Werk.

Die Grundlage einer „Psychoanalyse des 21. Jahrhunderts“

Nun ist es Allan Schore, der den Mut hat – und es deshalb auch »zumutet« -, den heutigen Leser mit dieser hohen Anforderung zu konfrontieren, denn er integriert Psychoanalyse und angrenzende Wissenschaften, die ihre jeweils eigenen Forschungsmethoden, sprachlichen Konstrukte und spezifischen Schlussfolgerungen haben. Die »trans-theoretische« Betrachtungsweise fungiert als Fokus, um grundlegende adaptive Selbstfunktionen und menschliches Verhalten zu verstehen (Schore 2006). In einem ungeheuer kreativen Akt gelingt ihm mit seiner Affektregulationstheorie diese Integration; sowohl eigene Forschungsergebnisse als auch die bedeutender verstorbener oder lebender herausragender Wissenschaftler werden angeführt, um ein neues Ganzes zu schaffen – »daß er Alles wie ein Ding umfasse« (Rilke 1905). Zweifelsohne resultiert daraus keine »leichte Kost« für den Leser, doch ist der Lohn für die Bemühung, sich durch dieses Buch hindurchzuarbeiten, groß, und er erfährt eine ungewöhnliche Bereicherung. Schore untersucht mit diesem Konzept bestehende psychoanalytische Modelle – dieser rote Faden durchzieht alle Kapitel und lässt das Buch zu einer Einheit werden und er kommt zu dem Schluss, dass bei allen Psychotherapien, insbesondere bei psychodynamischen Verfahren, die psychotherapeutische Arbeit am Affekt und seine Regulation im Zentrum stehen.

Affect regulation wird in diesem Buch mit Affekt regulation und nicht -regulierung übersetzt, da der Autor seine Theorie in der Psychobiologie und in der affektiven Neurowissenschaft verwurzelt sieht und die diesbezügliche Primärliteratur im Deutschen (vgl. Lexikon der Neurowissenschaft 2000) sowie bisherige Übersetzungen (vel. Damasio 1995) meist den Begriff Regulation benutzen.

Dieses Buch dürfte sowohl für den theoretischen Wissenschaftler als auch für den Kliniker von Bedeutung sein: Zum einen ist das Spektrum des zusammengetragenen Wissens sehr breit angelegt; zum andern wird Allan Schore nicht müde, das umfassende Wissen und die Befunde zur frühen Entwicklung, die in der Mutter-Kind-Dyade stattfindet und die die Gehirnentwicklung unausweichlich prägt, mit der Patient-Therapeut-Dyade zu vergleichen, wo durch die fortwährende sozioemotionale Beeinflussung des Gehirns neue Verarbeitungsmöglichkeiten entwickelt werden können und durch den Einfluss dieser Beziehung ein neuer und reiferer Umgang mit sich selbst und anderen erreicht werden kann.

Gründlich wird herausgearbeitet, dass Erinnerung und Verbalisierung alleine keine Heilung und Überformung einer Störung erreichen können, dass es daher ganz besonders auf die eigenen Regulationsfähigkeiten des Therapeuten ankommt, um sich quasi als »Resonanzkörper« für die mimisch, prosodisch und gestisch vermittelten Signale des Patienten zur Verfügung zu stellen, der keine anderen Möglichkeiten hat, um frühes, noch gar nicht verbalisiertes Erleben zu kommunizieren. Dies stellt höchste Anforderung an die fachliche und menschliche Kompetenz des Therapeuten bzw. der Therapeutin.

Und so bleibt zu hoffen» dass die vorliegende deutschsprachige Ausgabe der Bedeutung dieses Buches in Ansätzen gerecht werden kann und dass auch in diesem Sprachraum dieses in der Tat nicht leicht zu verarbeitende Wissen seine Verbreitung finden wird. Immerhin spricht die anglo-amerikanische Fachöffentlichkeit – so auch in Buchbesprechungen – von der Affektregulationstheorie Allan N. Schores als von der Grundlage einer „Psychoanalyse des 21. Jahrhunderts“.

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