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Veränderungsprozesse — ein integratives Paradigma

Das Zusammenkommen von Entwicklungsforschung, Theorien biologischer Systeme und affektiver Neurowissenschaft scheint ungemein zu inspirieren. Jedenfalls entstand so ein bahnbrechen­des Buch, ein Grundlagenwerk, das zeigt, wie Psychotherapie Veränderung bewirkt…

Ursprünge und Kontextualisierung der Arbeit und der Boston Change Process Study Group (BCPSG)

Die Boston Change Process Study Group (BCPSG) entstand im Jahre 1994. Sie hatte acht Gründungsmitglieder, die unterschiedliche Fachrich­tungen repräsentierten.

Fünf von ihnen waren Psychoanalytiker (Alexander Morgan, Jeremy Nahum. Louis Sander, Daniel N. Stern sowie Alexandra Harrison). Sander und Stern hatten bereits Pionierar­beit auf dem Gebiet der psychoanalytisch orientierten Säuglingsforschung geleistet und publizieren nach wie vor wichtige Originalbeiträge. Sander bereicherte das Feld um seine profunden Kenntnisse über biologische Sys­teme. Daniel N. Stern entwickelte die ersten mikroanalytischen Methoden zur Beschreibung der Interaktionen zwischen Müttern und Säuglingen.

Karlen Lyons-Ruth und Edward Tronick leisteten als Entwicklungsforscher wichtige Beiträge zur entwicklungs­psychologischen Literatur über Bindung und affektive Prozesse im Säug­lingsalter und interessierten sich für den psychodynamisch orientierten klinischen Prozess.

Nadia Bruschweiler-Stern erforschte als Kinderärztin und -psychiaterin frühe Prozesse der Säugling-Mutter-Interaktion sowie der Bindung.

Allen gemeinsam war die Überzeugung, dass die Erforschung der frühen Entwicklung eine reiche und unersetzliche Quelle für Beiträge zur Psychoanalyse darstellt.

Boston blickt auf eine lange Geschichte der Entwicklungspsychologie zurück. 1954 wurde hier mit dem von Louis Sander geleiteten Boston University Longitudinal Project die erste Langzeitstudie über die Entwicklung im ersten Lebensjahr durchgeführt. Ein wenig später nahm T. Berry Brazelton ebenfalls in Boston seine Forschungen über die Fähigkeiten neu­geborener Babys und die Mutter-Kind-Beziehung auf und initiierte einen Dialog mit Daniel N. Stern und Margaret Mahler. Im Harvard Department of Psychology begannen Brazelton, Lyons-Ruth und Tronick im Labor von Jerome Bruner, die frühe affektive Entwicklung zu ergründen.

Anfang der 1970er Jahre kam es, unterstützt durch technische Innovationen wie tragbare Videokameras und leistungsstärkere Computer, zu einer Explosion der entwicklungspsychologischen Erforschung früher affektiver und mentaler Prozesse. Nun traten Unvereinbarkeiten zwischen der überlieferten psychoanalytischen Entwicklungstheorie und den neuen Funden zutage. Sie bewogen uns zu dem Versuch, nach größerer Kohärenz zwischen den auftauchenden entwicklungspsychologischen Kenntnissen und der psychodynamischen Theorie zu suchen.

1988 riefen Jeremy Nahum und Alexander Morgan die Arbeitsgruppe »Infant Research« inner­halb der Boston Psychoanalytic Society ins Leben. Lyons-Ruth, Tronick und Harrison schlossen sich dieser Gruppe an und als Daniel N. Stern und Nadia Bruschweiler-Stern 1994 ein Sabbatjahr in Boston verbrachten, fiel der Entschluss, innerhalb einer kleinen Gruppe die Nützlichkeit der aus der Säuglingsforschung gewonnenen Einsichten für das Verständnis des psychoanalytischen Prozesses zu prüfen.

Da es notwendig ist, den klinischen Prozess minuziös zu untersuchen und in diese Untersuchung auch das subjektive Erleben des Therapeuten einbezogen werden muss, war es notwendig, die Gruppe auf wenige Mitglieder zu begrenzen. Da Mikroanalysen aus Videoaufzeichnungen von Mutter-Säugling-Interaktionen einen großen Detailreichtum zutage förderten, sollte diese Technik nun beim klinischen Prozess an­gewandt werden.

Analog zur therapeutischen Supervision wird der Prozess gemeinsam von Behandler und Supervisor erforscht. Doch gerade das, was in der Behandlung wirklich passiert, wird dem Supervisor gewöhnlich nicht erzählt. Deshalb war die Atmosphäre des Vertrauens so wichtig, da nur so eine offene, unbefangene Detailuntersuchung dessen, was sich in der Therapie abspielt, möglich ist. Authentizität setzt einen Grad an Unbefangenheit, Freundschaft und Sicherheit im gemeinsamen Miteinander voraus, der sich nur in einem kleinen, intimen Setting entwickeln kann.

Das Zusammenkommen von Entwicklungsforschung, Theorien biologischer Systeme und affektiver Neurowissenschaft scheint ungemein zu inspirieren. Jedenfalls entstand mit diesem bahnbrechen­den Buch ein Grundlagenwerk, das zeigt, wie Psychotherapie erfolgreich Veränderungs­prozesse bewirkt.

Daniel N. Stern et al. (The Boston Change Process Study Group)
Veränderungsprozesse — ein integratives Paradigma
Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Vorspohl

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