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Das ‚Etwas Mehr‘: Der historische Kontext der Arbeit der BCPSG

Dieses Buch dokumentiert eine Reise. Die Autoren begannen mit Entwicklungserfahrungen als Inspirations- und Wissensquelle und als Möglichkeit, Veränderungsprozesse in der Psychotherapie zu erhellen…

Schon im Titel eines früheren Artikels skizzierte die Gruppe die Umrisse einer Position: „Nicht-deutende Mechanismen in der psychoanalytischen Therapie: Das ‚Etwas-Mehr‚ als Deutung“.

Es ist dieses ‚etwas-Mehr‘, das die implizite Veränderung bringt. Doch was genau ist dieses ‚etwas mehr‘?…

Zur Kontextualisierung und zum Selbstverständnis der Bostoner Gruppe um D. Stern, lassen wir die Autoren zu Wort kommen:

Aus Veränderungsprozesse — ein integratives Paradigma, der deutschen Originalausgabe des 2010 bei Norton & Co. erschienenen Werkes »Change in Psychotherapy. A Unifying Paradigm«

Unsere Arbeit erfolgte im Kontext etlicher theoretischer Entwicklungen, die mit psychotherapeutischer Veränderung zusammenhängen:

  • (a) der Ausschlag des Pendels zu Lasten einer Eine-Person- und zu Gunsten einer zwei Personen-Psychologie;
  • (b) die wachsende Bedeutung der Entwicklungsforschung;
  • (c) das Verständnis der Intersubjektivität im therapeutischen Austausch;
  • (d) die Wichtigkeit der impliziten, von der expliziten, sprachgestützten zu unterscheidenden Kommunikation;
  • (e) der Beitrag des dynamisch-systemischen Denkens und
  • (f) die Funktion der Intention als primärer Regulator des interaktiven Austauschs.

Zudem haben wir allen Grund zu der Annahme, dass dieses Modell seine Vereinbarkeit mit den Funden, die von der modernen Neurowissenschaft und der bildgebenden Hirnforschung zu erwarten sind, unter Beweis stellen wird.

1. Die Ablösung der Eine-Person- durch eine Zwei-Personen-Psychologie

Arnold Coopers Wort von der »stillen Revolution« beschreibt zutreffend, welch große Bedeutung diesem Wechsel von einer Eine-Person- auf eine Zwei-Personen-Psychologie zukommt. Freud hatte seine Überlegungen in seiner ursprünglichen »Trauma«theorie insofern unter einer Zwei-Personen-Perspektive angestellt, als er die Symptomatik seiner Patienten auf deren Beeinflussung durch andere Menschen und die Heilung auf die Beeinflussung der Persönlichkeit des Kranken durch den Analytiker zurückführte. Er ließ diese Überlegung fallen und ersetzte sie durch die Theorie der »Urphantasie«, die Symptome als das Resultat intrapsychischer Phantasien fasst. Damit hatte sich die Eine-Person-Psychologie durchgesetzt.

Die Zwei-Personen-Konzeption wurde durch Freuds Diskussionen mit seinen Anhängern, vor allem Sandor Ferenczi, welcher der Übertragung und Gegenübertragung besonderes Gewicht beilegte, abermals ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Allerdings öffnete Ferenczis Ansatz der »wilden Analyse« und dem Machtmissbrauch des Analytikers gegenüber seinen Patienten Tür und Tor. Freud reagierte darauf, indem er die neue Disziplin, aber auch den Patienten und den Analytiker zu schützen versuchte. In den Jahren 1914 bis 1916 verfasste er eine Reihe behandlungstechnischer Beiträge, durch die er das Pendel erneut der Eine-Person-Perspektive annäherte, indem er die Techniken und Regeln der Durchführung analytischer Behandlungen darlegte und dabei insbesondere die Neutralität des Analytikers hervorhob.

In den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhundert begannen gleich mehrere Bewegungen, das Pendel zurück zur Zwei-Personen-Konzeption zu schieben: Die britischen Objektbeziehungstheoretiker, zu denen Winnicott, Fairbairn und Guntrip zählten, sowie Melanie Klein – diese allerdings unter etwas anderem Blickwinkel – begannen, im Analytiker mehr zu sehen als lediglich das Triebobjekt des Patienten und ein Mittel zur Triebbefriedigung. Die Beziehung zum Analytiker (dem Objekt) wurde zum Zielzustand des Patienten.

In den Vereinigten Staaten forderten Sullivans Interpersonal School sowie Edgar Levinson Aufmerksamkeit für den interaktiven Charakter der therapeutischen Begegnung ein. Ihre Schüler (Stephen Mitchell, Jay Greenberg, Lewis Aron, Irwin Hoffman, Philip Bromberg, Donnel Stern, Darlene Ehrenberg, Jessica Benjamin und andere) rückten den therapeuti­schen Austausch erneut in den Fokus einer Zwei-Personen-Psychologie. Diese Entwicklung ist mittlerweile als relationale Schule bekannt.

Auf etwas andere Weise betonten Heinz Kohut und seine Schüler die Beeinflussung des Patienten durch den realen Analytiker ungeachtet interpersonaler Bedeutungen. Weitere Autoren, etwa Thomas Ogden, Patrick Casement, James McLaughlin und Owen Renik, betonten ebenfalls den Zwei-Personen-Aspekt der Therapie.

Ein weiterer Aspekt dieser Bewegungen bestand in einer verschärften Fokussierung auf den »Hier-und-Jetzt«-Charakter des Behandlungsgeschehens. Theorien abseits der Psychoanalyse, zum Beispiel die Gestalt-Psychologie, hatten die Aufmerksamkeit seit langem auf die Unmittelbarkeit des therapeutischen Erlebens, also auf das Hier und Jetzt, gelenkt.

2. Die Rolle der entwicklungspsychologischen Forschung

Ein weiterer Paradigmenwechsel, der sich seit den 1950er Jahren in der Psychoanalyse vollzog, ist die wachsende Bedeutung der entwicklungspsychologischen Forschung für die Konzeptualisierung therapeutischer Interaktionen. John Bowlbys Beobachtungsstudien zeigten, wie ungemein wichtig das ist, was tatsächlich zwischen Eltern und Kindern geschieht, und rückten diese realen Beziehungen in den Vordergrund. Spätere analytisch orientierte Entwicklungspsychologen wie Louis Sander, Gerald Stechler, Daniel N. Stern, Karlen Lyons-Ruth, Beatrice Beebe, T. Berry Brazelton, Robert Emde, Edward Tronick und andere haben einen wichtigen Einfluss auf das psychoanalytische Denken und insbesondere auf die BCPSG ausgeübt.

3. Der Beitrag des dynamisch-systemischen Denkens

Von Beginn an hat die Theorie dynamischer Systeme (Esther Thelen und Linda Smith) die Arbeit der BCPSG erheblich beeinflusst, denn wir verstehen das Therapeut-Patient-Paar und die Zustände dieses Paares als ein dynamisches System, das sich gemäß den Prinzipien der Theorie dynamischer Systeme verändert.

4. Das Verständnis der InterSubjektivität im interaktiven Austausch

Einige dieser Forscher betonten ebenso wie Colwyn Trevarthen, dessen Name in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist, das Intersubjektive und das Interaktive im Entwicklungsprozess. Diese Fokussierung der entwicklungspsychologischen Forschung hat eine Parallele im klinischen Denken von Mitgliedern der oben erwähnten relationalen Schule, aber auch in den Ansätzen von Robert Stolorow, Beatrice Beebe und Frank Lachmann, Steven Knoblauch und anderen, die Konzeptualisierungen der Intersubjektivität gleichfalls in ihr Verständnis des therapeutischen Austauschs integrierten.

5. Die große Bedeutung der impliziten Kommunikation

Dass Kommunikation nicht allein auf expliziten, sprachgestützten Elemen­ten beruht, sondern darüber hinaus implizite Elemente aufweist, wurde auch von Beobachtern, die in Labor- und klinischen Settings arbeiteten, in wachsendem Maße anerkannt. Die wichtige Rolle der impliziten Kommunikation macht einen wesentlichen Bestandteil unserer Überlegungen aus.

Dass das Implizite unsere Aufmerksamkeit verdient, zeigen und bestä­tigen breitere Felder menschlicher Bestrebungen einschließlich der Musik und bildenden Kunst, des Tanzes und weiterer körpergestützter Aktivitä­ten.

Die von ihnen hergeleiteten Therapien haben dazu beigetragen, den Körper und seine Reaktivität in unseren therapeutischen Zuständigkeits­bereich zurückzubringen. In der Arbeit der BCPSG spiegelt sich dies in unserer Aufmerksamkeit für die minuziösen Entwicklungen wider, in de­nen sich Sekunde für Sekunde Aktion ebenso wie Gefühle und Gedanken manifestieren.

6. Die Rolle der Intention als primärer Regulator des interaktiven Austauschs

In Philosophie und Ethologie gilt die Intention seit langem als primäre Antriebskraft des interaktiven Austauschs. In den aktuelleren Veröffentlichungen der BCPSG haben wir daher der Rolle der Intentionalität in Interaktionen besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Zusammenfassend möchten wir festhalten: Die Arbeit der BCPSG ist ein Versuch, diese Fäden und Stränge aufzugreifen, sie anzureichern und zu einem kohärenten Modell zu verknüpfen, das Licht auf den Reichtumdes therapeutischen Austauschs wirft. Wir haben guten Grund zu der Annahme, dass dieses Modell mit den künftigen Funden der Neurowissenschaften, der bildgebenden Hirnforschung, der Kognitionswissenschaft und verwandten Disziplinen vereinbar sein wird.

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