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Miriam und Erving Polster: Wahnsinn

Tief im Menschen steckt eine reflexive Furcht vor dem eigenen Wahnsinn. Diese Furcht bestimmt und durchdringt die Kontakte, die er zu schließen bereit ist. Die Abwehr gegen den Wahnsinn ist am stärksten bei denjenigen, deren Abwehrmechanismen von der Gesellschaft als „wahnsinnig“ bezeichnet werden…

Dies sind die Menschen, die alles tun, um ihre geistige Gesundheit zu beweisen: der Halluzinierende, der auf der Realität dessen besteht, was er sieht; der Katatoniker, der seinen Körper so stark gegen den Ausbruch seiner übersteigerten Erregung verkrampft, daß er sich noch nicht einmal vom Stuhl erheben kann, und der Depressive, der an die Sinnlosigkeit des Lebens glaubt, damit seine eigenen verrückten Bedürfnisse nicht nach Befriedigung verlangen.

In geringerem Maße sitzen wir alle im gleichen Boot und verhindern den Kontakt, der mit Wahnsinn drohen könnte. Die Furcht vor dem Wahnsinn muß in der Entwicklung der Kontaktepisode respektiert werden – teilweise als Vorsichtsmaßnahme, um die Einheit des Menschen zu erhalten, und teilweise, weil die Furcht vor dem Wahnsinn eine Wachsamkeit erzeugt, die eine starke kontaktfeindliche Kraft freisetzt.

Wie schon erwähnt, wenn ein Mensch den Ich-Grenzen zu nahe kommt, hat er das Gefühl, er könnte verschwinden, sich auflösen oder sich selbst fremd werden. Wenn er sich dieser Grenze nähert, zweifelt er auch mehr an einem erfolgreichen Ergebnis. Er fürchtet, die Richtung zu verlieren, seine eigenen Handlungen sind ihm fremd und die Ergebnisse unsicher. Verrückt zu werden, bedeutet natürlich, den extremsten Verlust des eigenen Wahlsystems zu erfahren. In einer milderen Form erlebt man etwa das gleiche Gefühl, wenn man sich albern benommen, sich übermäßig aufgeregt oder gegen besseres Wissen etwas getan hat. Dieses Gefühl ist oft Gegenstand der therapeutischen Erkundung. Der Mensch, der nicht berühren will, der keine Rede halten will, der ständig lächelt, um seine Angst vor der Depression abzuwehren, derjenige, der sich davor fürchtet, seine Scham wegen der Masturbation offen darzulegen, sie alle sind Gefangene ihrer Furcht vor dem Wahnsinn. Für sie ist Wahnsinn das nicht assimilierbare Übermaß, welches sich drohend einstellt, wenn die Kontrollen nachlassen. Die Herrschaft über sich selbst steht auf dem Spiel, wobei manchmal ein wirkliches Risiko besteht, wenn auch nicht in jedem Fall. Man muß unterscheiden, ob die Furcht rein anachronistisch ist, oder ob sie einigermaßen mit den Tatsachen übereinstimmt. Wenn jemand wirklich befürchtet, daß seine Albernheit in Hebephrenie umschlagen wird oder daß er nicht mehr zu weinen aufhören wird, wenn er einmal anfängt, dann wäre es sicherlich klug, Albernheit und Weinen abzublocken. Die Entdeckung, daß diese Ausbrüche ihre eigene Vervollständigung haben umd mit der Zeit anderen, wichtigen Aspekten der Existenz weichen werden, ist von entscheidender Bedeutung bei der Etablierung eines Gefühls der persönlichen Herrschaft im Leben.

Die notwendige Unterstützung für die Erforschung dieser Ängste kann aus verschiedenen Richtungen kommen. Wichtig ist beispielsweise das Gefühl, daß der Therapeut oder jemand anders im Notfall unbedingt da sein wird, so daß man zeitweise die eigenen gewohnheitsmäßigen Einschränkungen aufgeben kann.

Kevin litt unter der entsetzlichen Vorstellung, wie Kinder auf einem Spielplatz von einem riesigen Ungeheuer geschluckt wurden, das vom Himmel auf sie herabstürzte. In einer heftigen Aufwallung der Emotion und der Ohnmacht begann Kevin zu schreien, als ob das Ungeheuer tatsächlich sei. Dann begann er zu weinen. Erst nachdem ich ihn festgehalten und getröstet hatte, hörte er nach und nach zu weinen auf, und es entstand ein neues Gefühl des Friedens durch den unmittelbaren Kontakt mit mir. »Wo kann ich Sie erreichen, wenn ich Sie brauche?« ist eine ernst zu nehmende Frage. Sie liegt allen Beziehungen zugrunde, bei denen ein gemeinsames Abenteuer lockt und wo man intuitiv spürt, daß die eigenen Kräfte nicht ausreichend werden, wenn einmal die gewohnte Wachsamkeit nachläßt.

Eine weitere Quelle der Unterstützung ist die Erwartung und die Versicherung, daß die Bewegung in die vorher nicht assimilierbare – undenkbare – Erfahrung sich allmählich und den Bedürfnissen des Betreffenden entsprechend gestalten wird. Er muß wissen, daß seine Ich-Grenzen ohne irreparables Risiko erweitert werden und daß er Rückzugsmöglichkeiten finden wird, wenn er sie benötigen sollte. Vielleicht braucht er sich nicht weit zurückzuziehen, aber er muß das Gefühl haben, daß er sich so weit zurückziehen kann, wie er will. Diese Prämisse liegt dem Experiment zugrunde, welches im neunten Kapitel besprochen wird. Grundsätzlich bedeutet das, daß wir dem Widerstand gebührende Aufmerksamkeit schenken und daß wir die Bedingungen der Erforschung ändern, entsprechend der Natur des jeweiligen Widerstands. Wir fordern beispielsweise einen Menschen auf, seinen Gesprächspartner anzuschauen, und er kann das nicht. Um diese Erfahrung in ihrer Intensität abzuschwächen, könnten wir ihn statt dessen auffordern, sich im Raum umzusehen und zu beschreiben, was er sieht. Wenn er einmal seine Bereitschaft wiedererlangen kann, unter weniger bedrohlichen Umständen zu sehen, dann wird es ihm eher möglich sein, sein Sehvermögen auch unter bedrohlicheren Umständen zu benutzen. Wenn er befürchtet, daß eine übereilte Handlung, der er keinen Widerstand leisten kann, dadurch ausgelöst wird, daß er einen anderen Menschen näher ansieht, dann lernt er, daß er sehen und dabei erregt sein kann, ohne sein Gefühl der freien Wahl zu verlieren. Schrittweise vorzugehen, kann die am wenigsten schmerzliche, die risikoloseste sowie die am ehesten assimilierbare Entwicklung herbeiführen.

Diese Methode hat aber ihre Grenzen. Das Leben ist einfach nicht kooperativ, und man muß bereit sein, die gelegentlichen Konfrontationen mit explosiven Möglichkeiten zu akzeptieren. Jeder richtet sein Leben teilweise nach seiner Bereitschaft und seiner Fähigkeit ein, mit diesen Explosionen umzugehen. Das Verhältnis zwischen Unbesorgtheit und Vorsicht wird sehr häufig ein Hauptfaktor bei der Bestimmung des eigenen Arbeits- oder Lebensstils. Die unbedachte Erfahrung kann mehr als nur chaotisch und nicht in Einklang mit der Realität sein. Tatsächlich verrichten einige unbedachte Menschen ihre Arbeit wagemutiger und effektiver als der vorsichtige Mensch. Der unbedachte Patient bewegt sich häufig mehr als der vorsichtige, aber er muß bereit sein, Irrtümer und Schmerz auf seinem manchmal sprunghaften Weg zur Lösung und Entwicklung zu überwinden.

Was manchmal wie Wagemut aussieht, ist in Wirklichkeit ein sensibles und fähiges Funktionieren mit geringerem Spielraum für Fehler als bei Menschen, die mit weniger Elan operieren. Was für den einen ein tollkühnes Risiko ist, kann für den anderen elegant und brillant sein. In dieser Hinsicht ähneln die Beziehungen zwischen Therapeut und Patient im allgemeinen der Kunstfertigkeit von Zirkusakrobaten, politischen Strategen oder Großwildjägern. Wenn sie ihr Ziel verfehlen, stecken sie in der Patsche; doch die geschicktesten sind viel erfolgreicher als manche, die vorsichtiger sind.

Eine weitere Quelle der Unterstützung, wenn man mit den Möglichkeiten des eigenen Wahnsinns konfrontiert wird, entspringt dem Wissen des Betreffenden, daß er nicht das tun muß, was er nicht tun will. Es ist wichtig, die selbstregulierenden Qualitäten einer persönlichen Wahl zu respektieren. Manchmal ist es möglich, mit den Einwänden eines Menschen gegen bestimmte Aktionen fertig zu werden, ohne dabei zum zurückgewiesenen Verhalten zurückzukehren. Wir fordern beispielsweise einen Mann auf, sich vorzustellen, daß seine Mutter ihm gegenüber im Sessel sitzt und daß er mit ihr spricht. Er sagt, er will das nicht; er mag nicht so tun als ob. Wir fragen ihn nach seinen Einwendungen. Er erwidert, als er noch ein Junge gewesen sei, habe er drei Schwestern gehabt, die immer Phantasiespiele gespielt und ihn mit einbezogen hatten. Einmal hätten sie sich alle verkleidet, und er habe sich dazu überreden lassen, das Nachtgewand eines Mädchens anzuziehen. Seine Freunde hätten ihn gesehen, und er habe schwer kämpfen müssen, um mit deren Verspottungen fertig zu werden. Wenn wir ihn auffordern, seine Gefühle beim Erzählen dieser Geschichte zu beschreiben, antwortet er, daß er ein Wiederaufleben seines Hasses auf all die damals Beteiligten spürt: auf seine Schwestern, seine Freunde und auch gegen seine Mutter, die zugelassen habe, daß dies alles geschehen sei. Nun haben wir eine völlig neue Situation. Wir sprechen mit einem Menschen, der tatsächlich aufgebracht ist und nicht mit einem, der einer künstlichen Übung Widerstand leistet – oder schlimmer, halbherzig mitmacht. Jetzt erklärt er offen seinen Unwillen, und die Wiederentdeckung seiner Selbstunterstützung anstatt einer versteckten, ängstlichen Unterströmung ist so relevant, als hätte er die ursprüngliche Aufgabe erfüllt, zu seiner phantasierten Mutter zu sprechen.

All diese Unterstützungen helfen, aber die vorzüglichste Unterstützung, um die Erfahrung des Wahnsinns zu riskieren, ist der Mut, dem Dämon gegenüberzutreten, und der Glaube, daß man gesund und mit erweiterter und intakter persönlicher Einheit wieder daraus hervorgehen kann. Ein Mensch, der hebephrenisch lacht, entdeckt seinen Spaß an der Welt und auch, daß das Lachen aufhören wird, wenn es seinen Zweck erfüllt hat. Ein vom Zorn überwältigtet Mensch entdeckt einen Partner, nicht einen Feind. Ein deprimierter Mensch kann Kontakt mit seiner Traurigkeit aufnehmen, von einem lebendigen Gefühl erfüllt anstatt mit der betäubenden Starre der Depression. Ein Mensch, der vor frenetischen Bewegungen Angst hat, entdeckt, wenn er sie schließlich versucht, daß er nicht in den Veitstanz des Verrückten gedrängt wird, sondern daß er eine positive Erschöpfung erlebt. Ein Mensch, der versucht, in der Babysprache zu sprechen, fällt geistig nicht in das Babyalter zurück, sondern kann den spielerischen Liebhaber in sich selbst erkunden.

Geistige Gesundheit und Einheit sind viel eher in den Grenzen eines sicheren, aber mutigen Lebens zu erlangen. Wenn man bis zur äußersten Grenze gefordert wird, dann riskiert man seine geistige Gesundheit. Wenn dieser Kampf vermieden wird, dann wird man es vielleicht bequem haben, aber man stagniert. Wenn man sich auf diesen Kampf einläßt und ihn gewinnt, dann entsteht ein freier Geist.

Aus:
Miriam und Ervin Polster: Gestalttherapie – Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie

Miriam und Erving Polster gehören zu den bekanntesten und profiliertesten Gestalttherapeuten der Welt. Vor rund 30 Jahren veröffentlichten sie ihr nun in erweiterter Neuauflage vorliegendes Grundlagenwerk der Gestalttherapie, das auch heute noch ein wichtiges Lehrbuch der Gestalttherapie ist. Seit über 40 Jahren haben sie (am Gestalt Training Center, San Diego, Calif., USA) Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten aus vielen Ländern ausgebildet und in besonderer Weise geprägt: Immer wieder betonen sie, daß es Wohlwollen und Achtung der Therapeutinnen und Therapeuten sind, die es den Klientinnen und Klienten in der Gestalttherapie ermöglichen, sich angstfrei zu öffnen und so neue bereichernde Erfahrungen zu machen.

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