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Henri Baruk: „Die Wahrheit des Tsedek“

So überschreibt Henri Baruk ein wesentliches Kapitel seiner Lebenserinnerungen“, in dem er an historischen und eigenen Fallbeispielen die Bedeutung des moralischen Bewußtseins aufzeigen will. Im hebräischen „Tsedek“ findet er das geeignete Modell für sein Anliegen, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit im Umgang mit seinen Kranken zu üben“…

Das Wort Tsedek hat in keiner anderen Sprache ein Äquivalent und ist schwierig zu übersetzen. Es meint eine besondere Form der Gerechtigkeit, die mit Güte, Großzügigkeit und Sorge um den Anderen verknüpft ist. Es zielt auf Frieden, Harmonie und Integrität und vereint Barmherzigkeit und Gerechtigkeit – für Baruk stellen die beiden Elemente „die Einheit der Welt dar“. Biblischer Bezugspunkt ist ihm der berühmte Spruch aus dem dritten Buch Mose, Levitikus 19,18: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst“, d.h. vollkommenes Vertrauen gewinnen durch echte Identifizierung mit dem Anderen.

Im Studium der Schriften, der Bibel, des Midrasch, der Tora, findet er die Quellen seiner Überzeugung, dass die jüdische Zivilisation jenen Typus des „Tsadik“, des Gerechten, hervorgebracht hat, der für das harmonische Gleichgewicht einer Gesellschaft und für die Bewahrung der Menschenwürde notwendig ist. Bereits bei Abraham und den Patriarchen, am Beispiel der Ereignisse um Isaac, Jacob und Joseph, in den Vorschriften der von ihm als gerecht empfundenen Tora, beschreibt er Tsedek als den immerwährenden Versuch des jüdischen Monotheismus, das moralische Bewußtsein der Menschen zur Grundlage einer gerechten Gesellschaft und des Friedens (schalom) zu machen. Der schlichte Grundsatz, dass man immer so handeln soll, wie man selbst behandelt werden möchte, wird zum Angelpunkt der Menschenliebe, für die er unzählige Beispiele aus den Schriften, den Psalmen und Texten der Propheten und Philosophen anführt. ‚Tsedek, dies betont er jedoch immer wieder, sei nicht einfach ein Element des Glaubens, sondern „une loi à mettre en pratique dans le monde“, ein Gesetz zur praktischen Umsetzung in der Welt, nicht nur für die Angehörigen des Judentums, sondern für die Menschen guten Willens aller Völker: „Wahret das Recht und übet Gerechtigkeit“ (Jesaja 56,1) und „Gerechtigkeit üben zu aller Zeit“ (Psalm 106,3) gilt für alle.

Es würde in diesem Rahmen zu weit führen, Baruks in vielen Schriften und Vorträgen entwickeltes Gedankengebäude zu referieren. Die Bedeutung seines Konzeptes für den psychiatrischen Alltag versucht er vornehmlich immer wieder an Krankengeschichten aufzuzeigen, die ihm für die „Pathologie des moralischen Bewußtseins“ charakteristisch erscheinen, so etwa moralische Zusammenbrüche nach problematischen Gewissensentscheidungen bei Opfern und Tätern des Zweiten Weltkrieges. Die Praxis der Psychiatrie habe ihn gelehrt: es gibt „eine enge Beziehung zwischen Gesundheit und Geisteskrankheit und jenem Gefühl für gerecht und ungerecht, das im Innern jedes Menschen vorhanden ist“; dies nennt er das „moralische Bewußtsein“. Mit diesem Begriff setzt er sich leidenschaftlich mit Sigmund Freud auseinander; er gesteht ihm zu, Neurosen und Wahnvorstellungen als Ergebnis einer ins Unbewußte verdrängten sexuellen Begierde erkannt zu haben, vermißt aber die Berücksichtigung „anderer Imperative“, wie eben das innere Gefühl für Gerechtigkeit und Gegenseitigkeit, dessen Realität Freud bestritten hätte“.

Wie ernst es ihm mit der praktischen Umsetzung des Strebens nach Gerechtigkeit und Barmherzigkeit („zwei Finger einer Hand“) gewesen ist, zeigt sich in der Struktur eines Tests, den er mit seinen Schülern erarbeitete und dem er bewußt den Namen „Tsedek-Test“ gegeben hat: „Er umfaßt fünfzehn Situationen, die sich als Gewissensentscheidungen darstellen. In jeder muß man Entscheidungen treffen, die Auskunft über die Begierde des Menschen, soziale Notwendigkeiten und moralische Imperative geben“. Er hat diesen Test Hunderten von zufällig ausgewählten Menschen aller Schichten vorgelegt, auch seinen Ausbildungskandidaten, bewußt nicht als Prüfung, sondern um herauszufinden, ob sie ein Gefühl für gerecht und ungerecht besitzen.

Zur Charakterisierung dieses Anliegens sollen sieben dieser 15 Entscheidungssituationen herausgegriffen werden:

Baruk und seine Mitarbeiter haben diesen Test mit den verschiedensten Personengruppen erprobt, auch ist er durch andere Untersucher, auch in anderen Ländern zum Einsatz gekommen. Es ging ihm darum, nach dem Gesetz der großen Zahl objektiv zu messen, was man „das Gefühl der Menschlichkeit“ nennen könnte. In jedem der erdachten Fälle sei die Möglichkeit enthalten, Rückschlüsse auf den Charakter und das Wesen des Probanden, aber auch auf die Vorurteile und die Auffassung von der herrschenden Gesellschaftsordnung zu erkennen.

So antwortet z. B. ein Assistenzarzt über die durch Aussonderung bestraften Soldaten (Frage 1), dies sei eine wirkungslose Maßnahme, die nur zu allgemeiner Unzufriedenheit führen kann. Offiziere und Mannschaft würden in Gegensatz gebracht, die Gruppe tiefgreifend gespalten. Die moralische Wirkung auf den Schuldigen sei gleich Null. Zu Frage 4 meint ein anderer, diese Methode sei normal, keiner mache da eine Ausnahme. In der Politik sei alles erlaubt. Andere Antworten ziehen nur die direkte Nützlichkeit für die Gesellschaft, unabhängig von jeder Gerechtigkeit, in Betracht. So habe der Offizier, der seinen Vorgesetzten anzeigt (Frage 5), recht, denn das liege im Interesse der Dienstausübung. Je nachdem, ob die Urteile affektiv, ungerecht, utilitaristisch, logisch oder unbarmherzig zu bewerten waren, zeigt sich die ganze Bandbreite möglicher Reaktionen; so hätten (Frage 15) Fremde ebenso ein Recht zu leben wie die Franzosen, bei anderen Antworten hängt es davon ab, ob sie für Frankreich arbeiten oder Parasiten seien.

Letzten Endes kam es Baruk darauf an, den Test auch Geisteskranken vorzulegen, um aus der Zerstörung des moralischen Bewußtseins Rückschlüsse auf die Diagnose der Erkrankung zu ziehen. So ist für ihn die erstaunlichste Antwort die eines schizophrenen Mannes, dessen überdurchschnittliche Intelligenz noch intakt war. Er antwortete auf die Frage nach dem Umgang mit heilbar und unheilbar Kranken (Frage 8), man müsse wissen, ob die als unheilbar angesehenen Kranken noch zu etwas nütze sind. Man sollte sie am Leben lassen, wie man es bei einem Haustier tut. Wenn der Kranke keinen Dienst mehr leistet „befiehlt der Verstand, daß man ihn sofort tötet“. In den Augen von Baruk, war dies „ein perfektes Beispiel eines logischen Urteils, aus dem jedes Gefühl für Menschlichkeit entschwunden ist; es stellt für mich das Wesen des schizophrenen Vorgangs dar“. Dies erschien nicht nur ihm evident, viele Kollegen seien ihm darin gefolgt, die den Test bei der Schizophrenie-Diagnose einsetzten.

Baruk findet in den Auswertungen seines Tests bei einem großen Teil seiner Probanden aber auch die Fähigkeit, auf die dargestellten Konfliktsituationen differenzierter zu reagieren. So, wenn die gegensätzlichen Interessen der Beteiligten wahrgenommen werden, wie auch die zu erwartenden langfristigen Folgen der jeweiligen Entscheidung.

Wo ihm aber in seinen Fällen das Fehlen von Wissen um Gut und Böse entgegen tritt, erschrickt er „bis ins tiefste Innere bei der Welle von Ungerechtigkeit, die heute die Welt überrollt“. Es müßten gerade die Ärzte sein, die aus ihrer Kenntnis der fundamentalen Einheit der moralischen und physischen Persönlichkeit die Geißeln der Menschheit bekämpfen, „die da sind Brutalität, Folter, Sadismus, Ungerechtigkeit, übersteigerte brutale Instinkte, freiwillige Blindheit gegenüber dem Blutbad und dem Völkermord.“ Hierfür, so meint er, bleibt Tsedek von größter Bedeutung. Mit dieser Überzeugung und mit seinem Rückhalt im Studium der hebräischen Texte wurde Henri Baruk zu einem „homme de synthèse“ zwischen den biologischen, sozialen und philosophischen Konzepten der Psychiatrie seiner Zeit. Seinen eigenen wissenschaftlichen Beitrag aus der Psychopharmakologie vertiefte er in der Gründung der Societé Moreau-de-Tours (1804-1884), benannt nach dem Entdecker der Wirkung von Giften, insbesondere Haschisch, auf die Psyche. Sozialpsychiatrische Arbeiten beschäftigten sich mit Problemen der Einweisung der Geisteskranken und ihrer Entmündigung, Studien zur Geschichte der französischen Psychiatrie galten der immerwährenden Suche nach der Tragfähigkeit psychiatrischer Überzeugungen“.

Als 1936 durch seinen Freund Isidore Simon eine Gesellschaft für die Geschichte der hebräischen Medizin gegründet wurde, engagierte sich Baruk in deren Arbeit und wurde ihr Präsident. Leidenschaftlich hat er von dieser Position aus dem Problem der Versuche am Menschen den Kampf angesagt, wie auch in der von ihm mitbegründeten Zeitschrift Revue d’histoire de la medecine hebraique, in der er auch zu anderen Problemen der Medizinethik Stellung nahm. Gad Freudenthal und Samuel Kottek haben hieraus Beiträge aus den Jahren 1948-1985 zusammengestellt. Vorträge führten ihn nach USA, Kanada und zu seinen Schülern in anderen europäischen Ländern, vor allem aber nach Israel, wo in Tel Aviv 1972 eine Stiftung mit dem Namen „Baruk-Institut“ eingeweiht wurde.

All dies wußten wir natürlich nicht, als uns Henri Baruk an einem grauen Märztag 1969 mit lebhaftem Engagement durch „seine“ Anstalt Charenton führte. Er war sichtbar begeistert, eine Gruppe aus einem deutschen medizinhistorischen Institut zu empfangen, von denen es damals in Frankreich in dieser Form keine gab. Den länger als vorgesehenen Weg ließ er in seiner Schatzkammer, der „unermeßlichen“ Bibliothek von Charenton enden, wo seit der Zeit von Esquirol die gesamte Geschichte der Psychiatrie und der Psychologie in ihren wesentlichsten Werken gesammelt wurde. Es war zu spüren, dass ihn gerade dort der Kummer über den Prestigeverlust der einstmals dominierenden französischen Psychiatrie zu plagen begann, nicht zuletzt deshalb, weil inzwischen die englische Sprache zum Kommunikationsmittel auch der Psychiater geworden war. Es war ihm klar, daß die Entwicklungen inzwischen über ihn hinweggehen; wir gewannen aber den Eindruck, in ihm einen der letzten Großen seines Faches erlebt zu haben, dem noch ein Überblick über das Ganze seines Arbeitsgebietes möglich gewesen war.

Wir haben für den vorliegenden Beitrag nicht recherchiert, welchen Rang Henri Baruk inzwischen in der historischen Bewertung seines Werkes und seiner Person in der aktuellen Psychiatriegeschichte einnimmt. Es kam uns im Kontext der Tagung aber darauf an, im Sinne eines Gedenkblattes an die Begegnung mit ihm zu erinnern. Beim Abschied überreichte er uns ein signiertes Exemplar seiner „Civilsation hebraique et science de l’homme“, in dem er das Jüdische in seiner Medizin ebenso systematisch wie bekenntnishaft dargestellt hat. Er hat es unter die Devise „des schönen hebräischen Gebetes“ gestellt, „das die Rolle des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs definiert: Er hält jene die fallen, er heilt die Kranken, er befreit die Bedrückten“.

Henri Baruk, Membre de l’Académie Nationale de Médecine, Professeur agrégé à la Faculté de Médecine de Paris, Médecin-chef de la Maison Nationale de Charcnton, Directeur à l’École Pratique des Hautes Études, wurde 102 Jahre alt und hat, solange er konnte, psychisch Kranke behandelt.