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Henri Baruk: Zedek und Psychiatrie

Zum Verständnis des wissenschaftlichen und geistigen Standortes von Henri Baruk ist es unabdingbar, den Ort seines jahrzehntelangen Wirkens kurz zu umreißen. „Charenton ist ein Symbol“, schreibt er selbst. „Der Name, entweder ironisch oder drohend ausgesprochen, ist für die gewöhnlichen Sterblichen eine unbekannte Welt, in der angeblich der Irrsinn herrscht“…

Eduard Seidler:
Henri Baruk (1897-1999), der „Tsedek“ und die „Psychiatrie morale“

Jüdische Medizin – Jüdisches in der Medizin – Medizin der Juden?
Caris-Petra Heidel (Hrsg.)

Die thematische Frage dieses Kolloquiums, ob sich ein „prägend Jüdisches“ in der Medizin erkennen läßt, ließ die Erinnerung wach werden an die Begegnung mit einem Kollegen, der diese Frage in eindrucksvoller Weise positiv beantwortet hat. Henri Baruk, französischer Neuropsychiater jüdischer Herkunft, von 1931-1968 Direktor der traditionsreichen Psychiatrischen Klinik in Charenton im Südosten von Paris, hat kurz nach seiner Pensionierung, im März 1969, eine Gruppe von Studenten und Mitarbeitern des Freiburger Instituts für Geschichte der Medizin empfangen, die sich zur Aufgabe gestellt hatte, eine medizinhistorische Exkursion in die französische Hauptstadt zu unternehmen, (Abb. im Buch). Es sollte ein Einblick in die Entwicklung der abendländischen Medizin genommen werden, soweit sie in Paris nachvollziehbar ist. Dies betraf sowohl die wichtigsten Institutionen für Forschung und Lehre und die Hospitäler, als auch Bibliotheken, Archive, Museen und Sammlungen, deren vorbereitende Bearbeitung den Exkursionsteilnehmern aufgegeben war. Aus deren interessierter Freude resultierte ein medizinhistorischer Reiseführer für Paris in Form eines kleinen Buches1, das sicher längst vergriffen ist, damals aber sogar in einer japanischen Übersetzung existierte.
Der nachfolgende Beitrag will – in einem Abstand von 40 Jahren ־ den nachwirkenden Eindruck wiedergeben, der sich in diesem Rahmen aus der Besichtigung der Psychiatrischen Klinik in Charenton unter der Führung ihres langjährigen Leiters ergab. Diese war ungeplant – Baruk war aber in selbstverständlicher Weise anwesend, hatte Zeit und Freude, und entließ uns nach Stunden mit der Gewißheit, einem ebenso eigenwilligen wie Großen der französischen Psychiatrie begegnet gewesen zu sein. Dass er uns klar gemacht hatte, wie sehr seine Arbeit mit den Traditionen des Judentums verflochten war, soll im Folgenden nachgezeichnet werden.

Charenton

Zum Verständnis des wissenschaftlichen und geistigen Standortes von Henri Baruk ist es unabdingbar, den Ort seines jahrzehntelangen Wirkens kurz zu umreißen. „Charenton ist ein Symbol“, schreibt er selbst. „Der Name, entweder ironisch oder drohend ausgesprochen, ist für die gewöhnlichen Sterblichen eine unbekannte Welt, in der angeblich der Irrsinn herrscht““.

Um 1645 begann der Pflegeorden der Frères de la Charité de Saint-Jean de Dieu am rechten Ufer der Marne kurz vor deren Einfluß in die Seine ein Klosterhospital zu errichten, wo zunächst arme Kranke und Geisteskranke aufgenommen wurden. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde es weiterhin üblich, Staatsgefangene mit Hilfe einer „lettre de cachet“ in eine Art Pflegehaft dorthin abzuschieben. Die Revolution hob 1795 das Kloster auf; nach der Wiedereröffnung 1797 waren dort ausschließlich Geisteskranke und Inhaftierte zu finden. Der berühmteste der Häftlinge, der Marquis de Sade, führte dort seine spektakulären Theateraufführungcn auf, zu denen man aus Paris angereist kam.

Eine bedeutsame Änderung trat erst ein, als Jean Etienne Dominique Esquirol (1772-1840) im Jahre 1826 Médecin en Chef von Charenton wurde. Als Schüler von Philip Pinel ( 1755-1826), dem ersten Vertreter einer neuen, humanen Behandlung von Geisteskranken, teilte er wie dieser die Kranken in verschiedene Kategorien ein, erklärte sie im wesentlichen für heilbar, und gab seinen Ideen ab 1838 auch architektonischen Ausdruck durch die Errichtung jener grandiosen Anlage, die Charenton weltweit berühmt gemacht hat (siehe Abb.: Innenhof, Seidler 1971. p.86).

Sechzehn sogenannte Carrés isolés wurden jeweils bestimmten Formen der Geisteskrankheiten zugeordnet; die Kranken verfügten über eine in sich abgeschlossene Abteilung um einen quadratischen Innenhof. Die Hanglage erlaubte es, die vierte Seite des Quadrates so offen zu halten, dass die abwärts führende Mauer für die Kranken unsichtbar blieb. Der bauliche Charakter von Charenton und die Weiterführung von Pinels Traitement mural et philosophique durch Esquirol und seine Schüler waren von richtungweisendem Einfluß auf die Entwicklung der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts.

Als Henri Baruk 1931 sein Amt als Direktor der Anstalt antrat, waren allerdings Struktur und Charakter der Anstalt völlig verändert. Seit dem Ersten Weltkrieg waren die Gebäude partiell in eine „Maison mater-nelle“ für ledige Mütter umgewandelt, dazu verblieben nur noch arme Geisteskranke 1. Baruk beschrieb den Beginn seiner Tätigkeit: «Die Anstalt war in einem schrecklichen Zustand […] man war in die Zeit vor Pinel zurückverfallen, die dunkelsten Stunden in der Geschichte der Heilung von Geisteskrankheiten“. Erst 1958 wurde Charenton unter Baruk wieder zum Psychiatrischen Krankenhaus. Seit 1973 gilt die jetzige Bezeichnung Hôpital Esquirol; die architektonische Anlage steht unter Denkmalschutz.

Henri Baruk

Geboren am 15. August 1897, verbrachte er seine ganze Kindheit in Saintc-Gcmmcs-sur -Loire in der psychiatrischen Klinik, die sein Vater Jacques Baruk leitete. „Ich hatte also das Glück, meine Kindheit mit Menschen zu verleben, die normalerweise nur stören, Angst einflössen oder Schande machen (…) wie oft unterhielt ich mich mit ihnen in einer Art, die sich nicht grundlegend von Gesprächen unterschied, die Kinder im allgemeinen mit den sogenannten normalen Menschen führen“. Der von ihm lebenslang tief verehrte Vater entstammte einer kinderreichen jüdischen Familie, die Mutter einer Mischehe mit einem jüdischen Vater. Dies führte dazu, dass Baruk während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg den Davidstern tragen mußte, sein Amt unter scharfer Beobachtung weiter ausüben durfte, jedoch von der Deportation verschont blieb.

Nach Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg und Studium der Medizin in Paris verbrachte Baruk seine Assistenzzeit vor allein in der Salpetriere, dein „Heiligtum der Neuropsychiatrie der damaligen Zeit“. Er erlebte einen Höhepunkt der grundsätzlichen Diskussion, ob die Geisteskrankheiten psychischen oder physiologischen Ursprungs seien, der sich zwischen seinen beiden Lehrern, dem Neurologen Henri Claude (1869-1945) und dem eher klinisch argumentierenden Josef Babinski (1857-1932) am Krankenbett abspielte. In seinen mit vielen Fallbeispielen angereicherten Erinnerungen bekennt Baruk, wie ihn diese Auseinandersetzung lehrte, sich lebenslang um die Zusammenhänge zwischen organischen und psychischen Störungen zu kümmern. Für seine eigene Arbeitsweise orientierte er sich eng an dem von ihm verehrten Babinski.

Am Beispiel der Katatonie weist er in eigenen, vor allem toxologischen Untersuchungen nach, dass es sich bei ihr weder um eine rein neurologische Krankheit, noch um ein rein psychisches Phänomen handelt, sondern dass die Erkrankung eine „coaptation rigoureuse du plan biologique et du plan psychologique“ erfordert“. Die Einzelheiten seiner sowohl labortechnischen, tierexperimentellen, als auch klinischen Beweisführungen würden den Rahmen dieses Beitrages sprengen; er wurde damit jedoch für sein weiteres Leben zu einem vehementen Gegner jeglicher Art von einseitigem Umgang mit dem Geisteskranken. Dies dokumentiert sich in der später konsequenten Ablehnung der seinerzeit aggressiv-neurologischen Therapien (Elektroschock, Lobotomie, Insulinkoma, exzessive Chemotherapie) als auch der analytischen Psychotherapie Sigmund Freuds.

Als Henri Baruk in Charenton seine Arbeit begann, war er in zweifacher Hinsicht gefordert. Auf der einen Seite gründete er mit Hilfe der amerikanischen Rockefeller-Stiftung ein Laboratoire de Psychiatrie animale experimentale et de psychopharmacologie zur Fortsetzung seiner neuropsychiatrischen Forschungen im Tierversuch, auf der anderen Seite war er mit den bereits genannten Schwierigkeiten in der Struktur der Anstalt konfrontiert. Er traf auf gemeinsamen Alkoholismus unter Kranken und Pflegern, auf Denunziationen und Verleumdungen, auf gezielte Demütigungen und Mißhandlungen der Kranken, und ihm selbst gegenüber auf unverhüllten Antisemitismus. Er brauchte drei Jahre, um diese Dinge in Ordnung zu bringen, wobei er sich mit unendlicher Beharrlichkeit und Geduld auf jeden einzelnen Kranken, Pfleger und Mitarbeiter als „ehrlicher und gutwilliger Zuhörer“ einstellt, „immer auf der unparteiischen und unermüdlichen Suche nach der Wahrheit, der Kranke, Ärzte und Personal gezwungenermaßen unterworfen sind. Beharrlichkeit ist meiner Meinung nach der Schlüssel des Psychiaters. Er öffnet die verstecktesten Türen und zeigt den Weg zu den Geheimnissen einer gestörten Seele“.

Sinn für Gerechtigkeit und eine menschenfreundliche innere Haltung

Mit seiner Methode der individuellen Offenlegung der Konflikte erreichte er, dass sich die Mentalität von Aufsehern und Pflegern langsam änderte, dass sie sich mehr für die Kranken interessierten und sie im Sinne seiner großen Vorbilder Pinel und Esquirol als „Menschen wie alle anderen“ betrachteten. Das Konzept von Pinel eines „Traitement moral“ bzw. „Regime moral“ im Umgang mit Kranken und ihren Betreuern entsprach seiner eigenen Auffassung, wobei „moral“ auf die Festigung des inneren Haltes und der Menschenliebe gerichtet ist. Er selbst erfuhr als „miracle“ die wachsende Anerkennung seiner Mitarbeiter, die sich vor allem in der Zeit der deutschen Besetzung bewährte, als er den Judenstern auf seinem Arztkittel tragen mußte und bei einer Vorladung durch die Gestapo mit der Erschießung bedroht wurde.

In diesen drei Jahren begann er sich auch intensiv mit der Geschichte der Psychiatrie und der Psychologie zu beschäftigen, wozu ihm die von Esquirol begründete einmalige Bibliothek seiner Anstalt zur Verfügung stand.

„Dort habe ich einen wesentlichen Punkt meiner Studien vertiefen können, das heißt die engen Beziehungen, die zwischen Gerechtigkeit und Frieden bestehen. Alle bisher in dieser Anstalt gemachten Erfahrungen haben mich davon überzeugt, dass auch der noch so gestörte Geist ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit hat, ohne die er seinen inneren Frieden nicht wiederfinden kann. Das scheint zwar auf der Hand zu liegen, aber gerade die Entwicklung der Psychiatrie beweist, dass man diesen moralischen Aspekt zugunsten von rein technischen Lösungen vernachlässigt. Ich hoffe, zeigen zu können, dass diese Auffassung ein großer Irrtum ist. Die Psychiatrie hat und behält moralische Bedeutung. Wenn sie heute nicht mehr den Bedürfnissen einer aus den Angeln gehobenen Zeit entspricht, bedeutet dies die Aufgabe einer Konzeption, für die es keinen Ersatz gibt“.

Dieses bewußt ausführliche Zitat weist auf den Beginn der Auseinandersetzung mit den Traditionen des Judentums, die Henri Baruk zu einem Zeitpunkt beginnt, als ihm der Mangel an „conscience morale“, an „jugement de valeur“, also an einer Wertorientierung innerhalb der Psychiatrie aus seinen eigenen Erfahrungen heraus unbefriedigt läßt. Er erinnert sich einer zunächst kursorischen Bibellektüre während des Ersten Weltkrieges und entschließt sich 1940 die hebräische Sprache zu erlernen, um die Traditionen des Judentums, der Bibel, des Talmud durch eigene Lektüre studieren zu können – nicht als „Credo“, sondern wie eine Wissenschaft vom Menschen und der Faktoren, die ihn bestimmen und handeln lassen. 25 Jahre lang konfrontiert er die hebräischen Texte mit den ihm geläufigen Elementen der Psychiatrie, der Psychologie und der Soziologie, wobei ihm das Beispiel des hebräischen „Tsedek“ zur Leitidee seiner weiteren Arbeit wird.

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