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Max Hodann: Sexualwissenschaft und Sozialhygiene

Max Hodann war ein seiner Zeit vorauseilender Sexualpädagoge, hervorragender Publizist, Volksaufklärer im sexologischen und gesellschaftlich-weltanschaulischen Sinn. Er war der Visionär eines Gesellschaftswandels durch Lösung der »sexuellen Frage«…

Aus dem Buch „Sozialhygiene als Gesundheitswissenschaft: Die deutsch/deutsch-jüdische Avantgarde 1897-1933.„, eine Geschichte in sieben Profilen, von Wilfried Heinzelmann, das hiermit zur weiteren Lektüre sehr empfohlen werden soll.

Aus Kap. 17. Max Hodann (1894-1946):
Einzug der Sexualwissenschaft in die Sozialhygiene – Literat einer repressionsfreien Sexualpädagogik

Wilfried Heinzelmann

17.1 Pionierarbeit in der Reichshauptstadt – Arzt für Sexualmedizin im sozialen Brennpunkt – Publizist im Dienste der Sexualpädagogik und Sexualreform

Ab seinem ıo. Lebensjahr verbrachte Max Hodann, geboren 1894 in Neisse (Schlesien), mehr als die Hälfte seines Lebens – 30 Jahre – in Berlin. Hier wurden in der unmittelbaren Vor- und Nachkriegszeit sowie während des Krieges selbst die Weichen für sein Leben gestellt. Medizinstudium, Beschäftigung mit Sozialhygiene und Sexualmedizin, Militärarzttätigkeit, Promotionsarbeit, Jugendbewegung und Verkehr in linksradikalen Intellektuellenkreisen schufen in ihm ein Mosaik spezieller Eindrücke, das ihn auf die Fährte eines einzigartigen Berufsweges drängte.

Bereits 1914 tauchte Hodann, einem Hinweis seines Studienkollegen Hans Haustein folgend, unter den ersten Hörern Grotjahns in dessem noch im Dachgeschoss des Berliner Hygienischen Instituts veranstalteten Sozialhygienischen Seminar auf, dem er über lange Jahre als ständiges Mitglied verbunden blieb. Sein 1. Referat im Seminar über Alfredo Niceforos »Anthropologie der nicht besitzenden Klassen« verhalf Hodann nach eigener Einschätzung dazu, Medizinerstatus und sozialistische Politikaktivitäten miteinander zu verknüpfen.

Dem schriftstellerisch-anekdotischen Genie des vielseitigen Buchautors verdanken wir einen Nachlass-Text, in dem er Grotjahn authentisch als fröhlichen Magier schildert, der der jungen Medizinergeneration eine zukunftweisende Geheimbotschaft entziffert.

Das 1913 aufgenommene Medizinstudium beendete er 1919 unter Beteiligung Grotjahns als Referenten (also praktisch als  dessen erster Doktorand) mit einer Dissertation über ››Die sozialhygienische  Bedeutung der Beratungsstellen für Geschlechtskranke (unter besonderer  Berücksichtigung der Landesversicherungsanstalt Berlin)«, die sofort als  Buch erschien und in der Fachwelt für Diskussion sorgte.

Auch unter Verwertung seiner Kriegserfahrungen als Militärarzt in einem Speziallazarett  für Geschlechtskranke in Polen reflektierte er hinsichtlich der untersuchten  Beratungsstellen im Endeffekt auf eine Vernetzung von Beratung und Therapie (im Sinne kostenloser ärztlicher Leistung für jeden, der sie benötigt).

Hervorgegangen aus Wandervogel und Freideutscher Jugendbewegung,  suchte Hodann seit seiner frühen Studentenzeit in Überwindung einer rein  psychologischen Oppositionshaltung nach publizistisch agierenden, relevanten Gruppierungen mit der Struktur für politische und soziale Mitgestaltung.

Vom Anfang seiner Berufswahl an entschied er sich dafür, seine  Vision von einheitlich politischem und sozialem Engagement als Publizist,  als aufklärender Propagandist auf volksbildenden Vortragsveranstaltungen  und im Rahmen einer volksnahen verständnisvollen Korrespondenz zu verwirklichen. Eine feste berufliche Basis für seine öffentliche Wirksamkeit gewann Hodann 1921 mit dem Eintritt in das städtische Gesundheitswesen als  Kommunalarzt und Leiter des Gesundheitsamts in Nowawes (Babelsberg).  Von 1922-1933 leitete er als Stadtarzt das Gesundheitsamt in Berlin-Reinickendorf.

Zur ersten Begegnung mit der Sexualwissenschaft kam es auf  fachliterarisch-publizistischer Ebene. In zwei Aufsätzen 1916 unterzog der  junge Medizinstudent Hans Blüher’s psychoanalytisch ausgerichtete Schriften zum Thema Erotik und bürgerliche Jugendbewegung einer kritischen  Analyse. Als größte Ausbeute seiner ersten literarischen Unternehmung  auf sexualwissenschaftlichem Gebiet musste er es empfinden, dass er bei  dieser Gelegenheit den sexologischen Wissenschaftszar der Zeit, Magnus  Hirschfeld, kennenlernte.

Über die Brücke dieser Verbindung gelangte er  1927 in Hirschfelds Institut im Nebenamt unter Beibehaltung seiner Hauptarbeitsstelle als Stadtarzt auf die wie auf ihn zugeschnittene Position eines  Leiters der Sexualberatungsstelle. – In beiden Berliner Positionen (als Stadtarzt und Berater im Sexualwissenschaftlichen Institut) entfaltete er eine  höchst originelle Aktivität. Seine Sprechstunden in den Beratungsstellen  handhabte er mehr im Sinne ärztlicher Ordination, in den Vortragsveranstaltungen beantwortete er Fragenzettel aus dem Publikum in anonym-allgemeiner Form.

Diese und in Briefen gestellte Fragen verwandte er als  Quellenmaterial für seine Publikationen. Durch seine Publizistik nahm er  maßgeblichen Einfluss in Deutschland auf Sexualpädagogik, Erziehungsreform, Sexualreform und Sexualpolitik. Seine schriftstellerische Begabung  war unverkennbar, das Themenspektrum reichte dementsprechend über  die Fachliteratur hinaus von politischen Fragen über ››Anthropogeographie«  bis hin zu Reiseanalysen verschiedener Länder, besonders der Sowjetunion.  Allgemein sozialhygienisch beschäftigte er sich in Beiträgen mit Prävention, Alkoholismus, Tuberkulosefürsorge, Sozialisierung des Heilwesens  und Gesundheitspropaganda.

1933 bereitete dem populären Reformer, der  der Sozialhygiene in Berlin eine weitere tragende Säule eingefügt hatte, aus  rassistischen und politischen Gründen das abrupte Aus.

Aus dem 17. Kap.: Sozialhygiene als Gesundheitswissenschaft: Die deutsch/deutsch-jüdische Avantgarde 1897-1933. Eine Geschichte in sieben Profilen, von Wilfried Heinzelmann.

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