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1933: Das Ende der Sozialhygiene in Deutschland

Im Jahre 1933 fand die in Deutschland in der Weimarer Zeit als Wissenschaft und Praxis erstarkte Sozialhygiene durch den Nationalsozialismus ihr abruptes Ende…


SOZIALHYGIENE ALS GESUNDHEITSWISSENSCHAFT
Die deutsch/deutsch-jüdische Avantgarde 1897-1933. Eine Geschichte in sieben Profilen.

Wilfried Heinzelmann

Instrumentell gelang die Zerschlagung durch eine rasche Abfolge von gesetzlichen Maßnahmen, die auf rassische und politische Säuberung der gesamten Ärzteschaft durch Berufsausschluss abzielten und auf Exilierung und Eliminierung der betroffenen Standeskollegen hinausliefen.
Die Rasanz der gesetzlich verbrämten Eingriffe in die ärztliche Berufstätigkeit und heuchlerische Täuschungsmanöver brachten die Emigrationsmaschinerie nur zögerlich in Gang. Es waren zunächst nur Jüngere und politisch oder rassisch-politisch Stigmatisierte, die aus Berlin prozentual zu einem höheren Anteil als aus dem übrigen Deutschland kurz entschlossen emigrierten.

Die „nur“ rassisch Verfolgten nahmen zunächst eine mehr abwartende Stellung ein? Nach Leibfried gab es von 1933-1938 „mehr als 1o.ooo verfolgte deutsche Ärztinnen und Ärzte, die in ihrer Mehrheit aus Deutschland noch fliehen konnten“. Die Formulierung dieser Zahlenangabe verweist auf die Unsicherheit in der Erfassung. Sicher ist, dass knapp 6.ooo jüdische Ärzte/-innen, die nicht selten zugleich Sozialisten waren, sich bis 1938 dem nationalsozialistischen Terror durch Flucht ins Ausland entziehen konnten und damit die größte Emigrantengruppe darstellend.

Die Zahl der zweiten kleineren Hauptgruppe der im weitesten Sinne sozialistischen Exilärzte/innen, die eine „gemischte“ jüdisch-sozialistische Untergruppe einschließt, scheint sich bis heute aus den statistischen Unterlagen nicht exakt bestimmen zu lassen. Sie wäre in unserem Zusammenhang deshalb interessant, weil sie die in der Mehrheit politisch „affizierten“ jüngeren Früh-Exilanten aus Berlin umfasst, die sich häufig Palästina und die USA (auch über Zwischenstationen) als ihre künftige Wirkungsstätte erwählten und von denen wir noch am ehesten annehmen können, dass einige von ihnen zuvor als Sozialhygieniker tätig gewesen waren.

Deutschsprachige asylsuchende Ärzte und Ärztinnen in den USA

3.600 – 3.900 deutsche und österreichische Flüchtlingsärzte wanderten zwischen 1933-1942 in die USA ein (= 60-65% des US-Immigrationspotentials). Wie sich aus unseren Nachberechnungen ergibt, erfassen die in der genannten Arbeit veröffentlichten tabellarischen Statistiken mit Verteilung der Zulassungen und Ablehnungen auf die einzelnen Jahre und verschiedene Zeitabschnitte allerdings eine weit geringere Einwanderungszahl von maximal 1.300 berufsaktiven Immigrationsärzten. Das ist auch damit zu erklären, dass die deutschsprachigen asylsuchenden Ärzte/-innen in den USA nur zum Teil beruflich rehabilitiert wurden und ihre medizinische Tätigkeit wiederaufnehmen konnten, zum andern Teil umfassten sie abweisungsbedingt gezwungene oder freiwillige Berufswechsler, altersbedingt nicht mehr arbeitsfähige bzw. pensionsreife und emigrationsnah verstorbene Exilanten, die sich im statistischen Zahlenwerk en bloc kaum wiederfinden.

Nach Palästina ausgewanderte deutsche Ärzte

Die Zahlen der bis zum gesetzlichen Zulassungsstop 1935 nach Palästina ausgewanderten deutschen Ärzte (errechnet nach Leibfried) betragen: 1933 ca. 109 – 110 (nach Dornedden 164, 55 Personen wären dann nicht zugelassen bzw. neuapprobiert, hinzuzurechnen sind ggf. noch einige aus der Gruppe mit unbekannt gebliebenem Auswanderungsziel);
1934 ca. 197, 1935 ca. 256, insgesamt 562 im Zielland neu approbierte Ärzte (hierbei offenbar Neuapprobation und Zulassung gleichgesetzt).

Die Zahl der in den Jahren bis 1935 tatsächlich nach Palästina eingewanderten Ärzte ist wohl höher anzusetzen, da nicht alle eine Neuapprobation bzw. Zulassung beantragt oder erhalten haben dürften. Bei der angegebenen Gesamtzahl von 929 zu diesem Zeitpunkt zugelassener deutsch-jüdischer Ärzte handelt es sich aber eindeutig um einen Rechenfehler. Die Zahl entspricht 45% aller damals in Palästina tätigen Ärzte. Der angegebene Prozentsatz soll sich aber in Wahrheit ja nur auf den Anteil von Neuzulassungen aus Deutschland beziehen.

Nach dem in der Literatur mitgeteilten Zahlenmaterial entfallen in der fraglichen Zeit 30, 40 und 45 % der neuzugelassenen Ärzte in Palästina auf deutsche Emigranten, also entspricht insgesamt einer Zahl von 562 Einwanderern. Addiert man zu dieser Zahl anteilmäßig noch Flüchtlinge hinzu, deren Auswanderungsziel in der Statistik unbekannt geblieben ist, kommt man auf eine Gesamtziffer von ca 565-570 berufsausübender ärztlicher Palästinaimmigranten deutsch-jüdischer Abstammung.

Ein Bsp. dieser Gruppe wäre der „Altvater der Sozialhygiene“: Benno Chajes

Chajes stammte aus einem bürgerlichen jüdischen Elternhaus. Nach dem Gymnasium in Danzig studierte Chajes Medizin in Freiburg im Breisgau und Berlin. 1903 promovierte er in Freiburg. Verheiratet war er mit einer Stieftochter von Eduard Bernstein. Seit 1903 war er niedergelassener Arzt und seit 1911 praktizierte Chajes als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten sowie für Urologie in Berlin. Außerdem war er zwischen 1903 und 1908 Assistenzarzt zunächst an der Charité und danach an einer privaten Klinik.
Im Ersten Weltkrieg war Chajes Kriegsteilnehmer. Während der Novemberrevolution war er Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates für den Regierungsbezirk Frankfurt. Im Dezember 1919 war er Delegierter auf dem ersten Reichsrätekongress. Zwischen 1915 und 1920 war Chajes Stadtverordneter in Berlin-Schöneberg. Außerdem gehörte er zwischen 1928 und 1932 dem preußischen Landtag an.
Seit 1919 war Chajes ordentlicher Dozent und seit 1930 Honorarprofessor für Gewerbehygiene und soziale Hygiene an der technischen Hochschule in Berlin. Seit 1931 übernahm er nach dem Tod von Alfred Grotjahn das Institut für Sozialhygiene und war seit 1932 außerordentlicher Professor an der Universität in Berlin. Für die Wahl als Institutsleiter sprachen sich die Gewerkschaften aus und auch Ministerpräsident Otto Braun hat Chajes unterstützt.
Chajes war Herausgeber oder Redakteur etwa der Zeitschrift für soziale Hygiene, Fürsorge und Krankenhauswesen (1919–1923), dem Zentralblatt für Gewerbehygiene und Unfallverhütung, der Zeitschrift für Schulgesundheitspflege und soziale Hygiene. Darüber hinaus verfasste er zahlreiche medizinische und sozialhygienische Schriften. Darunter war der Grundriß zur Berufskunde und Berufshygiene (1919), Lehrbuch der Gewerbehygiene (1921) und das Kompendium der sozialen Hygiene (1931).
Zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus emigrierte Chajes zunächst in die Schweiz. Von dort ging er im März 1933 in die Türkei und wanderte von dort aus nach Palästina aus. Dort war er maßgeblich am Aufbau sozial- und gewerbehygienischer Einrichtungen sowie des Krankenkassen- und Krankenshauswesens beteiligt.[1] Er verstarb während einer Reise in die Schweiz 1938.

Der Autor, Wilfried Heinzelmann (Dr. Dr. med., mph., exam. Theol., Internist), betätigt sich freiberuflich und publizistisch als Gesundheitswissenschaftler mit den Schwerpunkten Prävention, Gesundheitsförderung und Schulgesundheit.

Leibfried 1982, S. 4. 2 | Ebd., S. 3. 3 | A.a.O., S. 11, 14. / Pearle 1984, S. 113, 115ff.

Sozialhygiene als Gesundheitswissenschaft:
Die deutsch/deutsch-jüdische Avantgarde 1897-1933.
Eine Geschichte in sieben Profilen
Von Wilfried Heinzelmann

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