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Bis zum 30. Januar 1933: Ganz normale Deutsche

Felix A. Theilhaber, geboren 1884 in Bamberg, war Arzt (Dermatologe), Schriftsteller und Soziologe. Er emigrierte 1935 nach Palästina und starb 1956 in Tel Aviv…

von Klaus von Dohnanyi

Die Herausgeber dieses Buches rufen einen wichtigen Teil deutsch- jüdischer Geschichte in unser Gedächtnis zurück, die Nazi-Pogrome und der Holocaust lange Jahre aus der Erinnerung verbannt hatten: Jene bis 1933 ungewöhnlich starke kulturelle und nationale Identifikation der Deutschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft mit ihrem deutschem Vaterland.

Amos Elon, der große israelische Autor, hatte schon vor einigen Jahren in einem umfassenden Essay auf diesen symbiotischen Charakter der jüdischen Assimilation in Deutschland hingewiesen („The Pity of it all“, 2002; deutsche Ausgabe: „Zu einer anderen Zeit“). Dass dieses jüdische Heimatgefühl für Deutschland nicht nur kulturell, sondern auch politisch ebenso intensiv wie fruchtbar war, darauf verweist unter anderem der große amerikanische Historiker und Deutschlandexperte Gordon Craig. Er beginnt seine Rezension des Buches von Amos Elon in der New York Review of Books (2002) mit einem Zitat des jüdischen Vizepräsidenten der Paulskirche Gabriel Riesser (1849): „Wer immer mein Recht auf dieses, mein deutsches Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken, meine Gefühle, meine Sprache…

Dieses Vaterland, allerdings, nahm Riessers Worte immer weniger zur Kenntnis. Der aufkommende Kapitalismus des 19. Jahrhunderts brachte tiefe Umwälzungen in der deutschen Gesellschaft und diese suchte – angesichts der starken Beteiligung jüdischer Bürger am neuen wirtschaftlichen Geschehen – den Sündenbock für alle Schmerzen des Wandels im Judentum. So erstarkte der Antisemitismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland; jüdische Bürger blieben weithin ausgeschlossen von Staatsdienst und Offizierskorps.

Walther Rathenau, selbst ein national gesonnener Bürger und Patriot, klagte damals: „In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich Zeitlebens erinnert: Wenn ihm zum ersten Male bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann“ (Staat und Judentum, 1911). Und dennoch: Sieben Jahre später, im November 1918, unterstreicht derselbe Rathenau, trotz dieser unauslöschlichen Jugenderfahrung, seine und der deutschen Juden tiefe Verbundenheit mit dem deutschen Vaterland: „Die überwältigende Mehrzahl der deutschen Juden, unter ihnen viele, deren Vorfahren seit ungezählten Jahrhunderten in Deutschland leben, hat nur ein einziges Nationalgefühl: das deutsche. Wir wollen wie unsere Väter in Deutschland und für Deutschland leben und sterben…

Diesen Geist spiegelt auch die hier erneut veröffentlichte Dokumentation von Felix A. Theilhaber aus dem Jahr 1924 wider: Ob es nun Flieger waren oder Soldaten in anderen Einheiten, sie haben im Krieg 1914-1918 für ihr deutsches Vaterland gekämpft und gelitten, wurden für dieses Land verstümmelt und sind für dieses Land gestorben.

Das Kaiserreich hatte den Juden in Friedenszeiten die Offizierslaufbahn verschlossen; Militärdienst war für sie vornehmlich in den sogenannten „Trains“, den Versorgungseinheiten, möglich. Doch als der Krieg alle Kräfte brauchte, da suchte man auch die jüdischen Deutschen und öffnete ihnen auch den Offiziersrang. Man schätzt, dass etwa 100.000 jüdische Deutsche am Krieg 1914-1918 teilnahmen, über 2000 wurden zu Offizieren befördert – aber in der militärischen Führung blieb der antisemitische Vorbehalt bestehen. Und so kam es 1916 zu einer beschämenden „Judenzählung“ in der Armee, mit der man feststellen wollte (die Gerüchteküche des Antisemitismus hatte es so verbreitet), ob Juden ihren Dienst nicht doch vornehmlich in der „bequemen“ Etappe leisteten – in einer Etappe (den Trains nämlich), für die man sie diskriminierend in Friedenszeiten vorgesehen hatte.

Wer, wie ich, nicht nur als Hamburger Bürgermeister, immer wieder jüdische Friedhöfe besucht hat, der kennt die vielen Grabsteine für die jungen jüdischen Deutschen, die im Ersten Weltkrieg für ihr Vaterland gefallen sind. Grabsteine voller nationaler Bekenntnisse und vaterländischer Trauer.

Man hat es den Toten und den Überlebenden dieses Krieges nicht gelohnt. Schonungslos verfolgten und ermordeten nach 1933 die Nazis und ihre Schergen im Namen Deutschlands die Juden, ungeachtet auch der Tatsache, dass viele unter ihnen noch wenige Jahre zuvor für dieses Deutschland gekämpft hatten. In der Gruppe der 14 Juden, die mein Vater noch 1942 aus Deutschland herausgeschmuggelte, waren zwei solche Veteranen des Ersten Weltkrieges. Der eine, Rechtsanwalt Arnold, hatte ein Bein verloren, der andere, Rechtsanwalt Fliess, wurde mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnet; es ist jetzt im jüdischen Museum in Berlin zu besichtigen. Sie hatten bis zuletzt nicht geglaubt, dass man auch sie in den Tod schicken werde. Beide Männer überlebten; mein Vater starb, auch für sie, im Konzentrationslager Sachsenhausen. Yad Vashem hat ihn geehrt.

Die jüdischen Flieger im Weltkrieg waren eben ganz normale Deutsche – und ganze normale Europäer der „Generation 1914″. Denn nicht nur die deutsche Jugend zog damals enthusiastisch in diesen sinnlosen Krieg: Pathos, Idealismus und Kriegsbereitschaft zeigten sich auch in England und Frankreich, wie Robert Wohl in „The Generation of 1914“ und Elisabeth Marsland in „The Nation’s Cause“, einem Buch über französische, englische und deutsche Poesie des Ersten Weltkrieges, so erstaunlich dokumentieren. Dieses Zeitalter der nationalistischen Völker ist vergangen — jedenfalls in Europa. Der Weg war schmerzhaft. Aber heute, wenn wir zurückblicken, können wir sagen: Von dort sind wir fort geschritten.
Den Herausgebern dieses Buches ist zu danken für diese Erinnerung an die jüdische und nicht-jüdische Gemeinschaft in Deutschland — die es gab und die wir nie vergessen wollen.

Dr. Klaus von Dobnanyi Hamburg, im September 2009

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Deutschland und USA war Dohnanyi Leiter der Planungsabteilung der Ford-Werke in Köln und anschließend geschäftsführender Gesellschafter des Institutes für Marktforschung und Unternehmensberatung Infratest.
Dohnanyi (SPD) gehörte der ersten Großen Koalition als Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und den Kabinetten Brandt und Schmidt als Bildungsminister und Staatsminister im Auswärtigen Amt an, bevor er von 1981 bis 1988 das Amt des Ersten Bürgermeisters der Freien und Hansestadt Hamburg bekleidete.
Durch zahlreiche Tätigkeiten und Aufgaben in ostdeutschen Unternehmen seit 1990 und dem Vorsitz der nach ihm benannten Kommission im fahre 2004 wurde von Dohnanyi zu einem viel gefragten Experten für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Ostdeutschlands. Seit 2003 gehört Klaus von Dobnanyi als stellvertretender Vorsitzender dem Konvent für Deutschland an, er ist Mitglied im Club of Rome und darüber hinaus Träger zahlreicher Auszeichnungen aus Wissenschaft und Gesellschaft.

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