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Schwindet die Bedeutung der Sexualität in der Psychotherapie?

Im April-Heft der Zeitschrift PSYCHE werden Sexualität und Perversion neu betrachtet. Diskutiert wird sogar ein mögliches Verschwinden und ihre Formveränderung. Zur schwindenden Bedeutung der Sexualität in der Psychtherapie referiert Thomas Stark…

Sexualität und Perversion, neu betrachtet

Thomas Stark betont ein unterschiedliches Verständnis sexuellen Erinnerns und Wünschens in den Stunden mit Patienten mit einer Frühen Störung und Patienten mit einer neurotischen Störung.

Thomas Stark:
Sexuelles Erinnern, Phantasieren, Wünschen und Empfinden in der Analyse.
Zur Bedeutung der Sexualität in der Psychoanalyse heute

Im ersten Teil wird an die frühe klinische Theorie von Freud aus der Mitte der neunziger Jahre (des vorletzten Jahrhunderts) erinnert, in der die Sexualität einen zentralen Stellenwert im Verständnis der Ätiologie seelischer Störungen und psychischer Struktur innehatte. Doch schon bei Freud und erst recht im Rahmen der Auseinanderentwicklung der Psychotherapie in ganz verschiedene Ansätze bis in die Gegenwart zeigt sich ein Verschwinden der Bedeutung der Sexualität für Theorie und Technik.
Innerhalb der Psychoanalyse wird diese Entwicklung anhand einer bibliographischen Untersuchung zur englischsprachigen psychoanalytischen Literatur von 1920–2002 und einer sozialwissenschaftlichen zu psychoanalytischen Psychotherapeuten beschrieben.

Der zweite Teil versucht, dies verständlich zu machen und geht von der Spannung zwischen der Grundregel, über alles – also auch über Sexuelles – zu sprechen, und dem Bedürfnis nach Intimität aus. Dazu wird eine psychoanalytische Skizze zur Intimität entworfen.
Anschließend werden mit Hilfe von Konzepten aus der Theory of Mind-Theorie und der Regulierungstheorie von Ulrich Moser das strukturell bedingt verschiedene Verständnis des sexuellen Erinnerns, Phantasierens, Wünschens und Empfindens in den Stunden von Patienten mit einer Frühen Störung und von Patienten mit einer neurotischen Störung und dessen Folgen für die Therapie ausgearbeitet. Dabei zeigt sich, dass der repräsentationalen Mentalisierung und Regulierung der Sexualität zur Psycho-Sexualität in der Adoleszenz für die gesamte weitere psychische Entwicklung und Funktionsweise eine zentrale Bedeutung zukommt, unabhängig vom sexuellen Leben, das ein Erwachsener später führt.

Den in den letzten Jahrzehnten weniger thematisierten klinisch evidenten Unterschieden zwischen männlicher und weiblicher Perversion geht Sabine Cassel-Bähr nach. Sie plädiert dafür, Estela Welldons Beobachtungen vor dem Hintergrund der »Wende« in Freuds später Theorie der Weiblichkeit neu zu interpretieren.
Reimut Reiche wiederum unternimmt in seinem Essay den Versuch, kulturelle Erscheinungen und Tendenzen wie »Cybersex« und »virtuelle Sexualität« unter dem Begriff der Figuration der sexuellen Grenze zu fassen. Als Buchbesprechungen u.a.: Dekker, Arne: Online-Sex. Körperliche Subjektivierungsformen in virtuellen Räumen (Jan van Loh, Berlin); Berner, Wolfgang: Perversion (Udo Hock, Berlin)

In einem früheren Heft der Psyche (2012 – 11) wurde das verwandte Thema frühkindlicher Traumatisierung behandelt:

Gurevich, Hayuta
Die Sprache der Abwesenheit

Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Konzept der ›Abwesenheit‹. Es beschreibt einen Zustand, in dem, in einem Stadium vollkommener Abhängigkeit, die Umgebung dauerhaft nicht ansprechbar und nicht auf das Individuum eingestimmt ist. Es bezieht sich auf Konzepte wie Mangel, Scheitern, fehlende Anerkennung, Übergriffe, Vernachlässigung, Quälerei, bis hin zu mentalem, psychischem und sexuellem Missbrauch. Extreme äußere Abwesenheit führt zu Schock- und Angstzuständen. Der automatische Überlebensmechanismus ist eine innere, innerpsychische Abwesenheit, eine Abspaltung von Teilen des Selbst. Das Konzept der Abwesenheit verdeutlicht die Synchronizität äußerer und innerer Realität und veranschaulicht die nicht erwiderten Bedürfnisse des Selbst.

Dieses Verständnis der Entwicklung einer auf massiver Dissoziation basierenden Psychopathologie des Selbst ist im Wesentlichen eine ›Theorie des intersubjektiven Feldes‹. Da die innere Abwesenheit als Reaktion auf die Abwesenheit des Gegenübers geschaffen worden ist, kommt in der Analyse dem Analytiker die aktive Aufgabe zu, diese zum Leben zu erwecken. Dieser Aufsatz wird die Sprache der Abwesenheit ergründen, also die Spielarten und Auswirkungen solcher Situationen auf die Psyche sowie auf die Beziehung zum Analytiker.
Die Sprache der Abwesenheit zu verstehen befähigt den Analytiker, ihre intersubjektive und innerpsychische Präsenz zu erkennen, ein Umfeld zur Verfügung zu stellen, welches ihre Wiederbelebung ermöglicht, und die Todesangst, die erwacht, wenn abgespaltene Selbstzustände durchlebt werden, zu mildern und zu regulieren. Wenn die Abwesenheit anwesend ist, d.h. wenn die traumatische Erfahrung und die abgespaltenen Reaktionen darauf in einer eingestimmten Beziehung durchlebt werden, erhält sie Bedeutung, Versinnbildlichung und Wertigkeit; dies eröffnet die Möglichkeit, Spaltung als Überlebensmodus aufzugeben.

Holderegger, Hans
Trauma und Übertragung

Wie verborgene frühe Traumata in der Übertragung zur Darstellung kommen und wie der Analytiker davon »berührt« wird und damit arbeiten kann, ist das Thema der vorliegenden Arbeit. Die theoretischen Überlegungen, in denen die Bedeutung projektiver Vorgänge und die Funktion der »primären Lebensorganisation« zur Sprache kommen, orientieren sich an einer Falldarstellung, in der die Beschreibung eines »Handlungsdialogs« im Zentrum steht. Das Phänomen des Wiederholungszwangs wird nicht nur im Sinne einer Trauma-Mitteilung verstanden, sondern auch als Suche nach dem Objekt, nach dem Anderen, der die Inszenierung versteht und den Patienten aus seiner traumabedingten Blockierung befreien kann.

Im selben Heft eine Glosse v. Yigal Blumenberg und Wolfgang Hegener: Juristischer und psychoanalytischer Furor gegen die Beschneidung – oder das alte Lied vom ausgeschlossenen Dritten. Unter den Buchbesprechungen u.a.: Kogan, Ilany: Mit der Trauer kämpfen. Schmerz und Trauer in der Psychotherapie traumatisierter Menschen…

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