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Trauma und Sucht: Das Misstrauen in die therapeutische Beziehung

Traumatische Erfahrungen in der Biographie können Menschen verändern und zu individuellen Anpassungsprozessen führen. Die Zusammenhänge von früher Traumatisierung und Suchtentwicklung sind vielfältig und zählen zu den therapeutisch besonders schwer zugänglichen Bereichen. Eine bedeutende Rolle spielt hier das Misstrauen der Betroffenen, die von der schlussendlichen Unzuverlässigkeit menschlicher Bindung zutiefst überzeugt sind…

Aus: Sucht und Trauma: Integrative Traumatherapie in der Drogenhilfe
(S. 116ff, Kap. 5 Trauma und Sucht, Kap. 5.3, siehe dazu auch hier…)

Peter Schay, Ingrid Liefke

Die besondere Bedeutung, die der therapeutischen Beziehung zukommt, haben wir schon mehrfach hervorgehoben. Aus dem trauma- und suchttherapeutischen Blickwinkel ergeben sich zusätzliche wichtige Aspekte, da viele unserer Patienten in der Vergangenheit durch enge Vertrauenspersonen wie Mutter, Vater, Großeltern und Beziehungspartner verunsichert, vernachlässigt, mißhandelt, bedroht und verletzt worden sind.

״Neuere Studien bestätigen, daß insbesondere der Risikofaktor der emotionalen Vernachlässigung …“ (Brunner, Resch 2005, 25) und Mißhandlungen für die Entwicklung einer Traumatisierung bedeutsam sind; also ״ein Ereignis, das psychische und biologische Bewältigungsmechanismen des Menschen überfordert und das durch eine andere Person … nicht kompensiert werden kann“ (Streeck-Fischer 2005, 92).

Alle Experten aus den Bereichen Sucht (vgl. Scheiblich, Petzold 2006, Petzold, Ebert 2006 u.a.) und Trauma (vgl. Fischer, Riedesser 2003, Reddemann 2004, van der Kolk et al. 2000 u.a.) betonen die Relevanz einer guten korrigierenden therapeutischen Beziehung.
Therapeut und Patient müssen eine verläßliche Beziehung aufbauen und verlorenes Vertrauen nicht nur verbal wiederherstellen, sondern vor allem durch kontrastierende Beziehungserfahrungen im Sinne der optimalen Differenz. Aufgrund der Ohnmachtsdynamik sollen die Patienten erfahren, daß sie sich auch gegenüber dem Therapeuten behaupten können.

Die therapeutische Beziehung stellt die wesentliche (Arbeits-) Grundlage einer Therapie dar. Hien et al. (2004) weisen darauf hin, daß bei Traumatherapie für den Patienten das Gefühl von Sicherheit erreicht werden muß, d.h. der behandelnde Therapeut ist dafür zuständig, vor Beginn der Traumabehandlung eine Situation zu schaffen, die objektiv und subjektiv für den Patienten sicher ist, also eine starke und solide therapeutische Allianz herzustellen, in der es dem Patienten möglich wird, Fortschritte beim Erreichen der Ziele zu machen, die er sich gesetzt hat (vgl. auch Turnbull, McFarlane 2000).

Auch Petzold et al. (2000) betonen die besondere Bedeutung der Beziehung im therapeutischen Prozeß:

״Für viele Patienten ist es zunächst einmal außerordentlich wichtig, daß sie sich mit ihrem traumatischen Erleben angenommen fühlen. Der respektvolle Umgang des Therapeuten mit der schrecklichen Erfahrung, das deutliche Signal, daß das Trauma als ein bedeutsamer Faktor für den gegenwärtigen Gesundheitszustand gesehen wird, ist Grundlage eines tragfähigen therapeutischen Arbeitsbündnisses, das Sicherheit vermittelt, Vertrauen möglich macht und allmählich an relationaler Qualität gewinnt, d.h. von Kontakt zu Begegnung und Beziehung kommen kann (Petzold 1993a, 1147-1188), ohne daß es zu Kollusionen und negativen Konfluenzphänomenen … kommt. Die Fähigkeit des Therapeuten, das ״Nicht-Integrierbare“ des Patienten an- und aufzunehmen, ist in der Begegnung … ein wichtiger Schlüssel zur Integrationsarbeit der betroffenen Menschen“ (Petzold et al. 2000, 541).

Besonders zu beachten ist, dass im therapeutischen Prozeß mit traumatisierten Menschen den Gegenübertragungsphänomenen besondere Beachtung zu schenken ist.

Turnbull, McFarlane (2000) weisen auf diesen Aspekt besonders hin:

״Es ist wichtig, daß Therapeuten verstehen, daß das Bedürfnis der Patienten, sie zu idealisieren, nicht in ihren realen Eigenschaften begründet ist (diese können Patienten, bei ihrer ängstlichen Anstrengung, die Kontrolle zu behalten, häufig kaum wahrnehmen), sondern daß die Patienten sie idealisieren, um die eigenen Sicherheitsquellen, die durch das Trauma zerstört wurden, zu ersetzen. … Die passive Abhängigkeit der Patienten bzw. ihre hartnäckige Unfähigkeit zu vertrauen, spiegelt sich in den Gefühlen der Therapeuten wider, machtlos und inkompetent zu sein. Die Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit der Patienten schlägt sich im Streben der Therapeuten nach Perfektion und Kontrolle nieder“ (ebenda, 389).

Für die meisten Autoren ergibt sich daraus die Notwendigkeit eines breiten methodischen Repertoires der Therapeuten, die fähig sein müssen, die unterschiedlichen Methoden auf die jeweiligen Bedürfnisse des Patienten zu spezifizieren. Therapeuten müssen auf die Ambivalenzen des Patienten, die sich in Vermeidung und Suche nach Hilfe ausdrücken, mit Akzeptanz und Toleranz reagieren und Sicherheit, Schutz und Hoffnung vermitteln. Dies ist zur Verhinderung einer Abhängigkeit des Patienten vom Therapeuten und zum Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls für den Patienten notwendig. Beide Patientengruppen müssen einen fürsorglichen Umgang mit sich selbst erlernen und widersprüchliche Wünsche und Bedürfnisse handhaben zu können (vgl. Rothschild 2002, 146).

5.4 – Erfordernisse der Behandlung einer PTBS auf dem Hintergrund der IT

״Die Multidimensionalität des Traumageschehens und seiner Folgen macht eindimensionale Erklärungsmodelle obsolet, sondern erfordert eine komplexe physiologische. psychologische, psychosoziale und ökologische Perspektiven verbindende Ätiologie. Daraus folgend ist für komplexe Maßnahmen der Therapie und Hilfeleistung Mehrperspektivität der Betrachtung… und Multimodalität der Interventionen unabdingbar…“ (Petzold et al. 2000,468).

Wie bereits mehrfach angesprochen, erfordern sowohl die Diagnostik als auch die traumatherapeutischen Interventionen besondere professionelle Kenntnisse (vgl. Petzold, Wolff et al. 2000). Standardisierte Formate (z.B. EMDR) allein greifen nicht, weil die Interaktion mit substanzbedingten Problemen und der komplexen, oft desolaten Lebenslage (Verschuldung, Strafverfolgung, völlig zerrüttete soziale Netzwerke, HIV, Hepatitis etc.) mit einer Methode allein nicht zu behandeln ist. Überdies ist die Retraumatisierungsgefahr nicht zu unterschätzen (vgl. Märtens, Petzold 2002), so daß diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt gewidmet werden muß.

Ein ״schulenübergreifendes“ integrierendes Vorgehen erscheint sinnvoll.

״Wir brauchen heute Techniken zur Regulation von heftigen Gefühlen, die von verhaltenstherapeutischen Kollegen entwickelt wurden, ebenso wie wir ein tiefes Verständnis für traumatische (Objekt-) Beziehungsstrukturen und heilsame Bindungserfahrung benötigen“. (Huber 2005, 24).

Unserer Meinung nach, entspricht der Ansatz der Integrativen Therapie (IT) den genannten Anforderungen, um adäquat auf das Störungsbild einwirken zu können. Die IT hat einen Ansatz der integrativen Traumatherapie entwickelt, der die beschriebenen Ansätze aufgreift und um den Aspekt des Leibes ergänzt… Sucht und Trauma: Integrative Traumatherapie in der Drogenhilfe… …

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Sucht und Trauma:
Integrative Traumatherapie in der Drogenhilfe

Peter Schay, Ingrid Liefke

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