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Die Katastrophe von Haleb: Kein Ende in Sicht

Millionen von Menschen sind auf der Flucht, Hunderttausende verhaftet. Der Bürgerkrieg in Syrien wird immer auswegloser und bedroht den demokratischen Impuls des Aufstands…

Martin Glasenapp, medico international

Die arabischen Aufstände haben die Trennung zwischen Peripherie und Zentrum erschüttert. Plötzlich konnte jede Peripherie den Status eines Zentrums erlangen. Die vergessene Marginalität der armen ländlichen Räume und vorstädtischen Elendsviertel, ihre scheinbare Zukunfts- und Entwicklungslosigkeit, bedeutete auf einmal, dass die Revolution an den Rändern ausbrach. Wie schon in Tunesien im Herbst 2010, war auch in Syrien der Ausgangspunkt der Rebellion ein Ort an der Peripherie. Was als spontaner Bürgerprotest gegen die Misshandlung von Schulkindern am 15. März 2011 in der Provinzstadt Dar’a begann, einer von tribalen Familienstrukturen und Landwirtschaft dominierten armen Region nahe der jordanischen Grenze, entwickelte sich durch die exzessive Gegengewalt zu einem unverhofften Aufstand breiter, vorwiegend armer und sozial deklassierter Bevölkerungsgruppen, den noch im Frühjahr 2011 niemand für möglich hielt und der angesichts des syrischen Sicherheits- und Gewaltapparats auch in Syrien selbst für kaum vorstellbar gehalten wurde. Aber heute, nach zwei Jahren der Gewalt, steht das syrische Gemeinwesen an einem zivilisatorischen Abgrund.

Allgegenwärtige Flucht

Zerstörte Lebenswelten in Aleppo. Nach einem Raketenangriff der syrischen Armee suchen Bewohner des Stadtteils Ard Al-Hamra in den Häusertrümmern nach Toten und Verletzten. Foto: Aleppo Media Centre

Auslöser der sozialen Rebellion waren unter anderem die Folgen der schweren, auch dem Klimawandel geschuldeten Dürren, die allein 2009 dazu führten, dass 800.000 Familien ihre gesamte bäuerliche Existenz verloren und in die Städte abwanderten. Der syrische Aufstand richtet sich zugleich gegen die jahrzehntelange Entmündigung durch das Baath-Regime der Assad-Familie. Er hat längst den Charakter eines blutigen Bürgerkriegs angenommen und wird von Seiten des Regimes wie von den unzähligen militärischen Verbänden der Aufständischen mit beispielloser Härte geführt. Der Aufstand hat bislang mindestens 80.000 Menschen das Leben gekostet. Weitere geschätzte 150.000 bis 200.000 Personen sind inhaftiert, von manchen fehlt seit ihrer Verschleppung jedes Lebenszeichen. Die Zahl der Binnenflüchtlinge in Syrien wird auf zwei Millionen geschätzt, hinzukommen weitere vier Millionen, die aufgrund der Zerstörung oder Beschädigung ihrer Stadtviertel und Häuser ebenfalls hilfsbedürftig sind. 2,5 Millionen Menschen sind laut UN-Schätzungen auf direkte, regelmäßige Nahrungsmittellieferungen angewiesen. In den Nachbarländern Libanon, Türkei, Irak und Jordanien haben mittlerweile ebenfalls mindestens eine Million Kriegsflüchtlinge Zuflucht gesucht, Tendenz steigend. Im Februar 2013 verließen nach Angaben des UNHCR täglich mehr als 8.300 Flüchtlinge das Land.

Das syrische Gemeinwesen steht kurz vor dem Zusammenbruch. Die Ernteerträge gingen laut einem UN-Bericht um 50 Prozent zurück, vielerorts sind Bewässerungsanlagen und die staatliche Infrastruktur zerstört. Die Strom- und Wasserversorgung ist in vielen Landesteilen unterbrochen oder besteht nur noch stundenweise. Die Preise für Benzin, Gas zum Kochen und Lebensmittel sind extrem gestiegen. Das früher gut ausgebaute Gesundheitssystem ist faktisch nicht mehr existent. Ganze Regionen des Landes und Stadtviertel, in denen Rebellenverbände aktiv sind, wurden durch die Straßenkämpfe oder Luftangriffe derart verheert, dass sie gespenstischen Ruinenlandschaften gleichen. Lokale Aktivisten berichten von massiven Menschenrechtsverletzungen durch die syrische Armee, aber auch durch dschihadistische Milizen, zudem häufen sich die Vorfälle von systematischer Zerstörung religiöser Stätten.

Zerstörtes Gemeinwesen

Trotz der Gewaltexzesse der letzten Monate zeigt das syrische Regime noch immer keine substanziellen Auflösungserscheinungen und kann seinen Krieg offenbar noch länger führen. Alle „Nahost-Experten“, die im letzten Jahr den Sturz Assads „innerhalb von Monaten“ voraussagten, sind offenkundig blamiert. Selbst die irrwitzige Vorstellung, dass Präsident Assad im Jahr 2014 in einem Referendum zu seiner Wiederwahl antritt, scheint nicht mehr völlig ausgeschlossen.

Kein Beobachter kann heute seriös beurteilen, wie die wirklichen Mehrheitsverhältnisse im Land aussehen. Es herrscht Krieg, und der Krieg produziert seine eigene Wahrheit – je nachdem, welche Propaganda bevorzugt wird, kann man den unzähligen verwackelten Youtube-Videos der diversen Einheiten der „Freien Syrischen Armee“ glauben, die täglich aufs neue belegen, wie landesweit Armeekonvois oder Stützpunkte des Regimes angegriffen werden, oder man vertraut den Meldungen der staatlichen Nachrichtendienste, die davon berichten wie ehedem aufständische Stadtviertel erfolgreich „von Terroristen gesäubert“ werden. Weil es keine freie und unabhängige Berichterstattung in Syrien gibt, existieren alle diese „Wirklichkeiten“ als Fragmente einer zerrissenen und vom Krieg gewaltsam kantonisierten Gesellschaft, von der niemand sagen kann, wie und ob sie sich nach dem Sturz des Regimes neu zusammenfinden kann. Denn selbst die Ablehnung des Assad-Regimes ist längst nicht mehr gleichbedeutend mit einer Unterstützung oder Teilnahme am aktuellen Aufstand. Einige der politisch wie militärisch zersplitterten Rebellenverbände haben den ursprünglich überkonfessionellen Charakter des Aufstands längst gekidnappt: Radikalreligiöse islamische Gruppen, diszipliniert, gut bezahlt und militärisch ausgerüstet aus den Golfemiraten, haben an einzelnen Orten wie in Idlib und in Stadtteilen von Aleppo islamisches Recht eingeführt – die laizistische Pseudo-Demokratie der staatlichen Gerichtsbarkeit wurde durch die religiöse „Gerechtigkeit“ der Scharia ersetzt. Der blutige Krieg hat die demokratischen Prinzipien der ursprünglichen Revolution abgenutzt, und die fortgesetzten Kampfhandlungen zementieren die Fragmentierung des Landes entlang ethnisch-konfessioneller Bruchlinien.

Hoffnung inmitten der Gewalt

Viele der lokalen unbewaffneten Aktivistinnen und Aktivisten der ersten zwei Jahre sind tot, verhaftet oder im Exil. Und diejenigen, die noch im Land ausharren, versuchen in Nachbarschaftskomitees tägliche Nothilfe für Ausgebombte und Inlandsflüchtlinge zu organisieren, und berichten weiterhin mit ihren Video-Uploads über das alltägliche Grauen. Anderswo versuchen Bürgergruppen in lokaler Selbstorganisierung den Zusammenbruch der öffentlichen Stadtverwaltung auszugleichen. Diese zivilen Netzwerke handeln in einem täglichen Niemandsland der Gewalt und versuchen den Traum eines demokratischen Gemeinwesens aufrecht zu halten. Angesichts einer Gewaltspirale, von der niemand sagen kann, wo sie enden wird, scheint sich in Syrien die bittere Erkenntnis zu bestätigen, „dass der Krieg ein Betrug ist und Blut die Geschichte zwar manchmal vorwärts treibt, aber zu oft nur in Richtung auf noch mehr Barbarei und Elend (Albert Camus)“.

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