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Anästhesiegestützter rapider Opioidentzug

Kontrollierte therapeutische rapide Antagonisierung beim Opioidabhängigen unter Anästhesieschutz (AINOS, UROD etc.)…

H.H. Waldvogel

Eine Opioiddetoxifikation (nicht zu verwechseln mit einem globalen psychophysischen Entzugsprogramm, in dem die Detoxifikation nur ein Teil der Behandlung darstellt) kann graduell, mit oder ohne (Opioid)substitution, abrupt (innerhalb von Tagen) ohne Antagonisierung mit und ohne Komedikation (Sedation, Clonidin etc.) sowie superabrupt (innerhalb von Stunden bis Tagen) mittels spezifischer, massiver Antagonisierung unter Anästhesiebedinungen erfolgen.

Ein ultrarapides Therapiekonzept wurde 1989 durch die Wiener Schule eingeführt (i.v.-Barbituratgabe; Loimer et al. 1989). Es gibt unterdessen aber unzählige akute Opioiddetoxifikationstechniken- bzw. -programme, u.a. auch ein israelisches Modell, die sich alle in der Sedations- bis Anästhesietechnik etc. unterscheiden.

Der Antagonisten-induzierte narkosegestützte Opioidschnellentzug (AINOS, engl. ultra-rapid opiate detoxifkation – UROD, oder rapid opiate detoxification – ROD) erbringt unter Vermeidung der akuten (subjektiven) Entzugssymptomatik nicht nur eine Zeiteinsparung, sondern möglicherweise auch qualitative Vorteile: in einer spanischen Studie wurden 300 heroinentzugsrefraktäre Abhängige mit einer 24-h-Methode behandelt, wobei die akute Detoxifikation in allen Fällen gelang und die Rückfallrate im 1. Monat nur 7% betrug. Zwischenfälle waren 1 Fall von Aspirationspneumonie sowie Atemwegsobstruktion (2 Intubationen; Seoane et al. 1997).

Nachteile der ultrarapiden AINOS-Techniken sind Aufwand und Gefahren: Intensivmedizin- bzw. Reanimationsbedingungen obligatorisch, zusätzlich antibiotische Prophylaxe, Anti-Ulkus-Prophylaxe, i.v.-Flüssigkeitssubstitution, respiratorisches und kardiovaskuläres Monitoring, Urinkatheter, Magensonde, Rektalsonde).
Die Technik ist für Polytoxikomane ungeeignet.

In der Regel wird die Anästhesietiefe so gehalten, dass nozitive Reize (Hautkneifen) keine autonomen Reaktionen auslösen.

Es gibt zzt. keine vergleichenden Daten, die Vor- und Nachteile der verschiedensten Sedationsanästhesiemethoden, Komedikationen (z.B. autonome Blockade durch a2-Agonisten), Adjuvanzien (Ulkusprophylaxe etc.) auf ihre Relevanz in Bezug auf Detoxifikation evaluieren (Rückfallquote). Noch weniger ist abzuschätzen, welche globalen Entzugsprogramme (Detoxifikation + Suchtbehandlung) Vorteile aufweisen (fehlende vergleichbare, standardisierte, kontrollierte Daten, die Faktenlage ist unvollständig, auch Kostenvergleiche fehlen. (O’Connor 1998).

Trotz Barbituratgabe (= unspezifische ZNS-Depression!), Muskelrelaxation, kontrollierte Normokapnie kann eine massive, 30-fache Erhöhung der Plasmaadrenalin, sowie eine 3-fache Erhöhung der Plasma-NA-Konzentration mit konsekutiv erhöhtem »cardiac output« (+75%), positiver Chronotropie (+25%), erhöhtem Schlagvolumen (>+20%), erhöhtem arteriellem Druck (> +20%) und vermindertem peripherem Widerstand (-40%) gegenüber der Induktionsphase ohne Naloxongabe nachgewiesen werden (Kienbaum et al. 1998): dies entspricht einem enormen Stress bzw. Katecholaminsturm, und die Bezeichnung »Anästhesieschutz« sollte deshalb relativiert werden (Hrsg.)!

H.H. Waldvogel

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