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Der moderne Schmerzbegriff

Schmerzen wurden jahrtausendelang als Ausbleiben des Wohlbefindens empfunden und in ihren ersten Bestimmungen als Grundübel der Natur und als das Leiden der Seele an der Schadhaftigkeit der Welt gedacht…

So wie nach Aristoteles Krankheit Ausbleiben und Mangel der Gesundheit ist (Kohnen 1978), so wird Schmerz als defizienter Modus (»steresis«, Mangel) ganz unmittelbar in die gedankliche Ordnung aufgenommen als ein Zeichen für diesen allgemeinen Mangel der Natur, der sich in Krankheit, Leid und Tod äußert. Ob dieser Mangel nun verstanden wird als Disharmonie unter den Elementen und Qualitäten des Kosmos, wie bei den hippokratischen Ärzten, oder als notwendig defizienter Modus alles Daseienden in seiner Vielfalt, wie bei den Neuplatonikern und Gnostikern, oder wie bei den Christen als Folge des Sündenfalles, immer liegt die Auffassung zugrunde, dass die Natur der Dinge wesenhaft verdorben und dass dies letztlich die Ursache des Schmerzes ist. In dieser ursprünglichen kognitiven Ordnung gibt es weder den isolierbaren Körperschmerz noch den reinen Seelenschmerz.

Der historische Prozess, in dem eine Umbewertung und eine neue Einstellung zur Deutung des Schmerzes gewonnen wird, vollzieht sich im 17. Jahrhundert und lässt sich nach Toellner (1971) in 3 Stadien beschreiben:

1. Im Denken Rene Descartes’ (1596-1650) wird erstmals eine Trennung der Einheit aus Körper und Seele vollzogen und der Schmerz mit allen anderen Affekten der Seele schließlich ohne Einschränkung nicht mehr als Übel angesehen, sondern gut genannt.

Mit dem Satz »Wir sehen, dass sie alle [die Affekte] ihrer Natur nach gut sind«, schließt Descartes seine Argumentation in den Passions de L’âme.
(Descartes 1692, p. 91)

Descartes trennt den Leib von der Seele und versteht den entseelten Körper als technischen Apparat, als kunstvoll aufgebaute Maschine. Er stellt eine neue kognitive Sicht, eine neue systematische Wahrnehmungsordnung auf, infolge derer der Schmerzvorgang zu einem rein körperlichen Empfinden wird und die Schmerzreaktion zu einem Reflex. Der Körperschmerz löst Schutz- und Abwehrreaktionen aus, die allesamt auf Nervenbahnen ihren Weg über die Epiphyse nehmen. Erst in der Epiphyse als dem Sitz der Seele entsteht das Schmerzerlebnis, aus dem die Seele lernt, das Schädliche zu vermeiden. Diese teleologische Sicht, nach der in der Natur nichts umsonst ist, bewertet selbst diesen unangenehmen Schmerz noch als gut, weil er zweckvoll, weil er nützlich ist. (vgl. Abb.).

Abb.: Holzschnitt aus L’homme von Rene Descartes (Paris 1677): Vermittlung einer Sinnesfunktion von der Zehe mittels eines Nervs zur Zwirbeldrüse (Ciba Z. 5/1937:1833).
Descartes beschreibt den funktioneilen Zusammenhang einer Sinnesempfindung, die an dem einen Ort, und der Sinneswahrnehmungen, die an einem anderen Orte stattfindet. Damit unterscheidet er topographisch die sensitive Empfindung von einer sensorischen Wahrnehmung.

2. Die sich aus dem kartesianischen Dualismus ergebenden Probleme hat Leibniz für seine Zeit weiter gelöst und dabei dem kartesianischen Gedanken zum Siege verholfen, dass der körperliche Schmerz kein Übel, kein Fehler und Mangel der Natur sei, sondern die höchst zweckvolle, notwendige Einrichtung einer überlegenen Weisheit zum Schutze und zur Erhaltung des Lebens.
In der Theodizee trennt Leibniz das physische Übel vom moralischen Übel ab und zeigt, dass der physische Schmerz nicht Ausdruck eines Schadens der unvollkommenen Natur, sondern notwendiges Mittel eines guten Zweckes ist. Der Schmerz ist Zeichen einer vollkommenen Naturordnung.

3. In der Folgezeit wird der Nachweis geführt, dass die Natur wunderbar, sinn- und zweckvoll eingerichtet ist, dass alles in ihr seinen Platz hat, dass in ihr das Kleinste auf das Größte sinnvoll bezogen erscheint, nichts überflüssig ist und nichts fehlt, und auch Schmerz und Tod eine gute, weil notwendige Funktion im Ganzen haben. Die Natur präsentierte sich Denkern dieses Jahrhunderts als eine von ewig notwendigen und unverbrüchlichen Gesetzen beherrschte Ordnung.
Die kognitive Ordnung der Naturdinge wie des Naturganzen wurde unter Dimensionen von Proportionen und Gesetzmäßigkeiten systematisiert. Diese neue kognitive Wahrnehmung der Natur war die wichtigste theoretische Voraussetzung für die sich breit entfaltende empirische Naturforschung, die im Beginn des 18. Jahrhunderts auch in der Medizin immer größere Bedeutung erlangt. So ist denn auch der Gedanke, dass der Schmerz »Wächter und Hüter des Leben« sei, um die Mitte des 18. Jahrhunderts endgültig in die medizinische Wissenschaft eingedrungen und fester Bestandteil ihrer Vorstellungen geworden. Mit der Änderung der Erkenntnissituation verändert sich der Naturbegriff und mit dem Naturbegriff die Bewertung und Einordnung des Schmerzes.

Weil der Körper von der Seele getrennt wurde, konnte das Schmerzphänomen in die Körperwelt eingeordnet werden als Ausdruck einer Selbstregulation des Organismus; weil die Natur als vollständige Ordnung verstanden wurde, konnte auch der in sie eingeordnete körperliche Schmerzvorgang als gut, d. h. als zweckhaft, als Funktion begriffen und in seiner Funktionsweise erforscht werden. Und je besser man diese Funktionsweise verstand, umso besser konnte man den Schmerz beherrschen. Aus dem Problem der Bewältigung des Schmerzes wurde das Problem der Ausschaltung des Schmerzes.

s. Lexikon der Schmerztherapie, H.H. Waldvogel (Hsg.)

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