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Vom Körpergefühl zur Kognition. Die Psychophysiologie der Selbst-Wahrnehmung

Marion Rosen, die Gründerin der Rosen-Methode, blieb bis zum Ende ihres Lebens offen für Neues und ihr Lebenswerk findet inzwischen auch in ihrer alten Heimat Anerkennung und Verbreitung. Es geht um Selbstregulation im Embodiment führt. Der menschliche Körper liefert hierin seine individuelle Selbstwirksamkeit aus der eigenen Biografie heraus…

In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren in Deutschland Wissenschaft und Lehre ihrer Zeit weit voraus. Nicht nur die große Anzahl an Nobelpreisen, die Deutschland zugesprochen wurden, auch die Experimentierfreude und Tabulosigkeit seiner Avangarde machte das Land, trotz aller Schwierigkeiten, zur anerkannten, wenn nicht führenden Kulturnation. Diese beispiellos kreative Epoche der Forschung und Aufklärung in Deutschland nahm jedoch im Jahr 1933 ein jähes Ende…

Erst heute beginnen sich zahlreiche Wissenschaftler an dieses ungenannte und entsprechend ungenutzte Erbe zu erinnern. Oft ergeben sich Anknüpfungspunkte und überraschende Antworten auf heute noch drängende Fragen. So ging es auch Helmi Boese, als sie von der „Rosen-Methode“ erfuhr.

Nach dem Studium der Humanmedizin, samt klinischer Ausbildung in der Psychiatrie, studierte Helmi Boese weitere sechs Jahre in den USA und in Schweden und ist heute zertifizierte Rosen-Methode Praktizierende. Im Rahmen dieses Studiums der verkörperten Selbst-Wahrnehmung in Praxis und Wissenschaft gewann sie neues ärztliches Verständnis von Krankheits-, Belastungs- und Trauma-Zuständen. Sie rät dringend zum Umdenken und meint ein neues Lernen tue Not – und gut…

Auch deshalb widmete sie sich zuletzt der Übersetzung des Fachbuches „The Psychophysiology of Self-Awareness – Rediscovering the Lost Art of Body Sense“ von Alan Fogel, Professor für Entwicklungspsychologie und Rosen-Methode Praktizierender, USA. Das Buch ist 2013 im Schattauer Verlag erschienen (Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie: Vom Körpergefühl zur Kognition) und ist die wissenschaftliche Grundlage ihrer Arbeit, nicht zuletzt in ihrer Praxis für Körperpsychotherapie in Michelstadt/Odw..

Auch Marion Rosen, die Gründerin der Methode, blieb bis zum Ende ihres Lebens offen für Neues und ihr Lebenswerk hat dieses Buch erst möglich gemacht. Es fördert eine Entwicklung, die geradewegs in die Selbstregulation im Embodiment führt. Der menschliche Körper liefert hierin seine individuelle Selbstwirksamkeit aus der eigenen Biografie heraus, die nicht reproduzierbar und damit statistisch nicht erfassbar ist. Grundprinzipien sind jedoch erkennbar. Die psycho- und neurophysiologische Forschung auf der Basis dieser Prinzipien kann Vertrauen bilden, damit Entscheidungsträger den Weg frei machen für die Anerkennung von Verfahren der Selbstregulation.

Als Jüdin konnte Marion Rosen (1914–2012) nach ihrem Abitur 1933 kein Medizinstudium mehr beginnen. So kam es, dass ihr Lucy Heyer anbot, sie in atemtherapeutischen Methoden zu unterrichten. Beide erkannten, dass jahrelange konventionelle Psychotherapie durch ihren Behandlungsansatz verkürzt werden konnte. Sie blieb dort zwei Jahre, bis sie mit ihrer Schwester nach Schweden fliehen konnte. Während sie auf ein Visum für die USA wartete, nutzte sie die Zeit in Schweden für eine Physiotherapie-Ausbildung. Schließlich gelangte sie über Russland, Japan und den Pazifik nach Kalifornien und ließ sich in Berkeley nieder. Während des Krieges arbeitete sie vornehmlich mit verwundeten Werftarbeitern.

Nach dem Krieg hatte sie die Möglichkei,t ihre physiotherapeutischen Kenntnisse bei einem kostenlosen Kursprogramm an der Mayo-Klinik in Minnesota zu erweitern und zu vertiefen. Marion Rosen entwickelte ihre Methode mit dem Erlernten und dank ihrer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe und Erfahrungen als Physiotherapeutin über viele Jahrzehnte. In Kalifornien verstarb sie im Januar 2012 mit 97 Jahren.

Im Video: Interview in Schweden, damals war Marion Rosen gerade 95 Jahre alt.  

In einem Beitrag für  „Gesund-leben-heute“ erklärt Dr. Helmi Boese das Konzept der Körperpsychotherapie:

„Die Körperpsychotherapie entwickelte sich während und nach dem II. Weltkrieg besonders in Kalifornien, USA weiter. Die Traumatisierungen der betroffenen Generation und ihrer Nachkommen beginnen wir gerade erst zu verstehen. Die dazu geeigneten Methoden der Körperpsychotherapie finden langsam Aufmerksamkeit und Anerkennung – so auch die Rosen-Methode (RM). Sie unterscheidet sich von anderen Methoden durch ihre am tiefsten in den emotionalen Körper wirkende Berührung.
Seelische Verdrängungsprozesse sind zugleich körperliche Prozesse. Neuromuskuläre Handlungsimpulse werden in der Anspannungsphase unterbrochen und führen so zu körperlichen und seelischen chronischen Spannungssymptomen. Das nochmalige kurzfristige Erleben vergangener Erfahrungen bei gleichzeitiger Einbeziehung des Körpers bietet gegenüber des reinen gesprächs- oder verhaltenstherapeutischen „Durcharbeitens“ einen direkten Zugang zur verkörperten Selbst-Wahrnehmung. Letzteres wird üblicherweise als das Unbewusste bezeichnet. Dies wird in der Integrativen Medizin als BodyMind Ansatz verstanden und bedarf in Deutschland der Entwicklung.“

Alan Fogel (Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie):
Kennen Sie das Gefühl, den Kontakt zu Ihrem Körper verloren zu haben? Sie stellen eines Tages fest, dass Sie zugenommen haben oder dass sich ein anhaltender Schmerz in Ihrer Schulter oder Ihrem Nacken eingeschlichen hat. Sie können sich nicht erklären, warum oder wie das passierte. Irgendwo auf dem Weg dahin haben Sie einfach aufgehört, wahrzunehmen, was Sie sich selbst antun.
Schauen Sie jetzt hin. Fühlen Sie, wie Ihre Füße den Boden berühren? Spüren Sie Ihre Anspannung im Rücken oder Nacken? Haben Sie das Wetter draußen wahrgenommen? Müssen Sie zur Toilette? Sind Sie durstig oder hungrig?
Dieses Buch handelt davon, wie es dazu kommt, dass wir den Kontakt zu unserer Wahrnehmung verlieren. Wir verlieren den Zugang zu unseren Emotionen im Alltag durch extremen Stress und Traumata. Das hat Einfluss darauf, wie unser Körper sich bewegt, fühlt und ausdrückt.
Ist unsere Aufmerksamkeit erst einmal gefangen in Gedanken, Bewertungen, Anforderungen, Erwartungen und anderen Stressfaktoren, bleibt keine Zeit mehr für uns selbst. Vielleicht morgen?

Es ist nicht verwunderlich, dass wir den Zugang zu uns selbst verlieren. Schließlich leben die wenigsten von uns als buddhistische Mönche oder auf dem Land, naturnah, und die wenigsten von uns gehen einer regelmäßigen körperzentrierten Aktivität nach. Vielmehr leben wir in einer komplexen sozialen Welt voller Verabredungen, Verantwortungen und Sorgen. Es mag schockierend sein, dass der Verlust von Aufmerksamkeit auch weitere Verluste für uns selbst mit sich bringt. Wir riskieren unsere emotionale Gelassenheit, unsere körperliche Gesundheit, den Sinn für unser Wohlergehen.

Verkörperte Selbstwahrnehmung hingegen ist die Fähigkeit, uns selbst Aufmerksamkeit zu schenken. Unsere Empfindungen, Emotionen und Bewegungen online, im unmittelbaren Augenblick, zu fühlen, ohne beeinflusst zu werden von beurteilenden Gedanken (״Mache ich das richtig?“, ״Warum bin ich so unbeholfen?“, ״Ob mir wohl jemand zuschaut?“). Die verkörperte Selbstwahrnehmung setzt sich aus Empfindungen wie warm, kribblig, weich, angeekelt oder schwindelig zusammen. Emotionen wie glücklich, traurig oder bedroht gehören dazu; ebenso Körperwahrnehmungen mit Gefühlen von Koordination oder Koordinationsmangel wie etwa der Arme und Beine beim Schwimmen, der Wahrnehmung unserer Form und Größe (dick oder dünn); nicht zu vergessen die Wahrnehmung unseres Standpunktes in Beziehung zu Objekten oder anderen Menschen.

Dr. Boese meint, durch die Arbeit am Erleben von Körperwahrnehmungen, Emotionen und dem Körpergefühl, würden sich auch die kognitiven Fähigkeiten erweitern: „Menschen lernen ihren Körper bewusster wahrzunehmen, können realistischer und aufschlussreicher mitteilen, was in ihnen vorgeht und sind in der Lage an ihrem Genesungsprozess aktiver teilzuhaben“.

Alan Fogel (Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie):
Kleinkinder verfügen bei der Geburt nicht über die volle Anzahl von Emotionen. Freude stellt sich nicht vor dem 2. Monat ein, Wut kann nicht vor dem 6. Monat gefühlt werden, Angst nicht vor dem 10. Monat. Trotz, Stolz und Scham zeigen sich nicht bis zum Ende des 2. Lebensjahres; Schuld nicht bis zum 3. Jahr, und für das tiefe Erleben von Liebe in allen ihren Formen braucht es ein lebenslanges Lernen. Das bedeutet, dass uns in den ersten Lebensjahren die Erfahrungen mit anderen Menschen lehren können, zu entdecken, zu umarmen, zu akzeptieren, also mit Gefühlen zu leben. Später lernen wir, diese zu kontrollieren, ihre Komplexität zu fühlen und sie in Gegenwart anderer auszudrücken (Fogel 2009).

Haben wir weniger Glück, so erleben wir, dass andere auf unsere natürliche Angst mit Verachtung oder Terror reagieren. Freude und Stolz dürfen wir nicht zelebrieren. Das größte Kapital, das wir als Kind haben, unsere kreative Spontaneität, mag dann von Ermahnungen und Erwartungen erstickt werden. Unser Körper beginnt, Gefühle zu unterdrücken, und geht in eine Verteidigungshaltung, was sich tief ins Gehirn und Nervensystem frisst. Hierdurch werden unser Bewegungsausdruck und unsere Fähigkeit, auf die Welt zuzugehen, begrenzt; ebenso die Wahrnehmung von uns selbst als ganz und gar expressivem und lebendigem Wesen. Emotionen beschränken heißt, die verkörperte Selbstwahrnehmung zu begrenzen. Nach außen hin mag die Person perfekt verlässlich und sich korrekt verhaltend erscheinen, hinter der Fassade ist jedoch kein Raum für Spontaneität, Neugierde und Selbstwahrnehmung. Diese Person mag keinen Platz haben, der sich sicher genug anfühlt, eine gewisse Vorspannung abzugeben, zu entspannen, zu fühlen und die Batterien wieder aufzuladen.

Sich mit dem Selbst und unseren Emotionen zu verbinden, ist wie Balsam für das Gehirn. Jahrelanger Kräfteentzug durch das Verstecken der Emotionen vor sich selbst und anderen führt unausweichlich, wie bereits erwähnt, zu Krankheit und Dysfunktion.

Die verkörperte Selbstwahrnehmung entwickelt sich in erster Linie durch zwischenmenschliche Beziehungen während der ersten drei Lebensjahre. Das schafft ein Fundament zur Annäherung an das Selbst und an das anderer oder aber zur Vermeidung des Selbst und anderer. Hierauf stützen sich dann lebenslange Verhaltensmuster mentaler und körperlicher Gesundheit oder Krankheit.
Die Selbstwahrnehmung im späten fötalen Stadium und im Säuglingsalter ist nichtbegrifilich und nichtsprachlich. Sie ist ein verborgenes ״Wissen“ über Vorlieben und Abneigungen, Freuden und die Schmerzen des Selbst im Verhältnis zur Welt. Es ist ein Weg, die Welt in das zu filtern, was relevant für das Selbst ist und was nicht. In der frühen Selbstwahrnehmung gibt es eine Beziehungskomponente. So bedeutet die Wahrnehmung der stetig lauter werdenden Schritte ״der Mutter“, dass sie näher kommt. Die Selbstwahrnehmung der frühen Kleinkindzeit kennt kein Konzept von ״mein“ und ״dein“ als getrenntem Wesen.

Meine Selbstwahrnehmung als Kleinkind beinhaltet die Wahrnehmung, dass ich, wenn ich meinen Kopf drehe, ״jemanden“ sehen kann, und wenn ich mich ausstrecke, ich ״etwas“ berühren kann. Hierbei geht es um das Spüren des Unterschiedes zwischen berühren und berührt werden.
Das Baby macht gleich im Laufe der ersten drei Lebensjahre die Erfahrung, dass die Arme, Brüste und Lippen, die es sehen, fühlen und wahrnehmen kann, nicht durch seine eigenen Muskelkontraktionen ausgelöst werden. Diese haben ihre eigenen Absichten und kommen und gehen grundsätzlich nicht, weil das Baby lächelt oder schreit. Am Ende des 1. Jahres folgen Babys dem Blick und dem Hindeuten einer anderen Person oder dem eigenen Deuten auf ein interessantes Objekt. Diese Handlungen lassen im Baby die Wahrnehmung erahnen, dass es da draußen eine ״Andersartigkeit“ gibt, die nicht sein eigenes Wesen teilt. Am Ende des 2. Lebensjahres werden Kleinkinder einen unglücklichen Erwachsenen mit ihrer eigenen Flasche oder Decke beruhigen. Das geschieht aus der Wahrnehmung heraus, dass das ״Andersartige“ etwas Ähnliches wie das Selbst fühlt…

Die gleichzeitige Erfahrung von Körperwahrnehmung und Emotion führt zur Lockerung von Muskelanspannung, zur Verlangsamung des Atems in seinen natürlichen Rhythmus, zur zeitweiligen Umstellung des Gehirnwellenmusters und dem Gefühl von nachhaltiger Erleichterung. Verbindungen zu vergangenen körperlichen und emotionalen Verletzungen entstehen, die in der Muskulatur und im Nervensystem im Laufe des Lebens gespeichert werden. Auf diesem Wege eröffnen sich Körperräume, die durch angespannte Muskulatur und reduzierte Atmung eingeengt waren. Es entsteht ein neues Verständnis für die eigene Geschichte.

Anm.: In Erinnerung an Marion Rosen und weitere aus Nazi-Deutschland vertriebene Wissenschaftler weisen wir auf unser gemeinsames Projekt mit dem “Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e.V.” hin: aerzte.erez-israel.de – Jüdische Ärzte aus Deutschland und ihr Anteil am Aufbau des israelischen Gesundheitswesens

Bis zum 30. Januar 1933: Ganz normale Deutsche

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