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Oye Mamá: Beziehungsfallen und Bindungsängsten auf der Spur

Die Frage „bin ich mit der Welt verbunden?“ oder „was bin ich, was ist die Welt? Wie bin ich mit der Welt verbunden, was brauche ich, was bekomme ich, was gebe ich, wie bitte ich…“  stellt sich jedem Menschen schon im Kontakt mit seiner ersten Bezugsperson. Das Erlernte wird er von nun an – oft unbewusst, automatisch, in allen weiteren Begegnungen und Beziehungen anwenden…

… „Leben, Erleben und Gestalten in zwischenmenschlichen Beziehungen gründet sich auf implizites, intuitives, also automatisch angewandtes Wissen. Demnach ist auch das, womit sich psychotherapeutisches Arbeiten beschäftigt, in erster Linie implizites Wissen“.
(Joachim Bauer: „Das Gedächtnis des Körpers – Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern“, ersch. B. piper, 14.Ed. 2009, p.194.)

Bindungstrauma: 
Bezogenheit und Anbindung

David Gall

Es ist klar und auch durch Säuglingsstudien belegt, dass die Wahrnehmung und Umsetzung eigener Bedürfnisse ein gutes Zusammenspiel zwischen Kind und primärer Bezugsperson, und das ist in den allermeisten Fällen eben die Mutter, voraussetzt.

Erst durch die Spiegelung in ihren Augen kann er seine eigenen Bedürfnisse erkennen und befriedigen und erst im Verlauf ihrer Reaktion lernt der Säugling zu unterscheiden, ob er nur hochgehoben und etwas geschüttelt oder lieber vorsichtig auf den Rücken geklopft werden möchte.

Wie wäre jetzt ein Bad, oder will er nur schäkern? Noch etwas trinken? Oder nur am Finger nuckeln.
Was ist der Unterschied, wo spüre ich das, wo den Finger, wie ist das am Gaumen, und was macht Mama?
Ein Lächeln, sie ist glücklich.

Im Zusammenspiel mit der Mutter erlernt der Säugling den Zusammenhang zwischen Bedürfnis und Befriedigung. Nicht nur materiell, sondern auch emotional: Gerät das Kind in Unruhe, wird die Mutter es beruhigen, ist es lustlos, wird sie es animieren. Freut es sich und lacht, wird sie dieses Wohlbefinden immer wieder von neuem Aufgreifen und erneut entfachen.

Der Säugling lernt, dass er seinen Gefühlsschwankungen (Affekten) nicht hilflos ausgeliefert ist und nicht alles aus sich heraus aufbauen muss, dass er vielmehr eingehüllt ist in einer auf ihn ausgerichteten Atmosphäre, aber auch als eigener Teil dieses Alls, verankert und verbunden und stets stabil gehalten und willkommen geheißen von dieser Welt. Hier findet man Hilfe, man kann das Wohlbefinden beeinflussen und seine Gefühle modulieren. Es gibt ein Gegenüber, das weiß, was das Baby braucht und ihm dies auch jederzeit gerne zur Verfügung stellt.

Bedürfnis und Unbehagen

Das Leben ist kein Rosengarten, es ist auch kein Picknick, wie man in Israel sagt. Es geschehen schlimme Dinge, auch der „Krone der Schöpfung“ und so finden sich in der Fachliteratur zahlreiche Beschreibungen, wie Säugetiere, also auch Menschen, auf Situationen, die sie als ausweglos erkennen müssen, reagieren.

Wird ein kleines Kind durch ein Unbehagen geweckt, dann ist dieses Unbehagen erst einmal unbestimmt. Die Ursache des Unbehagens ist unbekannt, es weiß noch nicht, was ihm jetzt gut täte.

Es ist Dienstag, 14.47h, im Herbst. Ein Kind wacht auf. Es ist sich weder seiner Bedürfnisse bewusst, noch hat es eine Vorstellung davon, was zu deren Befriedigung notwendig wäre. Es ist still. Warum ist das Kind wach geworden? Es hat erst vor zweieinhalb Stunden die Flasche bekommen. Es ist schön hell. Die Decke weiss. Diese Stille kennt es. Ein unbekannt-diffuses Unbehagen wächst und wird zur Beunruhigung. Eine Enge macht sich breit, das Kind beginnt zu schreien.

Normalerweise sollte jetzt eine Bezugs- oder Betreuungsperson, meistens die Mutter, auf das Kind zugehen, ihm zeigen, dass die Welt besteht und es einen Bezug gibt. Sie würde, oft auch intuitiv, auf implizites Wissen zurückgreifend, erkennen oder herausfinden, was die Not ausmacht und was dem Kind gut täte. So würde dann auch das Kind lernen und erkennen, was ihm fehlt, wie oder woher er es bekommen kann und wie es sich dann anfühlt, oder was sich dann als nächstes Bedürfnis ankündigt um ebenfalls befriedigt zu werden. Oft mit besonderem Genuss.

Es kann auch sein, dass niemand kommt. Was das Baby dann fühlt wissen wir nicht. Selbst wenn es damals ein Gedächtnis gegeben hätte, in welcher Sprache hätte die Aufzeichnung geschrieben werden sollen? Säuglingsforscher sprechen von der präverbalen Phase. Es gibt keine Sprache um Gedanken zu formulieren. Nur Gefühl und Körper, und Lust und Unbehagen.

In den ersten Monaten wird der Säugling schreien und darüber müde werden. Irgendwann wird er wieder aufwachen, und schreien. Erst mal weiterschreien. Bis zur Ermüdung. Schlafen, erwachen, schreien, immer weiter. Vielleicht verschluckt er sich. Er ist ja nicht so behände. Husten tut weh. Das Herz rast, das Blut auch. Das Unbehagen wird größer. Beunruhigend, bedrohlich. Wenn er nicht schreit, ist es still. Er sieht nur wenig. Milchglas.

In der freien Wildbahn würde sich nun die Frage stellen: Kämpfen oder Fliehen?

Aber ein Menschenbaby ist keine Antilope. Es zappelt und schaukelt, schreit, reißt die Arme hoch. Ist die Lage ausweglos?
Nicht aufzugeben, weiter zu kämpfen, heißt hier wohl vor allem Schreien. Aber hat das überhaupt einen Sinn? Ist das ein Ausweg? Wohin? Wozu? Die Welt des Säuglings ist klein und seine Wahrnehmung sehr begrenzt.

Er ist beunruhigt, ihm ist unbehaglich, er fühlt eine Bedrohung und bekommt Angst. Fliehen kann er nicht und der Kampf ist aussichtslos. Nach der englischen 3F-Formel* hat er noch eine weitere Möglichkeit. FREEZE!

Also die Erstarrung in einer Art Totstellreflex, i.d.R. begleitet von einer Trennung des Säuglings von seinem eigenen Empfinden (Dissoziation).

Er lässt sich selbst im Stich, liefert sich aus.

Vorher mussten aber Flucht und Kampf aussichtslos erscheinen. Die Erkenntnis der Ohnmacht in einer als existentiell bedrohlich empfundenen Situation ist auch für Erwachsene unerträglich, denken wir nur an die Todesangst. An die erschütternde Hilflosigkeit, anbetracht der Bedrohung der eigenen Existenz. Ein Sturz in die eigene Nichtigkeit. Die beschämende Erbärmlichkeit und die unerträgliche Vorstellung, man selbst sei nicht mehr da.

Das Kind erstarrt und stellt sich tot. Und in der Tat, etwas geht verloren, gräbt sich ein und stirbt.

Beschrieben wurden solche Empfindungen in Dichtung und Musik schon lange bevor Psychologie und Hirnforschung der Frage wissenschaftlich zu Leibe rückten. Im Beispiel Astar Schamir: Am tiefsten Punkt von Tel Aviv:

Etwas in mir, verlässt den Körper.
Ich weiss nicht, ob ich hier sein wollte.
Bin ich eingebrochen,
oder habe ich angefangen zu fliegen?
(2)

Der erste Schuss
Dissoziation: Ich bin dann mal weg…

Der Psychiater Joachim Bauer betont, dass die Auswirkungen traumatischen Erlebens auf Kinder weit über das hinausgehen, was Traumen bei bereits Erwachsenen anrichten können: … „Zusätzlich zu den Veränderungen der PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) ist hier die seelische Notfallsituation, die als Dissoziation bezeichnet wird, von großer Bedeutung.

Die Dissoziation besteht in einem Sich-Entfernen des subjektiven Erlebens aus dem Hier und Jetzt, um sich vor unerträglichen seelischen oder körperlichen Schmerzen zu schützen.
In den Jahren vor der Pubertät spielt sich die seelische Katastrophe im Stillen ab. Traumatisierte Kinder leben in der Defensive“. Sie sind auffallend brav und machen sich nützlich, zumindest sind sie bemüht keine Mühe zu machen. (3)

Malik war wirklich immer sehr brav und bemüht es allen recht zu machen. Er wurde größer, kam in die Schule, versuchte sich nützlich zu machen. Er hatte Angst seine Mutter alleine zu lassen, sie könnte sich etwas antun, sie war doch immer so verzweifelt. Was ihm leid tat, zumal er vermutete es könne mit ihm zu tun haben. Der Vater wolle ihn nicht und deshalb ließ er auch die Mutter allein. Der er wiederum kein gleichwertiger Ersatz sein konnte. Jedenfalls bemerkte sie ihn kaum, jedenfalls nicht seine Unterstützung. Er blieb ihr lästig.

Zahlreiche Autoren erklären die Dissoziation als eine Gnade der Natur. Als Beispiel dient oft die Maus, in dem Moment, da sie den Schatten der springenden Katze über sich spürt. Gerade noch befindet sie sich in einer bis zum Anschlag energetisierten Form, aufgepumpt mit Adrenalin, Cortisol, Serotonin, Dopamin… – und so erstarrt sie im Bruchteil einer Sekunde. Der riesige Energieüberschuss schlägt mit voller Wucht in die voll aktivierten Panikleitungen der Neuro-Netzwerke ein. Der Neurobiologe Gerald Hüther spricht von Datenautobahnen, die sich hier ihre Schneise in Nervensystem und Hirnstruktur brennen (4).

Einzelne Schaltungen werden dabei bis in die genetische Struktur verändert, wenn es nicht gelingt, diese Energie wieder abzuleiten. Bei Tieren geschieht diese Ableitung, z.B. nach einer überraschenden Rettung, durch krampfartig erscheinende Bewegungen, die oft wie eine Fortsetzung vorheriger Flucht- oder Kampfbewegungen anmuten, noch bedeutsamer ist aber ein Zittern und Schütteln, dem irgendwann ein sehr tiefer Atemzug folgt. Menschen werden oft durch höhere Hirnstrukturen und Scham an dieser Ableitung gehindert.

Während Tiere in Freiheit, trotz aller Gefahren, die ihnen begegnen, nicht traumatisiert werden, sind Tiere in Gefangenschaft, wo sie am Kämpfen und am Fliehen gehindert werden, weniger in der Lage Traumata abzuschütteln.

Auch Wilhelm Reich und Fritz Perls gingen bei Störungen, egal ob psychisch oder physisch empfunden, von einer Störung im Energiefluss aus.

Reich beschrieb eine „hysterische Panikreaktion“ anhand eines Eichhörnchens: „Ein Junge, den ich kannte, hatte ein Eichhörnchen gefangen, das er in seiner Hand hielt. Ich war durch die Tatsache betroffen, dass das Eichhörnchen dort völlig schlaff in der Hand lag. Es bewegte sich nicht, noch kämpfte oder biss es. Es war vor Angst paralysiert…“… (5)

Das Eichhörnchen ist vollkommen unverletzt und erholt sich unter heftigem Zittern und Konvulsionen von seinem Schreck. Beim Menschen scheinen Impulse höherer (kortikaler) Hirnstrukturen diese Entladung zu behindern. Wiederholte Traumatisierungen dieser Art lassen sich im PET (Positronen-Emissions-Tomographie) erkennen.

Aus diesen Erkenntnissen beruhen auch Methoden, die die Nervennetzwerke ansprechen wollen, wie das EMDR von Francine Shapiro (6), oder die SE (Somatic Experiencing) von Peter Levine (7), David Berceli u.a. 

Die Fähigkeit zur Emotionsregulation wird auch durch spätere Traumatisierung vielfältig gestört, ganz unabhängig von der mangelhaften Affektmodulation im primären Bindungsgeschehen:
Dadurch ist es für alle Traumabetroffenen schwerer wesentliche, aber emotional nicht erregende Ereignisse von unwesentlichen, aber emotional erregenden zu unterscheiden. Schwierigkeiten der Emotionsregulation führen zu Problemen im Alltag und zu einer verminderten Teilnahme am normalen Alltagsleben. Die sozialen Beeinträchtigungen verhindern auch schützendes und heilendes Interaktionsverhalten mit anderen Menschen. (8)

Quellen und Literaturhinweise:

  1. Joachim Bauer, Das Gedächtnis des Körpers – Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern, piper, 14. Ed. 2009, p.214.
  2. Astar Shamir, Am tiefsten Punkt von Tel Aviv, hagalil.com/archiv/2012/06/09/astar-shamir.
  3. Joachim Bauer, Das Gedächtnis des Körpers – Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern, piper, 14. Ed. 2009, p.194.
  4. Gerald Hüther, Biologie der Angst – Wie aus Streß Gefühle werden, 2009
  5. David Boadella in „Frühe Schädigungen – späte Folgen?“ p. 79 ff., herausgeg. v. H. Petzold, 1997.
  6. Auf die gestalttherapeutischen Wurzeln von Francine Shapiro (geb. 1948), der Begründerin des EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), wird bei Lotte Hartmann-Kottek (3.Aufl. 2012, Gestalttherapie)  hingewiesen.
  7. Peter Levine, Traumaheilung – das Erwachen des Tigers, Synthesis, 1998.

Stichworte: Affektmodulation, Bindungstrauma, Vernachlässigung, Missbrauch, Sucht, Therapie, Borderline, Perversion, Körperarbeit, Körperpsychotherapie, SM, BDSM, Sexualwissenschaft, Sexualtherapie, Gestalt, Psychotherapie, Trauma, PTBS.
Malo – Oye Mamá! Oye Papá!

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