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Die Wahrheit über Heroin (2): Prominente Süchtige

Jahrelang waren Süchtige in erster Linie Menschen, die Opiate nach einer Operation erhalten hatten. So wie die Verwundeten des 1. Weltkriegs. Sie hatten zu Tausenden Morphium bekommen, waren abhängig geworden, erhielten von nun an eine ausreichende Menge an Heroin, Morphium oder Pantopon verschrieben und lebten ein ansonsten normales, produktives und glückliches Leben…

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Wenn wir danach suchen, finden wir überraschend viele erfolgreiche Morphinisten, die viel zum Wohl ihrer Umgebung beitrugen, wenn man es ihnen erlaubte. So wie Enid Bagnold, die Verfasserin des Kinderbuch Klassikers „National Velvet“, die im heutigen Politjargon als „Fixerin“, isoliert und an den Rand gedrängt, ein erbärmliches Leben hätte fristen müssen. Sie benutzte Morphin täglich und jahrzehntelang. Mit 57 hatte sie nach einer Hüftoperation Morphin erhalten. Sie blieb dabei und wurde 91.

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Dr. Clife Frogatt diente unter mehreren konservativen Regierungen als Berater in Gesundheitsfragen. Außerdem war er süchtig nach Heroin. Als niedergelassener Allgemeinarzt konnte er drei Jahre lang, bis zu seiner Verhaftung 1994, über eine ausreichende Menge reinen Heroins verfügen.

Clife Frogatt: Natürlich musste ich in die Apotheke, um es zu bekommen. Und als Süchtiger war mir klar, dass ich mir nicht zu viel auf einmal besorgen sollte, um es nicht zu übertreiben. Also musste ich eben jeden Morgen in die Apotheke, noch vor Operationen. Ich habe mir vier bis achtmal am Tag eine Spritze gesetzt.  Je nachdem, was ich tat. Was die Injektionen anbelangt, hatte ich keine größeren Probleme damit, als ein Diabetiker auf Insulin.

Nick Davies: Stimmt es, dass Sie vor Ihrer Verhaftung, als Berater mehrerer Gesundheitsminister dienten?

Clife Frogatt: Ja.

N. Davies: Das heißt also, dass Sie sich mit wichtigen Leuten getroffen haben. Und die haben keinen Verdacht geschöpft? War ihr Benehmen nicht auffällig, ungewöhnlich?

Clife Frogatt: Nein gar nicht. Einer meiner Tennispartner war der Chef einer Kommission für Suchtfragen.

Die große Wahrheit über die wahren Risiken illegaler Drogen, ist unter all der Rhetorik des Krieges begraben.

Die epidemischen Ausmaße trauriger Todesfälle, die schrecklichen Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen, das Elend der Miserablen, liegt nicht in der Wirkung der Droge selbst begründet, sondern im Schwarzmarkt, wo die Droge gedealt wird. Schmutzige Drogen mit allen möglichen Beimischungen,  und Unreinheiten. Schmutzige Nadeln, die tödliche Infektionen verbreiten. Unabsichtliche Überdosierung von Stoff unbekannter Stärke.

Die Prohibition verursacht jene Leiden, die sie vorgibt zu beseitigen. In den 20er Jahren brauten Verbrecher illegale Schnäpse und nannten sie „Mondlicht“, gestreckt mit Methanol, von dem die Trinker blind wurden. Es gibt keine Droge, die dadurch sicherer wird, dass man ihre Produktion in die Hände von Kriminellen legt.

Wenn man sich erst einmal der großen Lüge stellt, wird die ganze Idee der Prohibition absurd. Dann müsste man zugeben, dass die meisten Süchtigen besser dran wären, wenn wir ihnen saubere legale Arzneimittel zur Verfügung stellten. Wir könnten große Hoffnung weltweit wecken und den Krieg ganz einfach beenden!

Inzwischen äußern immer mehr Experten ihre Zweifel an der ganzen Idee des Krieges öffentlich. Prof. Gerry Stimson ist Direktor am Institute für Drogenforschung in London: „Der Krieg gegen die Drogen ist in Wahrheit ein Krieg gegen Drogenbenutzer, und diese sind ein nicht geringer Teil der erwachsenen Bevölkerung unserer Gesellschaft.
Es ist ein Krieg gegen vier von zehn jungen Männern, die in den letzten Monaten Drogen benutzt haben. Und es ist total unrealistisch. Man könnte über einen anderen sichereren Umgang mit der einen oder anderen Substanz reden. Aber das geht sicher nicht, wenn ich einen Krieg gegen einen so großen Teil der Bevölkerung anzettele, bei dem die Süchtigen auf der Strecke bleiben.

Auch der Labor-Abgeordnete Paul Flynn hat die Lüge durchschaut: Die Menschen sterben, nicht weil die Droge so gefährlich ist, sondern wegen der Prohibition. Dadurch ist der Markt in der Hand von Kriminellen, die die gefährlichste Form von Drogen in der fragwürdigsten Qualität anbieten.

Der Berater Allan Perry betont, dass sich für einen Süchtigen nicht die Frage stellt, ob er Heroin nehmen wird oder nicht, sondern wo und wie er es sich beschaffen kann.

Hier in Brighton sind Sucht und Drogen die häufigste Todesursache für Männer zwischen 20 und 44 Jahren. Wenn Sie jetzt meinen, Sie wüssten, woran diese Männer gestorben sind, dann erinnern sie sich bitte noch einmal an Enid, Clife, Bernard…

Für Brian Henderson gab es keine sauberen Drogen. Er muss sich seine Drogen in den Zeiten der Prohibition illegal beschaffen, koste es was es wolle. Den Preis bestimmen anonyme Kartelle. Sein tägliches Leben zerbrach daran. Ebenso wie das der meisten Opiat-Süchtigen in den letzten Jahrzehnten, seit Beginn des Krieges in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Als sein bester Freund gestorben war, kam er nach Brighton. Durch die Knappheit an sauberen Spritzen bekam er furchtbare Infektionen und lebensgefährliche Zustände. Nekrosen auch durch gefährliche Beimischungen im Straßenheroin. Nachdem er ein Bein fast verloren hatte, macht er am anderen Bein weiter, mit Stoff der inzwischen noch weniger Heroin und noch mehr Dreck enthält. Dafür aber teurer geworden ist. Satt war er schon lange nicht. Er lebt in Hauseingängen oder zwischen Müllcontainern, ebenso wie Leidensgenossen in Tel Aviv, wo es immerhin wärmer ist.

Zurück in Brighton: Einer der lokalen Dealer war bereit, mit Nick Davies zu sprechen und ihm zu zeigen, wie das Strassenheroin gestreckt wird: Glucose, Sand, Paracetamol, Scheuerpulver, Rattengift, Kaffeesatz…

3. Teil folgt…

Der Autor: Nick Davies hat vor allem im Guardian und im Observer publiziert. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Reporter of the Year, Journalist of the Year und Feature Writer of the Year des British Press Awards.

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