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Sprachlos und verpeilt im Alltag: Neurobiologie der traumatischen Erfahrung

Die beeindruckenden Fortschritte, die die neurobiologische Forschung in den letzten Jahrzehnten vorweisen kann, ermöglicht es inzwischen, die Folgen traumatischer Störungen als veränderte körperliche Struktur sichtbar zu machen…

Nach Heide Anger / Peter Schulthess (Hg.), Gestalt-Traumatherapie, EHP 2008, p. 24, Art. V. Thomas Wirth: Traumatherapie aus gestalttherapeutischer Perspektive (Zwischenüberschriften pharmacon.net / dg)

So zeigte eine PET (Positronen-Emissions-Tomographie), dass bei Überlebenden, traumaassoziierte Erinnerungsreize zur gesteigerten Durchblutung von Gehirnarealen, die für emotionale Zustände und vegetative Erregung zuständig sind, führen. Besonders deutlich ist dies in der Mandelkern-Region (Amygdala). Im Broca-Areal, einem Gebiet, wo Worte für innere Zustände erzeugt werden, wurde die Perfusion hingegen gedrosselt, der Sauerstoffverbrauch sank (1).
Dies kann als ein physiologischer Beleg für die Sprachlosigkeit traumatischer Erfahrungen gelten.

Sprachlosigkeit

Weitere Untersuchungen zu Somatisierungsstörungen (2) und Substanzmißbrauch (3) zeigten einen engen Zusammenhang zu Traumatisierungen in der Vorgeschichte. Saxe (4) fand heraus, dass bei Abwesenheit schwerer Traumata in der Vorgeschichte Somatisierungsstörungen nur selten sind.

Gedächtnis

Das deklarative oder explizite Gedächtnis ist für die Spei­cherung von Tatsachen und Ereignissen, die der Betreffende erlebt hat, zuständig. Das prozedurale oder implizite Gedächtnis speichert Fähigkei­ten; Gewohnheiten, emotionale Reaktionsweisen, Reflexhandlungen.

Die Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Gedächtnisforschung weisen darauf hin, dass bei starken Emotionen und traumatischer Stressein­wirkung die Speicherung von Ereignissen und Tatsachen im expliziten Gedächtnis gestört ist. Dem geht vermutlich eine Schädigung des für das explizite Gedächtnis verantwortlichen Hippocampus voraus. Diese seepferdförmige Hirnregion wird durch die Stresshormone, die hier geradezu toxisch wirken, geschrumpft. Das Erlebte kann nur zersplittert und aufgespaltet in sensorische und emotionale Bruchstücke gespeichert werden, manchmal auch als Handlungserfahrungen, denen im enacting nachgespürt werden kann (beim symbolisch-verschlüsselten „Nachspielen“).

Wenn durch Stresssymptome derart weitreichende Störungen und Gefahren zu erwarten sind, dann ist doch zu überlegen, ob nicht eine meditative oder auch medikative Stressreduktion angezeigt wäre, zumal wir wissen, dass gerade Bindungsstörungen zu einer starken Opiat-Affinität führen.

Wir wissen auch, dass Opiate beim ersten Kontakt nur bei 7% der Bevölkerung eine anziehende Wirkung haben, deren Wiederholung baldmöglichst angetrebt wird.Wir wissen auch, dass relevante Traumatisierungen bei ca, 5 – 10 % der Bevölkerung vorliegen. Ich würde nun soweit gehen und behaupten, die beiden Gruppen dürften weitgehend identisch sein. Die Idee der instinktiv richtigen – wenn auch illegalen – Selbstmedikation schwer traumatisierter Kinder und Jugendlicher bekommt dadurch große Überzeugungskraft.

Auch die schon vor 30 Jahren, vor allem in Holland, verbreitete Idee des natürlichen Herauswachsens aus einer substanzgebundenen Abhängigkeit vom Opioid-Typ, hätte eine Renaissance verdient. Diese Theorie besagt, dass es in vielen Fällen frühkindlicher Traumatisierung durch Vernachlässigung / Missbrauch (Bindungstrauma) zu einer „Heilung“ kommen kann, wenn erst einmal ein Mindestmaß an Geborgenheit empfunden wurde. Das von Opiatbenutzern häufig beschriebene Gefühl von Wärme und Sicherheit, kann so stark sein, dass es das Gefühl bedinungslos angenommen und akzeptiert zu sein, unbewusst und im Nachhinein, imitieren kann. Unter dem Eindruck dieser empfundenen Zuneigung, können Welt- und Selbstvertrauen, durch saubere, i.d.R. jahrelange, zuverlässige und ungestörte Opiatbehandlung nachreifen.

Es ist klar, dass unter den Bedingungen des „Kriegs gegen die Drogen“ kaum ein Jugendlicher die ausreichende Ruhe finden wird, um diesen heilsamen Prozess zu durchlaufen. Im Gegenteil, die gefundene Geborgenheit wird in erster Linie als bedroht erlebt. Der vom Trauma geplagte und oft schon am Rand des Selbstmords stehende junge Mensch, hat endlich eine Substanz gefunden, die ihn retten, ja sogar heilen kann, dies spürt er instinktiv, muss sich aber als ausgestoßen und verfolgt erleben. Eine Folge von Retraumatisierungen und Neutraumatisierungen sind unvermeidbar, zumal die Beschaffungskriminalität, zumindest im prostitutiv-sexuellen Rahmen, direkt an weitere Bewältigungsmechanismen frühkindlich Traumatisierter heranreichen. Die Schneiße, die die frühkindliche Dissoziation, schon damals unter massivem Einsatz des Endorphinsystems (körpereigenes Opiatsystem), geschaffen hat, kann sich unter so ungünstigen Bedingungen sogar noch tiefer eingraben, selbst wenn die Opiatwirkung eine entspannte Auflockerung und Neukombination von Vernetzungen (im Sinne der Neuroplastizität) anregen kann.

Die Fakten werden seit Jahren immer deutlicher und fast überall hat ei deutliches Umdenken eingesetzt. In den USA entsteht eine blühende Cannabisindustrie. Die gesamte Organisation amerikanischer Staaten ruft zum sofortigen Ende der Prohibition auf. Überall in Europa sind Legalisierungstendenzen zu beobachten, selbst dort wo die Prohibition noch nie sehr ernsthaft betrieben wurde (Spanien, Italien, Portugal). In gewissem Sinne wurden die Schweiz, Tschechien, Holland zu Vorkämpfern für die Menschenrechte Süchtiger, ebenso wie Israel, das kein Mitglied der EU ist.

Von diesem viel zu späten Tauwetter ist Deutschland weitgehend ausgenommen. Ebenso wie Russland, Iran, Thailand, Myanmar und andere Vertreter der unbarmherzigen Linie, die auf Leidensdruck und Strafmaßnahmen setzt.

In anderen Staaten werden vielleicht endlich die richtigen Konsequenzen gezogen. Und dies vielleicht sogar mit der gebotenen Dringlichkeit, immerhin sterben täglich Menschen an den Folgen einer katastrophal falschen Drogenpolitik. 
(dg)

Die Betroffenen sind also in einen Schrecken ohne Sprache eingeschlossen, der in vollem Ausmaß wiedererlebt wird, zu dem aber kein Kontakt herstellbar ist. Dies hat für das psychotherapeutische Handeln größte Bedeutung, da es hier wichtig ist, einen Verständnisrahmen für das zu finden, was vorgefallen ist.

Die Amygdala gilt als Schaltstelle für Gefühle im Gehirn zu anderen Verarbeitungsstrukturen und auch für die Weiterverarbeitung im Neokortex. Van der Kolk et al. (2000, 217) neh­men an, dass die Amygdala sich bei besonders starker Aktivierung durch bestimmte Reize von der subjektiven Wahrnehmung abkoppeln kann und sich daher intensive emotionale Reizung hinderlich auf eine angemessene Verarbeitung der Erfahrungen auswirken kann.

Hilflosigkeit, Ohn­macht

Solange sich eine Person durch ihre eigenen Kräfte oder fremde Mächte beschützt und sicher fühlt, wird sie keine seelische Beschädigung erfahren. Sobald allerdings die Ohn­machtserfahrung eintritt, ist eine traumatische Verarbeitung der Ereignisse möglich. Diese besteht unter anderem in einer erhöhten Erregbarkeit und Suche nach möglichen Hinweisreizen für eine Wiederholung des Traumas. Diese vermeintlichen Auslöser werden dann im Zuge einer phobischen Abwehr (Butollo 1999, 96) vermieden.

Verpeilt im Alltag

Eine weitere Schwierigkeit haben traumatisierte Menschen, wenn es darum geht, sich emotional neutralen, aber bedeutsamen Dingen zuzuwenden. McFarlane, Weber & Clark (1993, zit. nach van der Kolk 2000, 203) zeigten, dass es für Traumabetroffene schwerer ist, we­sentliche, aber emotional nicht erregende Ereignisse von unwesentlichen, aber emotional erregenden zu unterscheiden, bzw. die unwichtigen Stimuli zu neutralisieren. Die Reaktion auf normale Ereignisse ist für traumatisierte Menschen offensichtlich schwieriger. Diese Schwierigkeiten der Emotionsregulation führen zu Problemen im Alltag und zu einer verminderten Teilnahme am normalen Alltagsleben.

Kontaktstörung

Die dauerhaften Veränderungen neurophysiologischer Prozesse mit Übererregung, Überreaktionen auf Stimuli, Ängsten, Phobien, sozialem Rückzug mit Veränderungen der kognitiven und emotionalen Schemata sind Auswirkungen, die sich leicht verselbstständigen können.
Van der Kolk et al. (2000) nennen die PTBS deshalb auch eine »biopsychosoziale Falle«. Damit ist gemeint, dass die neurophysiologische Beeinträchtigung bezüglich des Herunterregelns von Erregung die spontane Löschung der erworbenen Konditionierungen verhindert oder dass die Vermeidung innerpsychischer Auslöser die mit dem Trauma in Verbindung stehen wirksame Trauerarbeit verhindert.

Die sozialen Beeinträchtigungen verhindern auch schützendes und heilendes Interaktionsverhalten mit anderen Menschen.

Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie PITT – Das Manual:
Ein resilienzorientierter Ansatz in der Psychotraumatologie

  1. Rauch 1996; in: van der Kolk et al. 2000, 215f
  2. van der Kolk et al., 181
  3. ebd., 178
  4. 1994, in: van der Kolk et al. 2000, 180
  5. Sucht und Trauma

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