Archivsuche

Büchersuche

Archiv (chronolog.)

Gefahr Essstörungen: Hungern bis in den Tod

Essstörungen zählen heute zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in den Industriestaaten – und auch zu den tödlichsten. Ungefähr 150.000 bis 200.000 Menschen leiden in Deutschland an Magersucht – eine erschreckend hohe Zahl, die aber noch von geschätzten 600.000 Bulimie-Erkrankten übertroffen wird. Je früher eine Essstörung erkannt wird, desto leichter lässt sich gegensteuern…

Von Martina Riepold, Heilpraktikerin
Erschienen in: Naturarzt 5/2013

Während bei der Anorexie (Magersucht) ein manchmal lebensbedrohliches Untergewicht durch Hungern entsteht, leiden Bulimie-Erkrankte an einem unbeherrschbaren Drang, sich Unmengen an Nahrungsmittel einzuverleiben, der sich in rauschartigen Essattacken entlädt. Durch das anschließende, selbst ausgelöste Erbrechen wird der dickmachende Effekt dieser Attacken vermieden. Die Erkrankung läuft meist über viele Jahre im Verborgenen und unbemerkt vom jeweiligen Umfeld ab. Die Betroffenen sind in der Regel normalgewichtig, leiden jedoch extrem unter ihrem Verhalten.

Beide Essstörungen haben komplexe Ursachen und Auswirkungen und können zu starken körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen führen. Das herausstechende Merkmal ist die massive Störung des eigenen Körperbildes und damit verbunden eine krankhafte Fixierung auf das Thema Essen. Betroffen sind vor allem junge Frauen, wobei der erste Erkrankungsgipfel bei ca. 14 Jahren liegt. Es gibt Hinweise auf ein erhöhtes Vorkommen in den mittleren bzw. oberen sozialen, leistungsorientierten Schichten sowie unter Tänzerinnen, Models, Sportlern und anderen Gruppen, die einem hohen gesellschaftlichen Schlankheitsdruck unterliegen. Ungefähr fünf Prozent der Erkrankten sind junge Männer.

Auch bei der sogenannten „Binge-eating-disorder“ (engl. „binge“ = Gelage) finden regelmäßige Heißhungeranfälle mit unkontrollierter Nahrungsaufnahme statt, allerdings ohne anschließend zu erbrechen, was unweigerlich zu einem erheblichen Übergewicht führt. Die „Fressattacken“ werden ausgelöst durch verschiedene psychische Belastungen wie Stress, Einsamkeit, manchmal auch Langeweile oder Depressionen.

Häufig Mischform von Anorexie und Bulimie

Bei der Anorexie bzw. der häufig vorkommenden Mischform von Anorexie und Bulimie sind folgende Symptome kennzeichnend:

  • Untergewicht bis zur Auszehrung wobei ein BMI (Body-Mass-Index) von unter 17,5 (nicht kleiner 19?) als pathologisch angesehen wird
  • Ausbleiben der Regelblutung
  • Chronische Verstopfung als Folge der reduzierten und meist sehr einseitigen Nahrungsaufnahme
  • Herz-Kreislauf-Störungen durch Kalium- und Magnesiummangel
  • Osteoporose (Knochenentkalkung) durch unzureichende Vitamin- und Mineralstoffzufuhr und durch Störungen des Hormonhaushaltes
  • Karies: Aufweichen des Zahnschmelzes durch die Magensäure bei der Ess-Brechsucht
  • Entzündungen des Magens und der Speiseröhre
  • Körper-Schemastörung: Massive Störung der eigenen Körperwahrnehmung im Sinne einer irrrationalen Überschätzung des Eigengewichtes und des Körperfettanteils
  • Missbrauch von Abführ- und Entwässerungsmitteln sowie exzessive sportliche Betätigung
  • Wahnhafte Konzentration auf das Thema Essen: Kalorien werden zum Feindbild
  • Depressive Verstimmungen bis hin zu Selbstmordgedanken: Bei ca. 50 Prozent der PatientInnen wird eine Depression mit ausgeprägtem Rückzugsverhalten bis hin zur sozialen Isolation festgestellt
  • Nervosität und Gereiztheit gepaart mit innerer Ruhelosigkeit
  • Verleugnung der Krankheit: Die PatientInnen verleugnen ihren Zustand und lehnen Kritik hinsichtlich ihres Verhaltens kategorisch ab. Oftmals fehlt die Krankheitseinsicht
  • Stark vermindertes Selbstwertgefühl und Kontaktarmut. Gefühl nicht „okay“ zu sein.

Sowohl der Verlauf als auch die Dauer der Magersucht sind schwer vorhersehbar. Etwas mehr als der Hälfte der Anorexie- bzw. Bulimie-Erkrankten gelingt es, im Laufe der Zeit zu einem (fast) normalen Essverhalten zurückzufinden, wobei das Thema „Essen“ zeitlebens einen besonderen Stellenwert haben wird. Auch Spontanheilungen kommen vor.

Bei vielen Betroffenen gibt es allerdings eine Tendenz zur Chronifizierung mit langjährigen Krankheitsverläufen von 25 Jahren und mehr. Etwa in der Lebensmitte besteht die Chance, dass sich die Essstörung langsam verliert. Betroffene schildern die Magersucht als eine Art Gefängnis aus dem sie keinen Weg nach draußen finden und das sie 24 Stunden am Tag gefangen hält.

Unnatürliches Körperbild oft Auslöser der Essstörung

Die Störung beginnt in den meisten Fällen in der Pubertät, oft schleichend und unbemerkt vom familiären Umfeld. Auslöser ist der sich verändernde, reifer werdende Körper. Eine große Rolle spielen Werbung und Modeindustrie, sowie Model-Casting-Shows im Fernsehen, die ein völlig falsches, unnatürliches Körperbild suggerieren. Weiterhin ist die Ablehnung der Sexualität und des Erwachsenwerdens ein auslösendes Kriterium, sowie die innere Abgrenzung von der Mutterfigur. Durch die Abwehr der Nahrungsaufnahme soll eine persönliche Autonomie sowie eine weitgehende Selbstkontrolle erreicht werden. Oftmals erleben die Betroffenen eine zu starke Reglementierung durch die Eltern bzw. das Umfeld. Auch sexueller Missbrauch und ein dadurch erlittenes Trauma kann ein Auslöser der Magersucht sein.

In vielen Fällen geben eine überzogene Leistungsorientierung der Eltern und der damit verbundene psychische Druck den Ausschlag. Daraus entsteht bei den Jugendlichen die Angst, den Ansprüchen der Eltern nicht gerecht zu werden und somit nicht okay zu sein. Weiterhin fällt ein spezielles Harmoniestreben in vielen der betroffenen Familien auf. Konflikte werden nicht offen angesprochen, sondern mithilfe einer subtilen „psychologischen Kriegsführung“ scheinbar gelöst. Das Bild nach außen, der Schein einer glücklichen und erfolgreichen Familie soll um jeden Preis gewahrt bleiben. Die Kontrolle über das eigene Essverhalten bedeutet dann für die Jugendlichen eine Art Machtpotenzial: Macht über den eigenen Körper und damit auch Widerstand und Macht gegenüber den Eltern.

Letztendlich dominiert bei den jungen Menschen jedoch ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, Zuwendung und Geborgenheit. Das Selbstwertgefühl ist in den meisten Fällen stark beeinträchtigt und sie bedürfen besonderer Aufmerksamkeit und achtsamer Fürsorge.

Da die Magersucht oder die Bulimie meist schleichend und im Verborgenen beginnt, können Angehörige das Problem meist nicht rechtzeitig erkennen. Auch tricksen die Erkrankten gerne und verschleiern mit Scheinargumenten das krankhafte Essverhalten.

Ein offener Dialog mit dem Fokus auf Verständnis, Zuwendung und Hilfsangeboten ist die einzig sinnvolle Möglichkeit der Angehörigen, mit der sie die Betroffenen unterstützen können. Schuldzuweisungen, Verbote oder der Zwang zu „normalem“ Essen wirken hier kontraproduktiv. Eine professionelle Unterstützung von außen durch Beratungsstellen, Therapeuten oder spezielle Kliniken ist in den meisten Fällen sinnvoll und notwendig.

Betreuungszentren bieten Rat und Unterstützung an

Da Essstörungen oftmals Ausdruck eines gestörten Familiensystems darstellen, sollten vor allem bei Jugendlichen Eltern und Geschwister in den therapeutischen Prozess eingebunden werden. Die Grundlage bildet allerdings die Krankheitseinsicht der Betroffenen und die Bereitschaft mitzuarbeiten.

In allen größeren Städten bieten spezielle Betreuungszentren Hilfe für Betroffene und Angehörige an, wie z. B. ANAD® e. V. oder Cinderella in München. Dort gibt es von Beratungen, praktischen Hilfestellungen bis zu Wohngruppen verschiedene Angebote. Selbsthilfegruppen, die ebenfalls überall zu finden sind und über die Beratungszentren erfragt werden können, unterstützen die Betroffenen. Die Erfahrung nicht allein, sondern eine(r) von vielen anderen Erkrankten zu sein, markiert oft den Anfang zur Selbstentwicklung. Die Gruppe bietet dabei seelischen Halt, die Isolation wird aufgehoben und das Selbstvertrauen gestärkt. Die Beratungsstellen helfen auch Angehörigen, die meist mit der Situation überfordert sind.

Gemeinschaftsgefühl wichtig für Genesungsprozess

In schweren Fällen empfiehlt sich eine primär stationäre Behandlung, bei der zunächst die Nahrungsaufnahme im Fokus steht, um der in manchen Fällen lebensbedrohlichen Auszehrung entgegenzuwirken. Spezielle psychosomatische Kliniken, die sich auf Essstörungen spezialisiert haben, arbeiten unter anderem mit Gruppentherapien, Entspannungsverfahren und einer Lehrküche, in der die PatientInnen lernen, ausgewogene Mahlzeiten zuzubereiten und gemeinsam zu essen. Ziel dabei ist es, den Betroffenen wieder einen gesunden Zugang zum eigenen Körper zu ermöglichen, sich selbst zu akzeptieren und eine sinnvolle, regelmäßige Nahrungsaufnahme auf der Basis von Eigenverantwortung zu erlernen.

Nicht zuletzt hilft dort der Austausch mit Gleichgesinnten, wieder soziale Kontakte aufzubauen und durch Gespräche und gegenseitige Unterstützung Verständnis und Geborgenheit zu erfahren. Dieses Gemeinschaftsgefühl erweist sich als wichtiger Faktor im Genesungsprozess. In der Anfangszeit der Therapie werden Kontakte zum familiären Umfeld eingeschränkt und nur auf Wunsch der Patienten ermöglicht, später wird auch die Familie in den Prozess mit einbezogen.

Ein grundlegendes Ziel im therapeutischen Prozess bildet die Stärkung des Selbstbewusstseins der Patienten und die Sensibilisierung für die Wahrnehmung ihrer Bedürfnisse. Da die Krankheit viel mit Angst zu tun hat, ist es wichtig, den angstauslösenden Reiz – sprich die Zufuhr von Kalorien – in die Therapie mit einzubeziehen. Gleichzeitig müssen die innerseelischen und familiären Konflikte bearbeitet werden.

Mit Hypnose an die Wurzeln der Essstörung

Hypnosetherapie kann sehr hilfreich sein: Zum einen wird durch die Hypnose eine körperliche und geistige Entspannungsfähigkeit entwickelt und geübt, zum anderen können Kraftquellen aktiviert und damit neue, hilfreiche Gedanken-Prozesse in Gang gesetzt werden. Belastende Situationen aus der Vergangenheit können so neu erlebt und hilfreiche Fähigkeiten verankert werden. Ebenso wird wieder ein Zugang zu den eigenen Gefühlen ermöglicht.

Ein Beispiel aus der Praxis: Patientin Susanne N., 45 Jahre, Chemielaborantin mit chronischer Anorexie und Bulimie kam nach mehreren erfolglosen stationären und ambulanten Therapien in meine Praxis, um mit Hypnose die Ursachen für ihre Erkrankung herauszufinden. Sie gab an, keine Erinnerung mehr an ihre Kindheit zu haben und das würde sie gerne ändern.

Bei einem Gewicht von 47 kg und einer Größe von 168 cm empfindet sich die Patientin als „zu dick“ – vor allem der Bauch ginge so gar nicht, daran müsse sie noch arbeiten. Sie würde nur noch funktionieren, aber Freude oder sonstige Gefühle könne sie nicht mehr empfinden.

Durch die hypnotische Rückführung in die Kindheit konnte sie das Verhältnis zu ihren Eltern nochmals durchleben, wobei die Mutter ihr mit hohem Anspruch und großer Kälte begegnete und der Vater eine eher passive Rolle einnahm. Die Intervention ermöglichte ihr, wieder Gefühle wahrzunehmen. Gefühle von Einsamkeit, Überforderung, Trauer und auch Wut auf die Mutter. Die Erfahrung in der Hypnose war für sie einerseits aufwühlend, andererseits aber auch erleichternd, da sie wieder in der Lage war, ihre Gefühle zu spüren und die Hintergründe ihrer Erkrankung zu erkennen. Die bedingungslose Unterstützung und Akzeptanz durch dieTherapeutin war für sie wichtige Voraussetzung, um sich selbst nach und nach wieder besser annehmen zu können und die soziale Isolation aufzugeben. Durch die erlernten Entspannungsübungen (Selbsthypnose) konnte sie im Laufe der Zeit die Essattacken reduzieren und ihre selbst auferlegte Diät lockern.

Homöopathie, Phytotherapie, TCM begleiten den Prozess

Homöopathie auf Basis einer sorgfältigen Repertorisation (Mittelwahl) unterstützt die Behandlung von Essstörungen. Ein wichtiges Mittel ist Natrium muriaticum bei Festhalten an Verletzungen, Verzicht auf Genuss, Schuldgefühlen, Niedergeschlagenheit, Abmagerung trotz Appetits. Natrium muriaticum wirkt stabilisierend und unterstützt die betroffene Person dabei, alte Verletzungen loszulassen. Weitere homöopathische Mittel sind:

  • Ignatia: Appetitlosigkeit aufgrund psychischer Beeinträchtigung, Hypersensibilität, Kummer in sich hineinfressen, wütend auf sich selbst, Launenhaftigkeit, Rückzug
  • Lycopodium: Stress, Reizbarkeit, Versagens-Ängste, Verlust von Selbstvertrauen, Kontrolle ausüben, kleinste Mengen an Nahrung lösen Völlegefühl aus, Heißhunger, Verstopfung
  • Avena Sativa: Schwäche, Erschöpfung, Nervosität, Blässe, Ungeduld)
  • Abrotanum: Appetitlosigkeit, Schwäche, Angst bis hin zu Todesfurcht, innere Unruhe

Auch die Phytotherapie bietet verschiedene Mittel zur Unterstützung an:

  • Wermut (Verdauungsbeschwerden, Appetitlosigkeit): 1 Tropfen der Urtinktur in etwas Wasser vor den Mahlzeiten
  • Tausendgüldenkraut als Urtinktur (beruhigend, stärkend, verdauungsfördernd): 1–3 Tropfen in etwas Wasser vor den Mahlzeiten.
  • Passionsblume (beruhigend, angstlösend), gegebenfalls. in Verbindung mit Baldrian und Hopfen (z. B. Rhodiolan von Dr. Loges (Verwechslung? Enthält nur Rosenwurz!) oder als Mischform in Calmedoron von Weleda.

Weiterhin kann Akupunktur die Therapie ergänzen. Die Punkte Du 20, He 7, Pe 6 oder Le 3 wirken beruhigend und stärkend auf den Geist, Ren 12 stärkt den Magen und reguliert das Magen-Qi, Ma 25 reguliert die Darmtätigkeit und Ma 36 wirkt auf das Immunsystem und beruhigt (können Sie bitte die deutschen Merididannamen angeben?). Die genaue Auswahl der Punkte hängt jeweils von der Diagnose auf Basis der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ab.

Grundsätzlich ist bei der Therapie von Anorexia und Bulimia nervosa eine inten-sive Betreuung mit viel Zuwendung und Geduld unter Einbeziehung der Familie er-forderlich, um die betroffenen Patienten langsam wieder zurück zu einem gesun-den und angemessenen Essverhalten und damit zu einer erhöhten Lebensqualität zu führen. Man muss sich allerdings darüber im Klaren sein, dass der therapeutische Prozess ein oft steiniger, nicht selten mit Rückfällen gepflasterter Weg sein kann.

Weiterführende Literatur
M. Hornbacher: Alice im Hunger-land, Ullstein, Berlin 2010
B. Biermann: Engel haben keinen Hunger, Beltz & Gelberg, Weinheim 2011
B. Wardetzki: Iss doch endlich mal normal, Hilfen für Angehörige von essgestörten Mädchen und Frauen, Kösel, München 1996

Martina Riepold, Jahrgang 1959, nach Pädagogikstudium und langjähriger Tätigkeit in der Erwachsenenbildung Ausbildung zur Heilpraktikerin. Seit 2008 niedergelassen in eigener Praxis bei München mit den Schwerpunkten Akupunktur, Psychotherapie und Hypnose. Sie ist Dozentin für Entspannungsverfahren und hat sich auf Hypnotherapie nach Milton Erickson spezialisiert.

Comments are closed.