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Wer zu retten wäre…

Der neue Drogen- und Suchtbericht 2016 ist soeben erschienen…

Darin die traurige Feststellung: Nach jahrelangem Rückgang nimmt nun die Zahl der Heroin- und Kokainkonsumenten wieder zu. Die Zahl der erstauffälligen Heroinkonsumenten stieg sogar um 15 Prozent. Und: Die Zahl der Drogentoten ist zum vierten Mal in Folge weiter gestiegen. Dass man viele der Süchtigen mit einer anderen Drogenpolitik retten könnte, wird in dem Bericht leider nicht thematisiert. So rühmt man zwar -im Sinne der akzeptierenden Drogenarbeit (auf Seite 63 Druckausgabe/S. 33 pdf)- die Existenz von Druckräumen, also Räumen, die von ihrer Ausstattung her dafür gedacht sind, Junkies einen möglichst risikoarmen (intravenösen) Konsum von illegalen Drogen zu ermöglichen,- ein Blick auf die beigelegte Karte zeigt jedoch, dass viele Städte und ganze Bundesländer (zum Beispiel Baden Württemberg oder Bayern) über keinen einzigen solchen Drogenkonsumraum verfügen.

Schon vor einigen Jahren erschien ein Buch, das die stationäre und ambulante Drogentherapie beinah hätte revolutionieren können. Titel: Die Sucht nach der Kontrolle – Von der Abstinenzabhängigkeit zur Kontrollabhängigkeit. Beiträge zum Wandel der Zieldiskussion in der Suchtkrankenhilfe. Darin stellt der Herausgeber Dr. Jürgen Rink fest: „es geht auch um die Frage des Abschieds von der Abstinenzfixierung als Ersatzbildung für das Suchtmittel, diese (…) Fixierung ist immer noch so etwas wie die Grundlage der Abstinenzideologie und stellt für die Selbsthilfegruppen wie auch viele Suchtkrankenhelfer so etwas wie ein Glaubensbekenntnis dar“. Am eindrücklichsten wird dieses Problem im Aufsatz von Daniel Meili, Susan Dober und Edgar Eyal (ebenda) ausgeführt. „Die Suchtmedizin hat den Süchtigen und die Gesellschaft von der Sucht zu befreien- nach wie vor“ konstatieren sie und bemängeln, dass das Abstinenzparadigma, von dem man sich vermeintlich in der Substitutionsbehandlung verabschiedet hatte, auf diese Weise subtil weiterlebt: „Einer der Gründe hierfür dürfte sein, dass wohl in keinem anderen Gebiet der Medizin derart viele verschiedene inkompetente Kräfte bei der Gestaltung des Hilfsangebots mitmischen wie im Bereich der illegalen Drogen. Weitgehend moralisch normative Ansätze, die Strömungen aus der Bevölkerung, der Sozialämter, der Justiz und der Polizei entstammen, bestimmen die Rahmenbedingungen von Behandlungen. Dieser Prozeß wird Drogenpolitik genannt“. Dass damit einige Süchtige schlicht auf der Strecke bleiben, wird in Kauf genommen. Sie fordern daher, dass Substitutionseinrichtungen möglichst unbürokratisch und rasch Drogenabhängige aufnehmen und dabei möglichst wenig obligatorische Auflagen haben sollten, damit so viele Menschen wie möglich überleben können.

Leider wurden sie bisher nicht gehört und so darf man sicher sein, dass auch im nächsten Jahr, im neuen Drogenbericht, wieder Tote zu beklagen sein werden. Auf ein Umdenken in der Drogenpolitik,- vor allem was die harten illegalen Substanzen angeht, wird man wohl leider noch länger warten müssen.

Drogen-und Suchtbericht 2016 (pdf)

Jürgen Bink (Hg)., Die Suche nach der Kontrolle: Von der Abstinenzabhängigkeit zur Kontrollabhängigkeit. Beiträge zum Wandel der Zieldiskussion in der Suchtkrankenhilfe, Neuland-V.G. 2004.

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