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Die praktische Spiritualität – Meditation im Judentum

Der vorliegende Text von Rabbiner Dr. Tom Kučera ist eine Leseprobe aus Bikkur Cholim – Die Begleitung Kranker und Sterbender im Judentum. In diesem Band setzen sich Experten verschiedenster Fachdisziplinen vor dem Hintergrund unserer modernen Lebenswirklichkeit mit religiösen, psychologischen, sozialen, medizinischen, spirituellen, ethischen und palliativmedizinischen Aspekten der Begleitung kranker und sterbender Menschen aus jüdischer Sicht auseinander. Sie zeigen, warum Bikkur Cholim gerade in unserer Zeit so wichtig und wertvoll ist…

Mit Beiträgen von Yizhak Ahren, Tovia Ben-Chorin, Uwe Flick, Eckhard Frick, Dina Herz, Walter Homolka, Jan Jungehülsing, Larissa Karwin, Admiel Kosman, Tom Kučera, Silke Migala, Gerhard Nerlich, Stephan M. Probst, Aviad E. Raz, Silke Schicktanz, Michael Schmiedel, Mark Schweda, Anita Silvers, Olga Sokolova, Schimon Staszewski, Shani Tzoref, Sarah Werren, Katja Wolgast

Stephan M. Probst (Hg.), Die Begleitung Kranker und Sterbender im Judentum. Bikkur Cholim, jüdische Seelsorge und das jüdische Verständnis von Medizin und Pflege, Hentrich & Hentrich Verlag 2017, 272 S., Euro 19,90, Bestellen?

LESEPROBE:

Auszüge aus dem Kapitel

Die praktische Spiritualität – Meditation im Judentum

Von Rabbiner Dr. Tom Kučera

MEDITATION IN DEN JÜDISCHEN QUELLEN

An Rosch ha-Schana wird als Haftara der Anfang des ersten Buches Samuels gelesen. Elkana nimmt seine Familie und geht nach Schilo. Eine seiner beiden Frauen heißt Channa. Sie kann keine Kinder bekommen und ist darum marat nefesch – betrübten Gemütes, d. h. existenziell bitter, voller Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Dieser Zustand kann auch in einem anderen Kontext bei langwieriger Krankheit auftreten. Channa betet, sie macht eine Tefilla (im Text wird das Verb lehitpalel benutzt). Später sagt sie auch: „waeschpoch et nafschi lifnej Adoschem, ich habe meine Seele ausgeschüttet vor dem Ewigen.“ Wenn das für die Seele benutzte Wort Nefesch durch das rabbinische Synonym Neschama ersetzt wird, kommt man zur Neschima, dem Atem. Darum verbinde ich die Seelenauschüttung mit der Atemachtsamkeit und die gesamte Channa-Geschichte mit der Beschreibung der beiden komplementären Pole jüdischer Spiritualität, die sowohl die verbalen Gebete, Tefilla, als auch die nonverbale Meditation, Hitbonenut, einschließt.

Ein Jude betet in einer Synagoge mit lauter, aufgeregten Stimme. Sein Nachbar neigt sich zu ihm und bemerkt: „Mit Gewalt wirst du hier auch nichts ausrichten.” Die Tefilla bedeutet die Wiederholung der gleichen Worte, die oft ziemlich automatisch ausgesprochen werden. Gerade durch diese Automatisierung haben sie eine beruhigende Wirkung. Wenn ich einen großen, steilen Berg besteige, ist vieles dabei genauso automatisiert und oft gedankenlos, aber darin liegt auch die Erholung. Nicht, dass das Gebet immer automatisch abläuft. Aber auch die spontanen Bedeutungswahrnehmungen der automatischen Worte können inspirieren. Dennoch ist das Gebet oft wie eine Bergwanderung, bei der wir auch nicht unbedingt ein Ziel erwarten, sondern der Weg das Ziel ist. Die Tefilla ist die Zeitinvestition um einer Erfahrung willen. Dies kennzeichnet auch die Hitbonenut, mit dem Unterschied, dass es sich bei Letzteren um eine De-Automatisierung handelt, um das Aufbrechen des beschriebenen Ruhemodus-Netzwerks (DMN, default mode network) und damit der automatisch aufsteigenden Gedanken und Gefühle. (…)

Die Meditation ist den jüdischen Quellen nicht unbekannt. Die relevante Stelle in der rabbinischen Literatur findet sich in der Mischna: „Die ersten Chassidim warteten (haju schohim) eine Stunde und beteten erst dann, um ihr Herz auf Gott (Makom) zu richten (jechawenu).“ (Ber 5:1). Das Verb lischhot (mit der Wurzel schin-he-he) bedeutet verweilen, verbleiben, sich aufhalten. Mit der Einführung zweier Psalmverse (84:5 – aschrej joshwej wetecha, dem Anfang von Mincha, und 140:14 – zadikim jodu lischmecha) erweitert die Gemara die Stunde des „Verweilens“ vor der regelmäßigen Tefilla zusätzlich auf eine ähnliche Stunde nach der Tefilla (Ber 32b).  Damit wird die Vor- und Nachmeditation etabliert.

Rabbi Chija der Ältere im Jerusalemer Talmud sagt: „Alle Tage meines Lebens habe ich mich niemals (ordentlich auf mein Gebet) konzentriert. Eines Tages wollte ich mich konzentrieren und ich meditierte. Und ich sagte mir: Wer kommt als Erster vor dem König? Oder vor dem hohen persischen Würdeträger? Oder vor dem Exilarch? (TJ Ber 2:4)“. Dieser Text verbindet die Konzentration mit der Kawana, und die Meditation mit Hirhurej ha-lew, den Bewegungen des Herzens. Die Fragen von Rabbi Chija erklärt Jacob Neusner in seiner in Klammern erweiterten Übersetzung: um den geeigneten geistigen Zustand herbeizurufen und damit seiner Konzentration zu helfen. In der Fortsetzung des Textes kommen noch zwei andere Personen mit ihren eigenen Konzentrationshilfen: „Samuel sagte: Ich zählte Vögel oder Wolken. Rabbi Bun bar Chija sagte: Ich zählte die Reihen der Ziegelsteine.“ In allen diesen Beispielen bekommen wir Ideen, wie uns die Imagination einzelner Objekte helfen kann, unsere zerstreuten und sich immer wieder zerstreuenden Gedanken zu beruhigen, um die Kawana, Identifizierung, mit den geistigen Übungen herzustellen. Nelly Sachs schreibt in einem Gedicht: das Wortlose heilt den/erkrankten Stern.

PRAKTISCHE DURCHFÜHRUNG

Meiner Erfahrung nach ist die Grundposition des aufrechten Sitzens (sei es auf dem Stuhl, sei es auf dem Bodenkissen) die wichtige Voraussetzung für eine Durchführung der Atemachtsamkeit. In dieser Position wird auch bei gewisser Müdigkeit durch die Aufrechterhaltung der geraden Position (ohne den Halt einer Stuhllehne oder Wand) ein Eindösen verhindert. Die Atemachtsamkeit kombiniert mit den Körperempfindungen wird zu einer ganzheitlichen Wahrnehmung, die zeitlich mithilfe eines Weckers festgelegt werden soll. Die große Herausforderung sind unsere Gedanken und Gefühle, die ständig um die Ereignisse der Vergangenheit oder die Aufgaben der Zukunft kreisen. Dies wird als der beschriebene Default-Modus des Gehirns bezeichnet, das das ständige Herumwandern unserer Gedanken und Gefühle (mind wandering) bewirkt. Nelly Sachs beschreibt es in einem Gedicht: mit unendlichem Gerede/hinter dornverschlossenem Mund. Rabbiner Cooper spricht von der Meisterung der Affengedanken (monkey mind): Unsere Gedanken sind wie Affen, die von einem Ast auf den anderen herumspringen und herumkreischen. Das Ziel der Atemachtsamkeit ist, den Ruhemodes-Modus aufzuheben und damit die De-Automatisierung des Gehirns anzustreben. Mit anderen Worten geht es darum, zum Beobachter von sich selbst zu werden, der einfach nur zuschaut, nicht denkt, auftauchende Gedanken nicht verfolgt und sie ohne Wertung gehen lässt. Diese Metaperspektive, d. h sich selbst beim Denken zuzuschauen, ist eine bereichernde Lebenserfahrung und kann beim Umgang mit den Grundemotionen (Trauer, Angst, Zorn, Ekel) helfen. Die Metaperspektive kann auch betrachtet werden als eine Parallele zu der von Spinoza geprägten philosophischen Sicht sub spaecie aeternitatis, unter dem Blickwinkel der Ewigkeit, die in vielen Lebenssituationen, auch in der Krankheit, hilfreich sein kann.

Um den ständig kommenden Gedanken standzuhalten, hilft es, sie mit einem Inhalt ein wenig zu „füttern“. Es können schon die Zahlen eins (beim Einatmen) und zwei (beim Ausatmen) sein, aber viel besser sind Worte, besonders „Schalom“. Der erste Teil „Scha-“ (beim Einatmen) ist gleichzeitig die Interjektion, um etwas wegzuscheuchen, in diesem Fall die sich immer wieder aufdrängenden Gedanken. Der zweite Teil „-lom“ (beim Ausatmen) ähnelt dem am angenehmsten empfundenen Wort „ohm“. Auch andere Worte oder Doppelworte funktionieren gut, jeweils für ein Ein- und Ausatmen: a-mene-chad (eins), lin-schom (atmen), a-ni mo-de/mo-da (ich danke) oder auch die sechs Worte von Schma. Genauso gut kann eine konkrete Vorstellung des Luftweges durch einen Körperteil (Nase, Hals, Lunge) den Gedankenfluss stoppen und die Einstellung auf den leeren Raum zwischen den Gedanken ermöglichen. (…)

Die Stille ohne jede Musik oder Lesung ziehe ich persönlich vor. Trotzdem möchte ich auf eine Möglichkeit der geleiteten Meditation mit einem Einführungstext hinweisen. Besonders die Hineni-Meditation finde ich ansprechend. Die Worte können mit einer nonverbalen Musik kombiniert werden. Die Maly-Meditation arbeitet zusätzlich mit einem mildernden Körperkontakt des Händeauflegens arbeitet. Diese Art Meditation gab dem schwerkranken David Gall, dem Gründer von hagalil.com, der gegen seinen Leberkrebs kämpfte, Momente der Ruhe und sogar der Erleichterung für seine angeschwollenen Beine. Beim Auflegen der Hände konstatierte er zusätzlich weniger Schmerzen. Als er seine letzten Monate durchlitten hat, hat er mithilfe seiner Frau zusätzlich die Gebete gesagt, die in unserem Gebetsbuch Siddur haTefillot für Schwerkranke vorhanden sind. Sie sprechen von der Hoffnung und Heilung, aber auch von der Möglichkeit der Reise aus dieser Welt. Das Aussprechen dieser Texte gab ihm zusätzlich mehr Ruhe. Sein Beispiel deutete an, wie sich die Tefilla und die Hitbonenut ergänzen und bei einer terminalen Krankheit unterstützen können.

THEORETISCHE HERAUSFORDERUNG

Das viel zitierte Verweilen in der Gegenwart, sich ganz im Augenblick aufgehen zu lassen, verbinden wir mehr mit den östlichen Religionen, obwohl es auch in der jüdischen Tradition verankert ist – nicht nur in den Meditationen der Kabbala, die ich in diesem Text nicht thematisiere, sondern auch im Wahrnehmen der Worte unseres Siddurs, beispielsweise in der Amida, die am Anfang von der Geschichte der Urväter und Urmütter spricht, im zweiten Teil von den Zukunftshoffnungen und im dritten Teil mit dem dreimaligen Aussprechen von „kadosch, kadosch, kadosch” die zeitunabhängige Gegenwart betont. Dass wir uns dabei auf die Zehenspitzen erheben, wird traditionell als ein symbolisches Emporsteigen zu den höheren Sphären interpretiert. Es kann auch als ein Streben nach dem Verweilen in der Gegenwart verstanden werden, als Versuch einer nicht wertenden Atemachtsamkeit, die technisch gesehen die möglichst lange Ausdehnung der Lücken zwischen den Gedanken darstellt.

Es ist nicht einfach, nur in der Gegenwart zu verweilen und nichts zu denken. Es ist schon schwer genug, einen Gedanken zu denken. Aber ist es nicht noch schwieriger, einen Gedanken nicht zu denken? Oscar Wilde sagte: „Gar nichts zu tun, das ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.” Ich weiß nicht, ob es ihm persönlich gelungen ist. Ich weiß aber, dass es empirisch belegt wurde, dass wir in unserem Leben schon nach einigen Wochen deutliche Änderungen in Bezug auf unsere Konzentration, Gedächtnisleistung und innere Ausgeglichenheit erfahren, wenn wir regelmäßig eine kurze Zeit unseren Atem beobachten – nur dies und nichts mehr. Können wir wirklich etwas Ähnliches erfahren? 18 Minuten des täglichen bewussten Nichtdenkens als ein Weg zur Erhöhung unserer Lebensqualität? Der Weg zu einer tiefen Wahrheit führt oft durch eine oberflächliche Aussage. Wahrscheinlich ist die größte Herausforderung dabei die nötige Regelmäßigkeit. Ein Aphorismus von Kafka spricht vom Abbrechen des Methodischen als dem Anfang jeden Übels. Wie lange schaffen wir es, die 18 Minuten täglich zu investieren? Eine Woche, ein Monat, ein Jahr, das Leben lang?

Die Mizwa der Tefilla, die Pflicht zum Gebet, ist in der jüdischen Tradition nichts anderes als eine Übung der Regelmäßigkeit, die unser allgemeines Wohlbefinden weiterbringen kann, besonders, wenn sie mit derHitbonenut, mit anderen Worten mit Meditation, Atemachtsamkeit, aber auch mit MBSR, Reiki, Yoga, Feldenkrais und anderen Methoden verbunden wird. Auf diese Weise kann die Spannung zwischen Existenz und Essenz, zwischen Sein und Sinn (Frankl), die Kluft zwischen der Realität und dem Ideal, die Trennung zwischen der Gesundheit und Krankheit gemildert werden. „Nur Existenz, die sich selbst transzendiert, kann sich selbst verwirklichen.“

Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Verlags:

Stephan M. Probst (Hg.), Die Begleitung Kranker und Sterbender im Judentum. Bikkur Cholim, jüdische Seelsorge und das jüdische Verständnis von Medizin und Pflege, Hentrich & Hentrich Verlag 2017, 272 S., Euro 19,90, Bestellen?

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