Auch in Tschechien:
Gesund und jung zu sein ist besser als alt und krank
Erstmals gesendet am 28-02-2008 in Radio Prag, Autor
ist Jitka Mladkova
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Würden sich alle in Prag lebenden Senioren zum
selben Zeitpunkt entscheiden, den Antrag auf einen Platz im Altersheim
zu stellen, hätte nur jeder 72. Antragssteller die Chance. In dieser
Feststellung spiegelt sich die durchaus unerfreuliche Situation im
Bereich der Alterspflege nicht nur in Prag, sondern auch außerhalb der
Hauptstadt wider.
Ähnliches gilt aber auch für den Bereich der Fürsorge für
Langzeitpatienten, bei denen es sich in der Mehrheit um bejahrte
Menschen handelt. Eine entsprechende Einrichtung zu finden ist
hierzulande ebenfalls ein chronisches Problem. Für die nun folgende
Ausgabe der Sendereihe Forum Gesellschaft hat sich Jitka Mladkova mit
einem Sachkundigen direkt aus der Branche unterhalten.
Im Diagnostischen und therapeutischen Zentrum im 4. Prager Stadtbezirk,
kurz DTC, in dem derzeit insgesamt 23 fachmedizinische Dienstleistungen
angeboten werden, ist auch eine stationäre Einrichtung zu finden. Diese
kann man als einen kleinen Tropfen im existierenden Bedarfsmeer
bezeichnen, zugleich aber auch als ein Beispiel der nach der Wende 1989
sich mannigfaltig entwickelnden medizinischen Pflege hierzulande.
Um einige Parameter dieser Einrichtung, die - wie viele andere in
Tschechien auch - mit Problemen des Personalmangels zu kämpfen hat, bat
ich den Chefarzt Ladislav Aschenbrener:
„Wir haben zwei Abteilungen mit je 30 Betten - die eine für die so
genannte postakute Pflege und die andere dient der Langzeitbehandlung.
Für jede Abteilung ist ein Krankenschwesternteam zuständig, das mit dem
mittleren und niedrigeren medizinischen Personal besetzt ist. Hier haben
wir aber leider Probleme, weil es am medizinischen Personal mangelt. Bei
uns fehlen kontinuierlich eine oder zwei Krankenschwestern und zwei bis
drei Hilfskräfte.“
Hierzu gehören auch zwei Physiotherapeuten, die sich um die Patienten
kümmern. Die Mehrheit der Patienten sind Senioren. Sind es Menschen, um
die sich ihre Familien nicht kümmern können?
Auf die Abteilung der NP werden Patienten, die vorher als akute Fälle in
einem normalen Krankenhaus behandelt wurden, für eine entsprechende Zeit
verlegt, bis sie wieder in die häusliche Pflege zurückkehren können. In
der anderen Abteilung ist die Situation etwas anders. Es handelt sich
zumeist um bettlegrige Patienten, die bei uns länger bleiben, drei
Monate oder auch länger. Es ist oft problematisch, sie anschließend
irgendwo zu platzieren. Die meisten Familien sind aber nicht in der
Lage, sich selbst um ihre alten Angehörigen zu kümmern. Viele Patienten
brauchen ganztägige Pflege, doch ihre Verwandten sind entweder beruflich
gebunden oder sind schon älter und haben selbst Gesundheitsprobleme.
Einen freien Platz in einer Sozialpflegeeinrichtung zu finden, ist aber
problematisch.“
Beide stationäre Abteilungen im DTC bieten ihren Patienten einen etwas
höheren Pflegestandard, als es bisher in vielen staatlichen
Heileinrichtungen der Fall ist. Doktor Aschenbrener macht einen kleinen
Vergleich:
„Ich glaube, unsere beiden Abteilungen gelten im gewissen Sinne als eine
Ausnahme. In anderen vergleichbaren Einrichtungen gibt es zum Beispiel
Zimmer für relativ viele Patienten – fünf, sechs oder auch mehr. Nicht
immer bilden sie einen Teil einer größeren medizinischen Anstalt und
dann bedeutet es, dass verschiedene physikalische oder
Laboruntersuchungen in begrenztem Umfang durchgeführt werden können. Sie
sind aber trotzdem dringend nötig, weil sie im Prinzip die
Fortbehandlung ermöglichen.“
In Tschechien gibt es keine Pflegerversicherung wie zum Beispiel in
Deutschland. Im Januar 2007 ist aber ein novelliertes Gesetz zur
Sozialpflege in Kraft getreten, auf dessen Grundlage die
pflegebedürftigen Bürger eine finanzielle Unterstützung beantragen
können, maximal etwa 11.000 Kronen, umgerechnet rund 350 Euro, die sie
für die Bezahlung einer Form der häuslichen Pflege ausgeben können.
Droht einer stationären Einrichtung wie der im DTC, in der die Patienten
zwischen 100 bis 350 Kronen pro Tag zuzahlen müssen, dass die Patienten
lieber zu hause bleiben? Eine Frage an den Chefarzt:
„Nein, davor haben wir keine Angst. Es ist bekannt, dass mit den
Zahlungen der Pflegeleistungen Probleme verbunden sind. Viele Menschen,
die schon früher Pflegegeld bezogen und gemäß dem neuen Gesetz einen
neuen Antrag stellen mussten, haben seit mehreren Monaten kein Geld vom
Staat erhalten. Und bei denjenigen, die ihr Pflegegeld bekommen, reicht
es nicht aus, um einen Pfleger rund um die Uhr zu bezahlen. Die
häusliche Pflege kann kaum jemand in dem Umfang gewährleisten, wie es in
einer spezialisierten Einrichtung möglich ist.“
Wie würden Sie sich ein optimales Pflegesystem vorstellen, in dem es
genug Pflegeeinrichtungen unterschiedlicher Art gibt?
„Die Vorstellung ist sehr einfach. Es mangelt im Prinzip an
Sozialbetten. Bei der postakuten Rehabilitation oder Langzeitbehandlung
handelt es sich um medizinische Einrichtungen, in denen auch ärztliche
Dienstleistungen gewährleistet werden. Ein Arzt ist dort meistens 24
Stunden am Tag präsent und außer ihm auch Fachkrankenschwestern. Es
passiert aber oft, dass es für Patienten, die keine medizinische
Versorgung mit häufigen Konntrollen mehr brauchen, dabei aber gepflegt
werden müssen, keine so genannten ´gesundheitlich-sozialen´ Betten gibt.
In absehbarer Zeit wird sich kaum etwas daran ändern.“
Und wie sieht Ladislav Aschenbrener die Möglichkeit, eine
Pflegeversicherung wie in Deutschland einzuführen?
„Meiner Meinung nach ist es nicht der geeignete Weg für Tschechien. Die
Einkommen der Menschen sind nicht ausreichend hoch, damit sie noch eine
weitere Versicherung bezahlen können.“
Auf die Frage, ob er einen Ausweg aus der eher unerfreulichen Situation
sieht, gibt Doktor Aschenbrener eine wenig optimistische Antwort:
„Es hängt davon ab, wieviel der Staat in diesen Bereich investieren will
und ob notwendige Quellen für den Ausbau des Netzes der
Senioreneinrichtungen mit einer ausreichenden Bettenkapazität gefunden
werden. Über diese Finanzmittel, denke ich, verfügt der Staat derzeit
nicht.“
Neues Heim für Sozialpflege in Prag:
Ein Seniorenheim
für Überlebende der Schoah
Altersheim, Sportareal, Konzentrationslager
für Juden, später für Tschechen und noch später für Deutsche, ein
Krankenhaus und schließlich ein Seniorenheim. So kann man die Geschichte
des Ortes kurz zusammenfassen, den die Prager unter dem Namen „haGibor“
kennen...
Zur Erinnerung an Leo Steiner:
Zlata Hveszda
Der legendäre Song "Holcicka" des in den
dreissiger Jahren gefeierten Prager Gesangsquartetts "Goldener Stern",
wird im kommenden Sommer ein längst fälliges Comeback erleben...
Quelle: Czech Radio 7, Radio Prague, URL:
http://www.radio.cz/de/artikel/103901
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