Klinische Pharmakologie / Psychopharmakologie

 
 

 
 
Chancen und Risiken der Selbstmedikation

Informationen des AOK Mediendienstes

Dr. Schulte-Sasse:
Erst informieren, dann therapieren

(psg) Schnupfen, blaue Flecke, leichte Magenbeschwerden oder Fußpilz - nicht immer geht man sofort zum Arzt, wenn irgendwo "der Schuh drückt". Der Trend zur Selbstmedikation - also der Eigenbehandlung mit Medikamenten ohne Einschaltung eines Arztes - schlägt sich in den Umsatzzahlen rezeptfreier Medikamente nieder: Im Jahr 1995 kauften die Deutschen Arzneimittel im Wert von rund 8,5 Milliarden Mark selbst in der Apotheke oder in Drogerien. Spitzenreiter waren, wie in den Vorjahren, Mittel gegen Erkältungskrankheiten und Husten, Schmerzmittel, Magen- und Verdauungsmittel sowie Vitamin- und Mineralstoffpräparate.

Uuml;ber Möglichkeiten und Grenzen der Selbstmedikation sprach die Redaktion des AOK-Mediendienstes mit Dr. Hermann Schulte-Sasse, Internist und Gesundheitsreferent der Stadt München sowie Mitautor des "Kursbuch Medikamente".

PSG: Herr Dr. Schulte-Sasse, wie beurteilen Sie als Arzt und Arzneimittelexperte die Selbstmedikation?

Dr. Schulte-Sasse: Nicht jede Gesundheitsstörung erfordert sofort einen Arztbesuch. Viele leichte Beeinträchtigungen kann man zunächst selbst behandeln. Wer seinen Körper gut kennt, kann viele Beschwerden ganz gut selbst einschätzen. Die Marktzahlen zeigen es: Insbesondere bei Erkältungskrankheiten mit Schnupfen, Husten und vielleicht auch Fieber gehen viele Menschen zuerst in die Apotheke und besorgen sich dort die entsprechenden Mittel. Auf den Arztbesuch kann also in bestimmten Fällen durchaus verzichtet werden - auf die Beratung und Information allerdings nie.

PSG: Wo liegen Grenzen und vielleicht auch mögliche Risiken?

Schulte-Sasse: Verringern sich die Beschwerden trotz Selbstbehandlung nicht oder werden sie gar schlimmer, sollte der Betroffene in jedem Fall den Arzt aufsuchen. Sonst ist das Risiko zu groß, eine Krankheit zu verschleppen. Hinter zunächst harmlos erscheinenden Symptomen können sich auch ernstere Erkrankungen verbergen. Dasselbe gilt für Beschwerden, die immer wiederkehren. Der Arzt wird die Ursache der Schmerzen, des Fiebers, der Magenprobleme oder anderer Symptome genau klären. Möglicherweise ist eine Behandlung mit anderen, verschreibungspflichtigen, Medikamenten nötig.

PSG: Wer sollte bei der Selbstbehandlung mit Arzneimitteln vorsichtig sein?

Schulte-Sasse: Menschen, die ohnehin regelmäßig Arzneimittel einnehmen, müssen sich beim Apotheker genau über mögliche Wechselwirkungen dieser Präparate mit dem neuen Medikament informieren. Auch bei Schwangeren ist Vorsicht geboten: Manche Mittel können dem ungeborenen Kind schaden. Werdende Mütter sollten daher keine Medikamente ohne vorherige Beratung einnehmen. Auch Kindern sollten Arzneimittel nur nach gründlicher Information über das Präparat verabreicht werden. Man sollte also lieber einmal zuviel als einmal zuwenig fragen!

PSG: In welchem Ausmaß raten Sie zur Selbstmedikation?

Dr. Schulte-Sasse: Nicht alle gesundheitlichen Beschwerden müssen sofort mit Medikamenten behandelt werden. Oft können auch andere Maßnahmen zum Erfolg führen. Eine ballaststoffreiche Ernährung, viel Flüssigkeit und ausreichende Bewegung bringen zum Beispiel den Darm wieder auf Trab - ganz ohne Abführmittel. Wendet man Abführmittel zu lange oder zu häufig an, wird der Darm träge und gewöhnt sich an die Hilfe in Form von Tabletten oder Tropfen. Wer einen Schnupfen hat, dem helfen oft schon Dampfbäder und Kochsalznasentropfen. Bei Schlafstörungen sollte man zum Beispiel mit Entspannungsübungen den Tag ausklingen lassen sowie für die richtige Temperatur und auch ausreichende Dunkelheit im Schlafzimmer sorgen. Das macht den Griff zur Tablette oft überflüssig. Ist doch ein Arzneimittel erforderlich, sollte man sich gut informieren und beachten, daß auch rezeptfreie Mittel nicht längere Zeit ohne Befragen eines Arztes eingenommen werden sollten. Wer dies beherzigt, dem können die Medikamente eine gute Hilfe bei der Behandlung seiner Beschwerden sein.

PSG: Worauf sollte man bei der Wahl eines rezeptfreien Mittels achten?

Schulte-Sasse: Bei Schmerzmitteln zum Beispiel sollte man Präparaten mit nur einem Wirkstoff den Vorzug vor Kombinationsmitteln geben, die zwei oder sogar mehr Substanzen enthalten. Aber auch die sogenannten "Monopräparate" sind nicht für den Dauergebrauch auf eigene Faust geeignet. Gleiches gilt für die Abführmittel. Viele Abführmittel enthalten Sennesblätter, Aloe oder Rhabarberwurzel. Hier ist "pflanzlich" nicht ohne weiteres mit "mild" gleichzusetzen: Viele der Substanzen sind sehr stark wirksam. Bei Husten sollte man das Abhusten des festsitzenden Schleims fördern. Dazu werden viele Säfte oder Mittel in Form von Brausetabletten angeboten. Reste von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln sollten für die Selbstmedikation tabu sein. Antibiotika lagern zum Beispiel in mancher Hausapotheke. Solche Mittel sind aber aus gutem Grund nur auf Rezept erhältlich und sollten nicht ohne ärztlichen Rat eingenommen werden.

PSG: Herr Dr. Schulte-Sasse, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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