Geschichte der Arzneimittel
Pharmacon =
Arzneimittel
Für eine Reihe von
Heilpflanzen finden sich Hinweise auf ihre Anwendung schon aus vor-
und frühgeschichtlicher Zeit. Bereits in einem Grab eines
Neandertalers (Shanidar IV., im heutigen Irak) das vor ca. 70.000 -
40.000 Jahren angelegt wurde, finden sich Beigaben, die nach
Pollenuntersuchungen sieben Heilpflanzen zuzuordnen sind, weswegen
hier das Grab eines Heilkundigen, eines
Schamanen mit Attributen seiner Tätigkeit vermutet wird. Steht
dieser Fund aus frühester Zeit noch isoliert, so sind aus dem
Neolithikum, der Jüngeren Steinzeit, eine Reihe von Funden bekannt,
die auf die Anwendung von Heilpflanzen schließen lassen.
Aus den frühen
Hochkulturen gibt es dann zahlreiche schriftliche Zeugnisse für
deren umfangreichen Arzneischatz, in
Assyrien und
Ägypten
waren einige hundert pflanzliche, tierische und mineralische
Arzneimittel in Gebrauch.
Griechisch-römische Überlieferung
Für die Arzneien der westlichen Medizin sind folgende
Autoren der griechisch-römischen Überlieferung besonders wichtig:
-
Theophrastos von Eresos (371-
287 v. Chr.) beschrieb 550 Pflanzen, darunter zahlreiche Arznei- und
Giftpflanzen.
-
Plinius der Ältere lebte von
23/24 bis 79 n. Chr. schrieb eine höchst umfangreiche enzyklopädische
Naturkunde, die Naturalis historiae. Die Heilmittel nehmen
einen breiten Raum ein, es werden beinahe 1000 aus dem
Pflanzenreich beschrieben.
- Die in fünf Büchern abgefasste Arzneimittellehre
De materia medica des
Dioskurides (ein römischer Militärarzt, der im 1. Jh. lebte) ist
die umfangreichste des Altertums. Er behandelt Arzneimittel aus allen
drei Naturreichen, es werden 102 mineralische, 101 tierische und 813
pflanzliche Arzneimittel beschrieben. Das Werk erschien um
78 n. Chr.
und wirkte über Jahrhunderte. Besonders im
Mittelalter diente es als Vorbild und Fundgrube für andere
einschlägige Kompendien.
Mittelalter
Die mittelalterlichen Quellen zum Arzneischatz sind
sehr zahlreich. Dazu gehört u.a. so genannte
Hortulus des
Walahfrid Strabo (9.
Jahrhundert), der Abt des
Klosters Reichenau war. Das Wissen über die Heilkräfte der Pflanzen
wird in Gedichtform (Hexameter) vermittelt.
Ebenfalls ein Lehrgedicht über Heilpflanzen und durch
den 'Hortulus' beeinflusst ist der 'Macer floridus'. Der Verfasser,
Odo von Meung, lebte im
11. Jahrhundert. Eine vom
13. Jahrhundert an überlieferte thüringisch-schlesische
Prosaübersetzung und -bearbeitung, der 'Ältere deutsche Macer' war weit
verbreitet und diente neben anderen Quellen als Textgrundlage für den
'Gart der gesuntheit' von
1485, eines
der einflussreichsten gedruckten
Kräuterbücher. Zudem wird das europäische Mittelalter ca. vom Jahr
1000 an mit
verloren geglaubten bzw. in Vergessenheit geratenen Schriften der
Antike
durch
Übersetzungen aus dem Arabischen ins Lateinische bekannt. Die
Zentren der Übersetzertätigkeit liegen in Süditalien (Salerno) und
Spanien (Toledo). Dazu kommen eigenständige Erkenntnisse arabischer
Gelehrter.
Abu Bakr Mohammad Ibn Zakariya al-Razi (865
- um 930),
Avicenna (980
- 1037) und
andere arabische Autoren zählen zu den hochgeachteten Autoritäten der
europäischen Heilkunde. In ihren Schriften werden bislang unbekannte
Arzneidrogen beschrieben, zum Beispiel
Ambra,
Benzoeharz,
Cubeben,
Galgant,
Kampfer,
Moschus,
Muskat,
Mumie
(siehe Mumia),
Sandelholz,
Sennesblätter u.a.
Aber auch unabhängig vom antiken oder arabischen
Einfluss werden hier und da neue, eigenständige Beobachtungen gemacht,
die das Wissen über den Arzneischatz bereichern. Herausragend sind die "Physica"
der
Hildegard von Bingen und eine Schrift des
Albertus Magnus mit dem Titel "De vegetabilibus".
Neuzeit
Seit der frühen
Neuzeit
wurde der europäische Arzneischatz erheblich erweitert: Einerseits durch
eine neue Dimension im Handel mit Heilpflanzen und Drogen, die sich nach
der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien durch
Vasco da Gama und die Landung in
Amerika durch
Columbus eröffnete. So kamen beispielsweise
Brechwurzel,
Chinarinde,
Curare,
Guajak
und
Perubalsam nach Europa; andererseits durch Produkte alchemistischer
Tätigkeit. Besonders wichtig war die
Alchemie der
Araber,
da hier eine medizinische Zielrichtung in den Vordergrund trat: die
Suche nach der
Panazee,
der
Universalmedizin. Der wichtigste Wegbereiter für den Einsatz (al)chemischer
Präparate in der Medizin wurde Philippus Theophrastus Bombastus von
Hohenheim genannt
Paracelsus (1493
- 1541). Er
vertritt die innerliche Anwendung von
Chemikalien, gerade von giftigen
Antimon-
und
Quecksilberpräparaten als erster. Zwar fanden seine Lehren zu seinen
Lebzeiten nur einen beschränkten Anhängerkreis, doch seine Nachfolger,
die
Paracelsisten, vermittelten seine Ideen einem immer größer werdenden
Kreis von Medizinern und anderen Gelehrten. Von hier führt der Weg zur
Pharmazeutischen Chemie.
19. Jahrhundert bis jetzt
Die Neuzeit brachte mit ihren naturwissenschaftlichen
Erkenntnissen ganz erhebliche Veränderungen des Arzneischatzes. Zu
Beginn des
19. Jahrhunderts gab es zunächst eine deutliche Reduktion: Übrig
blieb, was nach damaligen Stand der Wissenschaft in der Wirksamkeit als
gesichert galt.
Der enorme Erkenntniszuwachs in der
Chemie
führte dann dazu, dass zum Beispiel eine Fülle von wirksamen
Inhaltsstoffen aus
Arzneipflanzen isoliert wurden, etwa die Alkaloide
Chinin,
Morphin,
Strychnin. Nicht nur
Alkaloide, auch viele weitere Pflanzeninhaltsstoffe wurden isoliert
und davon eine große Zahl arzneilich verwendet.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann der Siegeszug
der
organisch-synthetischen Arzneimittel, die von der
Teerfarbenindustrie entwickelt wurden, wobei das
Herstellungsverfahren dem
Patentschutz unterlag. Dies förderte ganz erheblich die
industrielle Produktion von Arzneispezialitäten, den in
abgabefertiger Verpackung hergestellten Arzneimitteln, wie sie heute das
Bild beherrschen. Die
Acetylsalicylsäure, allseits bekannt unter dem Namen
Aspirin,
viele andere
Schmerzmittel und weitere auf das
Nervensystem wirkende Arzneistoffe gehören hierher (Narkosemittel,
Antiepileptika,
Antiparkinsonmittel,
Psychopharmaka u.a.m.). Weitere Beispiele sind Arzneimittel, die das
vegetative Nervensystem beeinflussen, etwa die Sympatholytika (zu
denen die "Betablocker" zählen), die als
Herz-Kreislaufmittel eingesetzt werden. Die Zahl der synthetisierten
Wirkstoffe wurde dann rasch unüberschaubar.
Bei den
Hormonen
und
Vitaminen gab es in der Folge
biochemischer, physiolgisch- und klinisch-chemischer Untersuchungen
des 19. und 20. Jahrhunderts zahlreiche Fortschritte. Dabei wurden u.a.
die Grundlagen für den therapeutischen Einsatz von Vitaminen,
Insulin,
den
Sexualhormonen (Estrogene,
Gestagene, die "Pille",
Androgene), den Hormonen der
Nebennierenrinde (Glukokortikoide, u.a. Cortison),
Schilddrüsenhormonen, den
Gewebshormonen und ihren
Antagonisten (Antihistaminika als Antiallergika u.a.) gelegt.
Ganz besondere Bedeutung erlangten Arzneimittel zur
Prophylaxe und Therapie der
Infektionskrankheiten. Dazu gehören v.a. Antibiotika,
Desinfektionsmittel, Sterilisation und
Impfungen.
Mit ihrer Hilfe, aber sicher auch durch bessere Ernährung und Wohnung
sowie durch Anwendung hygienischer Verhaltensweisen sind einst
lebensbedrohliche Erkrankungen ("Geißeln der Menschheit"), die auf
Mikroorganismen zurückgehen, stark zurückgegangen. Zu nennen sind
hier u.a. die Forschungen von
Paul Ehrlich (1854 - 1915) (Salvarsan)
und
Gerhard Domagk (1895 - 1964) (Sulfonamide).
Dazu kam die Entdeckung, dass
Naturstoffe, so das von
Schimmelpilzen gebildete
Penicillin, als
Antibiotika erfolgreich gegen diese Krankheiten eingesetzt werden
können.
Literatur
- Müller-Jahncke, Wolf-Dieter u. Christoph Friedrich:
Geschichte der Arzneimitteltherapie. - Stuttgart, 1996
- Merrill Goozner: The $800 million pill.
University of California Press, Berkeley, 2004, 297 S. ISBN
0-520-23945-8.
- Marcia Angell: The truth about the drug
companies. Random House, New York, 2004, 305 S. ISBN
0-375-50846-5.
- Robert Langer: Medikamente direkt am Ziel.
Spektrum der Wissenschaft, März 2004, S. 42 - 48, ISSN 0170-2971
- Franz-Josef Kuhlen: Historisches zum Thema
Schmerz und Schmerztherapie. Pharmazie in unserer Zeit 31(1), S.
13 - 22 (2002), ISSN 0048 - 3664
- Bernd Hanisch, Bettina Abbas, Werner Kratz, Gerrit
Schüürmann: Humanarzneimittel im aquatischen Ökosystem.
Bewertungsansatz zur Abschätzung des ökotoxikologischen Risikos von
Arzneimittelrückständen. USWF - Zeitschrift für Umweltchemie und
Ökotoxikologie 16(4), S. 223 - 238 (2004)
- Radka Alexy, Klaus Kümmerer:
Antibiotika in der Umwelt. KA-Abwasser, Abfall 52(5), S. 563 -
571 (2005), ISSN 1616-430x
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hagalil.com / 16-06-2005
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