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zdf-Sendehinweis
Ärzte unterm Hakenkreuz Teil 1: Dienstag, 13. April 2004, 23.00 Uhr
»Jeder Deutsche hat die Pflicht, gesund zu sein.«
Deutsche Medizin im NS-Staat:
Rassenwahn
"Arisierung" von Praxen
Gesunderhaltung des "Volkskörpers"
Die bisher unveröffentlichten Briefe
und Tagebücher Karl Brandts, Begleitarzt von Hitler und Reichskommissar
für das Sanitäts- und Gesundheitswesen, enthüllen den Zwiespalt zwischen
eiskalter Karriereplanung und medizinischem Verantwortungsbewusstsein.
Im Nürnberger Ärzteprozess steht Brandt 1946 als Hauptangeklagter wegen
Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Richtertribunal: Für die
Ankläger ist er die zentrale Figur im NS-Gesundheitswesen.
Das "Dritte Reich" als Chance
Nach der Machtübernahme Hitlers macht
Brandt wie viele andere Mediziner Karriere - er schafft es bis ganz nach
oben. Zunächst wollte er an der Seite seines Jugendidols Albert
Schweitzer arbeiten. Doch dann tritt er bereits 1932 in die Partei ein.
Auf ungewöhnliche Weise macht er Bekanntschaft mit Hitler: Dieser
bewundert Brandts Verlobte, die Schwimmerin Anni Rehborn, und lädt sie
auf den Obersalzberg ein. Das Entree ist geschafft. Wenig später wird
Hitler Trauzeuge des Paares und Brandt der Begleitarzt des "Führers".
Im April 1933 werden jüdische Arztpraxen geschlossen, Ärzte verschleppt
und gefoltert. Die meisten Mediziner verlieren ihre berufliche Existenz,
viele von ihnen verlassen die Heimat. Die Praxen werden "arisiert". Der
erwünschte Nebeneffekt: eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für
junge deutsche Ärzte. Gleichzeitig wird die Politisierung der Medizin
vorangetrieben, denn "Nationalsozialismus ist nichts anderes als
angewandte Biologie" (Rudolf Hess).
Ideologischer Wandel
Die Medizin erfährt einen grundlegenden ideologischen Wandel: Nicht mehr
die Heilung des einzelnen Kranken, sondern die Gesunderhaltung des
"Volkskörpers" ist das neue Ziel der gleichgeschalteten Ärzteschaft. In
Eliteschulen wie Alt-Rhese werden Mediziner im "neuen Geist" erzogen.
Vererbung, Züchtung und Überleben des Stärkeren, Gesetze der Natur
sollen auf den Menschen angewandt werden. Im Berliner
Kaiser-Wilhelm-Institut suchen so genannte Rassenhygieniker nach der
Formel für den neuen Menschen. Zwillingsforschung (Ottmar Freiherr von
Verschuer) und Rassenlehre (Eugen Fischer) haben Hochkonjunktur.
Es gibt auch Verbindungen nach Amerika, wo Charles Davenport bis 1939
eine Art Züchtungsregister von Menschen aufbaut, um - so sein erklärtes
Ziel - das amerikanische Erbgut zu verbessern.
Pseudowissenschaftliche Theorien
Auf der Suche nach dem "reinrassigen Arier" werden im Deutschen Reich
Skelettsammlungen zusammen- und ausgestellt, um schließlich mit
pseudowissenschaftlichen Begründungen Menschengruppen herauszufiltern.
Wissenschaftler und Ärzte definieren die "jüdische Rasse", sie erstellen
"Rassengutachten" und schicken Juden in die Vernichtungslager.
Karl Brandt kann im Nürnberger Ärzteprozess eine Beteiligung am
Judenmord nicht nachgewiesen werden, aber es bleibt die Anklage wegen
Mittäterschaft bei der Umsetzung des Euthanasieprogramms.
Teil 2: Tödliche Reformen
zdf-Sendehinweis
Teil 2: Mittwoch, 14. April 2004, 22.45 Uhr
»Nationalsozialismus ist nichts anderes
als angewandte Biologie«
Rudolf Hess
Gesundheitsreformen:
Für einen "gesunden arischen Volkskörper"
Schon bald nach 1933 drängen die Mediziner eifrig in die NSDAP. Es
herrscht euphorische Aufbruchstimmung. Gesundheitsreformen sollen das
deutsche Volk zu einem "gesunden arischen Volkskörper" formen - bereit
zum Griff nach der Weltherrschaft.
Die deutsche Krebsforschung ist international führend, Mediziner finden
den Zusammenhang von Lungenkrebs und Tabakverbrauch heraus.
"Rassenhygiene" und Sterilisation
Seit 1934 werden im Reich Gesundheitsämter errichtet. Ihre Aufgabe ist
es, für die "Rassenhygiene" zu sorgen. Ein positiver Begleiteffekt ist
die Gesundheitsvorsorge. Groß angelegte Impfkampagnen,
Vitaminprophylaxen und Röntgenreihenuntersuchungen werden durchgeführt.
Ein Gesundheitskataster des gesamten deutschen Volkes ist in Arbeit.
Diese Erfassung dient unter anderem dazu, "an Tuberkulose und
Fleckfieber erkrankte Juden, Asoziale, Nichtsesshafte und Zigeuner" zu
registrieren, von denen viele später ermordet werden.
Bereits im Juli 1933 wird das Reichsgesetz "zur Verhütung erbkranken
Nachwuchses" verkündet. Durch Zwangssterilisationen sollen
"Schwachsinnige", Schwerbehinderte, Blinde und Taube unfruchtbar gemacht
werden.
Entscheidungen über Leben und Tod
Das Gesetz löst eine große Anzeigenflut aus. "Erbgesundheitsgerichte"
entscheiden über Anträge auf Unfruchtbarmachung, die aus den
Gesundheitsämtern eingehen. Nach Pseudotests heißt es in den meisten
Fällen nach wenigen Minuten: "Der oben genannte Proband ist unfruchtbar
zu machen." Wie Rolf T., der wegen einer angeborenen Missbildung des
Skeletts zunächst das Gymnasium verlassen muss und dann
zwangssterilisiert wird. Etwa 400.000 Männer und Frauen teilen sein
Schicksal, werden von Ärzten sterilisiert.
Vor dem Nürnberger Gericht mussten sich Mediziner wegen
Sterilisationsexperimenten verantworten, die in den Konzentrationslagern
Auschwitz und Ravensbrück durchgeführt wurden. Grausame Versuche, von
denen die meisten tödlich endeten. Ärzte suchten nach schnellen
Sterilisationsmethoden. Himmler plante, 30 Millionen Slawen zu
sterilisieren.
Euthanasie
Beim Anklagepunkt "Euthanasie", der Ermordung alter Menschen, geistig
Behinderter, unheilbar Kranker und Kinder, steht Karl Brandt endgültig
in der Verantwortung. Vor dem Gericht stellt er fest: "Da habe ich die
Euthanasie bejaht. Ich erkenne das Problem wohl. Es ist so alt wie der
Mensch. Aber es ist kein Verbrechen gegen den Menschen und keines gegen
die Menschlichkeit."
Für Brandt beginnt die Euthanasie mit einer Dienstreise. Im Frühsommer
1939 soll er im Auftrag Hitlers entscheiden, ob ein schwerst behindertes
Kind getötet werden soll. Er instruiert den zuständigen Arzt, den Mord
wie einen natürlichen Tod aussehen zu lassen. Anfang 1940 beginnen die
Euthanasiemorde, organisiert und unter strengster Geheimhaltung.
Mord auch an Kindern
Auch Kinder werden zu Opfern. Zum Beispiel in der Baumgartner Höhe, dem
Psychiatrischen Krankenhaus der Stadt Wien. Ein Forschungsteam hat nun
die Hinterlassenschaften eines grausamen Kindermordes identifiziert:
Gewebeschnitte, Gehirne, Rückenmark von fast 600 Kindern. Heute kennt
man alle Namen der Kinder und hat ihre Überreste in einem Ehrengrab
beigesetzt. Das Nürnberger Gericht warf Brandt vor, an der Verwaltung
der Kindereuthanasie im Reich beteiligt gewesen zu sein.
Selektion:
Systematische Tötung von "lebensunwertem Leben"
zdf-Sendehinweis
Teil 3: Donnerstag, 15. April 2004, 23.00 Uhr
Anfang 1940 beginnt die ärztlich angeordnete und vollstreckte Tötung
"lebensunwerten Lebens". In Nürnberg muss sich Karl Brandt wegen seiner
zentralen Verantwortung für das Euthanasieprogramm verteidigen.
Im Gerichtssaal werden als Beweismittel
Bilder von der Befreiung der "Heil- und Pflegeanstalt" Hadamar gezeigt.
Bürokratie des Todes
In seiner Zelle schreibt der Hauptangeklagte Brandt:
"Euthanasie ist kein Massenmord, sondern Erlösungstod, nichts weiter als
fortgeführte Humanität." In seinem Tagebuch hält er fest, wie er von
Hitler beauftragt wurde, "die Befugnisse von Ärzten zu erweitern,
unheilbar Kranken den Gnadentod zu gewähren."
In Brandenburg an der Havel sucht Brandt Anfang 1940 mit anderen
Experten nach einer "humanen Art" zu töten. Es werden so genannte
"Probetötungen" mit Injektionen und schließlich mit Gas durchgeführt:
ein Vergasungsversuch an zehn Personen in einer als Dusche getarnten
Vergasungskammer, ganz so wie später in Auschwitz. Der Test "gelingt".
"T 4 Aktion"
In Berlin wird mit dem planmäßigen und massenhaften Mord begonnen. In
der Tiergartenstraße 4 wird der Tod von wehrlosen Menschen geplant und
veranlasst. "T 4-Aktion" nennt man deshalb die Ermordung der Bewohner
von Heil- und Pflegeanstalten. Sie werden in Bussen der Reichspost zu
Vergasungsstätten wie Grafeneck, Hadamar oder Bernburg an der Saale
gebracht.
Die Akten der "T 4-Aktion" werden derzeit in einem Forschungsprojekt
aufgearbeitet. Die Bürokratie des Todes wird durchleuchtet und den
Opfern werden Namen gegeben.
Widerstand gegen Euthanasie
Karl Brandt beruft sich in seiner Verteidigung auf seinen wichtigsten
Entlastungszeugen: Pastor Friedrich von Bodelschwingh, der den NS-Arzt
einen "Idealisten" nannte. Im Februar 1941 fährt Brandt zum Leiter der
Bodelschwinghschen Anstalten, um über Leben und Tod der Heimbewohner zu
verhandeln. Dem bekannten Euthanasiegegner gelingt es, den größten Teil
seiner Patienten zu retten. Allerdings: Die schwersten Fälle, die
Bodelschwingh "das Treibgut der Schöpfung" nannte, und jüdische
Patienten müssen herausgegeben werden. Vor dem Gericht spricht Brandt
von diesem Treffen, zeigt sich beeindruckt von der Persönlichkeit des
Pastors.
Widerstand gegen die Euthanasie gibt es nicht nur in Bethel, sondern
auch in Münster. Bischof von Galen hält eine mutige Predigt gegen die
Euthanasiemorde und erinnert an das Gebot "Du sollst nicht töten".
Hitler reagiert, er braucht Ruhe an der Heimatfront. Seinem Begleitarzt
befiehlt er im August 1941, die Euthanasie zu stoppen.
Morde und Menschenversuche
Doch in der Verantwortung der Anstaltsärzte wird weiter gemordet. So
auch in Hadamar - bis zum Eintreffen der amerikanischen Truppen. Brandt,
der auch als Chirurg an der Ostfront arbeitet und dort Menschenleben
rettet, macht unterdessen weiter Karriere. Durch "Führererlass" wird er
zusätzlich verantwortlich für die "Koordination der medizinischen
Wissenschaft und Forschung". Brandt wird deshalb in Nürnberg
mitverantwortlich gemacht für Menschenversuche: Sulfonamidversuche in
Ravensbrück, die tödliche Zwillingsforschung Mengeles in Auschwitz,
Unterdruckversuche der Luftwaffe in Dachau.
Am 20. August 1947 wird in Nürnberg das Urteil gegen Karl Brandt
verkündet. Das Militärtribunal Nr.1 verurteilt Karl Brandt wegen
Verbrechens gegen die Menschlichkeit zum Tod durch Hängen - vor allem
wegen seiner Verantwortung für die Euthanasie, die Frage seiner
Mitwirkung an Menschenversuchen bleibt dabei unberücksichtigt. Am 2.
Juni 1948 wird das Urteil vollstreckt.
Weiter mit: Medizin ohne Menschlichkeit
hagalil.com / 13-04-2004
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