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Begriffe und Definitionen |
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Pharmakologie ist die
Wissenschaft von den biologischen Wirkungen der Pharmaka. Zielstellung
ist die Steuerung der Lebensvorgänge durch Pharmaka, insbesondere bei
krankhaften Störungen. Pharmazie ist die Wissenschaft von den
stofflichen Eigenschaften der Pharmaka, ihrer Gewinnung, Herstellung,
Verarbeitung, Zubereitung, Bestimmung, ihrem Nachweis. Sie studiert alle
extrabiologischen Momente des aktuellen oder prospektiven Arzneimittels.

Die Pharmakologie umschließt verschiedene
Teilgebiete, wie Toxikologie und klinische Pharmakologie
Biologische Systeme als Reaktionspartner der Pharmaka
Organisation. Biologische Systeme sind
durch einen bestimmten Organisationsgrad der Materie gekennzeichnet.
Jede höhere Organisationsstufe baut sich aus Gebilden geringerer Ordnung
auf und entwickelt qualitativ neue Eigenschaften. Eine besonders
wichtige Organisationsstufe ist die Zelle. Sie ist die Grundform des
bewegten Lebens. Gewebe und Organe sind zum Verband zusammengeschlossene
Zellen, die zu einer Kooperation befähigt sind; sie sind Teile eines
Makroorganismus.
Grundäußerungen lebender Systeme sind: Stoff-, Energie- und
Informationsaustausch mit dem Milieu, Stoff- und Energieumsatz,
Regulation, Reizbarkeit und Reizbeantwortung, Reproduktion, genetische
Wandlungsfähigkeit (Mutation, Kombination). Jeder dieser Prozesse bietet
Angriffsmöglichkeiten für Pharmaka.
19Angriffsorte der Pharmaka. Hier kommen in Frage: Elemente
des Milieu exterieur und der Extrazellularflüssigkeit sowie Elemente der
Zelloberfläche und des Zellinneren.
(1) Mit Milieu exterieur bezeichnet man den außerhalb von
Haut und Schleimhäuten liegenden Raum, demzufolge auch Magen- und
Darminhalt oder die Luft in den Atemwegen. Von therapeutischer Bedeutung
sind folgende Möglichkeiten: - Verabreichung nicht resorbierbarer
Ionenaustauscher; verstärkte Ausscheidung vonNa + ,K + Ca2 +
- Inaktivierung von Giften durch Gabe von Adsorbentien (Tierkohle)
- Inaktivierung pathogener Mikroorganismen und anderer
Krankheitserreger durch Applikation von Desinfizientien oder lokal
wirkenden Chemotherapeutika
- Anregung der Darmperistaltik durch Quellstoffe (Erregung von
Rezeptoren). (2) Die Extra- oder Interzellularflüssigkeit stellt
das unmittelbare Milieu der Zellen dar (Milieu interieur). Sie
enthält vorwiegend Na + , Cl-, HCOä und Proteine neben anderen An- und
Kationen und weist einen bestimmten osmotischen Druck auf. Diverse
Pharmaka wirken durch Reaktion mit Bestandteilen des Milieu interieur,
z. B.:
- Normalisierung der Ionenkonzentrationen durch Elektrolyttherapie
- Inaktivierung von Heparin durch Protaminsulfat
- Inaktivierung von Giften durch Antidote (NazCa-EDTA bei
Pb-Intoxikation, Penicillamin)
- Bindung von Pharmaka an Plasmaeiweiße. Hierbei wird das gebundene
Phar-makon der Reaktion mit spezifischen Rezeptoren entzogen.
(3) Die Mehrzahl der Pharmaka wirkt direkt an der Zelle
und beeinflußt ihre Funktion bzw. Struktur. Ihr komplizierter Aufbau
gestattet einen pharmakodyna-mischen Angriff auf vielfältige Weise.
Beispiele:
- Replikation und Zellteilung: Mutagene, Antimetabolite der
DNS-Synthese, DNS-Polymerase-Inhibitoren, Spindelgifte, Chalone (vgl.
Tabelle 1)
- Proteinsynthese: RNS-Reagentien, Antimetabolite der RNS- und
Proteinbiosynthese, Antivitamine, Inhibitoren der
Proteinsynthese-Enzyme, Induktoren, Repressoren (vgl. Tabelle 1)
- Energielieferung und -speicherung (Atmung, Glykolyse, ATP-Bildung):
Hemmstoffe des Zitronensäurezyklus (Fluorzitrat), der Atemkette
(Blausäure), der Kopplungsglieder der oxydativen Phosphorylierung
(2,4-Dinitrophenol), der .Glykolyse (Monojodazetat), des
Oa-Transportsystems (CO); Aktivatoren und Inhibitoren der
Glykogenbildung bzw. Glykogenolyse (Adrenalin, Glukagon, ACTH)
- Stoff- und Energietransport durch Membranen: Detergentien,
Lokalanästhetika, depolarisierende Stoffe (Dekamethonium),
Transport-ATPase-Inhibitoren (Ouabain)
- Lysosomen, Speicherpartikel bzw. -vesikel, Mikrosomen: Liberatoren,
Deple-toren, Hemmstoffe der Speicherung bzw. Rückspeicherung von
Transmittoren
- (s. Abschn. 3. und 6.)
20
Tabelle 1 Pharmakodynamische Mechanismen bei der Beeinflussung von
Nuklein-säure- und Proteinsynthese
Prozeß bzw. Struktur
Pharmakon (Beispiele)
Replikation
Hemmung der Synthese aktivierter
Nukleotide aus den Vorstufen
Angebot abnormer Basen bzw. Nukleoside für die DNS-Synthese
Interkalation
Chemische Veränderung der DNS Depolymerisation der DNS Hemmung der
DNS-Polymerase
Kettenabbruch durch Einbau abnormer Basen
Folsäureantagonisten (z.B. Aminopterin, Amethopterin)
2-Aminopurin. 5-Bromurazil,
5-Desoxy-5-Fluorthymidin,
Zyklozytidin
Aktinomyzin, Akridinfarbstoffe Alkylantien, Daunomyzin Mitomyzin
Bleomyzin, Neomyzin, Daunomyzin, Aktinomyzin
2\3'-Zyklodesoxyadenosin
Transskription
Angebot abnormer Basen bzw.
Nukleoside für die RNS-Synthese
Chemische Veränderung der RNS Hemmung der RNS-Polymerase
5-Fluorurazil, 8-Azaguanin
Alkylantien
Rifamyzine, a-Amanitin, Aflatoxin
Translation ,.",
Hemmung der tJRNS-Synthetase bzw.
der Aminoazyl-t-RNS-Bildung
Hemmung der Aminoazyl-t-RNS-Bindung an Ribosomen
Hemmung der Peptidverknüpfung bzw. der Peptidyltransferase
Kettenabbruch durch Einbau
Störung der ribosomalen Konformation
Hemmung der Polysomenbildung
Störung der spezifischen Konformationsausprägung des Proteins
alkylierte Valin-Derivate
Tetrazykline, Streptomyzin, Chloramphenikol
Chloramphenikol, Neomyzin, Kanamyzin, Erythromyzin
Puromyzin
Streptomyzin
Zykloheximid
Antivitamine u.a. abnorme Kofaktoren
Induktion der Proteinsynthese
Repression der Proteinsynthese
Barbiturate, Tolbutamid, Diphenylhydantoin, Diazepam, DDT, HCC,
Benzpyren
Abnorme Substrate u. Metabolite, (z.B. 5-Methyl-tryptophan)
21 - Rezeptoren für
Hormone, Überträgerstoffe usw.: Aktivatoren, Rezeptoren-blocker, z. B.
Propranolol, Dibenamin
- Enzyme: Inhibitoren, Aktivatoren, Regulatoren. Enzyme sind bei
vielen der vorstehend aufgeführten Prozesse oder Zellstrukturen die
Hauptangriffsorte von Pharmaka.
(4) Im Makroorganismus stehen die Zellen in enger
Wechselwirkung zueinander. Die vielfältigen Formen dieser
Wechselwirkungen können ebenfalls durch Pharmaka beeinflußt werden, so
z. B.
- die zwischenzellulären Koordinationssysteme, indem der Metabolit-
oder Kofaktorenausstausch zwichen den Zellen, die humorale oder neurale
Übertragung gestört wird (s. Abschn. 3.)
- die Systeme der Reizaufnahme und -beantwortung (s. Abschn. 5. und
6.)
- die Versorgungssysteme wie Resorptions- und
Eliminationseinrichtungen, Respirationsapparat, Herz-Kreislauf-System
(s. Abschn. 8.).
Hinsichtlich der Angriffsmöglichkeiten von Pharmaka gilt als Regel:
Mit zunehmender Organisationshöhe
der Materie treten neue Struktur- und Funktionsqualitäten auf, wodurch
die Zahl der Freiheitsgrade zur chemischen Alteration des Gesamtsystems
wächst.
1.3.
Rezeptoren
Wesen und Natur.
Rezeptoren sind selektiv mit Pharmaka reagierende Areale in oder
zwischen Biomakromolekülen, die durch spezifische sterische Anordnung
der Molekülbausteine (Aminosäuren, Nukleotide, Zucker, Phosphatide,
Kofaktoren u. a.) gekennzeichnet sind. Das Kräftefeld des Rezeptorareals
gestattet die Wechselwirkung mit den Kräftefeldern mobiler Stoffe, wobei
sie um so stärker wird, je enger die strukturelle und elektronische
Komplementarität
zwischen Rezeptor und Pharmakon
ist.
(1) Aktive Proteine (z. B. Enzyme) stellen den überwiegenden
Anteil der rezeptortragenden Biomakromoleküle. An ihnen sind die
strukturellen Eigenschaften rezeptortragender Makromoleküle bisher am
besten untersucht. Für eine Reihe aktiver Proteine (Myoglobin,
Hämoglobin, Lysozym, Ribonuklease, Zytochrom c, Immunoglobulin Gl) wurde
die Konformation aufgeklärt. Sie ist nicht starr, sondern kann durch
Milieuvariation und chemische Agentien, darunter auch Pharmaka,
modifiziert werden. Viele Enzyme sind membrangebunden. Proteinnatur
besitzen auch die Rezeptoren endogener Hormone und Mediatoren. Teilweise
handelt es sich dabei um Glykoproteine (Insulinrezeptor) bzw.
Protein-Lipid-Komplexe (Azetylcholinrezeptor). Sie sind in der Regel
membrangebunden (Azetylcholin, Katecholamine, Serotonin, Insulin u. a.
Peptide). Rezeptormoleküle für Östrogene und andere Steroide sind im
Zytosol lokalisierte Proteine. Die Steroid-Rezeptor-Komplexe gehen in
den Kern über und binden sich wiederum spezifisch an
Chromatinstrukturen.
22
(2) Die räumliche Struktur der Nukleinsäuren
gestattet ebenfalls stereospezifische Angriffe niedermolekularer
Stoffe (z. B. Actinomycin D, das besonders mit der
Guanosin-Zytosin-Sequenz reagiert; LSD, Akridinorange).
(3) Bei den Polysacchariden (z. B. Glykogen,
Hyaluronsäure, Heparin, Chon-droitinsulfat) sind die polaren Gruppen die
Angriffsorte einiger Pharmaka. Poly-saccharide mit sauren Eigenschaften
reagieren besonders mit basischen Stoffen, z. B. Inaktivierung des
Heparins durch Protamine.
(4) Neben Biomakromolekülen können auch niedermolekulare
Verbindungen, wie Lipide, Elektrolyte, Substrate, Metabolite,
Reaktionspartner von Pharmaka sein.
Haupttypen von Rezeptoren sind:
- Einfacher (monomolekularer) Rezeptor. Wird durch ein
einzelnes Makromolekül konfiguriert und ist in bindungsfähiger Form
ständig vorhanden.
- Komplexer Rezeptor. Entsteht durch definierte
Zusammenlagerung einer makromolekularen Komponente mit niedermolekularen
Kofaktoren (z. B. Koenzyme, Metalle) und ist oft nur temporär vorhanden.
- Zwischenmolekularer Rezeptor. Entsteht durch bestimmte
Anordnung matrixfixierter kooperierender Molekularsysteme und hat in der
Regel stationären Charakter.
Die chemische Struktur und räumliche Anordnung der
Rezeptorareale ist für die
meisten biologisch aktiven Stoffe bisher unbekannt. Ihre Erforschung
ist auf komplizierte Methoden angewiesen (z. B. Röntgenstrukturanalyse,
Kernresonanzspektroskopie). Die Flächenausdehnung von Rezeptorarealen
kann in weiten Grenzen variieren. Sie beträgt für die physiologischen
Mediatoren schätzungsweise 100 A2. Sehr niedermolekulare Pharmaka
(CHC13, C2H5OH) greifen in der Regel an kleinen Stellen an und
wirken dadurch unspezifischer als größermole-kulare. Die
Wirkungsspezifität
eines Stoffes ist somit auch eine Funktion der Molekülgröße, da mit
steigender Zahl der Atome und ihrer qualitativen Variation die
Variabilität der Konformation des Pharmakons wächst. Konformation und
Elektronendichteverteilung des Wirkstoffes und des Rezeptors können sich
im Prozeß der Bindung einander anpassen (induzierte Anpassung).
Konformation-Rezeptor-Beziehungen. Makromoleküle können mehrere
Rezeptoren gleichzeitig enthalten. So verfügen zahlreiche Enzyme neben
dem Substratrezeptor über weitere Reaktionsstellen für
niedermolekulare Agentien, deren Besetzung z. T. die Konformation des
Gesamtmoleküls und damit auch Struktur und Eigenschaften des
Substratrezeptors beeinflußt (allosterische Rezeptoren, vgl. Abb. 4
unten).
Beim Zusammenwirken mehrerer Stoffe am gleichen Makromolekül kann die
Effektivität jedes Einzelstoffes verändert werden, so z. B. bei Reaktion
von Pharmakon A mit dem aktiven Zentrum und allosterischer Bindung von
Pharmakon B. Obligat ist indessen eine solche Interferenz nicht. Bei
Einwirkung eines Pharmakons auf den Rezeptor kann eine Funktionsänderung
des aktiven Makromoleküls ausbleiben (biologisch inerte Reaktion am
stummen Rezeptor).
23
Rezeptor + Pharmakon

Pharmakon-Rezeptor-Komplex

allosterische Inhibition
Abschwächung der P-R-Wechselwirkung

allosterische Aktivierung
Verstärkung der P-R-Wechselwirkung
Abb. 4. Konformationsänderung des Makromoleküls bei Bildung des
Pharmakon-Rezeptor-Komplexes (oben) und Wirkung allosterischer
Inhibitoren bzw. Aktivatoren (unten)
Rezeptor-Konformation-Beziehungen. Milieufaktoren (pH,
Ionenstärke, Temperatur) beeinflussen dank der Homöostase-Mechanismen
des Körpers die In-vivo-Konformation eines Rezeptorareals kaum. Die
Bindung diverser niedermolekularer Stoffe bei vielen Enzymen, Transport-
und Strukturproteinen veranlaßt eine Konformationsänderung (Abb. 4
oben). Das Ausmaß dieser Konformationsänderung ist stoffspezifisch und
kommt durch Verschiebung in der Elektronendichteverteilung, die zu einer
Umordnung des Gesamtmoleküls führt, zustande. Diese ist von biologischer
Konsequenz (Kontraktion, Veränderung der enzymatischen Aktivität usw.).
Bei Zerfall des Pharmakon-Rezeptor-Komplexes nimmt das rezeptortragende
Molekül seine ursprüngliche Konformation wieder an.
24
Das biologische Korrelat des Umfangs der Konformationsänderung und
der hierdurch ausgelösten Folgeprozesse ist die Wirkaktivität
eines Stoffes (= Jntrinsic activity", intrinsische
Aktivität). Die maximale Wirkaktivität, die in einem biologischen System
erreicht werden kann, wird relativ = 1 gesetzt. Die verschiedenen Stoffe
können nun Wirkaktivitäten zwischen 0 und 1 besitzen (vgl. Tabelle 2).
Im Falle Wirkaktivität = 0 wird durch den spezifischen Stoff der
Rezeptor so besetzt, daß (1) keine Umordnung des Makromoleküls mehr
induziert und (2) darüber hinaus der Zutritt eines physiologischen
konformationsverändemden Mediators verhindert wird.
Tabelle 2 Affinität (proportional 1/Dissoziationskonstante) und
intrinsische Aktivität (Muskarinwirkung) von Azylcholinen
|
Dissoziationskonstante |
Intrinsische |
|
Verbindung |
[M] |
Aktivität |
|
Azetylcholin |
1,08 ■ |
10-6 |
1,0 |
|
D(+)R-Laktoylcholin |
7,3 ■ |
■ 10-5 |
0,52 |
|
L
(—)S-Laktoylcholin |
3,02 • |
■ 10-« |
0,30 |
|
D(—)R-Mandeloylcholin |
3,0 ■ |
■ 10-« |
0 |
|
L
(+)S-Mandeloylcholin |
5,22 ■ |
10-6 |
0 |
Affinität eines Pharmakons zu einem Rezeptor und seine Wirkaktivität
gehen häufig nicht parallel!
1.4.
Das Pharmakon
Die Wechselwirkung des Pharmakons mit dem biologischen System ist mit
Konsequenzen verbunden, die als "biologischer Effekt" erscheinen.
Angriffspunkt (= Reaktionsort) und Angriffsart (= Reaktionsmechanismus)
eines Mittels werden durch die Eigenschaften der Körperbausteine und des
Stoffes bestimmt. Je differenzierter eine biologische Einheit gebaut
ist, um so differenzierter muß das Pharmakon strukturiert sein, um
ausschließlich mit dieser Einheit reagieren zu können. Wir sprechen von
der Spezifität
der biologischen Wirkung. Jedes chemische Agens kann einen
biologischen Effekt induzieren, wenngleich in unterschiedlich hoher
Dosis und mit unterschiedlicher qualitativer Auswirkung. Einfach gebaute
Stoffe mit geringer Spezifität lösen Effekte aus, die als "Schädigungen" bezeichnet
werden. Solche, die am spezifischen Rezeptorareal angreifen, bedingen
echte strukturspezifische
"pharmakodynamische Wirkungen".
1.4.1. Bindungsarten
Die Wechselwirkung eines Stoffes mit dem Rezeptor unterliegt den
gleichen Gesetzen wie jede andere chemische Reaktion. Von Bedeutung sind
folgende Bindungsarten: kovalente Bindung, Ionenbeziehung, Ionen-Dipol-
und Dipol-Dipol- Beziehungen,
Wasserstoffbindung, van der Waalssche Bindung. Hydrophobe Beziehungen
wirken zwischen apolaren Gruppen von Pharmakon und Rezeptor. An der
Bildung und Stabilität von Pharmakon-Rezeptor-Komplexen sind meist
mehrere. Bindungsarten beteiligt (Abb. 5). Die nicht dissoziable
kovalente Bindung ist von untergeordneter Bedeutung (SH-Reagentien,
Alkylantien usw.). Die meisten Pharmakon-Rezeptot■-Komplexe sind
dissoziabel. Sie stehen nach dem Massenwirkungsgesetz mit den freien
Komponenten im Gleichgewicht: PR ^ P + R
Die biologische Wirkung der überwiegenden Zahl von Pharmaka
ist damit reversibel.
lonenbindung OH
Wasserstoffbindung
apolare Bindung

Attraktion
Abb. 5. Komplexes
Ausrichtung Fixierung
Abb. 5. Hauptphasen bei der Ausbildung eines Pharmakon-Rezeptor-
1.4.2. Struktur-Wirkungs-Beziehungen
Bei der Auslösung eines biologischen Effektes sind bestimmte
physikalische und
chemische Eigenschaften des Pharmakons wirkungsbestimmend.
(1) Die Größe eines Moleküls ist in mehrfacher Hinsicht
bedeutungsvoll.
- Mit steigendem Molekulargewicht werden die
Applikationsmöglichkeiten und die Penetrationsprozesse im Organismus
eingeschränkt.
- Mit zunehmender Größe wächst die Variationsmöglichkeit der
Geometrie eines Moleküls. In gleichem Maße wächst die
Wirkungsspezifität. Bei Überschreiten mittlerer Größen werden die
biologischen Effekte wieder unspezifischer (kol-loidosmotische Wirkungen
des Dextrans).
- Mit steigender Zahl von Atomen bis zu einer bestimmten Grenze in
einem Molekül nimmt die Möglichkeit apolarer Wechselwirkungen mit dem
makromolekularen Partner zu. Die Fixation des Pharmakons am Rezeptor
wird fester.
(2) Die Konformation des Pharmakons ist für eine optimale
Wechselwirkung mit dem Rezeptor bestimmend. Chemisch gleichartige
Moleküle können unterschied-
26
liehe Stereostrukturen aufweisen und dadurch voneinander
abweichende biologische Aktivitäten entwickeln. Pharmakologisch
effektive Isomerieformen sind: _ Struktur- oder Stellungsisomerie
besteht zwischen Molekülen gleicher Summenformeln, aber abweichender
Struktur, z. B. n-Propanol/i-Propanol. - Optische Isomerie liegt
bei spiegelbildlich identischem Bau der beiden Antipoden vor und tritt
bei Wirkstoffen auf, die asymmetrische C-, N- oder S-Atome enthalten.
Asymmetrische Atome vermögen die Polarisationsebene linear polarisierten
Lichtes zu drehen. Erfolgt die Drehung nach links, so wird dies durch
das Symbol (-) oder auch mit /- kenntlich gemacht. Rechtsdrehende
Verbin-" düngen werden mit ( + ) oder mit d- gekennzeichnet.
Andererseits können die optischen Isomeren von der Struktur her in
folgender Weise beschrieben werden:


1/1 R-Amphetamin
1/1
S-Amphetamin
Ordnet man den asymmetrischen Kohlenstoff so, daß der kleinste
Substituent vom Betrachter wegzeigt (hinter dem asymmetrischen C
"versteckt"), so sind die drei übrigen Substituenten des C-Tetraeders
dem Betrachter zugewandt. Nehmen sie dabei im Uhrzeigersinn an Größe zu,
liegt die R-Form (l/I), nehmen sie im Gegenuhrzeigersinn zu,
liegt die S-Form (l/II) vor.
- Geometrische Isomerie tritt auf, wenn die sterisch
verschieden orientierten Substituenten oder Atome im Abstand variieren.
Sie kommt bei Stoffen vor, die Mehrfachbindungen enthalten und
verschiedenartige Substituenten tragen. Hierzu gehören
c|is-trans-Isomere, z. B. c|is- und trans-Dichloräthylen.
(3) Die Wirkungsdifjerenzen von Stereoisomeren lassen sich
wie folgt erklären:
- Bei sehr niedermolekularen Stoffen wirken sich die sterischen
Unterschiede im Molekülaufbau kaum auf die biologische Aktivität aus.
Strukturspezifische Effekte sind erst mit höheren Molekulargewichten, d.
h. mit einer entsprechenden Größe und Spezifität der Rezeptoren zu
erwarten.
- Wirkungsdifferenzen machen sich um so stärker bemerkbar, je rigider
der Rezeptor gebaut ist, weil dann geringe Konformationsunterschiede
eines Stoffes nicht mehr durch die Flexibilität des Rezeptors
ausgeglichen werden können.
- Je höher die biologische Aktivität eines Stoffes liegt, um so
größer sind die Wirkungsdifferenzen der Isomeren (Pfeiffersche Regel),
da eine gewisse Korrelation zwischen Strukturspezifität und relativer
Wirkungsstärke besteht.
- Nehmen die Asymmetriezentren im Molekül "Schlüsselpositionen"
hinsichtlich der Wechselwirkung mit dem Rezeptor ein, wirken sich
Stereoisomeriediffe-renzen in biologischen Effekten stark aus.
27•
Wirkungsdifferenzen von Stereoisomeren können neben der Affinität in
erheblichem Maße die intrinsische Aktivität ("intrinsic activity")
betreffen. Im Extremfall besitzt ein Isomeres die Wirkaktivität = 1, und
sein Antipode wirkt lytisch (Wirkaktivität = 0). Siehe Abb. 6.
Wirkungsdifferenzen stereoisomerer Pharmaka sind außer auf Störungen
der Geometrie der Wechselwirkungen mit dem Rezeptor z. T. auch auf
Unterschiede ihrer Pharmakokinetik zurückzuführen (Resorptions-,
Verteilungs-, Biotransformations- bzw. Eliminationsunterschiede).
• t-I

• d,L-I
10 10"3
Konzentration (M)
Abb. 6. a-adrencrge Wirkung verschiedener Enantiomerer des
Iso-prenalins
(I) am Vas deferens der Ratte.
Dosis-Wirkungs-Kurven
(4) Von den physikochemischen Eigenschaften einer
Verbindung sind für die Auslösung biologischer Effekte deren Wasser- und
Lipidlöslichkeit, Ladung, Sub-stituenteneffekte und Tautomerie von
besonderer Wichtigkeit.
- Eine ausreichende Wasserlöslichkeit ist für resorptiv
wirkende Pharmaka primäre Bedingung: "Corpora non agunt nisi soluta". Um
an den Wirkort zu gelan-
■
28
gen, muß die betreffende Substanz mit dem Milieuwasser in
Wechselwirkung treten können, da dieses bei Resorption und Verteilung
sonst nicht als Vehikel wirken kann. Die polare Natur des Wassers
erfordert entsprechende polare Eigenschaften des Arzneimittels. Die
Wasserlöslichkeit einer Verbindung kann sowohl durch Einführung polarer
Substituenten als auch durch Entfernung apolarer Reste gesteigert
werden. Sobald Ladungen im Molekül auftreten, nimmt sie erheblich zu,
weil die Wechselwirkung mit den Wasserdipolen stark ansteigt.
- Die Lipidlöslichkeit ist Grundbedingung für Aufnahme,
Verteilung und Elimination größerer Moleküle im Organismus.
Lipidunlösliche Moleküle werden aus dem Milieu exterieur nur
aufgenommen, wenn sie die engen Zellmembranporen passieren können oder
mittels Carriersystemen bzw. Pinozytose in das Zellinnere geschleust
werden. Größere lipidunlösliche Moleküle wirken nur, wenn sie unter
Umgehung der Resorptionsbarriere appliziert werden.
- Enthält ein Stoff sowohl eine größere apolare Region als auch einen
stark polaren Rest, besitzt er eine hohe Oberflächenaktivität.
Diese physikochemi-sche Eigenschaft korreliert mit der
Membranwirksamkeit mancher Stoffe, z. B. der Phenothiazine.
Lipid- und Wasserlöslichkeit sind einander umgekehrt proportional.
Für Resorptionswirkungen von Arzneimitteln sind mittlere
Löslichkeitsgrade günstig. Die Lipidlöslichkeit hat dabei den
Vorrang. Nimmt sie in einer kongeneren Gruppe von Pharmaka zu, steigt
meist die biologische Wirksamkeit. Der Grad der Lipidlöslichkeit wird
oft durch den Öl-Wasser- bzw. Heptan-Wasser-Verteilungskoeffizienten
ausgedrückt.
- Zahlreiche Pharmaka sind Säuren oder Basen. Sie können in
Abhängigkeit vom pH in protonisierter oder deprotonisierter Form
vorliegen. Säuren sind in der protonisierten Form ungeladen, die hier
hauptsächlich interessierenden N-Basen dagegen Kationen. In
deprotonisierter Form sind Säuren Anionen und N-Basen ungeladen.
Basen Basenstärke nimmt zu
/=\ + pka-
CH3
I I
i l l
l

H3C
10,7
H3CS H3C'
10
12 13 ph
Säuren -•----------Säurestärke nimmt zu
Abb. 7. Ionisation von Basen und Säuren unterschiedlicher Basizität
bzw. Azidität. Basen: N-Methylanilin (pKa = 4,7), Dimethylamin (pKa
= 10,7). Säuren: Benzoesäure (pKa = 4,2), Phenol (pKa = 9,9)
29Die Säuren- bzw. Basenstärke entscheidet über den Dissoziations-
bzw. Proto-nisierungsgrad einer Verbindung. Für Pharmaka ist ein hoher
pKa-Wert gleichbedeutend mit einer leichten Protonisierbarkeit, das
bedeutet für Basen, daß sie schon bei höheren pH-Werten (niedriger H
+-Konzentration) in die geladene, bei Säuren in die ungeladene Form
übergehen. Eine Base mit einem hohen pKa-Wert ist eine starke Base,
eine Säure
mit hohem pKa-Wert eine schwache Säure und umgekehrt (Abb. 7). Das
Verhältnis ionisierte Form zu ungeladener Form eines Pharmakons in
definiertem Milieu hängt von 2 Faktoren ab: pH des Milieus und pKa des
Stoffes.
Oft begünstigt die Ionisation des Pharmakons seine Reaktion mit dem
Rezeptor, wie dies etwa für Phenylalkylamine, für Lokalanästhetika, für
bestimmte Analge-tika u. a. bekannt ist. Zum Einfluß des pka eines
Pharmakons auf seine pharma-kokinetischen Eigenschaften vgl. Abschn.
1.6. (Resorption, Verteilung). - Substituenteneffekte. Die
Einführung von Substituenten in ein Grundmolekül kann dessen Polarität
bzw. Säure-Basen-Eigenschaften verstärken oder abschwächen. Die Folge
davon sind veränderte Rezeptoraffinitäten, Wirkaktivitäten, Unterschiede
in der Stabilität der Pharmaka, ihrer Kinetik und Metabolisierbarkeit u.
a. (Beispiel vgl. Tabelle 3).
Tabelle 3 pka-Werte der Karboxylgruppe p-substituierter
Ben-zoesäuren
COOH
PK,
•C00-+ H*
R:
_NH2 -OH -CH3 -H -Cl -NO2
Pka 4,89 4,59 4,37 4,21 3,99 3,44
Säurestarke nimmt zu
In der Regel begünstigt eine elektronenentziehende Substitution an
einem Molekül die Ionisation von Säuren und erschwert die von Basen;
elektronenliefernde Substitution fördert die Ionisation von Basen und
hemmt die von Säuren. Para-kain-Lokalanästhetika mit stärker
elektronenabgebenden Substituenten nehmen an Wirkung zu. Als relative
Maße für die Substituenteneffekte werden die Ham-mettsche cr-Konstante
bzw. der <j-Wert herangezogen.
0 1 /HL
c
II
0 Barbitursäurederivate
30
- Tautomerie. Die bekanntesten Formen sind die Keto-Enol-, die
Laktim-Laktam-, die Amino-Imino-Tautomerie. Für die Arzneimittel sind
nur prototrope Tauto-meriegleichgewichte von Bedeutung. Eine
Laktim-Laktam-Tautomerie liegt im Beispiel der Barbitursäure vor (1/IH
und 1/IV).
Die Laktimform (1/IV) stellt bei den Barbituraten die hypnotisch
wirksame Konfiguration dar. Verhindert man z. B. durch Substitution
beider Stickstoffe die Ausbildung der Laktimform, geht der hypnotische
Effekt verloren (vgl. Abschn. 6.1.).
1.5. Prinzipien der Stoffbewegung im Körper
Die Kräfte, die zur Stoffaufnahme, -Verteilung und -elimination
führen, sind unterschiedlicher Natur. Die auslösenden Momente für
passive Prozesse der Stoffbewegung sind immer Ungleichgewichte, wie
Konzentrationsunterschiede, Druckgradienten oder chemische
Ungleichgewichte. Auf Grund thermodynamischer Gesetzmäßigkeiten streben
diese Ungleichgewichte nach Ausgleich, wodurch Stoff- und Energieflüsse
hervorgerufen werden ("Bergab-Transport").
Die aktive Stoffbewegung ist ein energieverbrauchender Vorgang und
daher abhängig vom Zellstoffwechsel. Sie kann entgegen einem Gradienten
erfolgen (,, Bergauf- Transport'').
Der freien Diffusion eines Pharmakons im Organismus stehen diverse
Membransysteme entgegen.
Von besonderer Bedeutung sind die
Zellmembranen. Teilweise sind bei der transmembranalen Passage spezielle
Trägermoleküle bzw. -Systeme (Carrier) eingeschaltet, die den
Permeanten auf der Außenseite der Membran an sich binden, die
Membranphase überbrücken und ihn an der Innenseite wieder freigeben
(vgl. Abb. 8).
Stofftransport
j— passive Prozesse
I ___aktive Prozesse
ohne Carrier -mit Carrier -
ohne Carrier ■ mit Carrier -
- Membrandiffusion
- erleichterte Diffusion
- Pinozytose
■ aktiver Transport
Abb. 8. Prinzipielle Prozesse beim Stofftransport durch biologische
Membranen
Die Hauptformen des Membrantransportes lassen sich hinsichtlich ihrer
treibenden Kräfte, kinetischen Parameter, Strukturspezifitäten und
Hemmbarkeiten abgrenzen (Tabelle 4).
Stoffbewegung in einem geschlossenen System führt zur Einstellung
eines zeitunabhängigen Gleichgewichtes (stationäre
Verteilung). Biologische Systeme sind offene Systeme. Bei konstanter
Zu- und Abfuhrrate eines sich im System nicht verändernden Stoffes
stellt sich ein gleichfalls zeitunabhängiges "Fließgleichgewicht" ein.
Bei Unterschieden in Zu- und Abfuhrrate ist die Verteilung zeitabhängig.
1.5.1.
Freie Diffusion
Sie ist bedingt durch die thermische Bewegung der Moleküle. Der
Diffusionskoeffizient eines Stoffes (D) ist eine Stoff spezifische
Größe; mit zunehmendem Molekularvolumen wird die Diffusion langsamer.
Die Diffusion in physiologischen Medien des Organismus, etwa dem
Liquor cerebrospinalis, dem Blutplasma u. a., wird durch die
Wechselwirkung des betreffenden Stoffes mit den in diesen Medien
enthaltenen Salzen, Nichtelektrolyten, Proteinen und zellulären
Elementen eingeschränkt. Bei starker Plasmaproteinbindung nimmt D des
Pharmakons die Größe von D der Plasmaproteine an. Die Diffusion von
gelösten Gasen wird vorzugsweise von ihrer Löslichkeit im Solvens,
weniger von ihrer Diffusionskonstante bestimmt. Gase diffundieren
relativ schnell und werden gut von den Geweben aufgenommen. Die gelöste
Menge eines Gases in einer Flüssigkeit hängt ab von seinem Partialdruck
in dem darüber befindlichen Gasraum, von der Art des Solvens und von der
Temperatur.
1.5.2.
Membrandiffusion
Ist dem Konzentrationsgradienten eine Membran zwischengeschaltet,
wird durch deren Eigenschaft der Diffusionsprozeß modifiziert. Handelt
es sich um eine Lipidschicht, erfolgt die Penetration eines
Stoffes um so schneller, je höher seine Lipidlöslichkeit bzw. je größer
sein Lipid-Wasser-Verteilungskoeffizient ist. Der Durchtritt
lipidunlöslicher Stoffe wird gehemmt. Diffusion durch reine
Lipid-membranen ist nicht von der Größe des Stoffes abhängig. Bei einer
Diffusion durch eine ungeladene Porenmembran werden die Stoffe
nach ihrer Molekülgröße (und Form) diskriminiert. Bei Diffusion durch
geladene Porenmembranen erfolgt zusätzlich eine Auswahl der Stoffe
nach ihrer Ladung. Je nach Ladungssinn der Membran kann Anionen- oder
Kationenpermeabilität vorliegen. Biologische Membranen sind komplexer
Natur. Sie verhalten sich in erster Näherung als gemischte
Lipid-Poren-Membranen, wobei die Poren nicht als präformierte,
stationäre Kanäle existieren. Erythrozytenmembranen sind selektiv
anionen-, die Membran von Muskel- und Nervenzellen selektiv
kationenpermeabel. Kapillarmembranen besitzen relativ große funktionelle
Poren (^ 30 A). Sie lassen größere Teilchen hindurchtreten als die
Zellmembranen, deren funk-tioneller Porendurchmesser etwa 7-10 A
beträgt. Das Grenzmolekulargewicht ungeladener wasserlöslicher Stoffe
liegt für die Penetration in eine Säugetierzelle bei rund 200. Geladene
Verbindungen sind von einem Hydratationsmantel umgeben. Dieser führt zur
Vergrößerung des effektiven Teilchendurchmessers und
33
3 Markwardt, Pharmakologie damit
zu einer Einschränkung der Diffusionsfähigkeit durch eine Porenmembran.
Die Hydratation nimmt mit steigender Ladung des Stoffes zu. Deshalb
werden zweifach geladene Verbindungen, wie z. B. MgSQ«, Dekamethonium
bei oraler Gabe nicht oder nur gering resorbiert.
Mit Osmose bezeichnet man eine Diffusion des Solvens, nicht
des Soluts, durch eine semipermeable Membran mit dem Ziel des
Konzentrationsausgleiches. Dieser wird jedoch nicht völlig erreicht,
weil der osmotische Druck entgegenwirkt. Die Zellen des Organismus
verhalten sich annähernd wie Osmometer mit einer semipermeablen Membran.
Ist die Diffusion eines Stoffes durch die Membran nach seiner Bindung
an Carrier erleichtert, so spricht man von erleichterter
Diffusion. Im Gegensatz zum aktiven Transport, der gleichfalls
Carriersysteme in Anspruch nimmt, ist die erleichterte Diffusion
stoffwechselunabhängig (s. Tabelle 4).
1.5.3.
Filtration
Hierbei handelt es sich um eine Stoffbewegung durch eine
Porenmembran, wobei Solvens und Solut gleichzeitig die Membran
durchdringen. Die treibende Kraft ist der hydrostatische Druck bzw.
Filtrationsdruck. Die Filtrationsrate ist direkt proportional dem
Filtrationsdruck. Die Filtration gehorcht den Gesetzen der laminaren
Strömung. Diese Gesetze sind für Kapillarmembranen anwendbar. Der
Filtrationsdruck wird durch die Kontraktion des Herzens erzeugt, in den
abhängigen Partien des Körpers kommt der hydrostatische Druck hinzu
(Ödembildung setzt daher zuerst in den abhängigen Partien ein). Die
porösen Eigenschaften der Kapillarmembran differieren für die
einzelnen Gefäßgebiete des Organismus außerordentlich. Die
Filtrationskoeffizienten sind am höchsten bei den glomerulären
Kapillarmembranen. Die Durchlässigkeit der muskulären Kapillarmembranen
ist etwa lOOfach geringer, die der Zellmembranen noch deutlich
niedriger. Bei der Flüssigkeitsbewegung im Organismus bestehen
Diffusions- und Filtrationsprozesse nebeneinander. So überwiegt
beispielsweise bei Membranen mit großen Porenweiten (r > 10-20 A) der
Filtrations-, bei kleinen Poren (r < 3-4 A) der Diffusionsanteil.
1.54.
Konvektioa
Stoffe, die in die Blutbahn gelangen, unterliefen
mit dem Blut einer mechanischen
Konvektion. Bewegt werden sowohl Solvens als auch Solut. Auslösend
wirkt ein Druckgradient, der durch die Kontraktion des Herzens erzeugt
wird. Die Konvektion des Blutes ist für kinetische Prozesse eine
wichtige Größe.
1.5.5.
Aktiver Transport
Es handelt sich hierbei um einen energieverbrauchenden Vorgang, der
an den Stoffwechsel der Zelle geknüpft ist und bei dem Carriersysteme
die transmem-
34
branale Bewegung der Permeanten bewerkstelligen. Daneben ist auch ein
aktiver zytoplasmatischer Transport wahrscheinlich gemacht worden.
Carrier sind mobile Membranbestandteile, die eine hohe chemische
Affinität zu dem zu transportierenden Molekül besitzen, eine
komplexartige Bindung mit ihm an einer Membrangrenzfläche eingehen, die
Membran durchwandern und es unter. Konformations- und damit
Affinitätsänderung an der anderen Membrangrenzfläche wieder abgeben. Die
Existenz der Carrier ist bisher nur hypothetisch. Permea-sen vermögen
die Bindung zu katalysieren. Zur Charakteristik des aktiven Transportes
siehe Tabelle 4.
1.5.6.
Pinozytose
Bei der Pinozytose und Zytopemsis erfolgt die Aufnahme von
Flüssigkeitströpfchen durch Einstülpung und Abschnürung von
Membranabschnitten. Durchwandert das Pinozytosebläschen die Zelle, um am
gegenüberliegenden Pol seinen Inhalt wieder abzugeben, spricht man von
Zytopemsis. Pinozytosemechanismen kommen besonders in Gefäßendothelien
und im Bereich der zentralen Synapsen vor, z. B. bei der Aufnahme
von Cholin.
1.5.7.
Persorption
Die parazelluläre Aufnahme korpuskularer, unlöslicher Teilchen aus
dem Darmtrakt durch mechanische Kräfte nennt man Persorption. Der
Abtransport in das Blut erfolgt durch das Lymphsystem und
Portalvenenblut. Nahrungsbestandteile, z. B. Stärke, ferner
Zusatzstoffe, wie mikrokristalline Zellulose, aber auch Fremdstoffe, z.
B. metallisches Eisen, können auf diese Weise aufgenommen werden.
1.6.
Wirkungsbedingungen der Pharmaka
1.6.1.
Applikation
Damit Wirkstoffe bzw. ihre Zubereitungen die angestrebten
biologischen Wirkungen im Organismus hervorrufen können, müssen
sie entweder an die Körpergrenzflächen (Haut, Schleimhaut) oder
unmittelbar m da* Körperinnere (extra- und intrazellulärer
Raum) gebracht werden (Applikation). Die Applikation eines Phar-makons
löst eine Kette von Vorgängen aus, die zu einer zeitlich begrenzten
biologischen Reaktion im Organismus führen (Abb. 9).
In Tabelle 5 sind die wichtigsten Applikationsarten zusammengestellt.
Die Wahl der Applikationsart und des -ortes wird durch
verschiedene Faktoren bestimmt: Art und Dringlichkeit der Indikation,
Wirkungseintritt und -dauer, Arzneiform, physikalische und chemische
Eigenschaften des Wirkstoffes (Aggregatzustand, Stabilität u. a.),
Bedingungen seitens des Patienten sowie durch ökonomische Aspekte.
35Der Applikationsmodus beeinflußt die Folgeprozesse Resorption,
Verteilung, biologische Wirkung, Biotransformation und Exkretion. Mit
einer zweckmäßigen und begründeten Applikation wird der erste Schritt zu
einer erfolgreichen Therapie getan.
Applikation
Resorption
Verteilung
Speicherung-«-
-»■ Bindung an Rezeptor
■ biologische -Wirkung
Biotransformation
Exkretion
Abb. 9. Ereignisfolge bei Gabe eines Pharmakons
Tabelle 5 Hauptsächliche Applikationsarten
Applikationsart
bevorzugte Arzneiformen
Applikation an der Körpergrenzfläche
1. auf die Haut: perkutan, epikutan
2. auf Schleimhäute
a) Mund- und Zungenschleimhaut: bukkal, perlingual, sublüigual
b) Magen- und Darmschleimhaut: enteral, ("oral"); spezielle Formen:
intraduodenal usw.
c) Rektumschleimhaut: rektal
d) Bronchial- und Alveolarepithel: pulmonal, per inhalationem
e) sonstige: nasal, konjunktival, vaginal, urethral usw.
Lösungen, Extrakte, Emulsionen, Suspensionen, Pasten, Salben, Puder
Lösungen, (evtl. in Kapseln), Extrakte, Pulver, Tabletten
Lösungen, Extrakte, Pulver (evtl. in Kapseln), Tabletten, Pillen
Suppositorien, Lösungen (Klistiere, Einlaufe)
Gase, Dämpfe, Aerosole, Sprays
Lösungen, Extrakte, Salben, Globuli, Puder
Tabelle 5 Hauptsächliche Applikationsarten (Forlsetzung)
Applikationsart
bevorzugte Arzneiformen
Applikation in das Körperinnere: parenteral
1. unter Umgehung einer Resorption: intrakardial, intraarteriell,
intravenös
2. unter Einschaltung eines Resorptionsprozesses: intrakutan,
subkutan, intramuskulär, intraperitoneal, intrapleural
Lösungen, bei i. a. Injektion auch Gase (Insufflation)
Lösungen, ggf. Suspensionen, (Kristalle), Emulsionen
1.6.2.
Resorption
Unter Resorption versteht man die Aufnahme eines Stoffes aus dem
Milieu exte-rieur (von den Körpergrenzflächen) oder aus örtlich
begrenzten Stellen des Körperinneren in die Lymph- und Blutbahn. Bei
Applikation direkt in das Gefäßsystem wird der Resorptionsvorgang
ausgeschaltet.
Nicht in jedem Falle ist die biologische Wirkung an die Verteilung
des Mittels durch den Blutstrom geknüpft. Sind Applikations- und Wirkort
identisch, handelt es sich um lokale Effekte, sind zwischen
Applikations- und Wirkort Resorptions- und Verteilungsvorgänge
eingeschaltet um resorptive Effekte (Systemwirkungen). Die
Resorption eines Pharmakons wird durch zahlreiche Parameter bedingt und
variiert:
- Eigenschaften des Organismus: Aufbau und Ausdehnung der
resorbierenden Körpergrenzflächen, Durchblutung der Resorptionsorte,
Verteilungs- und Eliminationsbedingungen, allgemeine Faktoren
(Konstitution, Alter, Fieber)
- Stoffqualitäten: Molekülgröße, chemische Konstitution.
Konformation, Säure-Base-Eigenschaften, Ladung, Löslichkeit,
Aggregatzustand, Zerteilungsgrad
- Stoffquantitäten: Dosis, Konzentration, Kontaktzeit mit
Resorptionsfläche
- exogene Faktoren: Arzneiform, Vehikel, Adjuvantien,
Nahrungsaufnahme, physikalische Bedingungen (Temperatur, Strahlung).
Resorption durch die Haut. Auf kutanem Wege werden Stoffe nur
beschränkt aufgenommen, die Hornschicht wirkt limitierend. Sie ist von
einem Wachsfilm überzogen, der die Benetzung mit wäßrigen
Arzneizubereitungen erschwert. Die Haut ist elektrisch polar. Sie
verhält sich wie eine außen negativ geladene Membran. Geladene
hydrophile Stoffe durchdringen die Haut nicht, ihre Resorption kann aber
mittels Iontophorese erzwungen werden. Die Penetration erfolgt
über Haarfollikel und Talgdrüsen. Eine Aufnahme über die Schweißdrüsen
ist nicht sicher. Gut resorbiert werden niedermolekulare lipidlösliche
Verbindungen, die aber noch ausreichend wasserlöslich sein müssen. Durch
Vehikel vom Typ des Dimethyl-sulfoxids kann die kutane Resorption von
Wirkstoffen stark erhöht werden. Die Resorptionsrate ist proportional
der Größe der behandelten Hautfläche und der Konzentration des
Wirkstoffes. Bei Hautverletzungen ist ein ungehindertes Ein-
36
37 dringen auch von
sonst schwer resorbierbaren Stoffen ins Gewebe und die Blutbahn möglich
(cave Vergiftung!).
Die kutane Applikation ist nur in besonderen Fällen für Arzneimittel
geeignet, die resorptive Effekte entfalten sollen. Meist dient sie zur
Erzielung lokaler Wirkungen, die sich über Vasomotorenreflexe auch an
tiefer gelegenen Strukturen (Muskeln, Gelenken) äußern können.
Resorption durch Schleimhäute. Schleimhäute sind von einer
wäßrigen, oft schleimhaltigen Schicht bedeckt. Zu resorbierende Stoffe
müssen sich zuerst in diesem Medium lösen und deshalb eine
Mindestwasserlöslichkeit besitzen. Epitheldicke und Größe der Oberfläche
sind für die Resorptionsgeschwindigkeit bestimmend, sie variieren
zwischen den verschiedenen Schleimhäuten beträchtlich (Tabelle 6). Die
hohe Gefäßdichte gewährleistet den ständigen Abtransport der
resorbierten Stoffmenge. Die Stoffaufnahme erfolgt durch Diffusion.
Einige Analoga von Zuckern, Aminosäuren, Purinen, Pyrimidinen werden wie
ihre physiologischen Vorbilder im Darm aktiv resorbiert.
Tabelle 6 Charakteristik einiger, den Resorptionsprozeß
beeinflussender Grenzflächeneigenschaften
|
Ort |
Epithel/Struktur |
Oberfläche
[mü] |
Kontaktzeit mit Pharmakon |
|
Haut |
ms
verhorntes PE, |
1,6 |
willkürlich |
|
Stachelzellen, ZE |
|
|
|
Mundhöhle |
ms PE |
0,02 |
willkürlich |
|
Magen |
es ZE,
Falten |
0,1 — 0,2 |
min. bis
Std. |
|
Dünndarm |
es ZE,
Zotten, |
100 |
mehrere
Std. |
|
Mikrovilli |
|
|
|
Dickdarm |
es ZE,
Falten |
0,5 — 1,0 |
wenige
Std. |
|
Rektum. |
es und ms
PE |
0,04— 0,07 |
wechselnd |
|
Nase |
ms FE |
0,01 |
stark
wechselnd |
|
Bronchiolen, |
es
ZE/KE/FE, |
50 |
s. bis
Std., abhängig |
|
Alveolen |
in
Alveolen meist |
|
von
Exposition; |
|
direkter
Kontakt |
|
willkürlich |
|
Luft-Kapillarwand |
|
|
|
E =
Epithel, P |
=
Platten-, Z = Zylinder-, |
K =
kubisches, F |
=
Flimmer-, |
|
es =
einschichtiges, ms = mehrschichtiges |
|
|
Auch für Herzglykoside ist ein aktiver Transport angegeben worden.
Mehrere Wirkstoffparameter begünstigen die Resorption über die
Schleimhäute:
- Lipophilie (bei ausreichender Wasserlöslichkeit)
- niedriges Molekulargewicht
- flüssiger Zustand (gute Ausbreitung auf der Oberfläche)
- feiner Zerteilungsgrad bei festen Substanzen (höhere
Auflösungsgeschwindigkeit)
- mittlere pKa-Werte bei basischen und sauren Pharmaka. Die
Resorptionsrate von Säuren ist hoch, wenn pH < pKa, von Basen, wenn pH
>• pKa.
38
(1) Bukkaie, gastrale und enterale Resorption. Über die
Mundschleimhaut ist die Resorption geeigneter Verbindungen
(Nitroglyzerin, Isoprenalin) sehr gut. Vorteilhaft sind:
- die willkürliche Regulierung der Kontaktzeit mit dem Pharmakon
- keine Vermischung mit Speisen
- keine pH-bedingte asymmetrische Verteilung zwischen Blut und
Speichel (pH des Speichels 6,6-6,9)
- Umgehung der primären Leberpassage.
Die Besonderheit der gastralen Resorptionsverhältnisse besteht
im niedrigen pH-Wert des Magensaftes. Das Epithel der Magenschleimhaut
wirkt als Lipid-membran zwischen zwei wäßrigen Medien: Reiner Magensaft
pH ~ 1.0 (Magenflüssigkeit in vivo pH 2,0-4,0) und Blut pH = 7,4. Die
Resorption saurer oder basischer Stoffe wird wiederum durch den pKa-Wert
des Pharmakons bestimmt, da die Lipidbarriere nur von der neutralen Form
passiert werden kann (Abb. 10). Aufgenommene Speisen können durch
Bindung des Pharmakons dessen Resorption limitieren.
|
Salizylsäure pK 3,0 |
1 0,01 |
Salizylsäure
u
Salizylatanion |
-•»■ Salizylsäure
u
Salizylatanion |
1 25 000 |
|
1,01 |
gesamt |
gesamt |
25 001 |
|
Amidopyrin pK |
1 10000 |
Amidopyrinbase ^
u
Amidopyrinkation |
-*• Amidopyrinbase
11
Amidopyrinkation |
1 0,004 |
|
10 001 |
gesamt |
gesamt |
1,004 |
Magensaft pH 1,0 Blut pH 7,4
Abb. 10. pH-bedingte Unterschiede in der Verteilung einer Säure
(Salizylsäure) und einer Base (Amidopyrin) zwischen Magenschaft und
Blut. Beachte den starken Übergang der Salizylsäure aus dem Magen ins
Blut und die Retention des Amidopyrins im Magen
Die Dünndarmschleimhaut stellt das Hauptresorptionsorgan dar.
Sie eignet sich wegen ihrer großen Oberfläche (^lOOm2) und ihres
mikromorphologischen Baues vorzüglich für Resorptionsprozesse. Die
ständige Peristaltik bewirkt eine Durchmischung des Inhaltes und eine
Verstärkung von Filtrationsprozessen. Oral applizierte resorptionsfähige
Wirkstoffe gelangen nicht bis zum Kolon und Rektum, die
prinzipiell auch zur Resorption fähig sind. Stoffe, die in der Leber
schnell metabolisiert werden, entfalten nach rektaler Applikation
stärkere Wirkungen als nach oraler, da die primäre Leberpassage umgangen
wird.
39 (2) Pulmonale
Resorption. Die Lunge ist ihrem Bau nach für den Stoffaustausch mit
der Umgebung vorzüglich eingerichtet. Die Zahl der Alveolen in der
menschlichen Lunge beträgt etwa 400 Millionen. Die Alveolarluft steht in
direktem Kontakt mit der Kapillarwand. Eine geschlossene Epitheldecke
besteht nicht. Die Lungenoberfläche ist groß (70 m2, davon 45 m2
Alveolaroberfläche). Die Resorptionsgeschwindigkeit kommt der einer
intravenösen Injektion nahe. Zu medizinischen Zwecken werden Gase,
Dämpfe und Aerosole pulmonal appli-ziert. Dabei ist häufig nur eine
lokale Wirkung erwünscht (Antasthmatika bei Bronchiolenspasmus,
Sekretolytika bei Bronchitis/Bronchiolitis). Bei Narkotika, Amylnitrit
u. a. Pharmaka ist eine resorptive Wirkung beabsichtigt. Die pulmonale
Resorption folgt den Gesetzen der Diffusion. Eine Reihe von Prozessen
sind hintereinandergeschaltet: mechanische Konvektion durch äußere
Atmung -*■ Lösung ->■ Diffusion ins Blut -»- Blutkonvektion ->
Diffusion ins Gewebe.
Die Aufnahme eines (Narkose)-Gases ins Blut wird bestimmt durch:
- Blutlöslichkeit
- relative Konzentrationsdifferenz zwischen Alveole und Blut
- Stärke des Blutstromes
- Zustand der gasaustauschenden Fläche.
Bei der Diffusion vom Blut ins Gewebe gelten analoge Kriterien. Bei
einem definierten Stoff, z. B. dem Narkotikum Halothan, und einem
bestimmten Patienten werden die Aufnahmegeschwindigkeit und die
aufgenommene Gesamtmenge praktisch nur von der Konzentration des
Narkotikums in der Inspirationsluft bestimmt. Hierdurch können
Anflutungszeit und Narkosetiefe gesteuert werden (vgl. Abb. 11).
Maltr Spi»g»l VollnarkOM - Spi«g«t

Abb. 11. Verkürzung der Anflutungszeit eines Narkotikums von \.%
auf ti durch Erhöhung der Initialkonzentration von Ci aud C2 bis zur
Erreichung des Vollnarkose-Spiegels
Resorption aus dem Gewebe. Die Aufnahme eines Stoffes aus einer
lokalen Injektionsstelle im Gewebe unterscheidet sich von der
epithelialen Stoffaufnahme mehrfach.
- Die hochporöse Kapillarwand stellt eine schwächere
Diffusionsbarriere dar als eine Epithelschicht (s. Abb. 14).
- Auch lipidunlösliche Stoffe werden gut resorbiert, lipidlösliche
allerdings noch schneller.
100
,50
O)
£ 20
r 110
o
in
£
i 5


1
Dextran (60 000-90000)
\ Inulin (3000-4000)
Saccharose (342)
Mannitol ,182,
20 40
Zeit [min]
60
Abb. 12. Resorption einiger Saccharide unterschiedlichen
Molekulargewichtes (Zahlenangaben in Klammern) aus dem Muskelgewebe der
Ratte
- Selbst höhermolekulare Verbindungen (Insulin, MG ^5500)
diffundieren mit mittlerer Geschwindigkeit durch die Kapillarwand (s.
Abb. 14).
- Der Abtransport aus dem Gewebe über Lymphbahnen spielt keine
wesentliche Rolle.
Der Stofftransport im Gewebe geschieht durch Diffusion.
Geschwindigkeitsbestimmend wirken die Kapillarisierung und Durchblutung
des Gewebes, deshalb erfolgt nach subkutaner Applikation eine langsamere
Resorption als nach intramuskulärer Gabe. Anisotonische Lösungen
bewirken Gewebsreizung. Durch Gabe der Pharmaka in Form schwer
wasserlöslicher Salze oder in öliger Lösung sowie durch Adsorption an
nichtdiffusible Träger wird eine Depotwirkung erzielt (=
Resorptionsdepot).
Zusatz vasokonstriktorischer Mittel, z. B. Noradrenalin, verzögert
die Resorption eines anderen Wirkstoffes, z. B. eines
Lokalanästhetikums.
40
411.6.3. Verteilung
Verteilung ist der auf die Resorption folgende Vorgang, wobei sich
das Pharma-kon entsprechend den herrschenden Konzentrations- bzw.
chemischen Ungleichgewichten auf die ihm zugänglichen Räume des Körpers
verteilt. Nach Einstellung des Verteilungsgleichgewichtes liegt das
Pharmakon in den einzelnen Organen und Geweben in bestimmten
Konzentrationen vor (= Verteilungsmuster). Das
Verteilungsgleichgewicht ist kein stationäres, sondern ein dynamisches
Gleichgewicht.
150-
Niere

Abb. 13. Zeitlicher Verlauf der Organverteilung von
p-Aminomethyl-benzoesäure (PambaOU) beim Kaninchen nach oraler
Applikation von 250 mg/kg.
Verteilungstyp, Verteilungsvolumen. Applizierte Pharmaka können
sich auf 3 Körperflüssigkeitsräume verteilen: auf das Plasmawasser (Vp),
auf den Extrazellularraum (VE), bzw. auf das gesamte Körperwasser (V2)
(Abb. 14). Die Begriffe absolutes" und "relatives"
Verteilungsvolumen werden wie folgt definiert:
D
"abs.
: — [ml] c
Vrel- »
D
cTk
[m/g-']
D = Dosis [g]
c = Plasmakonzentration [g/m/] k = Körpergewicht [g]
42
Das Verteilungsvolumen ist keine stoffspezifische Konstante, sondern
vom Aufbau, Alter und Zustand des Organismus abhängig. Aus den
ermittelten relativen Verteilungsvolumina kann man auf den
Verteilungstyp schließen (s. Abb. 14).
|
197. |
207, |
4% |
117. |
127. |
|
|
|
|
|
|
|
<ü |
|
|
|
|
|
<u |
tn |
|
4/ |
|
|
ISS |
</)
V) |
1 |
|
tei |
|
|
|
SS |
V) |
|
■a §
ü |
|
-Was |
ffusib ielles |
diffus tielles |
Uulärc |
|
M |
|
o |
T3 ^ |
|
a> |
|
tige E |
erfett |
8 |
ficht iterst |
.chwe nters |
ntraz |
|
c |
8- |
|
-----r ._ |
|
|
|
o |
|
|
Lü |
|
|
|
Typ |
|
|
|
ST |
|
|
|
|
|
1 |
|
|
1 |
|
|
|
2 |
|
|
|
|
|
|
3 |
|
|
|
|
4 |
|
|
^^^^^^^^^^^ |
Vrel. t«/.]
~20 -70 >100
Abb. 14. Prozentuale Anteile der Körperflüssigkeitsräume an der
Gesamtkörpermasse und schematische Darstellung von Idealverteilung mit
den annähernden relativen Verteilungsvolumina Typ 1: rein intravasale
Verteilung
Typ 2: Verteilung auf Plasmawasser und zwischenzelluläres
Lösungswasser
Typ 3: Verteilung auf das gesamte Körperwasser
Typ 4: Verteilung eines Pharmakons mit hohem
Öl/Wasser-Verteilungs-koeffizienten vorzugsweise auf da» Körperfett
Die Typen 1—3 gehören lipidunlöslichen, Typ 4 lipidlöslichen Stoffen
zu. Beachte: Relatives Verteilungsvolumen und Plasmakonzentration des
Pharmakons sind umgekehrt proportional
Sehr gut lipidlösliche Stoffe reichern sich im Körperfett an und
ergeben relative Verteilungsvolumina > 70%.
Seitens des biologischen Systems wirken folgende Parameter
verteilungsbestimmend:
- Aufbau der Kapillar- und Zellmembranen
- Grad der Kapillarisierung und Durchblutung
- Fettgehalt der Gewebe
- pH-Werte der Körpersäfte
- Affinität von Rezeptoren
- allgemeine biologische Faktoren (Alter, Geschlecht, Spezies).
Kapillar- und Zellmembranen differenzieren den Durchtritt
lipidunlöslicher Pharmaka vornehmlich nach ihrer Molekülgröße. Ist der
Molekülradius größer als der
43effektive
Porenradius der Kapillarwand (z. B. pextrane, PVP, Assoziate
niedermolekularer Verbindungen), können intravasal verabreichte Stoffe
nicht ins Gewebe diffundieren. Pharmaka, die fähig sind, die Poren der
Kapillarmembran, aber nicht mehr die der Zellmembran zu passieren (z. B.
Inulin, Mannit, SO? -, SCN-), verteilen sich extrazellulär.
Spezifik der Verteilung. Die Penetration vom Blut ins Gewebe ist
z. T. organspezifisch. Ins ZNS ist sie durch die Blut-Hirn- und
Blut-Liquor-Schranke stark behindert. Der effektive Porenradius
der Gehirnkapillaren ist mit 7-9 A wesentlich kleiner als der von
Muskelkapillaren (30 A). Durch entzündliche Prozesse wird die
Penetrationsfähigkeit gesteigert (z. B. die der Chemotherapeutika). Der
Übergang von Pharmaka aus dem Blut in den Liquor cerebrospinalis bzw. in
das Gehirn wird weitgehend durch ihre Lipidlöslichkeit bestimmt (Abb.
15).
Thiopental -Anilin —•

' Aminopyrin Pentobarbital
Q001 Q01 Q1
Heptan/Wasser - Verteilungskoeffizient
Abb. 15. Korrelation zwischen Heptan/Wasser-Verteilungskoeffizienten
einiger Pharmaka und ihrer Eindringgeschwindigkeit in den Liquor
cerebrospinalis beim Hund. Bezogen auf nicht ionisierte Verbindungen
Die Stoffausbreitung in der Leber wird durch den hochporösen
Bau der Sinusoid-
wandung und die reiche Vaskularisierung begünstigt.
Auch die Plazentarschranke ist für nahezu alle Pharmaka
permeabel. Die Durchlässigkeit nimmt beim Menschen etwa bis zum 8. Monat
zu, dann wieder ab. Eine Schädigung des Feten erfolgt vor allem während
der Organogenese (2.-12. Schwangerschaftswoche). Dabei werden
Mißbildungen induziert (Thalidomid!). Die Verteilung eines Pharmakons
vor Erreichen des Verteilungsgleichgewichtes ist maßgeblich von der
Durchblutung der Organe und Gewebe abhängig (Beispiel:
44
Ultrakurznarkose). Eine ausgedehnte Kapillarisierung führt zur
schnellen Einstellung des Verteilungsgleichgewichts. Für das
Verteilungsmuster ist die Durchblutungsgröße nicht entscheidend.
Schlecht vaskularisierte Gewebe oder Organe nehmen den Stoff nur langsam
aus dem Blut auf.
Fettgewebe wirkt für gut lipidlösliche Pharmaka als Depot. Deshalb
reichern sich Narkotika im ZNS und Fettgewebe an (Narkosetheorie; s.
Abschn. 6.2.). Eine alters- und geschlechtsabhängige
Verteilungscharakteristik wird besonders bei Stoffen beobachtet, die
sich auf das Körperwasser verteilen. Das Körpergewicht des Säuglings
besteht etwa zu 1k, das der Erwachsenen zu 1/e aus
extrazellulärer Flüssigkeit. Der mittlere Gesamtwassergehalt ist bei
Männern höher als bei Frauen.
Die Blut-Hirn-Schranke ist beim Feten und Neugeborenen stärker
durchlässig als beim Erwachsenen.
Eiweißbindung der Pharmaka. Viele Arzneimittel werden nach der
Resorption an Plasma- und Gewebsproteine reversibel gebunden,
vorzugsweise an die Plasma-Albumine. Die Bindung erfolgt vorwiegend über
hydrophobe und Ionenbeziehungen, teilweise auch über
Wasserstoffbrückenbindungen. Pharmaka mit sauren Gruppen binden stärker
als basisch reagierende Verbindungen.
Die wichtigsten Konsequenzen der Plasmaproteinbindung sind:
r- Verminderung der biologischen Aktivität, da nur der freie Anteil
diffusions- und rezeptorwirksam ist.
- Verlängerung der Wirkungsdauer, da proteingebundenes Pharmakon
nicht der Elimination unterliegt.
- Konkurrenz zweier oder mehrerer Pharmaka um gleiche Bindungsareale
an Plasmaeiweiß. Der Blut- und Gewebespiegel des verdrängten Pharmakons
steigt in Abhängigkeit von den Bindungskonstanten und der Dosis des
verdrängenden Pharmakons (z. B. verdrängt Phenylbutazon Kumarine,
Digitoxin und Salizylate). Diese verstärkende Wirkung ist bei
Kombinationstherapie zu beachten!
- Bildung von Komplexantigenen. Auslösung einer Arzneimittelallergie.
Manche Pharmaka (lipidlösliche, nicht ionisierte) können die
Erythrozytenmem-branen passieren und sich an das Hämoglobin binden. Die
Auswirkungen sind analog denen der Plasmaproteinbindung.
Speicherung = Anreicherung des Pharmakons in einzelnen
biologischen Strukturen. Sie kann folgende Ursachen haben:
- Anhäufung durch aktiven Transport (Adrenalin, Noradrenalin)
- hohe chemische Aktivität zu Biostrukturen (Blei, Plutonium in
Knochen)
- große Löslichkeit in Lipiden (Narkotika im Fettgewebe).
Speichervorgänge lassen sich medikamentös beeinflussen in Form der
Entspei-cherung (= Freisetzung des Wirkstoffes durch Rezeptor- oder
Stoffkonkurrenz oder Rezeptordeformation) und der Speicherblockade
(= Stoffe mit hoher Bindungsneigung zur Speicherstruktur blockieren
den Zutritt eines Pharmakons).
45 1.6.4.
Elimination
Unter Elimination werden alle Prozesse zusammengefaßt, die zur
Konzentrationsabnahme des Pharmakons im Organismus führen. Sie umfaßt
(1) die Biotransformation = enzymatische Umwandlung des Wirkstoffes in
Metabolite und (2) die Exkretion = Ausscheidung des unveränderten
Stoffes und/oder der Metabolite.
Biotransformation. Durch die enzymatische Biotransformation
werden gut lipid-lösliche Fremdstoffe in stärker wasserlösliche
Metabolite umgewandelt. Dies ist Voraussetzung für ihre renale
Exkretion. Die Biotransformation erfolgt überwiegend in der Leber, in
geringerem Umfang auch in anderen Organen (Lunge, Niere,
Dünndarmschleimhaut). Auch bestimmte Serumenzyme können geeignete
Verbindungen umsetzen, z. B. Ester durch Serumesterasen.
Bei der Umwandlung der Fremdstoffe entstehen meist weniger oder
unwirksame Verbindungen (= Entgiftung), seltener gleich bzw.
stärker wirksame Derivate (= Giftung), vgl. Tabelle 7.
Tabelle 7 Änderung der Wirksamkeit einiger Pharmaka nach
Hydroxylierung in der Leber
Pharmakon
Metabolit
Wirksamkeit des Metaboliten gegenüber Ausgangsverbindung
Phenobarbital Meprobamat
_> Hydroxyphenobarbital geringer = Entgiftung _+.
Hydroxymeprobamat
Phenylbutazon Phenazetin
_>. Oxyphenylbutazon _>. Parazetamol
etwa gleich
Parathion Tremorin
_>. Paraoxon _>. Oxotremorin
stärker = Giftung
Dominierende Reaktionsarten sind:
- oxydative Veränderungen, wie Hydroxylierung, N-, O- und
S-Desalkylierung, Desaminierung, N- und S-Oxydation, Dehalogenierung
- Konjugationen, wie Azetylierung, Schwefelsäure- oder
Glukuronsäurekonjuga-tion, Merkaptosäurebildung; oft sind oxydative
Transformationen wenig polarer Pharmaka Voraussetzung für die
nachfolgende Konjugatbildung
- hydrolytische Reaktionen, wie Ester- und Säureamidspaltung
- Reduktionen, z. B. von Nitro-, Nitrat-, Azogruppen.
46
Ein Schlüsselenzym der Biotransformation ist das Zytochrom P-4S0, das
in Zusammenwirken mit einer Reduktase und Phospholipiden unter O2- und
NADPH-Verbrauch eine sehr große Zahl chemisch unterschiedlich gebauter
Stoffe umzusetzen vermag. Einige Eigenschaften dieses Systems sind in
Tabelle 8 zusammengefaßt. Der Reaktionsmechanismus geht aus
Abbildung 16 hervor. Danach wird
Tabelle 8 Eigenschaften des Zytochrom P-450-Systems
- Strukturgebunden im endoplasmatischen Retikulum
- NADPH- und O2-abhängig
- langsame Oxydationsgeschwindigkeit
- geringe Strukturspezifität des Umsatzes organischer Verbindungen
- Konkurrenz unterschiedlicher Substrate um die Bindungsstellen,
dadurch wechselseitige Hemmung des Abbaus
- hemmbar durch bestimmte Stoffe ("Mikrosomenhemmstoffe")
- erstes Auftreten pränatal, Ausprägung postnatal
- Spezies- und Individualvariabilität
- Abhängigkeit von Ernährungsfaktoren; proteinreiche, KH-arme Diät
fördert die Bildung und umgekehrt
- Induktionafähigkeit der Bildung des Systems durch verschiedene
Fremdstoffe (Bar-biturate, Benzpyren)
durch dieses Eisenprotoporphyrin-IX-Proteid der Fremdstoff gebunden,
durch die Reduktase unter NADPH-Verbrauch das dreiwertige Hämineisen
reduziert, worauf dieses sodann molekularen Sauerstoff anlagert. Unter
Aufnahme eines zweiten Elektrons wird schließlich ein Atom des
Sauerstoffs in das zu hydroxylierende Substrat eingeführt, das andere zu
Wasser umgesetzt. Die so hydroxylierte Verbindung wird vom Enzym
freigesetzt, das nunmehr in seiner oxydierten Form ein neues
Fremdstoffmolekül binden kann. Die Hydroxylgruppen der Metabolite stehen
für weitere enzymatische Reaktionen (Glukuronidierung, Glyzinkopplung,
Sulfatierung) bereit, wodurch die Wasserlöslichkeit der entstehenden
Produkte und damit ihre renale Eliminationsfähigkeit noch weiter
gesteigert wird. Die Biotransformation von Fremdstoffen durch das
Zytochrom-P-450-System hat auch toxikologische Bedeutung.
Beim Metabolismus von z. B. a-Methyl-DOPA, Parazetamol aowie
Furosetnid entstehen aktive Intermediäre, die mit Proteinen und
anderen Biopolymeren reagieren können. Als Folge davon kann es zum
Auftreten einer Lebernekrose kommen.
Bei der Hydroxylierung einiger Arzneimittel und Fremdstoffe durch
Zytochrom P-450 entstehen reaktive Epoxide, die durch die mikrosomale
Epoxidhydratase weiter hydriert werden. Metabolische Epoxide wurden u.
a. für Benzpyren, Benz-anthrazen. Allobarbital, Sekobarbital,
Karbamazepin, Diäthylstilböstrol, Diphenyl-hydantoin, Metaqualon,
Imipramin, Azetanilid beschrieben. Epoxide können muta-gen wirken.
Experimentell wurde eine Korrelation zwischen Mutagenität und
Kanzerogenität nachgewiesen.
47
Abb. 16. Vereinfachtes Reaktionsschema der
Zytochrom-P-450-gekoppel-ten Fremdstoffhydroxylierung. AH =
Arzneimittel, AOH = hydroxy-liertes Arzneimittel
Die Epoxidhydratase zeigt eine relativ breite Substratspezifität. Bei
gleichzeitiger Gabe von Arzneimitteln, die zu intermediären Epoxiden
abgebaut werden, kann die Kapazität des Enzyms erschöpft sein und eine
Anhäufung mutagen wirkender Metabolite die Folge sein.
Mutagen wirkende Metabolite wurden auch für das Nitrofurantoin
beschrieben. Sie entstehen durch die Aktivierung mittels Nitroreduktase.
Exkretion. Sie erfolgt vorwiegend über die Niere, weniger über Lunge,
Leber,
Darm und Drüsen.
(7) Renale Ausscheidung. Hierbei wirken 3 Mechanismen
zusammen: Filtration,
tubuläre Reabsorption und tubuläre Sekretion (Abb. 17).
- Die Filtration erfolgt durch die hochporösen Wandungen der
Glomerulum-kapillaren (Porenradius 30-40 A) ohne Schwierigkeiten. Bei
der Filtration spielt die Lipidlöslichkeit der Stoffe keine Rolle. Es
werden lipidunlösliche Substanzen genauso gut filtriert wie
lipidlösliche. Bei Pharmaka mit starker Plasmaprotein-Bindung wird in
dem Maße, wie der nicht proteingebundene Anteil abfiltriert wird,
gebundenes Pharmakon vom Protein abgespalten
48
und nachgeliefert. Auf diese Weise erfolgt eine Verzögerung der
renalen Ausscheidung, wobei die Geschwindigkeit der Dissoziation des
Plasmaprotein-Pharmakon-Komplexes die Filtration limitiert.
Filtration
alle niedermolekularen ■frei gelösten Pharmaka
Reabsorption
1. Rückdiffusion (lipidlösliche Pharmaka)
2. aktive Rückresorption (Harnsäure, Glukose)

Sekretion, aktiver Transport 1. organische Säuren 2 starke
organische Basen
hydrophile Stoffe schwach lipophile Stoffe stark lipophile Stoffe
Abb. 17. Zusammenwirken verschiedener Mechanismen bei der renalen
Stoffbewegung von Pharmaka
- Bei der tubulären Reabsorption wirken die lipidhaltigen
Membranen der Tubu-luszellen diskriminierend. Die transzelluären
Diffusionsprozesse setzen voraus, daß die Pharmaka in einem gewissen
Grade wasserlöslich, möglichst gut lipid-löslich und nicht ionisiert
vorliegen. Schwach saure oder schwach basische Pharmaka ändern mit dem
Ionisationsgrad ihre Lipidlöslichkeit. Ihre Rück-diffusionsfähigkeit
wird demzufolge vom pH des Urins bestimmt. Schwache Basen gehen bei
Erniedrigung des Urin-pH vermehrt in die protonisierte Form über und
werden stärker ausgeschieden. Deshalb ist die Ansäuerung des Urins
(Gaben von NH4CI) bei Vergiftung mit Alkaloiden oder anderen basischen
Stoffen ratsam (Abb. 18). Saure Pharmaka erfordern konträres Vorgehen
(Sulfonamide).
Neben der passiven Rückdiffusion werden einige Verbindungen (Glukose,
Harnsäure) aktiv rückresorbiert.
- Die tubuläre Sekretion ist ein aktiver Vorgang. Organische
Säuren (z. B. Penicillin, PAH, Probeneeid, PAS) und starke Basen (z. B.
Morphin, Tolazolin, TEAB, Chinin) werden mittels getrennter
Carriersysteme durch die Zellen des proximalen Tubulus aus dem Blut in
den Urin transportiert. Pharmaka, die tubulär sezerniert werden, haben
eine kurze Wirkungsdauer. Die Spezifität der Carriersysteme ist gering.
Durch Carrierkonkurrenz kann mittels Probeneeid eine Exkretionshemmung
und dadurch Wirkungsverlängerung für Penicillin, PAS oder eine
Reabsorptionshemmung und dadurch verstärkte Ausscheidung der Harnsäure
(Gicht) erzielt .werden.
In der Regel wirken bei der renalen Ausscheidung mehrere Mechanismen
gleich-
49
4 Markwardt, Pharmakologier-,
6000
cn
a.
c
o 4000 %
Q.
E
~ 2000-
^
/
pH 4,9-5,3
/
/
/
o'..
0 — ^Ca—*-
-A------•*■
unbeeinflußt •-^•—••
pH 7,8-8,2 -a—a—*
8 Zeit CStd]
12
16
Abb. 18. Kumulative Urinausscheidung von Methamphetamin beim Menschen
unter variierendem Urin-pH nach oraler Gabe von 11 mg Methamphetamin.
Die Ansäuerung wurde mittels oraler Zufuhr von NH4CI, die Alkalisierung
mittels NaHCO3 erreicht
zeitig. Aus der Höhe der renalen Clearance (CR) kann man auf das
Zusammenwirken der Eliminationsprozesse in der Niere schlußfolgern.
(2) Pulmonale Ausscheidung. Über die Lunge können nur Gase und
flüchtige Stoffe ausgeschieden werden. Der pulmonalen Ausscheidung
liegen Diffusionsvorgänge zugrunde. Sie wird beeinflußt durch folgende
Faktoren:
-
Verteilungsvolumen (VD)
- Dampfdruck
- effektive pulmonale Ventilation (Vp)
- pulmonale Blutstromstä rke
(Cp).
Für die Abflutung entscheidend ist die Blutlöslichkeit eines Gase
oder flüchtigen Stoffes. Sie ist umgekehrt proportional dem Dampfdruck.
Mit fallender Blutlöslichkeit wird die pulmonale Exkretion schneller,
die Halbwertszeiten werden kürzer (Tabelle 9.).
Tabelle 9 Halbwertszeit (ti/2) der pulmonalen Elimination
verschiedener Narkotika in Abhängigkeit ihrer Blutlöslichkeit (\)
unter standardisierten Bedingungen (VD =
|
75/ |
|
6/ |
• min -1;
Cp = |
4/-min-i) |
|
|
|
|
|
Äthylen |
Distickstoffoxid |
Halothan |
Äther |
|
X
tl/2 |
min |
|
0,140
14 |
0,468
17 |
2,35 33 |
15,2
144 |
50
Eine Verstärkung der Ventilation (z. B. nach Gabe von Analeptika)
wirkt sich auf die Ausscheidung gut blutlöslicher Stoffe (Äther) stark,
auf die schlecht blutlöslicher (Distickstoffoxid) wenig aus. Eine
Zunahme der Blutstromstärke (z. B. nach Gabe von Kardiotonika) fördert
besonders die Abflutung der schlecht blutlöslichen und nur gering die
der gut blutlöslichen Stoffe.
(3) Sonstige Ausscheidungsvorgänge. Die biliäre
Ausscheidung erfolgt z. T. mittels Diffusion. Ein aktiver Transport
ist für verschiedene organische Säuren und andere Stoffe beschrieben
worden (Röntgenkontrastmittel bei Biligrafie). Die aktiv sezernierten
Produkte sind osmotisch aktiv. Einige werden deshalb als Choleretika
benutzt.
Treten in der Galle lipophile Produkte auf, werden sie nach Eintritt
in den Dünndarm in das Portalvenenblut rückresorbiert (=
enterohepatischer Kreislauf) und können erneut wirksam werden.
Eine echte intestinale Ausscheidung konnte bisher nur bei den
Schwermetallen nachgewiesen werden. Die glanduläre Exkretion
gehorcht einer pKa-abhängigen Verteilung. Von praktischer
Konsequenz ist der Übertritt von Pharmaka oder anderen Fremdstoffen in
die Milch während der Laktation (cave Arzneimittel- bzw.
Genußmittel-Intoxikation von Säuglingen stillender Mütter).
1.7.
Pharmakokinetik
Unter Pharmakokinetik versteht man die Lehre von den zeitlichen
Veränderungen der Konzentration eines applizierten Pharmakons im
Organismus. Die biologische Wirkung ist abhängig von der aktuellen
Stoffkonzentration in der Biophase (= Umgebung des Rezeptors des
Wirkortes). Diese ist wiederum eine Resultante aus den Einzelprozessen
Resorption, Verteilung und Elimination und der Bildungs- und
Dissoziationsgeschwindigkeit des Pharmakon-Rezeptor-Kom-plexes.
Organismen sind wegen ihrer untrennbaren Verbindungen mit der
Umgebung offene Systeme. Die Applikation eines Pharmakons erzeugt
ein Konzentrationsund damit Fließungleichgewicht, Invasionsrate und
Evasionsrate sind unterschiedlich. Zum Zeitpunkt des
Konzentrationsmaximums besteht ein momentanes Fließgleichgewicht, d.h.
die von der Applikationsstelle in den Organismus einströmende Stoffmenge
und die aus dem Organismus eliminierte Menge sind in der Zeiteinheit
gleich groß.
Invasion. Sie umfaßt die Teilprozesse Resorption, Stoffkonvektion und
Einstrom ins Gewebe. Die Invasion verläuft exponentiell. Die
Zunahmegeschwindigkeit des Blutspiegels wird mit fortschreitender Zeit
immer langsamer und nähert sich asymptotisch dem Wert 0 (Abb. 19). Die
Invasionsgeschwindigkeit ist numerisch identisch mit der
Abnahmegeschwindigkeit des Stoffes am Applikationsort. Sie ist abhängig
von den Stoffeigenschaften, dem Applikationsort, dem Verteilungsvolumen,
den lokalen Bedingungen und der Arzneiform.
51 Zahl der Zahl der
nichtresorbierten Moleküle resorbierten Moleküle

Zeit
Abb. 19. Spiegelbildlicher Verlauf der Abnahme des Pharmakons am
Applikationsort und seiner Invasion
5
100 50
20
II10
oo
5r
2-
Ph«nylbutazon 0,015

I
J_
6 8
Zeit CStdJ
10
12
Abb. 20. Evasionskurven für einige Pharmaka im halblogarithmischen
System. Die Zahlenwerte stehen für die Eliminationskonstante k in [h-i]
Evasion. Sie umfaßt alle Schritte, die zur Entfernung eines
aufgenommenen Stoffes aus dem Körper führen. Die Evasion wird durch die
Geschwindigkeit der Elimination bzw. des Rückstromes des Pharmakons aus
den Geweben bestimmt. Der
52
zeitliche Verlauf der einzelnen Teilschritte erfolgt meist nach
Exponentialfunktionen. Abweichungen von diesem Verlauf kommen bei
solchen enzymatischen Biotransformationen vor, deren Schrittmacherenzym
im Sättigungsbereich arbeitet. So erfolgt z. B. die Äthanolelimination
beim Menschen linear, d. h., die pro Zeiteinheit abgebaute Menge ist,
mit Ausnahme der Endphase, konstant und unabhängig vom Blut- und
Gewebsspiegel.
Die Evasionsgeschwindigkeit der Pharmaka variiert stark (Abb. 20).
Die Ursache dafür ist teils in aktiven Sekretionsprozessen, wie bei der
tubulären renalen Sekretion organischer Säuren und Basen, teils in
Speichervorgängen, wie bei starker Plasmaeiweißbindung bzw. Lösung in
Fettgewebe, zu suchen. Die Eliminations-oder biologische
Halbwertszeil ist die Zeit, in der die Konzentration eines Stoffes
in Blut, Plasma oder Plasmawasser um die Hälfte des Ausgangswertes
abgenommen hat.
Zusammenwirken von Invasion und Evasion. Invasions- und
Evasionskinetik eines Stoffes bestimmen die Höhe des Blut- und
Gewebsspiegels bzw. der Biophasenkonzentration des Pharmakons und damit
die Wirkungsstärke und -dauer. In Abbildung 21 sind die grundsätzlichen
Vorgänge, die die aktuelle Konzentration im Plasmawasser und in der
Biophase bestimmen, schematisch dargestellt. Bei phar-makokinetischen
Untersuchungen ist es gebräuchlich, die Konzentration eines Stoffes im
Plasma bzw. Plasmawasser als Meßgröße zu erfassen, da diese in engem
Zusammenhang mit der Biophasenkonzentration steht. Invasion und
Evasion verlaufen gegensinnig exponentiell.
Applikationsort (A0) Blut(B)
Gewebe (G)

Verteilung f ^\ Verteilung + Bindung
■■»■
I
Nr. ] -■
Rückstrom
Dissoziat.+ Rückstrom

|
ion |
|
|
CD |
Ä |
|
X |
Rea tion |
|
NE (+ME) |
Abb. 21. Konzentration eines Wirkstoffes N im Plasmawasser und in der
Biophase als Resultat des Zusammenwirkens verschiedener nach der
Applikation ablaufender Prozesse. PW = Plasmawasser, E = Exkrete, M =
Metabolite von N, fix. = fixierte Anteile von N bzw. M, B = Biophase, R
= Rezeptor
53 Der Blutspiegel
ist eine Resultante aus beiden Funktionen (Abb. 22). Der Zeitpunkt des
Blutspiegelmaximums ist abhängig von der Invasions- und
Evasionskonstante, seine Höhe von der verabreichten Dosis. Wird eine
Verbindung intravenös appliziert, ist der Blutspiegel zum
Injektionszeitpunkt maximal, weil in diesem Moment nur das zirkulierende
Blutvolumen als Verteilungsraum wirkt.
Invasion

Abb. 22. Der Blutspiegelverlauf eines Pharmakons (c, ausgezogene
Kurve) als Resultante aus Invasions- und Evasionskinetik. Linker Teil
der Abbildung in doppelt linearem, rechter Teil im halblogarithmischen
Koordinatensystem dargestellt. Wird der wirksame Blutspiegel mit cj>
0,25 angenommen, so hält die Wirkungsdauer über die Zeitspanne A tBf(
an.
Abb. 23. Auswirkung der Variation von c (Konzentration im
Verteilungsgleichgewicht — dosisabhängig!) (links), der
Evasionskonstante k (Mitte) und der Invasionskonstante k (rechts) bzw.
von k und cVG (rechts) auf den Verlauf des Blutspiegels. Die
therapeutisch wirksame Konzentration im Blut (entscheidend für die
Wirkungsdauer!) liegt bei ct = 0,25 — 0,50; toxische Wirkungen
werden bei c > 0,50 erreicht.
54
Die Wirkungsdauer ist eine Funktion von Dosis. Invasions- und
Evasionskonstante sowie der eben wirksamen Schwellenkonzentration im
Blut. Eine Verlängerung der Wirkungsdauer wird besonders bei
Pharmaka angestrebt, die zur Dauerbehandlung chronischer Krankheiten
eingesetzt werden. Sie kann auf dreierlei Weise erreicht werden (vgl.
Abb. 23).
_ Dosiserhöhung. Sie ist nur bedingt anwendbar, da hierbei
zugleich der Blutspiegel erhöht wird und deshalb die maximale
Blutkonzentration toxische oder letale Grenzen erreichen kann.
_ Eliminationsdepots infolge yerlangsamung der Evasion. Sie
kann durch chemische Modifikation der Pharmaka und eine dadurch
begünstigte Speicherung (z B. höhere Affinität zu Plasmaeiweißen), durch
Hemmung der mikrosomalen Biotransformation, durch KonküYrenzhemmung bei
der tubulären Sekretion und durch verstärkte tubuläre Rückdiffusion
infolge Veränderung des Urin-pH erreicht werden. Die
Wirkungsverlängerung ist hierbei wesentlich starker als die Zunahme des
maximalen Blutspiegels.
_ Resorptionsdepots infolge Verlangsamung der Resorption bei
gleichzeitiger
Dosiserhöhung. Toxische Blut- bzw. Gewebsspiegel lassen sich bei
dieser Form
der Wirkungsverlängerung gut vermeiden. Resorptionsdepots werden
erreicht
durch mechanische Hemmung der Wirkstoff-Freigabe, Verkleinerung der
diffusionswirksamen Oberfläche der Arzneiform, Verabreichung schlecht
wasserlöslicher Derivate, Adsorption der Wirkstoffe an indifferente
Trager,
Lösung in schlecht resorbierbaren Lösungsmitteln,
Durchblutungshemmung im
Resorptionsgebiet sowie durch Kombination dieser Prinzipien.
Die Bioverfügbarkeit von Arzneimitteln kann durch eine große
Zahl moderner
pharmazeutischer Technologien (Mikrokapseln, Liposomen) in weiten
Grenzen
gesteuert werden.
1.8.
Wiederholte Gabe
Wiederholte Gabe
- keine Änderung von Wirkungsstärke und Wirkungsbild
-qualitative Änderung (Wirkungsbild) —— Sensibüisierung, Allergie
-quantitative Änderung (Wirkungsstärke)
t Verstärkung —•- Stoffkumulation, Wirkungskumulation Verminderung
—•- Gewöhnung, Resistenz
-Abhängigkeit, Sucht
Abb. 24. Schematische Darstellung der möglichen Auswirkungen bei
wiederholter Gabe eines Pharmakons
55In der therapeutischen Praxis ist die wiederholte Verabreichung
von Einzeldosen eines Präparates die Regel. Sie ist erforderlich durch
die längere Dauer einer Krankheit und die begrenzte Wirkungsdauer des
Pharmakons. Die wiederholte Gabe eines Pharmakons kann gegenüber der
erstmaligen zu veränderten Reaktionen des Organismus führen (vgl. Abb.
24).
1.8.1. Wirkungsverstärkung
Eine Wirkungsverstärkung wird entweder durch eine Stoff- oder eine
Wirkungskumulation verursacht.
(1) Die Stoffkumulation hat pharmakokinetische Ursachen.
Sie kommt zustande, wenn das Applikationsintervall kleiner ist als die
Zeitspanne, die zur vollständigen Elimination einer Einzeldosis
notwendig ist. Sie wird begünstigt durch hohe Einzeldosen, kurze
Applikationsintervalle und niedrige Evasionskonstanten eines Pharmakons
(Abb. 25).
relative Impulszahl je Ratte
220 4

20
40 60
Zeit [Tage]
Abb. 25. Kumulation von Hg nach wiederholter intravenöser Gabe
(/>) von 203Hg(NO3)2 bei der Ratte
die im gleichen Zeitraum eliminiert wird. Sie wird durch die Größe
der Evasionskonstante bestimmt und errechnet sich aus der Vollwirkdosis
und dem pro Tag davon eliminierten Prozentsatz (= Abklingquote).
Erhaltungsdosis =
Vollwirkdosis • Abklingquote
100
Der Zahlenwert, der die Abklingquote zu 100% ergänzt, ist die
Persistenzquote eines Mittels.
Abklingquote + Persistenzquote = 100%
Die Dauerinfusion kann als wiederholte Zufuhr sehr kleiner
Dosen in sehr kleinen Zeitabständen angesehen werden. Die
Blutspiegelkurve ist eine Resultante aus Invasions- und Evasionsvorgang
(vgl. Abschn. 1.7.).
Eine Stoffkumulation tritt in üblicher Dosierung z. B. bei Gabe von
Digitalisglyko-siden, Kumarinen, Depotsulfonamiden auf. Bei chronischen
und infektiösen Erkrankungen ist sie erwünscht, da sie einen
gleichmäßigen Blut- und Gewebsspiegel und seltenere
Applikationsintervalle gewährleistet. Nachteilig sind die schlechte
Steuerbarkeit und die Gefahr einer kumulativen Intoxikation. (2)
Eine Wirkungskumulation liegt vor, wenn nach Elimination der
verabfolgten Dosis eines Stoffes der induzierte biologische Effekt
persistiert. Das biologische System kehrt nicht in seinen
Ausgangszustand zurück. Die nachfolgende Gabe trifft also auf einen
"allobiotischen" Organismus und induziert einen neuen irreversiblen
Effekt, der sich zum vorhergehenden summiert. Stoffe mit diesen
Eigenschaften werden Summationsgifte genannt. Bei manchen Agenden hängt
der Summationseffekt nicht nur von der absoluten Dosis, sondern
gleichzeitig von der Einwirkzeit ab.
Eine echte Wirkungskumulation tritt im Falle einer Veränderung
des DNS-Bestandes der Zelle, der durch Replikation auf die Tochterzelle
übergeht, auf. Sie kommt bei Kanzerogenen und Mutagenen vor.
Eine scheinbare Wirkungskumulation liegt vor, wenn die
irreversibel beeinflußte biologische Struktur durch Resynthese ersetzt
wird und die erneute Applikation des Pharmakons vor Abschluß der
Resynthese erfolgt: Zum Beispiel wird die durch Alkylphosphate
ausgeschaltete Cholinesterase im Verlaufe einiger Tage durch Neubildung
wieder aufgefüllt; wird das Applikationsintervall des
Cholin-esterasehemmstoffes entsprechend kurz gehalten, kann in der
Anfangsphase eine eindeutige Wirkungskumulation beobachtet werden.
Um den therapeutisch wirksamen Blut- und Gewebsspiegel (=
Vollwirkspiegel) zu erreichen, muß die Vollwirkdosis verabfolgt
werden. Der Vollwirkspiegel kann entweder durch Gabe einer Summe von
Einzeldosen bei konstantem Applikationsintervall (= Sättigungs-
oder Auffülldosis) oder durch einmalige erhöhte Initialdosis (=
Stoßdosis) erzielt werden. Danach wird die Therapie mit geringen Dosen (=
Erhaltungsdosen) bzw. größeren Applikationsintervallen fortgesetzt.
Bei vollständiger Resorption eines Stoffes entspricht die
Erhaltungsdosis der Stoffmenge,
56
1.8.2.
Wirkungsabnahme
Die Wirkungsabnahme eines Pharmakons bei wiederholter Applikation ist
nicht selten. Sie äußert sich in einer schrittweisen Abschwächung der
biologischen Effekte. Um die ursprüngliche Wirkungsstärke wieder zu
erreichen, muß die Dosis des Stoffes erhöht werden. Betrifft diese
Erscheinung den menschlichen Organismus, wird sie als Gewöhnung
oder Toleranz bezeichnet; handelt es sich um (pathogene)
Mikroorganismen oder höhere Parasiten, als Resistenz.
57 Die Gewöhnung kann
sich schon nach sehr wenigen Einzeldosen einstellen (= Tachyphylaxie)
oder als chronische Form auftreten. Sie kann sich auf ein einzelnes
Pharmakon (= spezifische Toleranz oder wechselseitig auf eine
Gruppe von Stoffen erstrecken (= Kreuztoleranz, Kreuzresistenz).
Kreuztoleranz beobachtet man z. B. bei Äthanol und Barbituraten sowie
anderen Narkotika.
(1) Die Gewöhnung kann verschiedene Ursachen haben:
- Verminderte Resorption. Beispiel: Wiederholte Einnahme
kleiner Mengen Arsenikpulvers führt auf Grund der nekrotisierenden
Wirkung des AS2O3 auf die Darmschleimhaut zu morphologischen
Alterationen, wobei es zur Verminderung der Sekretbildung und dadurch
zur ungenügenden Lösung des Stoffes und Resorption kommt!
- Verstärkte Elimination (insbesondere Biotransformation). Sie
betrifft vorzugsweise die Induktion mikrosomaler Arzneimittel abbauender
Enzyme. Einige Bar-biturate, Tolbutamid, Meprobamat, Diazepam,
Glutethimid, Aminopyrin u. a. Stoffe zeigen dieses Verhalten. Sie
beschleunigen dadurch nicht nur ihren eigenen Abbau, sondern auch den
anderer Pharmaka. Dies ist bei einer Kombinationstherapie zu beachten.
- Modifizierung der Rezeptoren in Form qualitativer (z. B.
Tachyphylaxie gegenüber Noradrenalin, Adrenalin, Atropin) bzw.
quantitativer (z. B. Toleranzentwicklung gegenüber Morphin und
-derivaten, Alkohol) Veränderungen.
- Kompetitive oder nichtkompetitive Hemmung des Wirkstoffes am
Rezeptor durch seine Metaboliten bzw, durch die von ihm induzierten oder
freigesetzten antagonistisch wirkenden körpereigenen Stoffe, z. B.
Antikörperbildung.
- Mediatorverarmung. Verschiedene Pharmaka wirken indirekt
über die Freisetzung von Mediatoren (Ephedrin, Amphetamin u. a.). Eine
Wirkungsabnahme solcher Releaserstoffe bei wiederholter Zufuhr tritt
ein, wenn die Applikationsintervalle geringer sind als die
Rückspeicherungs- und Synthesegeschwindigkeit der Mediatoren.
Die Toleranzentwicklung kann als adaptiver Schutzmechanismus der
Organismen aufgefaßt werden. Sie sichern sich dadurch gegen die
Auswirkung einer Überflutung mit körperfremden Chemikalien oder
körpereigenen Wirkstoffen. Gegen körperfremde Pharmaka entwickelt sich
meist die chronische Form der Gewöhnung, gegenüber den Mediatoren bzw.
Überträgerstoffen die akute Form. Doch ist dies nur eine Faustregel.
Als medizinische Konsequenz müssen Stoffe, die zur Tachyphylaxie oder
zur chronischen Gewöhnung führen, bei wiederholter Anwendung in ihrer
Dosierung gesteigert sowie zeitweise abgesetzt und durch verwandt
wirkende Stoffe ersetzt werden. Dies gilt außer den genannten Beispielen
auch für diverse quartäre Ammoniumverbindungen (Ganglienblocker,
Dekamethonium), für Meprobamat, Barbiturate usw.
Wird einem Organismus wiederholt ein Pharmakon appliziert, so können
zur Kumulation oder Gewöhnung Begleiterscheinungen hinzukommen, die als
physische Abhängigkeit
und Sucht bezeichnet werden.
Die somatische oder physische Abhängigkeit besteht in einer
latenten Übererregbarkeit der Zellen des ZNS, die sich bei plötzlichem
Entzug des Mittels in Form des Abstinenzsyndroms äußert. Das Abklingen
der Wirkungen der letzten Dosis löst einen übermächtigen physischen
Zwang zur Einnahme einer weiteren Dosis aus, der wesentlich stärker ist
als der gute Wille zur Abstinenz. Die psychische Abhängigkeit
hat z.T. bedingt-reflektorische Basis und äußert sich in dem
dringenden Bedürfnis zur Fortsetzung der zur Gewohnheit gewordenen
Aufnahme des Stoffes. Sie muß nicht mit einer Toleranz oder somatischen
Abhängigkeit gekoppelt sein (Kokain, Nikotin).
Das komplexe Auftreten von psychischer und physischer Abhängigkeit,
oft gekoppelt mit einer Toleranz, ergibt das Bild der Sucht. Sie leitet
hinüber zur chronischen Vergiftung und zum sozialen Abstieg.
(2) Resistenz bedeutet Unempfindlichkeit von Mikroorganismen und
höheren pathogenen Parasiten bzw. auch von malignen Zellen gegenüber
chemotherapeutisch wirkenden Stoffen. Sie kann a priori vorliegen
(primäre Resistenz)
bzw. sich im Verlaufe einer Therapie (sekundäre
Resistenz) ausbilden. Kreuzresistenz besteht, wenn ein Erreger bzw.
Tumorzellen gleichzeitig gegen mehrere Verbindungen, meist ähnlicher
Struktur, unempfindlich werden. Hauptsächliche Ursachen der Resistenz
sind:
- Selektion primär resistenter Keime
- biochemische Adaptation durch
gesteigerte Synthese abbauender Enzyme (z. B. Penizillinabbau durch
Peni-
zillinase)
gesteigerte Synthese der vom Pharmakon verdrängten Substrate bzw.
Meta-
bolite (z. B. Steigerung der p-Aminobenzoesäure-Synthese unter
Sulfonamidan-
wesenheit)
Veränderung der Zellpermeabilität
- genetische Veränderungen
Mutation (z. B durch Mutation bedingter Aminosäureaustausch eines
riboso-malen Proteins vermindert Bindung von Streptomyzin an Ribosomen)
Gentransfer von resistenten auf empfindliche Keime; R-Plasmide (z. B.
R-Plasmid-gesteuerte Bildung eines Inhibitors der Tetrazyklin-Aufnahme
durch Enterobakterien).
Zahlreiche ursprünglich hochempfindliche Mikroorganismen sind gegen
mehrere Chemotherapeutika unempfindlich geworden. Die Folge ist eine
ständige Suche nach neuen, klinisch brauchbaren antimikrobiellen
Stoffen, gegen die noch keine Resistenz besteht, bzw. nach Substanzen,
die die Resistenzentwicklung bzw.
- Übertragung gegen bewährte Präparate hemmen können.
1.8.3.
Allergie
Zahlreiche Pharmaka, z. B. Aminophenazon, jodhaltige Kontrastmittel,
Sulfo-namide, Penizilline, können bei wiederholter Gabe allergische
Reaktionen aus-
58
59 lösen. Das
Symptomenbild der allergischen Arzneimittelreaktionen ist qualitativ
völlig verschieden vom pharmakodynamischen Wirkungsbild. Allergische und
pharmakodynamische Überempfindlichkeitsreaktionen können voneinander
differenziert werden (Tabelle 10).
Tabelle 10 Arzneimittel-Überempfindlichkeitsreaktionen (AÜ)
Pharmakodynamische AÜ
Allergische AÜ
stoffspezifisches Wirkungsspektrum Wirkungsintensität dosisabhängig
Wirkung bei erstmaliger (und jeder weiteren) Applikation
Wirkung am normalen Organismus
in der Regel direkter Angriff an Rezeptoren
stoffunspezifisches Wirkungsbild
Wirkungsintensität weitgehend dosisunabhängig
keine Reaktion bei erstmaliger Gabe, wiederholte Zufuhr erforderlich
Wirkung an einem veränderten ("sensibilisierten") Organismus
indirekte Wirkung über Mediatoren
Arzneimittelallergien lassen sich pathogenetisch in 2 Typen
differenzieren:
- Sofort- oder Frühreaktionstyp. Er ist charakterisiert durch
sofortiges Auftreten der Symptome (innerhalb von Minuten nach
parenteraler Applikation). Die bedrohlichste Form ist der
anaphylaktische Schock (Kreislaufzusammenbruch!). Exantheme, Asthma
bronchiale, Quincke-Ödem sind weitere Symptome dieses Typs.
Der Soforttyp der allergischen Reaktion wird durch humorale
Antikörper hervorgerufen (Reagine, Zytotoxine, Präzipitine).
- Sptttreaktionstyp. Symptome wie Exanthem,
Arzneimittelfieber, Kontaktekzeme entwickeln sich erst nach Stunden.
Allergische Spätreaktionen sind zellulär bedingt. Sensibilisierte
Lymphozyten reagieren mit dem Allergen unter Freisetzung von Mediatoren.
Unter Umständen können auch kombinierte Reaktionen (Sofort- und
Spättyp) auftreten. Bei Penizillin- oder Insulinallergien kommen
hämolytische Reaktionen in Kombination mit urtikariellen Hautreaktionen
vor. Früh- und Spätreaktionstyp lassen sich hinsichtlich ihres
klinischen Erscheinungsbildes noch weiter differenzieren (vgl. hierzu
Tabelle 11).
Mechanismus der Arzneimittelallergie. Die meisten Verbindungen
stellen immunologisch ein Hapten dar, d. h., sie können in ihrer
ursprünglichen Struktur keine Immunantwort induzieren. Es ist eine
Umwandlung zum Immunogen (Vollantigen) erforderlich. Gewöhnlich erfolgt
eine Bindung des Haptens an körpereigene Makromoleküle (insbesondere
Eiweiße). In der Mehrzahl der Fälle muß das
60
Medikament zunächst metabolisch verändert werden (Ketten- oder
Ringspaltung, Oxydation), um als Hapten zu wirken. Eine Spaltung ist
jedoch nicht erforderlich bei Chloramphenikol, Tetrazyklin oder
Erythromyzin. Die nach Sensibilisierung auftretenden Antikörper und
Immunzellen (Lymphozyten) reagieren spezifisch mit dem Hapten; auf
dieser Ebene der Reaktion ist nicht die Bildung eines Vollantigens
erforderlich.
Tabelle 11 Häufige Arzneimittel-Allergene und ihre bevorzugten
Allergie-Reaktionstypen
Allergietyp
Beispiele für allergene Arzneimittel
Klinisches Erscheinungsbild
Soforttypen - anaphylaktischer Typ
zytotoxischer Typ
- Arthus-Typ
Spättypen — allergischer Typ
allergoider Typ
ACTH, Bi-Vitamin, Immunseren, Insulin, Lokalanästhetika,
Streptokinase, Penizilline, Phenazetin, Sulfonamide
p-Aminosalizylsäure, Penizillinaerosol, Salizylate
Aminophenazon, Sulfonamide, Phenothiazine, Thioharnstoff-derivate
Penizilline
Aminophenazon, Barbiturate, Karbamide, Chinidin, Chinin
ACTH, Immunseren, Insulin
ACTH, Immunseren, Insulin, Penizilline, Streptokinase
Depot-ACTH, Insulin
Penizilline, Salizylate
Antihistaminika, Lokalanästhetika, Neomyzin, Phenothiazine,
Streptomyzin, Sulfonamide
Barbiturate, Hydantoine, Penizilline, Phenylbutazon,
Thio-harnstoffderivate
a-Methyl-DOPA, Hydantoine, Hydralazin
urtikarielles Exanthem, Quincke-Ödem, anaphylaktischer Schock
Bronchialasthma Agranulozytose
hämolytische Anämie thrombozytopenische Purpura
lokales Arthus-Phänomen Serumkrankheit
verzögert auftretende Infiltrate der Injektionsstellen
generalisierte erythema-papulöse oder morbilli-forme Exantheme, Ekzem
Kontaktdermatitis
Erythrodermie, bullöse oder fixe Exantheme, Erythema nodosum
Lupus-erythematodes-Syndrom
61 Die Entstehung der
Allergie ist von genetischen sowie Dosisfaktoren abhängig.
Arzneimittelallergien sind relativ spezifisch. Jedoch kann bei
strukturell eng verwandten Pharmaka Gruppen- oder
Kreuzallergie bestehen; z. B. bei Benzolderivaten mit p-ständiger NH2-Gruppe,
wie Benzokain, Prokain, Sulfonamiden. Der Eiweißanteil des Vollantigens
kann an der allergischen Reaktion beteiligt sein; unter Umständen ist
die Entwicklung einer Autoaggression möglich.
1.9.
Dosis-Wirkungs-Beziehungen
Ziel der Verabreichung eines Pharmakons ist die Auslösung des
Arzneimitteleffektes. Während die Wirkungsqualität einer Verbindung
durch deren chemische Struktur bestimmt wird, ist die Wirkungsintensität
eine Funktion der Dosis. Die Einzeleffekte weisen meistens eine
unterschiedliche Dosisabhängigkeit auf (Abb. 26). Für eine definierte
biologische Wirkungsqualität sind spezifische
1.9.1.
Exitus
Krämpfe
t Analgesie
ohne Effekt
y_
ZZL
letale Wirkung toxische Wirkung therapeutische Wirkung
Wirkungslosigkeit
log Dosis
Abb. 26. Dosisabhängigkeit der Wirkungsart eines Pharmakons
Rezeptoren verantwortlich, mit denen das Arzneimittel in
Wechselwirkung tritt. Die Wechselwirkung folgt den Gesetzmäßigkeiten
chemischer Gleichgewichte; d. h., für die Wechselwirkung mit dem
Rezeptor ist die Konzentration des Pharmakons am Wirkort
ausschlaggebend. Diese wird bei konstanten Resorptions-, Ver-teilungs-
und Eliminationsbedingungen durch die Dosis eines Stoffes bestimmt. Die
Zusammenhänge zwischen Dosis und biologischem Effekt sind in Abbildung
27 schematisch dargestellt.
Dosis
Dosis-Wirkungs-Beziehungen
biologischer
Effekt
Resorption Verteilung Biotransformation Exkretion
Konzentration
am Wirkort
Pharmakon-Rezeptor-Wechselwirkung
Reiz
Reiz-Effektor-Kopplung
Abb. 27. Glieder der Dosis-Effekt-Transformation
62
Pharmakon-Rezeptor-Gleichgewichte
Exakte quantitative Untersuchungen der Rezeptorbesetzung sind meist
nur an sehr einfachen biologischen Systemen, z. B. isolierten Enzymen,
möglich. Versuche am Gesamttier sind mit erheblichen Einschränkungen
verbunden. Die Wechselwirkung zwischen Pharmakon (P) und Rezeptor (R)
ist im allgemeinen reversibel und folgt dem Massenwirkungsgesetz. Sie
kann als bimolekulare Reaktion aufgefaßt und durch eine
Gleichgewichtskonstante charakterisiert werden. Diese läßt sich entweder
als Dissoziations- (Kp) oder Assoziationskonstante (KA)
angeben.
Kn =
[R] [P] [RP]
[RP]
KD
KA ist ein direktes Maß für die Affinität der Partner zueinander
bzw. für die Festigkeit des Pharmakon-Rezeptor-Komplexes. Je größer KA
und je kleiner KD ist, um so größer ist die Affinität. Von der
Konzentration des freien Pharmakons hängt das Ausmaß der
Rezeptorbesetzung und letztlich die Stärke der biologischen Wirkung ab.
Die relative Besetzung der vorhandenen Rezeptoren mit
Pharmakon-molekülen kann in Form des Dissoziationsgrades (a) oder des
Sättigungsgrades (y) ausgedrückt werden.
Enthält ein Makromolekül mehrere Rezeptoren, können diese gleiche
oder ungleiche Affinität zum Pharmakon besitzen und sich ferner bei der
Bindung des Pharmakons gegenseitig beeinflussen. Derartige
Besonderheiten äußern sich in der Form der Dissoziationskurven.
1.9.2.
Milieueinfluß
Pharmakon-Rezeptor-Gleichgewichte sind milieuabhängig. Normalerweise
bestehen im Organismus relativ konstante Bedingungen. Abnorme Zustände,
wie Fieber, künstliche Unterkühlung, Alkalose, Azidose, Entzündungen u.
a., vermögen jedoch die Pharmakon-Rezeptor-Wechselwirkungen zu
beeinflussen. Je nach der chemischen Struktur des Pharmakons und des
Rezeptors wirken Lösungsmittel, Elektrolyte, pH- oder
Temperaturänderungen teils verstärkend, teils abschwächend auf die
Wechselwirkung beider Partner. Beispielsweise vermindert die Zugabe von
Lösungsmitteln oder Stoffen mit niedrigerer Dielektrizitätskonstante als
Wasser apolare Bindungen, weil sich die hydrophoben
Lösungsmittelmoleküle zwischen die apolaren Gruppen des Rezeptors und
des Pharmakons einschieben. Elektrostatische Bindungen werden verstärkt.
Umgekehrt wirken Lösungsmittel mit höherer Dielektrizitätskonstante bzw.
die Erhöhung der Elektrolytkonzentration. Die Milieuabhängigkeit der
Pharmakon-Rezeptor-Beziehungen gestattet bei bekanntem Pharmakon
indirekte^ Rückschlüsse auf die Natur eines hypothetischen Rezeptors.
63 1.9.3.
Kopplung zwischen
Rezeptorbesetzung
und biologischem Effekt
Die Stärke des biologischen Effekts eines Pharmakons ist eine
Funktion dei Rezeptorbesetzung. Effektormolekül und Rezeptormolekül
können (a) identisch sein, (b) in engem Kontakt miteinander stehen oder
(c) räumlich getrennt voneinander liegen. Die Kopplung zwischen Rezeptor
und Effektor kann demzufolge durch unterschiedliche Mechanismen
bewerkstelligt werden (vgl. Abb. 28).
Kopplungstyp
Effektorenarten
direkte Kopplung
intramolekulare Kopplung
zwischenmolekulare Kontaktkopplung
zwischenmolekulare Mediatorkopplung
substratanaloge Enzyminhibitoren (Substratkonkurrenz)
allosterische Inhibitoren bzw. Aktivatoren
allosterische Inhibitoren bzw. Aktivatoren in komplexen Enzymsystemen
hormon- bzw. mediatorbedingte Enzyminhibition bzw. -aktivierung
= Pharmakon, O = Substrat,
= Mediator
Abb. 28. Hauptsächliche Typen der Kopplung zwischen
Pharmakon-Rezeptor-Bindung und Effekt am Beispiel enzymatischer
Umsetzungen
Bei räumlicher Trennung von Pharmakonrezeptor und Effektor vermitteln
häufig chemische Informationsträger die Kopplung (Mediatoren,
Transmittoren, Überträgerstoffe). Dazu gehören Azetylcholin,
Noradrenalin/Adrenalin, Serotonin, Hormone, Metabolite, zyklisches AMP
usw. Die Kopplung kann mehrere chemische
Glieder umfassen (Adrenalin -> cAMP).
Unabhängig von der Art der Rezeptor-Effektor-Kopplung
kann die "Güte" der
Kopplung von Pharmakon zu Pharmakon variieren.
,64
Beispielsweise bewirkt Pentyl-trimethyl-ammonium bei ausreichender
Konzentration eine maximale Kontraktion des Rattenjejunums (a = 1,0),
Pentyl-dimethyl-äthyl-ammonium vermag selbst bei sehr hoher
Konzentration nur eine submaximale Kontraktion (a = 0,55) und
Pentyl-triäthyl-ammonium keine Kontraktion mehr auszulösen (a = 0) (Abb.
29). Ursache für diese Wirkungsabnahme ist nicht etwa eine verminderte
oder fehlende Bindung an den Rezeptor, sondern die Unfähigkeit, die
Rezeptor-Effektor-Kopplung auszulösen. Gegenüber dem stimulierenden
Pentyl-trimethyl-ammonium wirkt das Pentyl-triäthyl-ammonium als
kompetitiver Antagonist (Abb. 29). Es greift also am gleichen Rezeptor
an, hat aber eine relative Wirkaktivität (intrinsic activity) von 0,
verglichen mit der Wirkaktivität des Pentyl-trimethyl-ammoniums von 1.
Affinität eines
Pharmakons zum Rezeptor und seine Wirkaktivität (bzw. Reizkraft)
gehen somit nicht parallel (vgl. 1.3.).
Kontraktion [•/«] 100

Pent NMe Et2 Pent NEt3 ■ » • »
•
I 1
I I.
PentNEt3

-3-2 1 0
log[P]mM
1-3-2 1 0 1
log [Pent NMet3]mM
Abb. 29. Links: Kumulative log Konzentrations-Wirkungs-Kurven am
Rattenjejunum für eine Serie von Pentyl-Ammonium-Verbindungen,
angefangen vom Trimethyl- über das Dimethyl-monoäthyl- und das
Monomethyldiäthyl, bis zum Triäthylderivat. Die beiden letzten Produkte
besitzen eine Wirkaktivität a = 0.
Rechts: In gleicher Versuchsanordnung wirkt das
Triäthyl-pentyl-ammonium (a = 0) als kompetitiver Antagonist gegenüber
dem Trimethyl-ammonium. Beachte die parallele Rechtsverschiebung der
Konzentrations-Wirkungs-Kurven bei steigenden Konzentrationen des
"Lytikums"
1.9.4. Wirkungsmenge
Als Wirkungsmenge oder -große einer definierten Dosis einer
Verbindung gilt das Integral der Wirkungsintensität über die Zeit.
5 Markwardt, Pharmakologie
65 Ein Pharmakon mit
geringer Wirkungsstärke, aber langer Wirkungsdauer (B), kann deshalb
eine größere Wirkungsmenge besitzen als eines mit höherer
Wirkungsintensität, aber nur kurzer Wirkungsdauer (A) (Abb. 30).
relative Wirkungsstärke
1,0-
0,5-
0-

1
10 Zeit CStd.]
1.9.5.
Abb. 30. Schematische Darstellung der Zeit-Wirkungs-Kurven von
Phar-maka mit unterschiedlicher Wirkungsmenge, Pharmakon A : Pharmakon B
= 1 : 2,2
Dosis-Wirkungs-Beziehungen in Kollektiven
Die Individuen eines Kollektivs unterscheiden sich voneinander in
bestimmten Parametern (s. Abschn. 1.11.). Dies bedingt auch eine
unterschiedliche Ansprechbarkeit auf Wirkstoffe. Das aber zwingt
wiederum zur statistischen Bearbeitung von Dosis-Wirkungs-Beziehungen
(vergleiche die Lehrbücher über Biostatistik, z. B. von E. Weber:
Grundriß der biologischen Statistik für Naturwissenschaftler und
Mediziner, Fischer, Jena; J. Adam: Einführung in die Biostatistik,
Reaktionskinetik und EDV, Volk und Gesundheit, Berlin; L.
Cavalli-Sforza: Grundbegriffe der Biometrie,. Fischer, Jena).
Nachfolgend werden nur einige Fragen aus diesem Komplex erwähnt, soweit
sie zum Verständnis allgemeinpharmakologischer Prinzipien der
Dosis-Wirkungs-Relationen erforderlich sind.
(1) Mittlere Dosen. Zur Charakterisierung der
durchschnittlichen Empfindlichkeit der Individuen eines Kollektivs
dienen die Mittelwerte einschließlich der Streuung. Die mittlere tödliche
Dosis (Dosis letalis 50, LDso) ist diejenige Dosis, bei der 50% der
Tiere eines Kollektivs sterben. Die mittlere Effektivdosis (Dosis
effectiva 50, EDr,o) gibt an, bei welcher Dosis 50% der Individuen eines
Kollektivs einen bestimmten Effekt in der festgelegten Wirkungsstärke
zeigen (z. B. Blutdrucksenkung um 20% des Ausgangswertes u. a.). Handelt
es sich um einen therapeutischen Effekt, kann die EDso auch als
therapeutische Dosis 50 (Dosis therapeutica 50, Dosis curativa, CDS0)
bezeichnet werden.
66
(2) Dosenrelationen. Die Gefährlichkeit oder Sicherheit
bei der Anwendung eines Pharmakons ergibt sich aus Dosenrelationen, wie
der therapeutischen Breite = LD50/ED50 oder dem
therapeutischen Index = LDs/EDg«. Je größer diese Quotienten sind,
um so niedriger ist das Risiko eventueller toxischer Schädigungen.

log Dosis
Abb. 31. Schema zur Veranschaulichung der Dosenrelationen eines
Stoffes A mit großer und eines Stoffes B mit geringer therapeutischer
Breite. ---------- = therapeutischer Effekt,--------= toxischer
Effekt,
■ • • = letaler Effekt
In Abbildung 31 sind Summenhäufigkeitskurven von zwei hypothetischen
Verbindungen A-und B hinsichtlich therapeutischer (z.B.
Atmungsstimulation), toxischer (z. B. Krampfauslösung) und letaler
Effekte dargestellt. Stoff A entfaltet danach therapeutische Wirkungen,
ohne daß toxische oder gar letale Wirkungen zu befürchten sind. Er
besitzt eine relativ große therapeutische Breite. Bei Verbindung B
überlagern sich die Verteilungskurven; d. h., um bei dem am wenigsten
empfindlichen Tier eine therapeutische Wirkung zu sichern, muß eine
Dosis verabreicht werden (= ED100), die bei etwa 50% der Individuen des
Kollektivs schon toxische Erscheinungen bewirkt. Selbst ein letaler
Ausgang könnte mitunter zu erwarten sein, da ED100 und LDi einander eng
benachbart liegen.
(3) Maximaldosen. Für stark wirksame Arzneimittel sind
offizielle Maximaldosen (Einzelmaximaldosis = EMD, Tagesmaximaldosis =,
Höchst-abgabemenge = HAM) festgelegt worden, um eine versehentliche
Überdosierung zu vermeiden.
67 (4)
Dosierung bei chronischer Anwendung. Bei der chronischen Aufnahme von
Pharmaka oder anderen chemischen Agentien gelten besondere
Dosierungsprinzipien. Die Kenntnis von der chronischen Toxizität solcher
Stoffe ist wichtig. Oft geht man bei der Festlegung chronischer Dosen
von der LD50 aus. Ein besseres Kriterium als der letale Ausgang ist die
pharmakodynamische Wirkung (EDbo)-Auf dieser Grundlage läßt sich die
Sicherheitsdosis bei chronischer Zufuhr ermitteln. Auch wenn es gilt,
verläßliche Angaben über maximale Arbeitsplatzkonzentrationen
(MAK-Werte), diätetisch unbedenkliche Konzentrationen in Nahrungsmitteln
und dergleichen zu gewährleisten, ist diese Methode gut geeignet.
(5) Dosierung im Kindesalter. Der kindliche Organismus
unterscheidet sich in Wasser- und Mineralhaushalt, endokrinen und
Nervensystem, in Kreislauf, Stoffwechsel usw. vielfältig von dem des
Erwachsenen. Dosierung beim Säugling oder Kleinkind kann nur sehr
bedingt in Relation zur Erwachsenendosis gestellt werden. Verschiedene
Umrechnungsformeln gehen vom Alter des Kindes aus:
Alter in Jahren
Kinderdosis = Erwachsenendosis • •
Alter in Jahren + 12
Als Bezugsgröße können außerdem die Körperoberfläche und das Gewicht
herangezogen werden. Eine Dosierung nach dem Körpergewicht läßt sich wie
folgt
berechnen: ' . .u. "..
Gewicht in Kilogramm
Kinderdosis = Erwachsenendosis--------------------------------
75
Alle Bereschnungsformeln berücksichtigen aber nicht die funktionellen
Differenzen, die zwischen Kind und Erwachsenem bestehen. Das
Zentralnervensystem des Kindes oder gar des Säuglings ist gegen
verschiedene Pharmaka empfindlicher als das des Erwachsenen (Morphin).
Die Darmflora des Säuglings und die des älteren Kindes oder Erwachsenen
differieren ganz entscheidend. Enzyme und andere Stoffwechselsysteme
erfahren Veränderungen. So ist z. B. die hohe Empfindlichkeit des
Säuglings gegen Methämoglobinbildner bekannt, da das
methämo-globinreduzierende System bei ihm noch wenig aktiv ist. Sein
Intestinalmilieu (Flora, pH) kann die Wirkung verschiedener Stoffe
begünstigen (Penicillin). Säuglinge und Kleinkinder besitzen ferner ein
größeres Verteilungsvolumen für manche Pharmaka, besonders Antibiotika
und Chemotherapeutika. Der Anteil der Extrazellulärflüssigkeit beträgt
beim Säugling etwa V3 und beim Erwachsenen etwa 1/e seines
Körpergewichtes. Diffusionsvorgänge laufen ungestörter ab, je jünger das
Kind ist. Besonders kritisch ist ferner die erst in der
Nachgeburtsperiode in Gang kommende Synthese Arzneimittel abbauender
Enzyme. So wird geschätzt, daß die Unkenntnis der langsamen Elimination
des Chloramphenicols beim Säugling und einer daraus resultierenden zu
hohen Dosierung dieses Medikamentes mehreren tausend Neugeborenen in den
USA das Leben gekostet hat. Diese und andere Faktoren lassen es ratsam
erscheinen, für die einzelnen Entwicklungsstufen des Kindes spezifisch
angepaßte und im wissenschaftlich-therapeutischen Versuch erprobte
Dosierungen für die einzelnen Pharmaka festzulegen.
68
1.10. Arzneimittelkoergismus
Unter Arzneimittelkoergismus versteht man alle Formen des
Zusammenwirkens verschiedener Pharmaka im biologischen System. Er tritt
bei der Kombination (= Wirkungsinter£erenz bei gleichzeitiger
Zufuhr bzw. Anwesenheit) und Sukzession ( = Wirkungsinterferenz
bei aufeinanderfolgender Anwesenheit) in Erscheinung (Abb. 32).
gleichzeitige Anwesenheit von A und B
keine gleichzeitige Anwesenheit von Aund B

I

A Kombination
Sukzession
Abb. 32. Möglichkeiten des Arzneimittelkoergismus.
Die Wirkung der Pharmaka A und B ist durch Punkte symbolisiert. Bei
der Kombination von A und B beschränkt sich die wechselseitige
Beeinflussung nur auf die Zeit ihrer gleichzeitigen Anwesenheit. Ein
Koergismus kann auch bei der Sukzession auftreten, wenn die Wirkung von
A persistiert, so daß ohne gleichzeitige Anwesenheit eine
Wirkungsinterferenz resultiert.
Der Koergismus äußert sich in der Regel in einer Änderung der
Wirkungsintensität, seltener der Wirkungsqualität (Tabelle 12).
Tabelle 12 Konsequenzen und Bezeichnungen des Arzneimittelkoergismus
Veränderung der Wirkungsintensität des Agonisten A bei
gleichzeitigem oder sukzessivem Zusammenwirken mit dem Koergisten
B in Relation zur Wirkungsstärke von A bei alleiniger Gabe:
Verstärkung: Ohne Veränderung: Abschwächung:
B = Potentiator für A B = Synergist zu A B — Antagonist zu A
—> Potenzierung, überadditiver Synergismus
—> (additiver) Synergismus, Addition
—> Antagonismus
Bei sukzessiver Gabe von Koergisten und Agonisten kann eine
veränderte biologische Antwort des Agonisten nur zustande kommen, wenn
der Koergist über seine Verweilzeit im Organismus hinaus modifizierte
biologische Strukturen
69 hinterläßt (=
Allobiose). Allobiotische Effekte werden beispielsweise von
enzyminduzierenden Pharmaka (Barbiturate, Tolbutamid u. a.),
Denaturantien, Sympa-thikolytika u. a. ausgelöst. Beispielsweise
vermindert eine einmalige Vorbehandlung von Versuchstieren mit
Hexachlorzyklohexan über Wochen die Empfindlichkeit gegenüber
Krampfgiften. Ursachen der Wirkungsinterferenz. Sie können
unterschiedlicher Natur sein:
(1) Physikalische und chemische Reaktionen
zwischen 2 Stoffen können
entweder zu Inaktivierung oder Giftung einer oder beider Verbindungen
führen (Pseudo-antagonismus bzw. -Synergismus). Ein Antagonismus auf
dieser Basis besteht z. B. zwischen Heparin - Protamin, Invertseifen -
normalen Seifen, oral aufgenommenen Giften - Tierkohle, Dithioglyzerin -
Quecksilber, Neomyzin - Heparin, Tetrazyklin - Eisen. Dieses Prinzip
wird bei der Antidottherapie klinisch häufig genutzt. Eine Giftung
erfolgt bei gleichzeitiger Gabe von Kalomel und Jodiden.
(2) Ein pharmakokinetisches Zusammenwirken von Wirkstoffen kann
hinsichtlich der Invasion (z. B. Resorptionsverzögerung von
Lokalanästhetika durch Nor-adrenalin, Resorptionsbeschleunigung durch
Hyaluronidase, Verdrängungsreaktionen an Plasmaeiweißen), der Exkretion
(z. B. Ausscheidungshemmung organischer Säuren durch Probeneeid.
Beschleunigung der Barbituratexkretion bei Alkalisierung des Urins), der
Biotransformation (z. B. Förderung des Arzneimittelabbaues durch
Barbiturate infolge Enzyminduktion, Hemmung durch Applikation von
Mikrosomenhemmstoffen oder bei der Induktion stummer Rezeptoren)
auftreten.
(3) Eine Interferenz auf Rezeptorebene kann infolge
Konkurrenz am Substratrezeptor als kompetitiver Synergismus, Dualismus
oder Antagonismus sowie durch Konkurrenz an allosterischen Rezeptoren in
Erscheinung treten. Am cho-linergen Rezeptor des Rattenjejunums besteht
z. B. ein kompetitiver Synergismus zwischen Azetylcholin (ACh) und
Formylcholin, ein Dualismus zwischen ACh und Butyrylcholin, ein
Antagonismus zwischen ACh und Laurylcholin. Neben der kompetitiven
kommen auch nichtkompetitive Formen des Koergismus vor. So wirkt
Dimethylsulfoxid am isolierten Meerschweinchenjejunum als
nichtkompeti-tiver Antagonist gegenüber Histamin, Karbachol und Nikotin.
Ein kompetitiver Antagonismus besteht zwischen Morphin und Nalorphin und
zwischen Isoprenalin und Propranolol.
(4) Der Gesamteffekt einer Kombination von Pharmaka kann bei
Reaktion mit unterschiedlichen, aber gekoppelten Rezeptormolekülen
verändert sein, verglichen mit der biologischen Antwort der isoliert
verabreichten Komponenten. Zum Beispiel wird die Pupillenweite
synergistisch durch Adrenergika und Cholino-lytika und antagonistisch
durch Adrenergika und Cholinergika beeinflußt.
(5) In höherentwickelten Organismen können durch Beeinflussung
übergeordneter Kontroll- und Regulationssysteme Pharmakoneffekte
modifiziert werden; so z. B. durch Reserpin, das infolge Depletion
biogener Amine in den peripheren sympathischen Fasern adrenerge
Regulationsmechanismen ausschaltet. Desgleichen kann die Wiederaufnahme
des freigesetzten Transmittors in den Speicher gehemmt werden (Hemmung
der Noradrenalinaufnahme durch Kokain, Ephedrin u. a.).
Beschreibung und Darstellung des Koergismus. Zur anschaulichen
Wiedergabe werden häufig die Loeweschen Kombinationsrechtecke und
-quadrate herangezogen. Ordinate und Abszisse werden als relative
Dosierungsskala für den Koergisten (B) und den Agonisten (A) angelegt.
Als Wirkungskriterium muß ein definierter Effekt vorgegeben sein, z. B.
eine definierte Kontraktionsamplitude, eine ED50, eine LDso, eine
festgelegte Durchblutungsänderung usw. Nun werden Dosenrelationen von A
und B aufgesucht, die die gleiche Wirkungsstärke entfalten. Hieraus
ergeben sich Verbindungslinien gleicher Wirkungsstärke = Isobo-len.
Jedem Punkt auf einer Isobole ist ein Dosenpaar von A und B
zugeordnet (Abb. 33).
relative Dosis von B _ —

relative Dosis vonA
Abb. 33. Loewesches Kombinationsquadrat mit 4 Isobolen: 1 additiver
Synergismus, 2 überadditiver Synergismus = Potenzierung, 3 relativer und
4 absoluter Antagonismus.
Ordinate: relative Dosis von B, die einen bestimmten Effekt in
definierter Stärke auslöst.
Abszisse: relative Dosis von A, die den gleichen Effekt in gleicher
Intensität bewirkt.
Halbieren wir die wirksame Dosis von A, kombinieren sie mit der
halben äqui-effektiven Dosis von B und stellen dann die gleiche
Wirkungsstärke fest, so besteht additiver Synergismus.
Überadditiver Synergismus
(= Potenzierung) kommt vor, wenn zum
Auslösen der gleichen Wirkungsstärke die Summe der Dosen der
Einzelkomponenten niedriger ist als die betreffende Einzeldosis von A
oder von B.
70
71 Antagonismus
liegt vor, wenn zur Erzielung der gleichen Wirkungsstärke wie von 1
Dosis A oder 1 Dosis B die Summe der Dosen der beiden
Mischungskomponenten > 1 ist.
1.11. Biosystem-Wirkungsund Milieu-Wirkungs-Beziehungen
Sowohl durch Variation der biologischen Systeme als auch durch
Veränderungen der Milieubedingungen können die quantitativen, seltener
die qualitativen Wirkungen von Pharmaka modifiziert werden.
Speziesabhängigkeit. Häufig ändert sich mit der Wahl der
Versuchstiere die Wirkung von Pharmaka. Die Ratte reagiert gegenüber
g-Strophantin etwa 300mal geringer als das Meerschweinchen. Unterschiede
im Arzneimittelmetabolismus zwischen den einzelnen Tierarten sind fast
die Regel (Tabelle 13). Als Faustregel gilt: Kleinere Tiere
biotransformieren meist schneller als größere. Die Katze macht
allerdings eine Ausnahme. Ihre Fähigkeit zum Arzneimittelumbau ist sehr
schwach.
Tabelle 13 Speziesunterschiede beim Hexobarbital-, Phenazon- und
Anilinabbau
|
Biologische Halbwertszeit in min |
|
|
|
|
|
|
Hexobarbital |
Phenazon |
Anilin |
|
Maus |
19 |
11 |
35 |
|
Ratte |
140 |
141 |
71 |
|
Meerschweinchen |
— |
110 |
45 |
|
Kaninchen |
60 |
63 |
35 |
|
Hund |
260 |
107 |
167 |
|
Mensch |
360 |
600 |
— |
Außer der Tiergröße hat die Stellung in der phylogenetischen Reihe
einen Einfluß auf den Metabolismus. Im Wasser lebende Tiere besitzen
schwächere enzyma-tische Entgiftungsfunktionen. Sie gehen bei chemisch
verunreinigten Gewässern leicht zugrunde. Speziesdifferenzen können
weiterhin bedingt sein durch unterschiedliche Bindungsvermögen von
Pharmaka an Körpereiweiße (vgl. Abb. 34), durch verschiedene
Aminosäuresequenzen von Proteiden (z. B. Hämoglobine) oder durch
artspezifische Besonderheiten übergeordneter Regulationssysteme (ZNS,
Endokrinium).
Individualvariabilität. Die biologische Antwort auf ein Pharmakon
ist von Unterschieden zwischen Rassen und Familien, von Gewicht, Alter,
Geschlecht, Ernährung und pathologischen Zuständen der Organismen
abhängig. Die Human-Pharmakogenetik studiert erblich bedingte
Wirkungsunterschiede von Arzneimitteln und Giften. So gibt es einzelne
Menschen, bei denen Suxametho-
72
20
101-
3
-a
c
in
0.2
0,1
| Sulfadiazin | | Sulfamethoxydiazin
I
-| Sulfadimethoxin

Mensch Kaninchen Rind Hund Ratte Maus Abb. 34. Bindungsvermögen von
Seren verschiedener Spezies für Sulfadiazin, Sulfamethoxydiazin und
Sulfadimethoxin
nium nicht ultrakurz wirkt, sondern die Myorelaxation über Stunden
anhält. Die Ursache ist eine Insuffizienz der metabolisierenden Enzyme.
Auch andere aktive, rezeptortragende Proteine können erblich variieren (Enzymopathien).
Oft sind diese Differenzen zu den Normalenzymen durch einzelne
Basenaustausche in der DNS bedingt (vgl. abnorme Hämoglobine).
Individuelle Unterschiede zeigen sich oft im
Arzneimittelmetabolismus, wodurch Wirkungsintensität und Wirkungsdauer
von Pharmaka beeinflusst werden. Altersabhängige
Unterschiede in der Arzneimittelwirkung zeigen sich wiederum in der
Biotransformation. Die entsprechenden Enzymsysteme entwickeln sich
vielfach erst postnatal. Säuglinge und Kleinkinder sind deshalb gegen
zahlreiche Arzneimittel empfindlicher. Ferner bestehen oft Differenzen
in der Wirkung zentral angreifender Pharmaka, da die Myelinisierung des
Nervensystems bei der Geburt noch nicht abgeschlossen ist. Postnatal
ändert sich die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke erheblich. Ferner
können Verteilungsdifferenzen ursächlich an der Altersabhängigkeit
biologischer Effekte beteiligt sein. Altersabhängige Unterschiede zeigen
sich auch hinsichtlich Resorption, Verteilung und Elimination von
Pharmaka. So ist z. B. die Plasmaeiweißbindung von Phenytoin bei über
65jähri-gen um 18% geringer als bei unter 45jährigen, daraus resultiert
eine um 50 % höhere Clearance des Pharmakons.
Geschlechtsabhängige Unterschiede in der Arzneimittelwirkung
treten beim Menschen und bei vielen Tieren zurück. Die bekannteste
Ausnahme liefert die Ratte. Rattenmännchen verfügen über eine hormonell
bedingte höhere Entgiftungsaktivität gegenüber Barbituraten und einigen
anderen Stoffen als Weibchen. Indessen sind
73
u auch beim Menschen
einige Beispiele geschlechtsspezifischer Unterschiede des
Arzneimetabolismus beschrieben worden. Bei Männern wird
Azetylsalizylsäure schneller esteratisch gespalten als bei Frauen. Auch
kann durch eine Schwangerschaft die Biotransformation verändert werden.
Organ- und Zellspezifität. Wirkungsunterschiede können auch durch
strukturelle Differenzen der Rezeptoren, Gewebe oder Organe zustande
kommen. Der besondere Aufbau der Gefäßwände im ZNS gestattet
insbesondere den lipidlöslichen Stoffen die Penetration ins Gehirn oder
in den Liquor. Die unterschiedliche Empfindlichkeit der Körperzellen
gegenüber Narkotika ermöglicht überhaupt erst deren therapeutische
Verwendung. Mitosegifte, Nukleinsäureantimetabolite u. a. Zytostatika
beeinflussen insbesondere kernh altige Zellen mit hoher Teilungsrate.
Oft ist eine Wirkungsdifferenz auch durch einen unterschiedlichen
Enzymbestand der Organe bedingt.
Einfluß von Milieufaktoren. Unterschiede in der Temperatur, der
Tages- oder Jahresrhythmik, der H + -Konzentration und des Ionenmilieus
können die pharma-kologischen Effekte eines Stoffes modifizieren.
Durch die Temperatur beeinflußbar ist z. B. die Stoffbewegung im
Organismus (s. Abschn. 1.5.), wobei die chemischen Vorgänge
empfindlicher sind als die physikalischen. Eine temperaturabhängige
Toxizität besitzen besonders solche Pharmaka, die Einfluß auf die
Temperaturregulation des Organismus nehmen, wie Chlorpromazin, Methadon.
Die Rhythmizität des Säure-Base-Haushaltes beeinflußt über den
Mechanismus der nichtionischen Diffusion die Wirkungsdauer mancher
Arzneimittel. Tageszeitlich bedingte Schwankungen wurden bei der
Sul-fonamidausscheidung beobachtet. Die Bedeutung der zirkadianen
Rhythmik zeigt sich bei der Therapie mit Glukokortikoiden. Bei Patienten
unter eine Langzeittherapie mit über den Tag verteilten Einzeldosen von
Prednison kommt es zu einer aufgehobenen Rhythmik und gleichzeitiger
Erniedrigung der absoluten ACTH-und Kortisol-Blutspiegel. Dagegen fanden
sich völlig normale Verhältnisse wie bei unbehandelten Probanden, wenn
die gesamte Steroiddosis am Morgen eingenommen wurde.
Die Eliminationsgeschwindigkeit ist während des Schlafzustandes
gegenüber dem Wachzustand vermindert. Ein Ioneneinfluß auf
Arzneimitteleffekte wird in vivo bei Störungen des
Elektrolytstoffwechsels deutlich. So können Toxizität und Effektivität
verschiedener Kardiotonika durch Ca2+ verstärkt werden (vgl.
Abschn. 6.1.).
1.12. Wertung pharmakologischer Effekte am Tier
Maßstab für den Gebrauchswert eines Pharmakons ist seine Fähigkeit,
spezifisch und schnell eine Krankheit zu verhindern, zu heilen oder zu
lindern bzw. mit seiner Hilfe Funktionsstörungen zu erkennen oder zu
beseitigen. Die wichtigsten Stadien bei der Urteilsbildung über den
therapeutischen Wert eines neuen Stoffes sind: Synthese und Isolierung
des Wirkstoffes, tierexperi-
74
mentelle Wertbestimmung, pharmazeutische Prüfung und umfangreiche
präklinische und klinische Erprobungen.
Der Tierversuch liefert die erste Bewertungsstufe. Er ist möglich,
da Mensch und höheres Tier hinsichtlich der Natur ihrer biologischen
Lebensprozesse weitgehend gleichartig sind, so daß sich im allgemeinen
somatische Effekte chemischer Agentien in beiden Fällen analog äußern.
Er ist notwendig, da er eine risikoärmere Entwicklung neuer
Medikamente gestattet.
Um das pharmakodynamische Wirkungsspektrum einer neuen
Substanz zu erfassen, werden in der Praxis sog. Sieb- oder
Screening-Tests durchgeführt. Diese-umfassen erstens die Bestimmung der
akuten Toxität (LDso, Vergiftungsbild, lokale Verträglichkeit). Dann
schließen sich umfangreiche Untersuchungen über Organ-und
Systemwirkungen an (ZNS, peripheres Nervensystem, humorale
Regulationssysteme, Herz-Kreislauf-System, glattmuskuläre Organe,
Skelettmuskulatur, Blut, Knochenmark, Stoffwechsel u. a. Organe und
Systeme). Darüber hinaus werden oft zusätzliche Routinetests
durchgeführt (Wirkung auf bestimmte Enzyme u. a.).
Chemotherapeutische Effekte einschließlich eventueller
zytostatischer Wirkungen sind gegebenenfalls zu eruieren. Ergeben sich
aus allen diesen Prüfungen Hinweise auf klinisch bedeutsame Wirkungen
des neuen Mittels, muß eine sorgfältige Analyse der chronischen
Toxizität und
der Beeinflussung der generativen Fähigkeiten
vorgenommen werden (Allgemeinbefinden, Körpergewicht, Blutbild,
aller-gisierende Effekte, Fertilität, Teratogenität, mutagene und
kanzerogene Wirkung, makro- und mikroskopischer Befund der Organe). Aus
den Ergebnissen der Screening-Untersuchungen läßt sich die
voraussichtliche therapeutische Breite eines Stoffes bestimmen. Bei der
Erarbeitung des qualitativen Wirkungsbildes werden gleichzeitig auch
Dosis-Wirkungs-Beziehungen erforscht. Sie ergeben die Werte der
absoluten und relativen Wirkungsstärke und Wirkungsdauer in Abhängigkeit
von Applikationsart und Dosis, Kumulationsneigung bzw. Gewöhnung.
Untersuchungen zu Kinetik, Verteilung und Biotransformation sind erst
sinnvoll, wenn die neue Substanz klinisch erprobt werden soll.
|
Phenylbutazon |
Imipramln |
|
1 angsam: |
schnell: |
nicht: |
schnell: |
|
Mensch |
Ratte,
Kaninchen |
Maus,
Kanin- |
Mensch |
|
|
chen |
|
|
Oxypher |
lylbutazon |
Desmethyl |
imtpramin |
|
1 a n_g s
a m: |
schnell: |
1angs am: |
schnell: |
|
Mensch |
Hund |
Mensch |
Maus,
Kaninchen |
|
weitere |
Metabollte |
weitere
IV |
[etabolite |
Abb. 35. Geschwindigkeit der Metabolisierung von Phenylbutazon und
Imipramin bei verschiedenen Spezies
75 Beim Rückschluß
von der biologischen Wirksamkeit am Tier auf die am Menschen bestehen vielfache Differenzen hinsichtlich der Biotransformation.
Quantitative Unterschiede in der Enzymausstattung äußern sich in der
Wirkungsdauer eines Mittels, qualitative im Wirkungsspektrum, und zwar
dann, wenn ein Stoff erst im Körper gegiftet wird (s. Abb. 35).
Bei der Analyse des Wirkungsspektrums und Wirkungsmechanismus oder
bei Untersuchungen über die Biotransformation eines Mittels wird häufig
von In-vitro-Techniken Gebrauch gemacht. Das ist möglich, weil Gewebe
und Organe, aber auch Zellen und subzelluläre Elemente für kürzere oder
längere Zeiten aus dem Verband des Körpers entfernt werden können und
unter geeigneten Milieubedingungen Struktur und Funktion in nicht oder
wenig veränderter Weise aufrechterhalten. Zwischen In-vitro- und
ln-vivo-W irksamkeit besteht oft eine gute Korrelation. Besondere
Bedeutung hat das für die Chemotherapeutikaforschung. In-vitro-Versuche
sind fester Bestandteil von Screening-Programmen. Selbst Wirkungen von
Organ- und Systempharmaka können aus Effekten in isolierten Systemen mit
begrenzter Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden.
Die stürmische Entwicklung der Biochemie, die ja überwiegend
In-vitro-Techni-ken gebraucht, und ihre praktische Auswirkung sind ein
für sich selbst sprechender Beweis für die enge Korrelation zwischen
In-vitro-Analysen und ihrer Aussagekraft für das Geschehen im
Gesamtorganismus. Die Biochemie hat die Pharmakologie außerordentlich
befruchtet. Dies betrifft vor allem die Analyse der Angriffspunkte und
Wirkungsmechanismen, der Biotransformation und der Suchstrategien für
neue Pharmaka (Biochemische Pharmakologie, Molekularpharmakologie).
Um bei der tierexperimentellen Prüfung von Pharmaka zur klinischen
Situation möglichst äquivalente Bedingungen herzustellen, bedient sich
die experimentelle Pharmakologie einer Reihe von Krankheitsmodellen
am Tier. Für eine Vielzahl von Erkrankungen gibt es bereits gut
brauchbare, den humanen Störungen entsprechende Modelle. Subjektive und
psychische Wirkungskomponenten einer Substanz ebenso wie psychogene
Faktoren eines Krankheitsgeschehens sind jedoch im Tierversuch nur sehr
bedingt beurteilbar. Angaben hierzu können nur durch Untersuchungen am
Menschen gewonnen werden. Trotz kritischer Einschränkungen liefert die
tierexperimentelle Erprobung eines neuen Stoffes dem Arzt ein
wissenschaftlich begründetes und unentbehrliches Fundament für die
pharmakologische Wertbestimmung am Menschen und schränkt deren Risiko
auf ein unvermeidbares Minimum ein.
76
2. Pharmakologie von Stoffen zur Beeinflussung von Krankheitserregern
und Tumoren
Zur Bekämpfung pathogener Mikroorganismen, wie Bakterien, Pilze,
Protozoen und Viren sowie höher organisierter Parasiten (Würmer), die
für verschiedene Erkrankungen verantwortlich sind, steht eine Vielzahl
von Chemotherapeutika mit verschiedenen Wirkungsmechanismen zur
Verfügung. Da auch maligne Geschwülste mit Chemotherapeutika ähnlicher
Wirkungsprinzipien behandelt werden (Abschn. 2.8.), werden die
pharmakologischen Eigenschaften der Zytostatika im gleichen Abschnitt
abgehandelt.
Im System Arzneimittel - Mensch - Mikroorganismus (bzw. Parasit) muß
das Chemotherapeutikum für den Krankheitserreger (Virus, Bakterium,
Pilz, Wurm) sehr viel toxischer sein als für die Wirtszelle bzw. den
Wirtsorganismus. Von der Art der Wirkung her gesehen unterscheidet man
Desinfektionsmittel und Chemotherapeutika: Erstere könenn
nur auf der Körperoberfläche oder in Körperhöhlen (z. B.
Nasen-Rachenraum, Darmlumen) wirken, während Chemotherapeutika über den
Säftestrom des Organismus an die Krankheitserreger im Blut und Gewebe
gelange. Antiseptika (Abschn. 2.2.) nehmen eine Mittelstellung
zwischen diesen beiden Arzneimittelgruppen ein, weil sie nach ihrer
Resorption und Anreicherung in einigen Körperhöhlen (z. B. ableitendes
Harnsystem) chemotherapeutische Effekte erzeugen. Auch unter den
Anthelmintika (Abschn. 2. 6.) finden sich ausschließlich in Körperhöhlen
wirksame Stoffe (z. B. gegen Oxyuren) und solche, die über den Blutstrom
an Gewebsparasiten (z. B. Mikrofilarien) herangebracht werden müssen.
Vom Wirkungstyp her unterscheidet man Stoffe, die das Wachstum
der Krankheitserreger hemmen (bakteriostatischer, fungistatischer,
virostatischer Effekt) und Stoffe, die die Erreger abtöten
(bakterizider, fungizider und virizider Effekt). Häufig wirken
Chemotherapeutika in niedrigen Konzentrationen im Blut wachstumshemmend
und in höheren abtötend (z. B. Penizilline). Im Gegensatz zu den
Desinfektionsmitteln (vgl. Abschn. 2. 7.) ist die Wirkung der
Chemotherapeutika zumeist auf spezifische Strukturen und
Stoffwechselprozesse der Krankheitserreger gerichtet (Abb. 36).
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