Der Termin war unausweichlich. Zum 50. Jahrestag
des Nürnberger Ärzteprozesses, in dem sich Mediziner für ihr grausames
Handwerk waehrend der nationalsozialistischen Zeit verantworten mußten,
konnten sich die hoechsten Vertreter der deutschen Ärzteschaft dem Thema
kaum entziehen: der Mitschuld ihres Standes an NS-Verbrechen.
Auch die Tagungsstaette paßte unheimlich gut. In
der dunkelsten deutschen Zeit hatten auf dem Koelner Messegelaende die
Nationalsozialisten eine Außenstelle des KZ Buchenwald und ein Sammellager
für Juden, Sinti und Roma eingerichtet: Hier fand in der vergangenen Woche
der 99. Deutsche Ärztetag statt, der sich auch die
Vergangenheitsbewaeltigung vorgenommen hatte.
Es paßte alles und doch nichts.
In gebotener Würde absolvierten die 250
Ärztetags-Delegierten das ungewohnte Thema als Gedenkpflichtübung. Doch
viele hatten ganz andere Sorgen und überhaupt keine Lust, sich "zum zigsten
Mal den Stuß von der Kollektivschuld anzuhoeren", wie ein von der
Ärztekammer Westfalen-Lippe gesandter Standesvertreter freimütig bekannte.
Dabei haben die Verbrechen an Kranken und
Gesunden 49 Jahre lang nicht auf der Tagesordnung eines Ärztetages
gestanden. Was Wunder, daß jene Referenten, die nun daran erinnern
sollten, wie Stoerenfriede zwischen den Standesritualen der
selbstzufriedenen Mediziner-Familie wirkten.
Mußten sich die Wortführer des Gedenkens doch der
kaum loesbaren Aufgabe stellen, die Grausamkeiten der Nazizeit zu
verurteilen, gleichzeitig aber die über 1945 hinausgewachsene personelle
Kontinuitaet nicht allzu deutlich werden zu lassen, wie sie etwa die
NS-Ärzte Ernst Fromm und Hans Joachim Sewering repraesentierten, die beiden
langjaehrigen Bundesaerztekammerpraesidenten.
Nicht nur ihnen war es nach Kriegsende allzu
leicht gemacht worden, die Vergangenheit abzustreifen wie einen gebrauchten
Kittel.
"Ärzte! Ihr müßt das Vertrauen des Volkes
wiedergewinnen!" Dieser Aufruf der Frankfurter Rundschau vom 19. Oktober war
1945 ins Leere gegangen, denn das Volk, oder was von ihm übriggeblieben war,
hatte das in seine Medizinmaenner gesetzte Vertrauen doch nie verloren.
Weil das kollektive Heilungsbedürfnis inmitten der materiellen und
psychischen Verwüstungen erheblich war, erfanden sich die Deutschen eine
Ärzteschaft, deren Statussymbol, der blütenweiße Kittel, das Tausendjaehrige
Reich ohne nennenswerte Verunreinigungen überstanden hatte.
In den zwischen 1946 und 1959 gedrehten 65
Arztfilmen gaben die Edelchargen Ewald Balser ("Sauerbruch - das war mein
Leben"), O. E. Hasse ("Der Arzt von Stalingrad") und Dieter Borsche ("Die
große Versuchung") en suite vor ramponierten, aber ausverkauften
Lichtspielhaeusern jene zwischen Selbstaufopferung und Liebesqualen
schwankenden Heroen der Heilkunst zum besten, die wie ihr erloesungswilliges
Publikum neben dem akuten oralen Mangel nur an einem litten: einer auf die
vergangenen zwoelf Jahre bezogenen Totalamnesie.
Doch die Sieger in den drei Westzonen drohten,
dem stockenden medizinischen Erinnerungsvermoegen auf die Sprünge zu helfen.
Als der Beginn der Ärzteprozesse gegen die für Euthanasie und
Menschenversuche Verantwortlichen unmittelbar bevorstand, sannen die alten
und neuen Vertreter der lizensierten Standesorganisationen im November 1946
auf einen Ausweg.
Der Geschaeftsführer der Ärztekammer
Schleswig-Holstein, Karl Haedenkamp, der sich von 1933 an durch die rigorose
Vertreibung jüdischer und kommunistischer Kollegen aus ihren Praxen einen
Namen gemacht hatte, wurde beauftragt, die Öffentlichkeit vor der Wahrheit
zu beschützen. Er sollte "alle Schritte unternehmen, die geeignet sind,
eine aerztliche Berichterstattung über den kommenden Nürnberger Ärzteprozeß
zu erreichen" und darüber hinaus "alles tun, um den Begriff der
Kollektivschuld von der Ärzteschaft in der Presse und der Öffentlichkeit
abzuwenden".
Die Kür einer für diese Aufgabe "geeigneten
Persoenlichkeit" darf getrost als eine der folgenreichsten der an
Fehlleistungen gewiß nicht armen westdeutschen Bewaeltigungskultur
betrachtet werden: Den heiklen Auftrag erhielt ein Privatdozent aus
Heidelberg, der Neurologe Alexander Mitscherlich.
Der Nervenarzt, der spaeter zum Wiederbegründer
der Psychoanalyse werden sollte, hatte eine bewegte Vergangenheit: Als
ehemaliges Mitglied einer der Widerstandsgruppen um den
Nationalbolschewisten Ernst Niekisch ("Hitler, ein deutsches Verhaengnis")
hatte Mitscherlich, damals 28, mehrere Monate in Gestapohaft verbracht.
Der Mann erwies sich im Hinblick auf den vom
medizinischen Establishment erwünschten vorauseilenden Freispruch natürlich
als Fehlbesetzung. Denn Mitscherlich, Fred Mielke und Alice von
Platen-Hallermund, die bis zur Urteilsverkündung im August 1947 staendig bei
den Verhandlungen gegen die angeklagten Ärzte anwesend waren, nahmen ihren
Auftrag ernst und stellten aus den 12 000 Seiten umfassenden Prozeßakten ein
dreibaendiges Protokoll der Menschenvernichtung zusammen.
Das waren steinerweichende Dokumente der
Aufklaerung, die in der Geschichte der willfaehrigen Medizin ihresgleichen
suchen: "Das Diktat der Menschenverachtung" (1947), "Die Toetung
Geisteskranker in Deutschland" (1948), "Wissenschaft ohne Menschlichkeit"
(1949).
In den Protokollen ist akribisch belegt, wie
NS-Mediziner an Juden, Kriegsgefangenen und KZ-Haeftlingen Unterdruck- und
Unterkühlungsversuche anstellten, wie die Moerder im weißen Kittel künstlich
Fleckfieberinfektionen ausloesten, Transplantationen vornahmen und
Sulfonamide an künstlich Infizierte verabreichten. Die Baende berichten von
Lost-Experimenten mit tausendfach "terminalem" Ausgang, von
Euthanasieprogrammen für "unheilbar Kranke", "Asoziale" und "Angehoerige des
unerwünschten Volkstums".
"Der Arzt", notierte Mitscherlich, "konnte erst
in der Kreuzung zweier Entwicklungen zum konzessionierten Moerder und zum
oeffentlich bestellten Folterknecht werden: dort, wo sich die Aggressivitaet
seiner Wahrheitssuche mit der Ideologie der Diktatur traf. Es ist fast
dasselbe, ob man den Menschen als ,Fall' sieht oder als Nummer, die man ihm
auf den Arm taetowiert - doppelte Antlitzlosigkeit einer unbarmherzigen
Epoche!"
Diese Schlußfolgerungen gingen weit über das
hinaus, was dem zaehen Egoismus der auf umgehende Rehabilitierung bedachten
Standesorganisationen ertraeglich schien. Die Verbreitung der Texte mußte
verhindert werden.
Welche Anstrengungen die
"Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Ärztekammern" und die aus ihr
hervorgegangene Bundesaerztekammer unternahm, um die Veroeffentlichung der
ungeliebten Auftragsarbeit zu unterbinden, dokumentiert die 1994 erschienene
Untersuchung des Medizinhistorikers Thomas Gerst*.
Als Mitscherlich im Februar 1947 seine
Dokumentation der Deutschen Medizinischen Wochenschrift zur
Veroeffentlichung anbot, erhielt er von der Redaktionsleitung, so Gerst,
eine hoechst gewundene Antwort: Es sei "in erster Linie Aufgabe der
Zeitschrift, den Ärzten wissenschaftlich fundierte Ergebnisse zu
vermitteln".
Der aufrechte Chronist drohte: "Ich faende es
doch sehr blamabel, wenn wir die ehrenwerten Herren, die leichtfertig den
Tod von Hunderttausenden verdraengen, von den Amerikanern zwingen lassen
müßten, diese ihnen sehr unangenehmen Akten zu veroeffentlichen." Doch so
etwas prallte an der Bunkermentalitaet der Funktionaere ab, die ungerührt
zur bewaehrten Tages- und Honorarordnung zurückkehren wollten.
In stiller Übereinkunft mit ihren schnell
gewendeten Mitgliedern in Universitaeten, Kliniken und Praxen landete die
versteinerte Funktionaerskaste drei Monate spaeter ihren groeßten
Entlastungscoup. Mitscherlich hatte sich im Maerz 1947 an den Verlag Lambert
Schneider in Heidelberg gewandt, um die Publikation des Materials
sicherzustellen. Nur vier Wochen spaeter wurde "Das Diktat der
Menschenverachtung" zum Preis von 2,50 Reichsmark in einer Auflage von 25
000 Exemplaren vom Verlag zur Auslieferung bereitgestellt.
Von der verblüffenden Tatsache, daß die
Gesamtauflage bereits im August des Jahres vergriffen war, ließ sich
zunaechst selbst der Autor blenden. Ihm und seinen Mitstreitern war
allerdings entgangen, daß die Kammern große Kontingente des Buches
aufgekauft hatten.
Von den 3000 Exemplaren, die etwa die
Landeskammern von Nord-Württemberg und Bremen geordert hatten, landeten
ganze fünf Exemplare beim Empfaenger; in den Westzonen zusammen wurde die
stolze Zahl von 50 verkauften Exemplaren erreicht. Was war mit dem Rest
geschehen? Verloren, versickert, verbrannt?
Die Reaktion der kleinen, prominenten Leserschaft
fügte sich indes praechtig in die wundersame Verflüchtigung des
aktenkundigen Verbrechens.
Der bereits von arteriosklerotischer Demenz
angewehte Gottvater der inlaendischen Chirurgie, Ferdinand Sauerbruch, der
zu jenen 960 Professoren gehoerte, die im Herbst 1933 ihre
Ergebenheitsadresse an den Führer abgesondert hatten, ließ im schoensten
Gutsherrenton mitteilen, daß er "über den unbotmaeßigen Privatdozenten
aus Heidelberg hoechst ungehalten" sei.
Aber noch wurde der Nestbeschmutzer Mitscherlich
dringend gebraucht. Denn mitten in der Rufmordkampagne der medizinischen
Reaktion wurde das Ruder der Argumentation herumgeworfen, weil der deutschen
Ärzteschaft aus Paris neues Ungemach drohte.
Die dort im September 1949 tagende "World Medical
Association" verlangte von den deutschen Kollegen als Bedingung für die
Aufnahme in den Weltbund ein Schuldbekenntnis für die nach 1933 unter
Verletzung der medizinischen Ethik begangenen Verbrechen.
Den in Bad Nauheim residierenden Standesgenossen
wurde auch gleich der Wortlaut der zu unterzeichnenden Erklaerung
übermittelt: "Wir als die Bevollmaechtigten der deutschen Ärzteschaft
gestehen hiermit ein, daß sich gewisse deutsche Ärzte sowohl einzeln wie
auch zu mehreren an zahlreichen Akten der Grausamkeit und Unterdrückung und
an der Vorbereitung und Ausübung brutaler Experimente an Menschen ohne deren
Einwilligung beteiligt haben."
Gemessen am Umfang der zwischen Heilern und
Moerdern zutage getretenen Kumpanei, zeichnete sich das Papier durch ein
geradezu freundlich zu nennendes Entgegenkommen aus. Vor den Augen der
potentiellen Unterzeichner fand es dennoch keine Gnade. Das war darauf
zurückzuführen, daß sich das deutsche Volk und mit ihm die deutsche
Ärzteschaft gerade im langgezogenen Stadium der Schuldumkehr befanden.
Die Vorhersage, daß sich die Deutschen
schwertun würden, den Juden Auschwitz zu verzeihen, deckt sich mit den
kollektiven Abwehrmechanismen der von den Deutschen seit alters her
abgoettisch geliebten Mediziner: Es war, als sei die Veroeffentlichung der
Verbrechen der deutschen Ärzte die eigentlich ehrenrührige Tat, nicht das,
was die Veroeffentlichung anprangerte.
Unter dem Eindruck des als Pariser Schanddiktat
empfundenen Bekenntnisses erschien den professionellen Weißwaeschern das
diskreditierte Machwerk der von ihnen eingesetzten Ärztekommission
ploetzlich in milderem Licht. Wo immer die Standesvertreter in den
nachfolgenden Monaten planmaeßig darangingen, den "Abgrund zu schließen, der
sich zwischen Deutschland, dem Land unserer Vaeter und Meister, und der
gesitteten Welt aufgetan hatte" (Thomas Mann), wurden sie nicht müde, die
durch Mitscherlich und seine Mitstreiter repraesentierte "aktive
Stellungnahme der Ärzteschaft zum Prozeß" hervorzuheben.
Binnen eines Jahres trug der
geschmeidig-schizophrene Umgang mit der Wahrheit, mit der Realitaet und mit
den Opfern reiche Früchte, und am 15. September 1948 konnte die Ernte in die
Scheuer gefahren werden.
Im Einklang mit den maßgeblichen politischen
Kraeften in den USA, die meinten, "daß 1945 ohnehin das falsche Schwein
geschlachtet worden sei" - so der jüdische Emigrant und Fernsehjournalist
Georg Stefan Troller -, versicherte Roscol Lloyd Sensenich, Praesident der
"American Medical Association" den deutschen Lobbyisten bei einem Treffen in
Wiesbaden, daß er und seine Kollegen "Das Diktat der Menschenverachtung" mit
"großer Sympathie" aufgenommen haetten.
Das einzige Problem bestehe darin, daß saemtliche
Mitgliedstaaten des Weltverbandes durch eine einheitliche nationale
Ärzteorganisation vertreten seien, die für Deutschland seines Wissens noch
nicht bestehe: "Die Deutschen moegen nicht entmutigt sein, sondern sich so
bald wie moeglich eine nationale Ärzterepraesentation schaffen, die ganz
gewiß in den Bund aufgenommen würde."
Die Dankbarkeit der des Trostes bedürftigen
deutschen Ärzteschaft machte sich in der Feststellung des Vorsitzenden der
Arbeitsgemeinschaft, Hans Neufer, Luft: "Nun ist ein endgültiger
Schlußstrich unter die Vergangenheit der letzten Jahre gezogen."
Der Satz aus dem Jahr 1948 steht bis heute. Doch
dem Sog der Gedenktage koennen sich auch die Ärzte nicht ganz entziehen.
Dem hessischen Kammerpraesidenten Alfred Moehrle
fiel vergangene Woche in Koeln die undankbare Aufgabe zu, seine
Standeskollegen zu erinnern. In seinem Vortrag "Der Arzt im
Nationalsozialismus" bot Moehrle ein Modell der Verführung an, das weidlich
bekannte Deutungen in den Mittelpunkt rückte: Weltwirtschaftskrise und
drohende materielle Verelendung sowie die "Abnahme des gesellschaftlichen
Prestiges" haetten etliche niedergelassene Ärzte in die Arme der
Nationalsozialisten getrieben. Diese haetten den narzißtisch gekraenkten
medizinischen "Underdog" mit der Befoerderung zum "Gesundheitsführer"
gelockt.
Daß diese Verführungstheorie erhebliche Lücken
aufweist, entging Moehrles redlicher Darstellung nicht. Als einen Faktor,
der das Menschenbild des Arztes zerstoert habe, nannte er "den
Konkurrenzneid auf dem Boden einer antisemitischen Grundstimmung".
Auf die Analyse dieser Stimmung mußte der
hessische Kammerpraesident allerdings verzichten, um die Vermutung
aufrechterhalten zu koennen, daß es sich bei der Bereitschaft, Menschen zu
vernichten, um etwas von außen an die Taeter Herangetragenes handeln müsse.
Doch diese Interpretation ignoriert die Bedeutung
der von den Taetern vertretenen nationalsozialistischen Ideologie und die
darin bestehenden Vorstellungen über ihre Objekte. Vor allem aber leugnet
sie die von keinem Affekt getrübte Bereitschaft der Ärzte, Patienten zu
toeten.
"Wir bitten die Opfer der Verbrechen von Ärzten
waehrend des Nationalsozialismus um Vergebung." So klare Worte fand nur
Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes, der zum Auftakt
des Ärztetages ebenfalls an den Nürnberger Prozeß erinnerte.
Nur 23 Ärzte und deren Helfer standen 1946 in
Nürnberg vor den alliierten Richtern. Sieben wurden zum Tode verurteilt,
neun erhielten Gefaengnisstrafen. Die übrigen Angeklagten bekamen das, was
die meisten Ärzte bis heute am liebsten für sich, ihre Ahnen und ihren Stand
verlangen: Freispruch.
"Fast dasselbe, ob man den Menschen als ,Fall'
ansieht oder als Nummer"