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Der Demenzpatient in Praxis und Klinik
Es gibt medikamentöse Hilfe
HAMBURG - Etwa eine Million der Menschen über 65 Jahren in
der Bundesrepublik leiden unter mittelschwerer bis schwerer Demenz. Die dabei
gestörte glutamaterge Neurotransmission läßt sich positiv beeinflussen.
Kognition, Motorik und die Fähigkeit, den Alltag zu meistern, werden gebessert.
Daß mit steigender Lebenserwartung auch die Zahl der
Patienten mit Demenz dramatisch zunimmt, ist bekannt. Trotzdem kommt es sehr oft
vor, daß eine beginnende, manchmal sogar eine manifeste Hirnleistungsstörung von
Arzt nicht identifizier wird, beklagte Dr. Hans-Jörg Werner, Städtische Kliniken
Frankfurt-Höchst.
Etwa 55 Prozent der Kranken leiden unter einer Demenz von Alzheimer-Typ, in ca.
15 Prozent handelt es sich um eine Demenz von vaskulären Typ, in 20 bis 25
Prozent - vor allem im höheren Alter - muß man mit Mischformen aus beiden
rechnen. Als Risikogruppen gelten alte Menschen über 80 Jahre, solche mit
multiplen chronischen Erkrankungen oder Alleinstehende, vor allem nach
Partnerverlust.
Komplexe Diagnostik
Von großer Bedeutung für die Frühdiagnose ist die
langfristige, sorgfältige Beobachtung. Sie ist gerade durch den niedergelassenen
Arzt möglich, der seine Patienten über lange Zeit hinweg öfter sieht.
Auffällig wird der Patient durch unspezifischen Funktionsverlust (Angst, Unruhe,
Verwirrtheit, depressive Verstimmtheit, Ziellosigkeit, Konzentrationsstörungen,
Gedächtnisverlust, Abnahme der Fähigkeit zum abstrakten Denken etc.). Großen
Stellenwert hat die Anamnese, als Eigen- wie als Fremdanamnese. Dazu kommt die
Verlaufsbeobachtung.
Neben den Beschwerden des Patienten sind Biographie und frühere Persönlichkeit
zu eruieren, und schließlich muß der Arzt nach verlorengegangenen, aber auch
nach erhaltenen Fähigkeiten forschen.
Wenn möglich, sollte der Arzt die Anamnese beim Patienten zu Hause durchführen.
Die ungewohnte Umgebung in der Praxis könnte verstärkt Unruhe und Angst
auslösen.
Die Erhebung des mentalen Status umfaßt vor allem Bewußtseinslage.
Erscheinungsbild, Verhalten, Orientierungs- Und Urteilsvermögen, Sprache und
Affekte. Einen schnellen Überblick verschaffen verschiedene Tests,
beispielsweise Mini Mental Status und ADL/IADL-Skalen.
Selbstverständlich ist eine sorgfältige körperliche Untersuchung des Patienten
mit neurologischem Status. Dabei sollte man besonders auf potentiell reversible
Ursachen eines dementiellen Syndroms achten: Depression, endokrine und
metabolische Störungen, Medikamente und Alkohol, Dysfunktionen von Auge und Ohr,
Nutritionsstörungen, Tumor und Trauma, Infektionen und evtl. arteriosklerotische
Komplikationen.
An Laborwerten hält Werner für obligat: Blutbild, CRP (statt BSG, weil diese bei
alten Menschen sehr oft erhöht ist), Elektrolyte, Blutzucker, Leber-, Nieren-
und Schilddrüsenwerte, EKG und Röntgenübersicht, Vitamin-B12 - und
Folsäure-Spiegel findet Werner entbehrlich; er orientiert sich am Blutbild. Auch
das CT hat bei Demenz keine hohe Aussagekraft.
Der Part der Klinik
Kann der Hausarzt einen Verwirrtheitszustand nicht abklären
oder tritt eine Krisensituation ein, die zu Hause nicht zu bewältigen ist, muß
der Kranke stationär aufgenommen werden. In fast allen psychiatrischen Kliniken
gibt es Abteilungen für Gerontopsychiatrie. Dort wird die Diagnostik
vervollständigt (EEG, Ultraschall, CT und psychometrische Tests), evtl. eine
Therapie neu eingeleitet oder modifiziert, erläuterte Prof. Rainer Kortus,
Saarbrücken.
Von großem Wert sind Musik-, Ergo- und Bewegungstherapie, Hirnleistungstraining
und stützende Psychotherapie. Oft ergeben sich Probleme, wenn der Kranke
entlassen wird. Krankengymnastik, Ergotherapie und Medikamente werden aus
Kostengründen rasch wieder abgesetzt.
An Medikamenten kommen Nootropika in Frage, symptomorientiert auch
Antidepressiva, selten Tranquilizer.
Auch in der Klinik werden die Angehörigen mit eingebunden. Es gibt
Informationsabende und den Anschluß an Selbshilfegruppen.
Neuroprotektiv und symptomatisch
Man geht inzwischen davon aus, daß bei Hypoxie, Ischämie oder
Alzuheimer-Krankheit chronisch zu viel Flutamat - ein wichtiger exzitatorischer
Neurotransmitter des Gehirns - in den synaptischen Spalt freigesetzt wird. Die
AMPA - und die NMDA - Rezeptoren werden massiv stimuliert. Natrium und Calcium
strömen im Übermaß in die Zelle ein. Sie wird mit Calcium überladen. Das Neuron
geschädigt. Die geschädigte Zelle kann nur noch vermindert Glutamat freisetzen.
Dadurch erhalten die nachgeschalteten Neuronen zu wenig des Neurotransmitters;
die Transmissionskette wird unterbrochen. Kognitive Störungen, Antriebsarmut und
beeinträchtigte motorische Funktionen sind die Folge.
Memantine (Akatinol Memantiner) ist ein partieller Glutamat-Agonist. Er
blokkiert den massiven Einstrom von Calcium-Ionen in die Nervenzelle durch
Blockade von NMDA-Rezeptoren und verstärkt andererseits die pathologisch
verminderte präsynaptische Freisetzung von Glutamat im nachgeschalteten Neuron,
indem er den AMPA-Rezeptor aktiviert. Die Übertragungskette bleibt erhalten. So
erklärt sich der in klinischen Studien beobachtete Effekt auf Antriebslosigkeit
und motorische und kognitive Defizite.
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