Psychopharmakologie:
Stoffgebundene Abhängigkeitserkrankungen
EPIDEMIOLOGIE UND KAUSAL ORIENTIERTE SUCHTFORSCHUNG
Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen, München
Frühstadien:
Substanzgebrauch, -mißbrauch und -abhängigkeit
Epidemiologische Methoden sind ein unverzichtbarer Baustein bei der
Auffindung kausaler Mechanismen von Substanzmißbrauch und Abhängigkeit.
Umfassende und differenzierte epidemiologische Langzeitstudien sind
methodisch und organisatorisch sehr komplex und vermutlich deswegen auch
grundsätzlich selten.
Die Arbeitsgruppe von Prof. Wittchen versucht in
einem epidemiologischen Modellansatz die Einbindung kausalanalytischer
epidemiologischer Methoden in die klinisch psychologische und
experimentelle Suchtforschung. Erste Ergebnisse dieses innovativen
Forschungsansatzes zeigen, daß hierdurch tatsächlich neue
fachübergreifende Perspektiven in der experimentellen Grundlagen- und
klinischen Therapieforschung zugänglich werden.
Das seit 1995 vom BMBF geförderte Projekt "Frühstadien des
Substanzmißbrauchs" untersucht auf der Grundlage einer repräsentativen
Bevölkerungsstudie von 3021 Jugendlichen und jungen Erwachsenen
prospektiv über 5 Jahre hinweg die Frühstadien von Substanzgebrauch,
-mißbrauch und -abhängigkeit. Dabei werden neben den protektiven und
Risikofaktoren für jede dieser Entwicklungsstufen auch verschiedene
Hypothesen untersucht, die neurobiologische und psychologische
"Anfälligkeiten" ( = Vulnerabilitäten) zum Gegenstand haben.
Erste Ergebnisse der Frühstadien Studie
- Bereits jetzt zeigt sich eine gravierende Zunahme des
jugendlichen Substanzmißbrauchs illegaler Drogen (Marihuana,
Psychodelika etc.).
- Das Erstgebrauchsalter rückt immer weiter vor. Während noch vor
wenigen Jahren der Erstgebrauch illegaler Substanzen in der späten
Adoleszenz beobachtet wurde, zeigen unsere Daten nun, daß bereits in
der Altersgruppe 14- und l5-jähriger dasProbierverhalten ausgeprägt
ist.
- Frauen und Mädchen holen auf. Der weibliche Suchtmittelgebrauch
nimmt überproportional zu!
- Substanzmißbrauch ist häufig mit anderen, dem Substanzmißbrauch
vorausgehenden psychischen Störungen und Problemen assoziiert.
Die entscheidenden Fragen in unseren kommenden Untersuchungen sind
nun, ob diese gravierende Zunahme des Erstgebrauchs auch mit einer
entsprechenden Zunahme an Abhängigkeitsentwicklungen korreliert.
Schlüsselfragen sind:
- Welche unserer Risikoprobanden hören von alleine wieder mit dem
Substanzgebrauch auf?
- Warum gelingt es ihnen und anderen nicht?
- Welche Rolle spielen dabei Eltern, Umfeld, psychische Probleme
etc.?
Antworten auf diese Fragen werden uns zukünftig ermöglichen
präventive Ansätze spezifischer zu gestalten und flächendeckend
umzusetzen.
Dr. Gabriele Lachner, München
Familiengenetische Ansätze:
Zugangswege zur Auffindung von Vulnerabilitäten
Vom gelegentlichen Trinken bis zur Manifestation der Sucht vergehen
beim Alkoholismus oft mehrere Jahre. Während dieser Zeit bleibt der
Alkoholkonsument sehr i.d.R. unauffällig. Alkoholkonsum ist schließlich
weder verrufen und schon gar nicht kriminalisiert.
Von den vielen
Faktoren die schließlich dazu führen, daß ein Mensch süchtig wird, der
andere aber nicht, spielt die Genetik zwar nicht die hervorragende
Rolle, ihre Bedeutung gilt jedoch als gesichert. Eine Forschungsgruppe
unter Frau Dr. Lachner ging vor allem der Frage nach, in wiefern sich
eine Alkoholgefährdung aus der Familienanamnese hergeleitet werden kann.
Bekannt ist das statistisch überzufällig gehäufte Auftreten von
Mißbrauch und Abhängigkeit von Alkohol und anderen Substanzen in
"suchtbelasteten" Familien. Die Wahrscheinlichkeit von Kindern
alkoholabhängiger Elternteile eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln,
ist mehr als dreimal so hoch wie das Risiko familiär unbelasteter
Kinder. Kinder aus derart belasteten Familien leiden haben auch
überproportional häufig unter Angststörungen zu leiden.
Ob die Transmission dieser Störungen in erster Linie über genetische
(biologische Ausstattung) oder soziale (Erziehungseinflüsse etc.)
Mechanismen erfolgt ist schwer zu sagen. Eine Möglichkeit zur
zahlenmäßig exakten Abschätzung der relativen Bedeutung dieser Anteile
bieten Studien bei ein und zweieiigen Zwillingen. In den wenigen
derartigen Untersuchungen konnte nun aber sowohl die Beteiligung
genetischer Komponenten als auch der etwa gleich große Erklärungsanteil
durch Umweltfaktoren bewiesen werden. Sicherten Aussagen darüber, welche
biologischen Merkmale im Sinne einer Anfälligkeit (Vulnerabilität)
"vererbt" werden sowie wann, wie und warum diese Anfälligkeit unter
bestimmten Rahmenbedingungen der Umwelt (z.B. Lebensereignissen) bei
einer Person zur Entwicklung von Abhängigkeit führt, bei einer anderen
hingegen nicht, liegen ber noch nicht vor.
Zur Zeit geht man davon aus, daß es verschiedene Entstehungswege
gibt, und es gilt herauszufinden, welche Subgruppe über welche
Entwicklungspfade eine Störung entwickelt. Bei derartigen Analysen
werden inzwischen nicht nur Risiko , sondern immer mehr auch protektive
Einflüsse untersucht.
In ihrer Studie verfolgt die Gruppe von Frau Dr. Lachner verschiedene
Schwerpunkte:
- Familiär durch Alkoholprobleme belastete Personen weisen
Störungen der Streßregulation bzw. allgemein der
Informationsverarbeitung auf. Diese Störungen führen in als
belastend erlebten Situationen zu überschießenden
psychophysiologischen und endokrinen Reaktionen.
Die durch Alkohol bzw. andere Suchtstoffe herbeigeführte
Entspannung oder Ablenkung wird von diesen Personen umso anziehender
bzw. wohltuender empfunden je "überschießender" ihre Reagibilität
ausgeprägt ist. Die Wirkung des Suchtmittels wird also durch die
ererbte oder erworbene Störung "verstärkt". Die Substanz wird
entsprechend häufiger zur Problemlösung eingesetzt.
- Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Untersuchung der Frage,
über welche Symptome die Übertragung von Alkoholabhängigkeit und
-mißbrauch verläuft. Dabei bietet die Analyse der dem Mißbrauch
vorausgehenden psychischen Störungen einen interessanten Zugangsweg.
- Genauso bedeutsam wie die Aufklärung der Gefährdungsfaktoren
wäre sicherlich auch das Auffinden von schützenden Faktoren. In
diesem Zusammenhang wird z.Zt. der Vorbildcharakter im Verhalten der
Eltern oder Gleichaltriger untersucht. Auch Erwartungen bzw.
Erfahrungen zu Substanzwirkungen, die Einstellung zur Gesundheit,
Kompetenzen und Stärken des Probanden wie z.B. Kreativität,
Selbsteinschätzung, Temperament spielen hier eine wichtige Rolle.
1996© IDPS - Munich - Kiryat haYovel
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