Klinische Pharmakologie / Psychopharmakologie

 
 

 
 

Psychopharmakologie:
Stoffgebundene Abhängigkeitserkrankungen

EPIDEMIOLOGIE UND KAUSAL ORIENTIERTE SUCHTFORSCHUNG

Epidemiologische Untersuchungen: Ein Ansatz zur Auffindung der Ursachen?
Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen stellt hier erste Ergebnisse seiner Frühstadienstudie vor. Die Studie zeigt einen gravierenden Anstieg im Erstkonsum immer jüngerer Menschen an.

Familiengenetische Ansätze: Wird Alkoholismus vererbt?
Kinder eines alkoholabhängigen Elternteils tragen ein, verglichen mit familiär unbelasteten Kindern, dreimal so hohes Risiko an Alkoholismus zu erkranken. Eine Studie von Dr. Gabriele Lachner untersucht die Zusammenhänge zwischen einer Suchterkrankung der Eltern und der Gefährdung der Kinder.

Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen, München

Frühstadien von Substanzgebrauch, -mißbrauch und -abhängigkeit

Epidemiologische Methoden sind ein unverzichtbarer Baustein bei der Auffindung kausaler Mechanismen von Substanzmißbrauch und Abhängigkeit. Umfassende und differenzierte epidemiologische Langzeitstudien sind methodisch und organisatorisch sehr komplex und vermutlich deswegen auch grundsätzlich selten. Die Arbeitsgruppe von Prof. Wittchen versucht in einem epidemiologischen Modellansatz die Einbindung kausalanalytischer epidemiologischer Methoden in die klinisch psychologische und experimentelle Suchtforschung. Erste Ergebnisse dieses innovativen Forschungsansatzes zeigen, daß hierdurch tatsächlich neue fachübergreifende Perspektiven in der experimentellen Grundlagen- und klinischen Therapieforschung zugänglich werden.

Das seit 1995 vom BMBF geförderte Projekt "Frühstadien des Substanzmißbrauchs" untersucht auf der Grundlage einer repräsentativen Bevölkerungsstudie von 3021 Jugendlichen und jungen Erwachsenen prospektiv über 5 Jahre hinweg die Frühstadien von Substanzgebrauch, -mißbrauch und -abhängigkeit. Dabei werden neben den protektiven und Risikofaktoren für jede dieser Entwicklungsstufen auch verschiedene Hypothesen untersucht, die neurobiologische und psychologische "Anfälligkeiten" ( = Vulnerabilitäten) zum Gegenstand haben.

Erste Ergebnisse der Frühstadien Studie

  1. Bereits jetzt zeigt sich eine gravierende Zunahme des jugendlichen Substanzmißbrauchs illegaler Drogen (Marihuana, Psychodelika etc.).
  2. Das Erstgebrauchsalter rückt immer weiter vor. Während noch vor wenigen Jahren der Erstgebrauch illegaler Substanzen in der späten Adoleszenz beobachtet wurde, zeigen unsere Daten nun, daß bereits in der Altersgruppe 14- und l5-jähriger dasProbierverhalten ausgeprägt ist.
  3. Frauen und Mädchen holen auf. Der weibliche Suchtmittelgebrauch nimmt überproportional zu!
  4. Substanzmißbrauch ist häufig mit anderen, dem Substanzmißbrauch vorausgehenden psychischen Störungen und Problemen assoziiert.

Die entscheidenden Fragen in unseren kommenden Untersuchungen sind nun, ob diese gravierende Zunahme des Erstgebrauchs auch mit einer entsprechenden Zunahme an Abhängigkeitsentwicklungen korreliert.

Schlüsselfragen sind:

  • Welche unserer Risikoprobanden hören von alleine wieder mit dem Substanzgebrauch auf?
  • Warum gelingt es ihnen und anderen nicht?
  • Welche Rolle spielen dabei Eltern, Umfeld, psychische Probleme etc.?

Antworten auf diese Fragen werden uns zukünftig ermöglichen präventive Ansätze spezifischer zu gestalten und flächendeckend umzusetzen.

Dr. Gabriele Lachner, München

Familiengenetische Ansätze:

Zugangswege zur Auffindung von Vulnerabilitäten

Vom gelegentlichen Trinken bis zur Manifestation der Sucht vergehen beim Alkoholismus oft mehrere Jahre. Während dieser Zeit bleibt der Alkoholkonsument sehr i.d.R. unauffällig. Alkoholkonsum ist schließlich weder verrufen und schon gar nicht kriminalisiert. Von den vielen Faktoren die schließlich dazu führen, daß ein Mensch süchtig wird, der andere aber nicht, spielt die Genetik zwar nicht die hervorragende Rolle, ihre Bedeutung gilt jedoch als gesichert. Eine Forschungsgruppe unter Frau Dr. Lachner ging vor allem der Frage nach, in wiefern sich eine Alkoholgefährdung aus der Familienanamnese hergeleitet werden kann.

Bekannt ist das statistisch überzufällig gehäufte Auftreten von Mißbrauch und Abhängigkeit von Alkohol und anderen Substanzen in "suchtbelasteten" Familien. Die Wahrscheinlichkeit von Kindern alkoholabhängiger Elternteile eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln, ist mehr als dreimal so hoch wie das Risiko familiär unbelasteter Kinder. Kinder aus derart belasteten Familien leiden haben auch überproportional häufig unter Angststörungen zu leiden.

Ob die Transmission dieser Störungen in erster Linie über genetische (biologische Ausstattung) oder soziale (Erziehungseinflüsse etc.) Mechanismen erfolgt ist schwer zu sagen. Eine Möglichkeit zur zahlenmäßig exakten Abschätzung der relativen Bedeutung dieser Anteile bieten Studien bei ein und zweieiigen Zwillingen. In den wenigen derartigen Untersuchungen konnte nun aber sowohl die Beteiligung genetischer Komponenten als auch der etwa gleich große Erklärungsanteil durch Umweltfaktoren bewiesen werden. Sicherten Aussagen darüber, welche biologischen Merkmale im Sinne einer Anfälligkeit (Vulnerabilität) "vererbt" werden sowie wann, wie und warum diese Anfälligkeit unter bestimmten Rahmenbedingungen der Umwelt (z.B. Lebensereignissen) bei einer Person zur Entwicklung von Abhängigkeit führt, bei einer anderen hingegen nicht, liegen ber noch nicht vor.

Zur Zeit geht man davon aus, daß es verschiedene Entstehungswege gibt, und es gilt herauszufinden, welche Subgruppe über welche Entwicklungspfade eine Störung entwickelt. Bei derartigen Analysen werden inzwischen nicht nur Risiko , sondern immer mehr auch protektive Einflüsse untersucht.

In ihrer Studie verfolgt die Gruppe von Frau Dr. Lachner verschiedene Schwerpunkte:

  1. Familiär durch Alkoholprobleme belastete Personen weisen Störungen der Streßregulation bzw. allgemein der Informationsverarbeitung auf. Diese Störungen führen in als belastend erlebten Situationen zu überschießenden psychophysiologischen und endokrinen Reaktionen.
    Die durch Alkohol bzw. andere Suchtstoffe herbeigeführte Entspannung oder Ablenkung wird von diesen Personen umso anziehender bzw. wohltuender empfunden je "überschießender" ihre Reagibilität ausgeprägt ist. Die Wirkung des Suchtmittels wird also durch die ererbte oder erworbene Störung "verstärkt". Die Substanz wird entsprechend häufiger zur Problemlösung eingesetzt.
  2. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Untersuchung der Frage, über welche Symptome die Übertragung von Alkoholabhängigkeit und -mißbrauch verläuft. Dabei bietet die Analyse der dem Mißbrauch vorausgehenden psychischen Störungen einen interessanten Zugangsweg.
  3. Genauso bedeutsam wie die Aufklärung der Gefährdungsfaktoren wäre sicherlich auch das Auffinden von schützenden Faktoren. In diesem Zusammenhang wird z.Zt. der Vorbildcharakter im Verhalten der Eltern oder Gleichaltriger untersucht. Auch Erwartungen bzw. Erfahrungen zu Substanzwirkungen, die Einstellung zur Gesundheit, Kompetenzen und Stärken des Probanden wie z.B. Kreativität, Selbsteinschätzung, Temperament spielen hier eine wichtige Rolle.

1996© IDPS - Munich - Kiryat haYovel

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